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HufflepuffsUrenkel

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Montag, 12. November 2012, 00:29

Der Schatz im Brombachsee

Genre: Krimi

Beim Tauchen in einem Stausee verletzt sich ein Jugendlicher. Die Wasserwacht stellt fest, dass er an ein versenktes Motorrad gestoßen ist und findet zudem die Reste der Leiche des Fahrers. Ein alter Kriminalfall wird wieder aufgerollt.
********************************************************
„ Au! Verdammt!“, schrie eine Stimme aus dem See. Mehrere Jugendliche, die am Ufer lagen und sich bräunen ließen, erschraken.
„Serkan?“, rief Ollie, der Größte und Stärkste der Jungen aus der Gruppe. „Schaffst du’s oder sollen wir dich holen?“
„Bin nicht der Serkan. Bin der Carlo. Ja, ich schaff’s schon. Autsch!“
Die Jugendlichen, die am Seeufer zelteten und in jenem Moment faulenzten, schwammen oder Volleyball im Kreis spielten, waren eine Jugendgruppe der Wasserwacht, weshalb sie alle gute Schwimmer und auch im Rettungsschwimmen geübt waren.

Franco, der Junge, der gerade noch versucht hatte, ein Mädchen aus seiner Gruppe auf ein Eis einzuladen, sprang auf und rannte ins Wasser. Auch Yesim, das Mädchen nahm die Ohrstöpsel aus den Ohren und sauste ihm nach, ebenso wie Ollie und zwei andere.
„Mann, keine Angst, ich schaff’s! Gia ci sono!“, rief der Junge im Wasser Franco entgegen, der bereits auf ihn zu kraulte. Er schaffte es tatsächlich, tat sich aber, als er stehen konnte, schwer, aufzutreten. Franco und Ollie stützten ihn.
„Leg dich mal hin!“, befahl Ollie. „Wo tut’s weh? Das rechte Bein.“
„Ja, Autsch!“
Ollie drückte auf einige Stellen am Bein. Zweimal schrie Carlo auf.
„Sieht nicht aus als ob was gebrochen wär! Aber sicher ist sicher – Sonni, such mal die Anja oder den Steffen!“
Das blonde Mädchen, das gerade von den Zelten her zum Strand gekommen war, stand stramm, salutierte und lief zurück.
„Was genau ist dir passiert?“, wollte nun Yesim wissen.
„Weiß auch nicht. Ich und der Mark haben wettgetaucht und dann bin ich gegen irgendwas gestoßen, unter Wasser. Hab nicht gesehen, gegen was.“
„Wundert mich. Wer gegen Felsen stößt, schürft sich doch normal auf, oder?“, fragte Franco.
„Glaub, gibt hier auch keine Felsen. Die werden sie rausgeräumt haben – das ist ja kein natürlicher See“, kommentierte Ollie.
„Ach nee!“, ätzte ein anderer Junge. „Ein Glück, dass du so schlau bist – aber, ohne Scheiß: Da laden öfter mal irgendwelche Asis ihren Müll ab. Vielleicht ist er da wo dagegen gekracht.“

„Vielleicht lasst ihr mich mal durch und hört ´es Schwätzen auf!“, befahl eine junge Frau, die nun gemeinsam mit dem mit ‚Sonni‘ angesprochenen Mädchen dazu kam.
Sie sah sich Carlos Bein genauer an. „Ich glaube auch nicht, dass was gebrochen ist – aber sicherheitshalber bringen wir dich mal zum Doc. Kannst du aufstehen?“
Er tat sich schwer. Ollie und Franco mussten Carlo stützen und brachten ihn zum Auto ihrer Betreuerin.
„Was ist überhaupt passiert?“, fragte Sonja, die sich nun zu den anderen hockte. Ein großer Junge mit recht kurzen Haaren setzte sich hinter sie und legte die Arme um ihren Hals.
„Weiß auch nicht genau“, antwortete Yesim. „Plötzlich hat er geschrien.“ Sie streckte ihren linken Arm aus, kniff ein Auge zu und bewegte den Arm langsam hin und her, bis ihr Daumen auf das Nordende des Dammes zwischen Igelsbachsee und Großem Brombachsee zeigte. „Zwei Finger nach Rechts, vielleicht 400 Meter von hier. Genauer kann ich’s nicht sagen.“
„Ist ja schon mal ein Anfang. Ich schau mir das mal an“, rief Sonjas Freund. „Bis gleich!“ Er gab Sonja einen Kuss, stand auf, ging zu seinen Sachen, holte eine Taucherbrille und lief ins Wasser.
„Ich auch!“ Yesim, deren Tasche neben ihrem Badetuch stand, brauchte nur einen schnellen Handgriff, um ebenfalls ihre Taucherbrille aufzusetzen und ihm nachzulaufen und später nachzuschwimmen.
Sein erster Tauchversuch war erfolglos.
„Ich glaub, es war doch weiter rechts!“, meinte Yesim und versuchte es nochmals. Inzwischen waren auch Sonja und zwei andere Jungen im Wasser.
„Verteilen! Sonst haben wir keine Chance“, übernahm Yesim das Kommando. „Andi, bleib dort, wo du gerade bist. Ich geh noch ein Stück nach rechts. Tim, du kannst auch bleiben – Sonni, wenn du ungefähr in die Mitte zwischen dem Tim und mir gehst und du, Hannes, noch ein Stück nach rechts. Du, Andi, und ich orientieren uns vom Land weg, du, Sonni, und du, Hannes, zum Land hin und du, Tim, bleibst ungefähr in gleicher Entfernung vom Ufer, aber schwimmst immer weiter Richtung Osten – näher an der Linie Richtung Enderndorf war’s auf keinen Fall.“

Hannes war es schließlich, der nach einigen Versuchen fündig wurde. „Da liegt ein Motorrad unten!“
„Hier? Der muss es ja von `nem Boot aus reingeschmissen haben!“, wunderte Sonja sich. Auch Yesim glaubte es nicht, tauchte nach, sah es aber schließlich selbst.
„Na und?“, widersprach Andreas. „Am Ufer findet’s jeder und du kriegst gescheiten Ärger mit den Bullen, wenn du Sachen ins Wasser entsorgst. – Tim, hol den Winkelmesser her, sonst finden wir die Stelle wieder nicht!“
Tim kam kurz darauf wieder zurück und Andreas maß zwischen dem Nordende des Igelsbachseedamms und dem Südende des Damms zwischen Kleinem und Großem Brombachsee 62 Grad 50 Minuten, wenn man sich in gerader Linie zwischen dem Südende des letzteren Damms und dem Bootssteg bei dem Zeltplatz, bei dem die Jugendlichen waren, befand.
Am Vortag hatten sie alle das Winkelmessen vom Boot und vom Wasser aus geübt und Andreas hatte mit Abstand gewonnen; dennoch hätte niemand gedacht, dass sie ernsthaft geprüft würden.
„Kann sein, dass ich ein, zwei Minuten daneben lieg, aber auf jeden Fall müsste man das vom Boot aus finden können. Also ab, sagen wir den Kollegen Bescheid, dass sie’s rausfischen, bevor nochmal was passiert! Hier versuchen öfter welche zu tauchen und nicht jeder kann so gut schwimmen wie der Carlo!“

Sie meldeten den Fund ihren erwachsenen Kollegen und diese schickten tatsächlich professionelle Taucher in den See. Neugierig sahen die Jugendlichen vom Ufer aus zu, wie diese erst das Motorrad, danach noch andere Gegenstände bargen.
„Da ist wohl der Typ, dem das Motorrad gehört hat, mit im See gelegen“, kommentierte einer der Taucher, als die Aktion abgeschlossen war. „Und nicht erst seit gestern. Der ist da wohl mitsamt seiner Maschine reingefahren.“
„Selbstmord?“, wollte Sonja wissen.
„Keine Ahnung. Der Typ ist bestimmt ein paar Jahre tot, wenn die Knochen schon einzeln liegen. Auf jeden Fall müssen wir die Bullen rufen.“ Er tat es sofort per Handy.

Beinahe gleichzeitig trafen die Polizei und Anja, die Leiterin der Jugendwasserwacht, mit dem verletzten Carlo im Lager ein. Letzterer hatte glücklicherweise nur eine Prellung am Schienbein und konnte bereits wieder ohne Schmerzen laufen. Die beiden Polizisten stellten ihm, Hannes und den diensthabenden Männern der Wasserwacht einige Fragen und fuhren wieder.


„In die Gerichtsmedizin!“, entschied der leitende Inspektor. „Die können auch sagen, wie lang die Leiche im See gelegen hat.“
Am späten Nachmittag rief Gerichtsmediziner Dr. Stiegler beim Morddezernat des Polizeipräsidiums Nürnberg an und schilderte, was er erfahren und was er herausgefunden hatte: „Die Knochen, die die Wasserwacht rausgefischt hat, sind ungefähr fünfzehn Jahre oder noch ein bisschen länger
im See gelegen. Sie gehören zu einem Mann, der damals wohl um die zwanzig und ziemlich groß, mindestens eins neunzig, und auch recht muskulös war. An dem einen Oberarmknochen und am Brustkorbknochen hat er Verletzungen – er ist entweder böse gestürzt oder hat sich kurz vor seinem Tod mit einem oder mehreren anderen geprügelt. Ob die Verletzungen zum Tod geführt haben, ob er ertrunken oder was sonst passiert ist, wissen wir nicht.“
„Aber mit Mord ist zu rechnen, sonst hätten Sie ja wohl nicht mich angerufen?!“
„Gut möglich. Sieht nicht so aus, als ob er freiwillig in den See gefahren wär.“

Kommissar Michael Klein, der den Anruf entgegennahm, ließ auch die Reste des Motorrads untersuchen. Es handelte sich um eine Honda Rebell mit Ansbacher Kennzeichen. Die letzte Ziffer war vermutlich eine sechs, der Rest des Kennzeichens war zerstört.
Klein stöhnte. Seine Erfolgsaussichten dürften wohl eher gering sein. Er lud die Vermisstenanzeigen der 90er-Jahre vom Computer herunter, sortierte zunächst alle Frauen, danach alle Männer mit Geburtsjahr vor 1960 und nach 1980 aus. Dennoch blieben noch eine Menge ungeklärter Fälle übrig.

Am nächsten Morgen erstattete er seinem Vorgesetzten, Hauptkommissar Kröber, Bericht. „Hab schon geschaut; es gibt zig Vermisstenanzeigen aus der Zeit.“
„Na, dann lass uns mal logisch überlegen, Michl“, antwortete der. „Motorrad mit Ansbacher Kennzeichen. Schauen wir uns erstmal alle Akten an, wo das Stichwort ‚Motorrad‘ drinsteht – ich hab ´dacht, ihr jungen Leute seid so fit in Computersachen und etz muss ich dir so was sagen – und dann als nächstes, wo die Leute herkommen.“
„Der Kreis Ansbach liegt bloß direkt neben dem Brombachsee. Außerdem kann er die Maschine ausgeliehen oder geklaut haben.“
„Dann schauen wir schlimmstenfalls, ob es aus der Zeit noch ungeklärte Fälle von Motorraddiebstahl gibt – oder uns fällt was Besseres ein. Sag, hat die Wasserwacht nicht gesagt, sie haben die Sachen zwei, dreihundert Meter im See drin gefunden?“
„Mehr. Da stehen die genauen Koordinaten. 450 Meter Entfernung vom Ufer, heißt es hier. Aber was bringt uns das?“
„Mein lieber Michl, die Frage hätt‘ ich von unserer norddeutschen Kollegin erwartet, aber nicht von dir. In den 90er Jahren ist der Große Brombachsee erst geflutet worden – Vollstau 1998. Und wir sind uns wohl einig, dass es leichter ist, ein Motorrad samt Fahrer vom Ufer aus in den See zu schmeißen als extra ein Boot zu mieten.“
„Aber auch leichter, es zu finden.“
„Nochmal ganz langsam und zum Mitschreiben: Das ist nicht heuer passiert, auch nicht letztes Jahr. Nehmen wir mal an, das war Ende August, Anfang September, also jedenfalls am Ende der Badesaison. Der Mann aus dem See prügelt sich mit anderen, wie der Stiegler vermutet; dabei bringen ihn die anderen um. Die Sache passiert am Seeufer, das heißt, dort, wo damals das Seeufer war. Der Mörder weiß genau, dass dann, wenn im nächsten Jahr die Badesaison anfängt, das Ufer schon wieder mindestens 100 Meter oder mehr landeinwärts sein wird – und die Strände auch noch nicht alle freigegeben sind; Touris in Mengen gibt’s zu der Zeit bloß am Kleinen Brombachsee. Es reicht also, Motorrad und Fahrer ein paar Meter ins Wasser zu schaffen, gerade so, dass sie auch wenn der Wasserstand ein bisschen zurückgeht nicht mehr zu sehen sind.“
„Du meinst also…“
„Ich mein, es müsste doch beim Wasserwirtschaftsamt Karten geben, wie weit der See in welchem Jahr ging; die besorgen wir uns, vergleichen mit den Koordinaten und schauen uns an, ob es im Herbst des entsprechenden Jahres vermisste Männer, die damals um die zwanzig Jahre alt und mit dem Motorrad unterwegs waren, gibt. Während der Badesaison selber ist das wohl eher nicht passiert; dafür gab’s damals schon zu viel Publikum dort.“

Kommissar Klein erhielt die Pläne zwar nicht vollständig, aber doch so, dass klar wurde, dass die Fundstelle 1995 oder 1996 im Wasser verschwunden war. Im Jahr 1995 gab es drei noch ungelöste Fälle in Mittelfranken, die ins Schema passten; zusätzlich kam einer aus Schwaben und je zwei aus Nordwürttemberg und Unterfranken. Einen der Mittelfranken sortierte Klein sofort aus, da der Vermisste als nur 1,70 Meter groß beschrieben wurde. Ein weiterer war zuletzt in Tschechien gesehen worden; die tschechische Polizei hatte im Jahr 2003 bei Olmütz zwei Leichen, wohl Opfer einer internationalen Verbrecherorganisation, gefunden, die in einem Auto mit deutschem Kennzeichen in die Luft geflogen waren und von der auf eine die Beschreibung passte. Der Mann war jedoch zu stark entstellt, als dass man ihn sicher hätte erkennen können.
Dagegen passte die Beschreibung je eines Mittelfranken und eines Württembergers genau: Beide Motorradfahrer, beide im entsprechenden Alter – einer Jahrgang 1972, der andere 1973 – beide über 1,90 Meter groß und beide im September 1995 mit unbekanntem Ziel unterwegs gewesen.

Eine Anfrage in Stuttgart ergab, dass bereits im Jahr 2004 bei Crailsheim eine Leiche gefunden worden sei, die ‚mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit‘ die des vermissten Württembergers sei; der Fall sei nur noch nicht abgeschlossen, da die Todesursache nach wie vor unklar sei.
„Gut, dann ist der andere unser Mann“, stellte Kröber fest und las halblaut die Akte: „‘Gerber, Florian, geboren am 8.5.1972, letzter Wohnort: Feuchtwangen, vermisst ab 19. September 1995. Beruf: Student an der FH,‘ – ja, die üblichen Sachen – hier wird es interessanter: ‚zuletzt auf Motorradtour, gemeinsam mit Christoph Sperlich aus Bad Neustadt, letzter gesicherter Aufenthaltsort Luzern, Schweiz, am 18.9.95‘ – ja, und noch was: ‚Akte am 15. Mai 1998 an Kripo Würzburg überstellt, Aktenzeichen CX44-A98.‘ – So, einer von euch schaut, ob die Adresse von seinen Eltern noch die gleiche ist und ruft an, wenn ja, der andere stellt fest, um was es beim Fall CX 44-A98 von den Würzburgern gegangen ist.“
„Worum es bei dem Fall ging“, verbesserte Kommissarin Birgit Peters, die an diesem Tag ebenfalls im Raum saß.
„Halt die Waffel und schau nach! – Und du, Michl, wonach willst du lieber suchen? Nach den Eltern von diesem Florian Gerber oder nach Christoph Sperlich?“
„Den Gerber kriegen wir schnell“, antwortete der und lud das Telefonbuch. „Gibt mehrere Gerbers in Feuchtwangen. Kann ich die Adresse haben.“
Kröber schob ihm die Akte wortlos hinüber.
Er fand heraus, dass sie zu einem „Gerber, Anton, Elektrikermeister“, gehörte, der tatsächlich noch im selben Haus wohnte. Sofort rief er an, erreichte Frau Gerber, die bestätigte, die Mutter des vermissten Florian Gerber zu sein. Sie wollte auch wissen, ob es eine Spur gebe, wer der Mörder sei und fing an zu weinen, als Klein es ihr nicht sagen konnte.

„So, die Herren!“, meldete sich Birgit Peters. „Hier ist die Akte aus Würzburg – Intranet macht’s möglich. Es ging damals um einen Max Gerber, der angeklagt war, einen gewissen – Spannung steigt! – Christoph Sperlich zu ermorden versucht zu haben. Max Gerber gab Sperlich die Schuld am Tode seines Bruders Florian.“
„Na schau an! Und wo ist dieser Max Gerber jetzt?“
„Max Gerber wurde vom Gericht für nicht zurechnungsfähig erklärt und ins Bezirkskrankenhaus Ansbach eingewiesen. Offenbar konnte er nicht schlüssig erklären, wie er darauf kam, dass Sperlich seinen Bruder getötet haben könne und schließlich ließ der Richter ihn psychologisch untersuchen.“

„Gut, dann müssen wir rauskriegen, ob Max Gerber immer noch im Irrenhaus sitzt und, wenn’s geht, ihn und auf jeden Fall seine Eltern befragen, wie er auf die Idee gekommen ist, dass der Sperlich seinen Bruder umgebracht hat. Vielleicht ist er nach vierzehn Jahren klarer im Kopf. Und die Würzburger Kollegen sollen mal schauen, dass sie diesen Sperlich finden. Ich ruf gleich mal an“, fasste Kröber die Aufgabenstellung für die nächste Zeit zusammen.
Gott liebt dich, auch wenn du ihm Kummer gemacht
ist näher als je du gemeint

Rot und gold allüberall
Gryffindor hat den Pokal
Denn wir sind das beste Haus
uns sticht niemand anderer aus
Es gratuliert der Schüler Schar
Der Sieg ist unser dieses Jahr


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Samstag, 24. November 2012, 02:12

Die Familie

Die Mordkommission kontaktierte zunächst Florian Gerbers Eltern, die auch bald nach Nürnberg kamen und bereit waren, der Gerichtsmedizin Körperzellen zu überlassen, mithilfe derer der Tote sicher identifiziert werden könnte.
Schon am Nachmittag hatte Dr. Stiegler das Ergebnis: „So eindeutig wie nur was, Herr Kröber. Der Tote war der Sohn von Anton und Nora Gerber.“

Der Hauptkommissar sprach am nächsten Tag, an dem die Eltern nochmals kamen, um die sterblichen Überreste ihres Sohnes einsargen und ins Familiengrab überführen zu lassen, mit dem Ehepaar Gerber. Ihnen hatte ein Elektrogeschäft gehört, das sie vor wenigen Jahren verkauft hatten, da ja ein Sohn tot und einer geschäftsunfähig war. Kröber, der selbst aus einer Handwerkerfamilie kam, empfand das Gespräch mit ihnen, abgesehen vom traurigen Anlass, als Heimspiel.
„Was ma wissn, hamma Ihre Kollechn scho x mal g‘soochd“, erklärte Herr Gerber leicht säuerlich. „Der Flo und der Chrisdoph Sperlich ham sich beim Bund kennen g‘lernd. Im September 95 sen‘s mid ihre Modorrädla nach Idalien g’fahrn. Der Flo is nimmer hammkumma; späder hamma erfahr’n, dass sie sich auf der Fahrd gstriddn ham. Noch späder war die Bollizei bei uns und had Rauschgift im Flo seine Sachn gfund’n.“
„Mir war’n nadürlich erschroggn“, setzte seine Frau fort. „Mir häddn nie dachd, dass der Flo sowas nimmd. Und späder hamma g’hörd, der Sperlich hat scho öfda damit zum Dun g‘habt.“
„Was für Rauschgift meinen S‘?“
„Ka Ahnung. Ich kenn mich mid dem Zeuch ned aus. Schlimm genuch, dass unser Sohn sich da hat neiziehn lassen.“
„Jedenfalls hat der Max, also unser anderer Sohn, des in’n falschen Hals krichd“, bekannte Frau Gerber. „Mir ham zu oft gsoochd, der war’s – vielleicht hat er was damit zu dun, muss aber ned sein.“
Kröber bat Herrn und Frau Gerber darum, Fotos ihres Sohnes zu suchen, nach Möglichkeit solche, auf denen auch Christoph Sperlich zu sehen war, und ihm Adressen seiner Freunde zu geben, soweit sie diese noch kannten.
Laut den Eltern war Florian Gerber unter seinen Altersgenossen beliebt gewesen und oft für Unsinn zu haben gewesen, ohne je bösartig mit jemandem aneinander geraten zu sein. Im Gegensatz zu seinem Bruder war er auch sehr erfolgreich bei Mädchen gewesen. „Des war wohl auch des Broblem vom Max. Der Flo war alles, was er gern hätt sein woll’n“, meinte die Mutter.

Bei der Rauschgiftkommission der Kriminalpolizei Unterfranken war der Name Christoph Sperlich nicht aktenkundig. Der diensthabende Polizist vermutete, dass der Fall wegen Geringfügigkeit eingestellt worden war: „Sie müssen denken, damals war das ja noch absolut verboten – also jeder Joint. Trotzdem gab’s genug Leute, die an so was komm‘ sin‘ und wenn einer nix die großen G‘schäfte damit g’macht hat, dann ist der mit Bewährung oder Geldstrafe davonkomm‘. Ich schätz, des war so e Fall.“
Über den Fall Max Gerber wusste man in Würzburg auch nicht mehr als in Nürnberg: Dieser hatte Christoph Sperlich mit einem Fahrtenmesser angegriffen und ihn einen Mörder genannt. Sperlich hatte sich befreien können und Gerber daraufhin angezeigt. Beim Prozess war dieser tatsächlich für geistig nicht zurechnungsfähig erklärt und demzufolge ins Bezirkskrankenhaus eingewiesen worden, ohne dass vollständig geklärt worden war, wie er zu seinem Verdacht gekommen war. Entsprechende Ermittlungen gegen Sperlich waren schon nach wenigen Monaten mit der Begründung eingestellt worden, dass außer dem Verdacht eines offenbar geisteskranken Mannes keine Anhaltspunkte vorgelegen seien, die weitere Ermittlungen rechtfertigten.

Durch eine Anfrage im Bezirksklinikum Ansbach stellte sich heraus, dass Max Gerber inzwischen in einer betreuten Wohnung in Erlangen lebte. Sein Betreuer weigerte sich allerdings zunächst, ihn aussagen zu lassen: „Der Herr Gerber ist eigentlich stabil, solange nicht von seinem Bruder die Rede ist. Sein Problem ist eine krankhafte Bruderliebe, die letztlich auch dazu geführt hat, dass er einen Mann versucht hat, zu töten, dem er in seinen Phantasien die Schuld am Tod seines Bruders gab. Wenn Sie ihn zu der Sache verhören, ist sehr wahrscheinlich mit einem Anfall zu rechnen. Das wird nicht nur gefährlich, sondern für Sie auch sinnlos, da er dann kaum verwertbare Aussagen machen kann.“
Hauptkommissar Kröber reagierte sauer, was allerdings nur zur Folge hatte, dass der Betreuer ankündigte, gegen jede Vorladung Beschwerde beim Polizeipräsidenten oder sogar Einspruch beim Verwaltungsgericht einzulegen.

Von den Sperlichs, die die Kripo in Bad Neustadt erreichte, hieß niemand Christoph und hatte auch niemand einen Sohn oder Bruder dieses Namens. Der einzige Anhaltspunkt war, dass Christoph Sperlich im Prozess gegen Max Gerber im Jahr 1998 als Beruf ‚Rechtsreferendar‘ angegeben hatte. „Heißt auf Deutsch, wir können sämtliche Anwaltslisten durchschauen – wenn er nicht in die Wirtschaft gegangen ist“, stellte Kommissar Klein resigniert fest.
„Versuchen können wir es – wenn einer wirklich Christoph Sperlich heißt und das Alter halbwegs passt, ist die Wahrscheinlichkeit ziemlich groß, dass es unser Mann ist.“

Eine Sendung mit einem Fotoalbum von Florian Gerber, in dem tatsächlich auch Bilder mit der Unterschrift „Chris und ich“ zu sehen waren, ging bereits zwei Tage später im Präsidium ein.
„Also lasst uns mal logisch überlegen!“, forderte Hauptkommissar Kröber schließlich seine Kollegen auf. „Der Stiegler sagt eindeutig, dass dieser Florian Gerber sich vor seinem Tod mit jemand anderem geprügelt hat – und wir sehen ja, dass er ziemlich groß und kräftig war. Der Sperlich war im Vergleich a Grischberla – wenn er was damit zu tun hat, war er’s also sicher ned allein, selbst wenn er Karatemeister von Unterfranken war. Was könnt sonst noch gewesen sein?“
„Außer den üblichen Sachen fällt mir nichts ein“, gab Kommissar Klein nach einiger Überlegung zu. „Also er und andere haben gesoffen und sind im Suff übereinander hergefallen, oder es ist um ein Mädchen gegangen oder irgendwas in der Art. Drogenmord glaub ich weniger.“
„Ich auch nicht“, gab sein Vorgesetzter ihm Recht. „Drogenmorde passieren anders. Da schießt entweder einer gezielt, dass der andere sofort tot ist, oder, wenn man will, dass es jeder sieht, lässt man die Leiche liegen.“
„Also die Bekanntschaften Florian Gerbers abklappern?“, schlug Kommissarin Peters vor.
„Das ist damals sicher schon passiert. Schaut euch erstmal die Akten an, ob ihr was Verdächtiges findet und wenn, sagt mir Bescheid.“

Die Aktendurchsicht ergab wenig Konkretes: Florian Gerber hatte sich kurz vor seiner letzten Motorradtour von seiner Freundin, einer Nadja Käsmann, getrennt. Diese war allerdings zur Tatzeit per Interrail in Spanien unterwegs gewesen. Christoph Sperlich, der erst einige Tage später vom Tod seines Freundes erfahren hatte, hatte zugegeben, dass sie sich auf der Tour getrennt hatten. Sie seien von Luzern, wo Florian zu Hause angerufen hatte, noch gemeinsam nach Deutschland zurückgefahren, hätten sich dann zerstritten und Florian sei heimgefahren. Dass der Tote Joints geraucht hatte, hatte angeblich niemand gewusst.
Kommissarin Peters hatte vor, die beteiligten Personen nochmals zu befragen, was ihr Chef für unsinnig hielt: „Wenn die damals nichts gesagt haben, sagen sie heute erst recht nichts – wenn wir sie überhaupt noch finden. Die können alle ganz anders heißen und woanders wohnen, wie der Sperlich ja auch.“
Er selbst telefonierte in den nächsten Tagen mit verschiedenen Stellen und ließ sich alte Akten kommen, schwieg sich aber einige Tage aus. Erst eine knappe Woche später informierte er seine Kollegen: „Ich hab mit der Schutzpolizei in Weißenburg, Roth und Gunzenhausen gesprochen und mir angeschaut, was dort über größere Schlägereien in dem Gebiet steht. Gab natürlich die eine oder andere, aber keine, bei der Leute beteiligt waren, die später nicht mehr aufgetaucht sind.“
„Sagt nichts“, antwortete Kommissar Klein. „Die kriegen nie alle.“
„Korrekt. Ich fürchte, wir kommen da so schnell nicht weiter. Das einzige, was mir noch einfällt, ist, sich in den Krankenhäusern dort in der Nähe zu erkundigen, ob in den Tagen nach dem 18. September 1995 dort Verletzte eingeliefert worden sind; die müssen ja lange Buch führen und ich könnt‘ mir gut vorstellen, wer immer beteiligt war, hat auch was abgekriegt.“
„Oder wir schicken Name und Foto bundesweit ins Intranet“, schlug Kommissarin Peters vor. „Ist zwar auch nicht sicher, aber vielleicht ist irgendwo sonst was über Florian Gerber bekannt, was wir nicht mitbekommen haben – vielleicht auch irgendwas in Richtung ‚wegen Geringfügigkeit eingestellt‘ oder so – oder die Sache hat noch einen ganz anderen Hintergrund.“
„Manchmal hat sie verdammt gute Ideen! Versuchen wir’s!“, war Kröber einverstanden.

Zwei Tage später meldete sich ein etwa vierzigjähriger Mann im Polizeipräsidium Nürnberg: „Mein Name ist Sperlich. Dr. Christoph Sperlich, Rechtsanwalt. Ich möchte im Fall Florian Gerber aussagen.“
Hauptkommissar Kröber ließ ihn sofort kommen.
„Woher wussten Sie, dass wir Florian Gerber gefunden haben?“, wollte er wissen.
„Ich bin, wie gesagt, Anwalt in Schweinfurt. Ich mach zwar überwiegend Verkehrsrecht, aber hin und wieder auch Strafrecht und das bringt mit sich, dass ich einige Leute bei der Kripo Würzburg kenne. Und einer hat mir gestern erzählt, dass die Mordkommission mich sucht. Ja, und bevor jemand anderes die alten Geschichten wieder auftischt, bin ich lieber selber gekommen.“
„Welche alten Geschichten meinen Sie?“
„Flos Eltern haben mich verdächtigt, ihm Drogen verkauft zu haben und mit schuld an seinem Tod zu sein. Ich gestehe es gleich: Mit den Drogen haben sie halbwegs Recht, auch wenn es nie mehr als Joints waren; mit seinem Tod habe ich aber nichts zu tun.“
„Woher hatten Sie die Joints? Darüber, dass es jetzt verjährt ist…“
„…brauchen wir nicht mehr zu reden, weiß ich. Ein Freund von mir, Wolfgang Reiner, ich weiß nicht, was aus ihm geworden ist, hatte damals eine Freundin in Holland, hat die öfter besucht und meistens Joints mitgebracht; kontrolliert wurde ja damals schon praktisch nicht mehr. Ich hab ihm hin und wieder welche abgekauft und zum Teil auch weiterverkauft, aber, Ehrenwort, ich habe nie daran verdient und meine einzigen Kunden waren meine Schwester, Flo und ein anderer Freund.
Sie wissen ja vermutlich schon, dass Flo und ich miteinander beim Bund waren. Da hat er auch seinen ersten Joint geraucht. Irgendwann hat der Spieß was spitzgekriegt, Haschisch in meinem Spind gefunden und mich drei Tage in den Bau geschickt. Das, also die Geschichte aus unserer Bundeswehrzeit, wurde bekannt, als nach Flos Tod seine Sachen überprüft wurden und die Polizei Haschisch fand. Ja, er hatte es von mir, das hab ich auch zugegeben. Ich bin glimpflich davongekommen damals, was die Strafe angeht – ein Jahr Bewährung. Nur Flos Eltern sind völlig durchgedreht; für sie war Haschisch gleichbedeutend mit Mafia und so und sie waren fest überzeugt, dass ich ihren Sohn umgebracht habe; sein Vater hat mir auch angedroht, wenn ich nach Feuchtwangen kommen sollte, würde er mich krankenhausreif schlagen.“
„Was wissen Sie über den Tod ihres damaligen Freundes? Stimmt es, dass Sie sich gestritten haben?“
„Das habe ich zwar alles damals schon zu Protokoll gegeben, aber gerne noch einmal: Wir waren zusammen auf Motorradtour, durch die Alpen nach Italien und wieder zurück.“
„Das wissen wir. Am 18. September hat Florian Gerber von Luzern aus zum letzten Mal seine Eltern angerufen. Was geschah danach?“
„Wie gesagt, wir sind Richtung Deutschland gefahren. Irgendwo in der Schwäbischen Alb, ich hab den Ortsnamen vergessen, vielleicht steht er noch in den Protokollen von damals, sind wir in ein Gewitter geraten, sind erst in ein Café gegangen, als es nach zwei Stunden aber nicht besser geworden ist, haben wir uns die nächste Jugendherberge gesucht. Am Abend sind wir in eine Pizzeria und bei uns war ein Mädchen, das auch mit dem Motorrad unterwegs war und auch wegen dem Gewitter dort geblieben ist.
Ja, wir kamen mit ihr, Melanie hieß sie, ins Gespräch und irgendwann hat es gefunkt zwischen ihr und mir, wie’s halt ist, wenn man jung und dumm ist. Ich hab ihr erzählt, wo wir herkamen und wo wir noch hinwollten und sie hat gesagt, ein paar Tage hätte sie noch Zeit und in Franken kennt sie sich nicht aus und ob sie mitkommen kann. Der Flo war dagegen; wir hatten ausgemacht, auf der Tour gibt’s nichts Festes mit Mädels, aber für mich war sie damals die Traumfrau. So viele Frauen auf Motorrädern gibt es nicht und noch weniger, die gut aussehen, damals noch weniger als heute.
Ja, der Flo hat nachgegeben und am nächsten Tag, das Wetter war wieder besser, sind wir zu dritt weitergefahren, bis nach Eichstätt. Dort sind wir aber endgültig auseinander – die Melanie wollte sich Eichstätt anschauen und spazieren gehen, der Flo wollte weiter durch die Frankenalb fahren. Ja, und irgendwann haben wir uns geeinigt, dass er eben allein heimgefahren ist und ich mit ihr weiter und dass wir wieder telefonieren, wenn wir beide wieder daheim sind. Das war das Letzte, was ich von ihm gehört habe.
Ja, wir haben gestritten, aber es gab keinen Grund, sich zu prügeln oder gar umzubringen – wenn es umgekehrt gelaufen wäre, also sie sich ihn rausgesucht hätte, hätte ich wahrscheinlich genauso reagiert. Jedenfalls, ich war dann noch ein paar Tage mit ihr unterwegs, durch die Oberpfalz und Oberfranken. Wie lange genau, weiß ich nicht mehr, ich kann mich nur noch erinnern, dass die Melanie spät in der Nacht noch allein von Würzburg aus heimgefahren ist, sie kam aus der Gegend von Traunstein, weil am nächsten Tag ihre Einschreibfrist in der Uni ausgelaufen wäre.
Am nächsten Tag wollte ich den Flo anrufen, hatte aber seinen Vater am Telefon und er hat mich gleich angeschrien, dass ich mich überhaupt noch anrufen traue, mich Dealer, Mörder und so weiter genannt. Ich hab eine ganze Zeit gebraucht, um mitzukriegen, dass der Flo tot war.
Später bin ich nach Feuchtwangen und hab auch mit Freunden von ihm, ich hatte ihn vorher ein paar Mal dort besucht, gesprochen und eben erfahren, dass er als vermisst gemeldet wurde. Das Letzte, was irgendjemand mitgekriegt hat, war, dass er in Weißenburg in einer Bäckerei was zu essen gekauft hat – der Bäcker hatte das Foto erkannt.
Ich hab selber nachgeforscht, bin alle denkbaren Wege zwischen Eichstätt und Feuchtwangen abgefahren, hab in jedem Geschäft und jeder Kneipe gefragt, die meisten hatte schon die Polizei besucht, aber nichts.“
„Stimmt es, dass Max Gerber Sie Jahre später angegriffen hat? Und wussten Sie, dass er geistesgestört war?“
„Ich kannte ihn nicht richtig. Wenn ich bei Flo war, war er sehr still. Im Jahr 98 hat er mich angerufen, dass er sich mit mir treffen möchte; er sagte, er wollte sich für seine Eltern entschuldigen und es sei rausgekommen, wer seinen Bruder wirklich umgebracht hätte.
Wir trafen uns in einer Kneipe in Würzburg und kaum war er da, hat er ein Messer genommen und auf mich eingestochen. Ich bin davongelaufen, hab aber trotzdem einiges abgekriegt. Zum Glück hat der Wirt versucht, ihn aufzuhalten. Natürlich bin ich sofort zur Polizei.“
„Wollen Sie damit sagen, dass die Behauptung, dass er weiß, wer seinen Bruder umgebracht hatte, nur ein Vorwand war?“
„Bin ich mir einigermaßen sicher. Im Prozess hat er mehrmals ausgesagt, nur ich könnte der Mörder sein.“
„Und Sie haben keine Ahnung, wer der Mörder sein könnte? Hatte Florian Gerber vor seinem Tod mit jemand Streit?“
„Das habe ich mich selbst bestimmt schon hundertmal gefragt. Keine Ahnung. Ich weiß nichts davon, dass er größere Schulden hatte, und Streit – na ja, das Übliche: Mit seinen Eltern, mit unserem Spieß, mit seiner Ex – sie haben sich getrennt, während wir beim Bund waren – aber nichts wirklich Ernsthaftes, ganz sicher.“
„Danke schön, Herr Sperlich! Die Kollegen nehmen Ihre Daten auf. Wenn Sie nichts mehr hören, ist alles in Ordnung, aber das wissen Sie als Profi ja sicher – halt! Könnten Sie uns noch Näheres über diese Melanie sagen?“
„Gerhartinger heißt oder hieß sie. Sie wollte Lehramt studieren, ich glaube, für Realschulen, Deutsch und Englisch oder so. Müsste alles in den Akten stehen. Ich habe seit bestimmt zehn Jahren keinen Kontakt mehr mit ihr – war doch nicht die große Liebe.“


Zur gleichen Zeit sahen in einem anderen Polizeipräsidium zwei Beamte ein Foto auf dem Bildschirm in ihrem Büro an.
„Wie, sagst du, heißt der Mann?“
„Florian Gerber.“
„Sagt mir nichts. Aber das Gesicht ist eindeutig.“
„Die bayrischen Kollegen schreiben, sie haben ihn sicher identifiziert.“
„Hm. – Entweder, ich spinne oder Gerber und Sattmann sind eineiige Zwillinge, die irgendwie während der DDR-Zeit getrennt wurden.“
„Möglich. Haste mal die Akte von Sattmann da?“
„Hier. Stimmt alles fast überein, aber eben nur fast. Zwei Monate jünger, einen Zentimeter kleiner, das gleiche Gesicht – Jürgen, ich würde sagen, du rufst morgen da unten an!“
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Sonntag, 9. Dezember 2012, 22:12

Sattmann (1)

„Kriminalpolizei Mittelfranken, Morddezernat, Sie sprechen mit Birgit Peters. Was kann ich für Sie tun?“
„Oh, Frau Kollegin, so förmlich. Mein Name ist Krause, Kripo Potsdam, ebenfalls Morddezernat“, meldete sich eine Männerstimme. „Ich möchte wegen des Falls Florian Gerber mit Ihnen sprechen.“
„Das ist aber eine freudige Überraschung, Herr Kollege. Ist der Name bei Ihnen aktenkundig?“
„Der Name nicht, aber wir haben einen ungeklärten Fall, bei dem es um einen Mann geht, der knapp vier Wochen vor Ihrem Florian Gerber verschwand und seither vermisst ist. Die letzten Fotos, die es von ihm gibt, sehen denen Gerbers sehr ähnlich – ich kann Ihnen das Fahndungsfoto zukommen lassen.“
„Wer ist Ihr Vermisster?
„ Sein Name ist Maik Sattmann, geboren am 13.7.1972 in Halle. Er war eins einundneunzig groß, also nur einen Zentimeter kleiner als Florian Gerber. Auch er war Motorradfahrer, auch die Frisur und Haarfarbe stimmt fast überein.
Sattmann gehörte einer rechtsradikalen Bande namens ‚Nationale Sammlung Nordsachsen‘, abgekürzt NSNS, an. Sein letztes Lebenszeichen stammte vom 30. August 1995. An diesem Tag telefonierte er mit seiner Schwester Jennifer, die damals in Pirna bei Dresden lebte. Er wollte sie besuchen und sagte nach ihrer Aussage am Telefon, er habe vor, aus der Szene auszusteigen.
Am 3. September meldete Jennifer Sattmann ihren Bruder als vermisst; seitdem gibt es kein Lebenszeichen von ihm. Nun das Besondere: Ende September 1995 tauchten kurz hintereinander zwei Bekennerschreiben auf: Sowohl seine ehemaligen Kameraden der NSNS als auch eine linksradikale Bande namens Autonome Antifaschistische Aktion Halle-Leipzig bekannten sich zum Mord an Maik Sattmann. Eine Leiche gab es jedoch nicht. Die NSNS schickte ein Foto und gab an, der Tote liege in einem Wald im Erzgebirge nahe Auerbach. Die sächsischen Kollegen suchten alles ab und per Interpol wurde auch die tschechische Polizei eingeschaltet, doch auf keiner Seite der Grenze fand man die Leiche. Im Schreiben der AAA war der Tatort nicht angegeben; zwei Jahre später wurde in Magdeburg ein Mitglied verhaftet und gab Quedlinburg als Tatort an, was aber nie verifiziert werden konnte.“
Von den verhafteten Mitgliedern der NSNS gab nur einer an, von Sattmanns Vorhaben, auszusteigen, gewusst zu haben. Die AAA Halle-Leipzig hatte damals in einem Flugblatt behauptet, Sattmann sei einer der Anführer der NSNS. Sie haben damals regelrechte Steckbriefe gegen Naziführer geschrieben.“

„Wissen Sie Näheres über beide Banden?“
„Es gibt einiges. Die NSNS hat mehrere Brandanschläge gegen Asylantenheime und Läden von Ausländern verübt und Ausländer oder ausländisch aussehende Personen auf offener Straße angegriffen und Leute, die sich gegen Nazis engagiert haben, terrorisiert. Sattmann, beziehungsweise ein Mann, dessen Beschreibung auf ihn passt, war an einem Brandanschlag auf eine der ersten Dönerbuden hier in Potsdam beteiligt, bei der die Frau des Besitzers starb; deshalb ist sein Name überhaupt in unserer Kartei. Die meisten Aktionen geschahen im Nordwesten von Sachsen und in Sachsen-Anhalt, doch auch hier in Brandenburg und auch in Berlin gibt es einige Fälle. Ob in Bayern auch, konnte bisher nicht festgestellt werden. Heute dürfte es die NSNS nicht mehr geben. Die meisten der von uns verhafteten Personen sind inzwischen wieder frei, ausgestiegen und führen ein normales, bürgerliches Leben.
Die AAA gründete sich wohl im Raum Potsdam und hatte bewaffnete Gegenwehr gegen Nazibanden als Ziel. Wie viele Linksextremisten waren sie in ihren Flugblättern allerdings radikaler als dann in der Tat: Vom angeblichen Mord an Maik Sattmann abgesehen wissen wir nur von Prügeleien und Steinwürfen und drei oder vier Brandanschlägen auf Wohnungen bekannter Rechtsextremisten oder Cafés, die als Treffpunkte der rechten Szene galten. Auch die AAA hat sich wohl aufgelöst und auch ihre Mitglieder, soweit amtsbekannt, sind heute brave Bürger.“
„Von Verbindungen Maik Sattmanns nach Bayern wissen Sie also nichts?“
„Nein. Was wir wissen, ist, dass seine Eltern in einem Dorf bei Leipzig lebten, aber weder mit ihm noch mit seiner Schwester viel Kontakt hatten. Von seiner Schwester habe ich schon erzählt. Außerdem stammt seine Mutter aus Rumänien und wir versuchten auch, dort etwas ausfindig zu machen, doch das war damals aussichtslos: Die Polizei dort war korrupt und miserabel ausgerüstet.“
„Also könnte es höchstens sein, dass er, falls er nach Rumänien wollte, einen Umweg nahm, auf dem ihn, wie er hoffte, niemand suchen würde.“
„Das wäre möglich.“
„Nun gut, Herr Krause, ich danke für die Informationen. Schicken Sie mir bitte die Akten und die Bilder und Daten Sattmanns und der konkret Mordverdächtigen.“
„Selbstverständlich, Frau Kollegin. Auf Wiederhören!“

Die Akte kam bereits am selben Tag per E-Mail. Sattmann war von einem seiner Kameraden des Mordes an einem Pfarrer in Halle, der Kirchenasyl gewährt hatte, beschuldigt worden; da dieser allerdings erst nach Sattmanns Verschwinden verhaftet worden war und ausgesagt hatte, war der Fall zu den Akten gelegt worden. Dazu kamen einige weniger schlimme Verbrechen, die meisten mit rechtsradikalem Hintergrund. Nach Aussagen von Bekannten hatte Sattmann sich ab Ende 1993 offen zum Nationalsozialismus bekannt und war im Frühjahr 1994 Mitglied der NSNS geworden.
„Ziemlich dicke Hunde für anderthalb Jahre“, kommentierte Hauptkommissar Kröber, nachdem er die Akte gelesen hatte. „Der hätte das Zeug zum SS-Führer oder KZ-Kommandant gehabt.“
„Da gibt’s natürlich reichlich Mordmotive für Gegner – und auch für die eigenen Leute, wenn es stimmt, dass er aussteigen wollte“, ergänzte Kommissar Klein. „Sieht aus, wie wenn Florian Gerber nur daran glauben musste, weil er ihm ähnlich gesehen hat.“
Kommissarin Peters las schweigend die Akte nochmals durch.
„Wissen Sie, was mir aufgefallen ist“, sagte sie dann. „Ich weiß nicht, ob es mit unserem Fall zu tun hat: Hier ist Jennifer Sattmanns Aussage über ihren Bruder. Sie sagt, sie und ihr Bruder seien 1989 im Widerstand gewesen und ihre Gruppe habe sich im Gemeindehaus der Auferstehungsgemeinde in Halle getroffen. Deren leitender Pfarrer war Rudolf Weber, derselbe Rudolf Weber, den Sattmann fünfeinhalb Jahre später ermordete.
Und hier die Aussage des 1996 verhafteten Frederik Weiß: ‚Maik wollte Weber unbedingt umlegen. Er hat damit gedroht, auszusteigen, wenn wir ihn nicht lassen.‘ – Das spricht dafür, dass Sattmann ein persönliches Problem mit Pfarrer Weber hatte, das nichts mit dem Kirchenasyl zu tun hatte.“
„Haben die Kollegen das untersucht?“, fragte Kröber kurz.
„Hier steht nichts davon, aber Potsdam ist ja auch nicht das zuständige Präsidium. Wir müssen in Sachsen-Anhalt anfragen.“
„Dann streich ‚wir müssen‘ und ersetz es durch ‚ich tu’s!“
„Jawohl Chef!“ Sie stand auf, salutierte wie ein Offizier und griff zum Telefonhörer. Sie wurde einige Male weiterverbunden, hatte aber schließlich Erfolg und konnte ihr Anliegen schildern. Offenbar sagte dem Polizisten am anderen Ende der Leitung allerdings der Name Rudolf Weber nichts.
„Sag denen, sie sollen schauen, ob es diese Jennifer Sattmann noch gibt. Vielleicht weiß sie mehr über ihren Bruder als sie damals gesagt hat!“, kommandierte Kröber, der inzwischen ebenfalls die Akte nochmals durchgeblättert hatte. „Sie wurde 1995 vernommen. Die Aussage von Sattmanns Nazikumpan stammt vom Frühjahr 1996.“
„Also: Die Akten kommen bis spätestens heute Abend per Mail“, versprach Birgit Peters, nachdem sie aufgelegt hatte. „Mal sehen, ob dort mehr steht.“ Sie griff nochmals zum Telefon: „Ich erkundige mich auch gleich mal in Sachsen. Halle und Leipzig liegen ja nahe genug beieinander, da dürfte dort wohl auch einiges bekannt sein.“ Auch dort wurde sie mehrmals weiterverbunden, doch auch die Polizeidirektion Leipzig sagte Amtshilfe zu und versprach, bis zum Abend ihre Informationen zu schicken.

Die Kriminaler/-innen der Polizeidirektion Süd des Landes Sachsen-Anhalt hielten ihr Versprechen und kurz vor Dienstschluss druckte Kommissar Klein eine noch größere Menge an Informationen aus als am Vormittag aus Brandenburg gekommen war. Er verglich die beiden Akten und warf zunächst alles, was in beiden gemeinsam vorkam, einmal in den Reißwolf. Tatsächlich hatte die sachsen-anhaltinische Polizei deutlich mehr Material über Maik Sattmann und die NSNS als ihre brandenburgischen Kollegen, zumal Sattmanns Heimatdorf Wallendorf zwar nahe an Leipzig lag, aber zu Sachsen-Anhalt gehörte.
Maik Sattmann war bereits als Tatverdächtiger an einigen kleineren Kriminalfällen wie Prügeleien oder Verkauf verbotener Schriften im Jahr 1993 im Raum Halle-Merseburg aufgeführt, die allerdings zum Großteil nie geklärt worden und längst verjährt waren. Damals waren auch Sattmanns Eltern vernommen worden. Der Vater, ein Ingenieur, der zwar nach der Wende kurz arbeitslos gewesen war, aber sich danach schnell in den Arbeitsmarkt des vereinigten Deutschlands hatte integrieren können, sagte aus, er könne die Entwicklung seines Sohnes selbst nicht verstehen. Maik Sattmanns Mutter Margot stammte aus Rumänien. Sie und ihr Mann hatten sich kennengelernt, während er in den 60er Jahren wegen eines Projekts auf RGW-Ebene in Rumänien zu tun gehabt hatte. 1969, im Rahmen der Niederschlagung des Prager Frühlings, die die rumänische Führung unter Ceau_escu heftig kritisiert hatte, war Werner Sattmann in die DDR zurückbeordert worden. Zu diesem Zeitpunkt war seine spätere Frau bereits schwanger. Die beiden heirateten und es gelang ihnen, dass Margot Sattmann in die DDR einreisen durfte, wo kurz darauf ihre Tochter Jennifer zur Welt kam.
Die Familie habe immer Kontakt zu den Verwandten in Rumänien gehabt und sie öfters besucht. Auch Jennifer und ihr knapp drei Jahre jüngerer Bruder Maik hätten dort viele Freundschaften gehabt, auch mit ethnischen Rumänen, Ungarn und sesshaften Roma. Auch hätten beide Kinder mehrere Brieffreundschaften im gesamten Warschauer Pakt gehabt und, soweit das möglich war, ihre Brieffreunde auch besucht. Wie der Sohn sich zum Ausländerhasser habe entwickeln können, sei für Vater und Mutter unerklärlich.
Jennifer Sattmann hatte im gleichen Jahr angegeben, sie habe den Kontakt mit Eltern und Bruder bereits 1992 abgebrochen. Über Gründe wollten sich damals weder sie noch ihre Eltern äußern.
Laut den vorliegenden Aussagen hatten die Eltern erst nach Maiks Verschwinden von seinem Vorhaben, auszusteigen, erfahren. Die Aussage seiner Schwester, er habe sie angerufen und ihr erklärt, er wolle aussteigen und sie besuchen, lag auch in Halle vor, daneben eine weitere Aussage Jennifer Sattmanns, sie habe über einen gemeinsamen Freund, der zu Maik noch Kontakt hatte, als dieser nach 1994 untergetaucht war, ihrem Bruder ausrichten lassen, was sie von seinen Aktivitäten hielte.
Leider war die Suche nach diesem Mann, einem gewissen Joachim Held, im Jahr 1996 erfolglos verlaufen, da Jennifer Sattmann seine aktuelle Adresse und Telefonnummer nicht mehr besessen hatte.
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4

Sonntag, 9. Dezember 2012, 22:12

Sattmann (2)

Die Informationen aus Leipzig kamen erst in der Nacht. Kommissarin Peters, die Frühdienst hatte, las sie am nächsten Morgen durch und verglich mit den Akten aus Halle und Potsdam.
Um elf Uhr setzte Hauptkommissar Kröber eine Besprechung an und ließ sich zunächst die Zusammenfassungen vortragen. Er folgte den Ausführungen seiner Mitarbeiter, ohne eine Regung zu zeigen. Als sie geendet hatten, fragte er: „Ist euch was aufgefallen? Habt ihr einen Verdacht?“
„Na ja, Jennifer Sattmann hat nach dem Abi als Krankenschwester gearbeitet. Erst später, ab 1991, hat sie studiert“, stellte Michael Klein fest. „War das in der DDR üblich?“
„1991 gab es keine DDR mehr – und dass, als es sie noch gab, Leute nicht studieren durften, die als politisch unzuverlässig galten, war üblich“, wusste Birgit Peters. „Und Maik Sattmann wurde 1988 nicht zur EOS zugelassen, obwohl er laut seinen Eltern ein guter Schüler war. – Das stinkt nach Stasi und könnte auch erklären, warum Sattmann Pfarrer Weber unbedingt selbst ermorden wollte: Dieser Weber war ein IM oder zumindest hatte Sattmann ihn im Verdacht.“
„Gut, dass wir dich haben, Gscheiderla!“, kommentierte Hans Kröber sarkastisch. „Im Ernst: Das hab ich mir auch gedacht. – Bloß nützt uns das nichts. Dass Sattmann Weber umgebracht hat, scheint erstens festzustehen, zweitens ist Sattmann selber tot oder verschwunden und drittens, selbst wenn er wieder auftauchen würde, wär es Sache der Kollegen in Halle – und vom Richter, ob er mildernde Umstände gelten lässt. Für uns ist ganz was anderes wichtig: Wie ist dieser Sattmann nach Franken gekommen, woher haben seine Kumpane es gewusst – gesetzt den Fall, und das scheint das Wahrscheinlichste, Florian Gerber ist von ihnen umgebracht worden, weil sie ihn für Sattmann gehalten haben – und auch, was mit dem echten Sattmann passiert ist – oder wissen die Kollegen in Halle oder Leipzig da mehr drüber wie die in Potsdam?“
„Mehr darüber als“, verbesserte Kommissarin Peters. „Nee, sieht nicht so aus. In Leipzig heißt es auch nur, zwei Bekennerschreiben, keine Leiche.“
„In Halle dito“, ergänzte Kommissar Klein.
„Also könnte es sein, dass der richtige Maik Sattmann noch lebt, vielleicht in Rumänien, vielleicht anderswo.“
„Da haben sie ja schon gesucht.“
„Klar haben sie das, Michl. Aber, falls du’s noch nicht gehört hast: Inzwischen sind 16 Jahre vorbei, Rumänien ist in der EU, die Polizei dort ist weit besser ausgerüstet als damals und vielleicht haben sie wirklich was gegen die Korruption getan. Also versuchen sollten wir’s.
Schwierig wird es freilich trotzdem: Für das nötige Kleingeld könnte er auch dort einen falschen Ausweis gekriegt haben – ein bisschen Rumänisch hat er vermutlich gekonnt.“
„Aber kaum so viel, dass er unter Rumänen als Rumäne durchgehen konnte“, widersprach Birgit Peters. „Seine Mutter war ja offenbar Siebenbürger Sächsin und keine ethnische Rumänin.“
„Madame, ich glaub was ganz anderes: Damals gab es zwar wenige, aber doch noch, Deutschrumänen dort unten. An seiner Stelle hätt ich mir, vorausgesetzt, ich hätte das Geld gehabt, einen Pass mit deutschem oder jüdischem Namen zugelegt, hätte ein halbes Jahr oder so ausgehalten und wäre dann nach Deutschland zurück. Als Aussiedler hätte er Aufenthaltsrecht gekriegt und wenn er nicht gerade in seine alte Heimat zurückgegangen ist, kann er herrlich und in Freuden hier leben.“
Sie schüttelte den Kopf: „Ich bin zwar nicht gut im Dialekteraten, aber einen Siebenbürger Sachsen von einem echten Sachsen unterscheiden, kann ich sehr wohl. Jemand, der damals als Erwachsener frisch aus Rumänien kam, fiel fast immer auf – und wenn jemand akzentfreies Hochdeutsch oder gar sächsischen Dialekt sprach, musste jeder Mensch mit halbwegs Grips im Kopf Verdacht schöpfen.“
Kröber verzog das Gesicht, was bedeutete, dass er ihren Einwand zumindest ernst nahm. Dennoch brummte er schließlich: „Du brauchst nicht glauben, dass alle Leute in Meldeämtern so was wie Hirn im Kopf haben.“
„Außerdem“, warf Michael Klein ein. „Wenn seine Mutter aus Siebenbürgen kommt, weiß oder wusste er, wie die dort reden; ich könnt mir schon vorstellen, dass er den Dialekt, angenommen, du hast Recht, Chef, so nachmachen kann, dass jemand, der ihn nicht genau kennt, nicht merkt, dass er nicht von dort ist.“

„Also, was nun?“, drängte Kommissarin Peters zur Eile.
„Ich setz die Bitte um Amtshilfe auf, bring sie zum Übersetzer und mail‘ sie an die rumänischen Kollegen. Ihr könnt euch inzwischen Gedanken machen, wie ihr an die möglichen Zeugen rankommt, also Eltern, Schwester, ehemalige Nazikumpane, vor allem diesen Frederik Weiß, diese Leute von der AAA, vielleicht auch jemand von der Kirchengemeinde in Halle. Wir müssen alles versuchen, damit wir rauskriegen, ob Sattmann noch leben könnte und wenn ja wo – und auch, was an den Bekenner-schreiben dran ist. Kann natürlich sein, dass in Auerbach oder Quedlinburg der echte Sattmann abgemurkst worden ist.“
„Aber warum haben sie dann die Leiche nicht gezeigt, wenn sie schon ein Bekennerschreiben verfasst haben?“, warf Michael Klein ein.
„Das frägst sie, wenn wir sie haben. – Also, ihr wisst, was ihr zu tun habt?!“

Die ersten Nachforschungen brachten wenige Ergebnisse. Die rumänische Staatspolizei versprach zwar sofort, sich um die Sache zu kümmern, fand jedoch zunächst nichts heraus. Werner Sattmann war 2009 verstorben, der Aufenthaltsort von Witwe und Tochter konnte nicht ausfindig gemacht werden und sowohl den Namen Margot als auch Jennifer Sattmann gab es zu oft, um alle Frauen dieses Namens zu befragen. Auch die Ärztelisten durchsuchten die Beamten vergeblich nach einer Jennifer Sattmann.
Ähnlich verhielt es sich mit Frederik Weiß: Dieser war gelernter Elektriker, nach Polizeiinformationen hatte er sich nach Verbüßung seiner Strafe 2001 in Magdeburg niedergelassen, doch allein dort gab es den Namen mehrfach.
Die Witwe von Pfarrer Rudolf Weber konnte sich an eine Jennifer erinnern, die in der Wendezeit sehr aktiv gewesen sei; sie bestätigte auch, dass mindestens ein IM der Stasi in ihrer Gemeinde tätig gewesen sei; um wen es sich dabei gehandelt habe, sei nie herausgekommen.
Die einzige verwertbare Information in den nächsten Tagen kam von Rudolf Webers Sohn Jonas, inzwischen ebenfalls Pfarrer. Der rief eine Woche später bei der Polizei in Magdeburg an, er verspreche sich am ehesten Informationen von Jennifer Sattmanns damaligem Freund Manuel Paulus, der 1990 oder 1991 das Medizindiplom bestanden, dann zunächst als Kardiologe in einer Poliklinik gearbeitet und später promoviert habe und anschließend nach Bayern gegangen sei. Er sei nicht nur Jennifers Freund gewesen, sondern Maik habe ihn sehr bewundert und sei wohl sogar mehr durch ihn als durch seine Schwester in die Gemeinde gekommen.

Einen Dr. Manuel Paulus gab es tatsächlich und zwar als Oberarzt für Kardiologie am Kreiskrankenhaus Tirschenreuth. Bei einer Anfrage dort stellte sich heraus, dass er am 15.11.1968 in Merseburg geboren war, was wahrscheinlich erscheinen ließ, dass er tatsächlich Ende der 80er Jahre Student und Freund Jennifer Sattmanns gewesen sein könnte.
„Ich frage mich nur, warum dieser Dr. Paulus, gut, damals vielleicht noch kein Doktor, nicht befragt wurde“, überlegte Birgit Peters laut.
„Das ist eine berechtigte Frage – aber wir können das nachholen. Tirschenreuth liegt zwar nicht in unserem Bezirk, aber ich schätze, wenn wir dem Kollegen Tuschl in Regensburg Bescheid sagen, wird er nichts dagegen haben, oder? Was meint die Kollegin zu ihrem ehemaligen Chef?“
„Dass mein jetziger Chef das wohl richtig einschätzen dürfte.“
„Gut. Such dir aus, ob du Paulus anrufst oder Tuschl.“
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5

Montag, 8. April 2013, 09:39

Schützen-Jenny

Tatsächlich hatte Hauptkommissar Tuschl nichts dagegen, dass seine Nürnberger Kollegen Dr. Manuel Paulus direkt vorluden, was sie dann auch taten.

Noch bevor der Arzt sich auf dem Polizeipräsidium einfand, kam allerdings schon das Protokoll der Aussage Pfarrer Weber jrs. aus Magdeburg. Dieser erklärte, er habe die Geschwister Sattmann und Manuel Paulus in der Gemeinde seines Vaters kennen gelernt. Dort hätten sich viele Jugendliche, auch solche ohne kirchlichen Hintergrund, regelmäßig getroffen. Jennifer sei eine der treibenden Kräfte dafür gewesen, dass die Jugendlichen schließlich in den Widerstand gegangen waren. Ihr Bruder Maik sei damals eher ruhig gewesen, aber hilfsbereit und durch seine technische Begabung unverzichtbar, wenn irgendetwas nicht funktionierte und die nötigen Ersatzteile nicht oder nur schwierig zu beschaffen gewesen seien. Er, Jonas Weber, habe sich von Maik Sattmann einiges in diesem Bereich zeigen lassen. Sie hätten sich gut verstanden, ohne echte Freunde gewesen zu sein.
Nach der Wende sei Manuel Paulus der Gemeinde treu geblieben, solange er im Raum Halle gelebt hatte. Wann und warum genau er sich von Jennifer Sattmann getrennt hatte, wisse er, Jonas Weber, nicht. Diese habe noch in der DDR-Zeit an der Christenlehre teilgenommen und sich wohl taufen lassen wollen, soweit er wisse, es aber nicht getan. Nach der Wende habe sie angefangen, Medizin zu studieren, sei allerdings bald von Halle nach Dresden gezogen; er wisse nicht, ob ein Mann, studientechnische Gründe oder Streit mit ihrer Familie, den es auf jeden Fall gegeben habe, der Grund gewesen sei. Nach ihrem Umzug habe er Jennifer Sattmann nur noch einmal, bei der Beerdigung seines Vaters, gesehen.
Zu Maik Sattmann habe er noch losen Kontakt gehabt; er habe erfolglos versucht, Maik zu überzeugen, keinen Kontakt zur rechtsradikalen Szene zu suchen. Ab Mitte 1993 hätten sie sich aber wenig zu sagen gehabt. Er, Weber, habe allerdings gerüchteweise gehört, Jennifer Sattmann habe ihrem Bruder gedroht, ihn zu töten, wenn er weiter in der Naziszene aktiv bleibe. Da sie als Sportschützin über Waffen verfügt und damit umgehen können habe, sei diese Drohung durchaus ernst zu nehmen gewesen.
Über das Kirchenasyl in der Gemeinde seines Vaters wisse er nichts Genaues. Er habe damals in Tübingen studiert und sei nur selten nach Hause gekommen. Er wisse, dass es um eine bosnische Familie ging. Er habe die Familie nicht persönlich kennengelernt, glaube aber, dass es ein ernsterer Fall gewesen sein müsste, da anfangs sowohl sein Vater als auch die ihm bekannten Kirchenvorsteher dem Kirchenasyl grundsätzlich skeptisch gegenübergestanden seien. Das Kirchenasyl sei beendet worden, als einem Antrag der Familie auf Wiederaufnahme ihres Asylverfahrens entsprochen worden sei.
Ob tatsächlich Maik Sattmann seinen Vater ermordet habe, könne er ebenso wenig sagen, wie er genau wisse, ob und was dieser zu DDR-Zeiten mit der Stasi zu tun gehabt habe. Wörtlich sagte er laut Protokoll: „Es gab in unserer Gemeinde drei inoffizielle Mitarbeiter. IM Zerberus war unser damaliger Küster, der es selbst gestanden hatte. IM Agathe war vermutlich eine Frau aus dem Kirchenchor, die allerdings nach der Wende sehr bald verstorben ist. IM Arnold war entweder mein Vater oder der zweite Pfarrer oder einer der Kirchenvorsteher; die Formulierungen in den Äußerungen des IM gegenüber dem betreuenden Offizier klangen eher nicht nach meinem Vater, was aber nichts heißen muss.“

„Dass die Schwester den Bruder erschossen haben soll…“, überlegte Birgit Peters laut.
„Wär denkbar, ist aber nicht unser Problem. Für uns geht es zunächst mal um Florian Gerber und der ist vielleicht von einem von Sattmanns Feinden umgebracht worden, aber ganz sicher nicht erschossen“, unterbrach ihr Chef.

Dr. Manuel Paulus sprach zwei Tage später auf dem Präsidium vor: „Mein Name ist Dr. Manuel Paulus, geboren am 15. 11. 1968 in Merseburg, wohnhaft in Tirschenreuth, Beruf Arzt, deutsch, evangelisch, verheiratet. Ich hab Ihren Kollegen ja schon gesagt, es wundert mich ein bisschen, dass ich noch einmal zu einem Fall von vor 17 Jahren befragt werden soll; Ihr Kollege sagte mir am Telefon, dass ein Mann vermutlich ermordet wurde, weil er Maik Sattmann ähnlich sah.
Ja, ich kannte Maik aus der Schule und später aus der Gemeinde und dem Widerstand. Es stimmt auch, dass ich rund vier Jahre mit seiner Schwester zusammen war. Zum letzten Mal sah ich Maik Sattmann im Spätsommer 1995, ich kann mich nicht mehr genau an das Datum erinnern, als er schwerverletzt bei mir auftauchte.“
„Wie bitte?“, fragte Hauptkommissar Kröber verwundert, fasste sich aber schnell: „Können Sie dazu Näheres sagen?“

„Ich war damals Assistenzart in Hof und hatte gerade promoviert. Maik rief spät am Abend an, ob er vorbeikommen könne. Ich wunderte mich: Wir hatten seit fast vier Jahren keinen Kontakt mehr gehabt. Er sagte, er wusste von Mandy, seiner Exfreundin, dass ich nach Hof gezogen war und hatte dort das Telefonbuch nach Manuel Paulus durchsucht.
Als er dann kam, blutete er am ganzen Körper. Einige Verletzungen waren schlecht verbunden. Ich erschrak und fragte, warum er nicht ins Krankenhaus gegangen war. Er antwortete, die Polizei sei hinter ihm her, außerdem seine früheren Kameraden. Ob ich ihn untersuchen könnte. Später würde er mir alles erklären.
Ich schlug ihm vor, ihn heimlich ins Krankenhaus zu bringen – ich hatte natürlich die Schlüssel und wusste, dass nachts nicht alle Operationsräume und Röntgenapparate besetzt waren. Ich röntgte ihn also, stellte fest, dass er einen gebrochenen Arm, drei gebrochene Rippen und eine Prellung am Knie hatte; außerdem steckte eine Kugel in seinem Arm und er hatte noch einen Streifschuss.
Ich entfernte die Kugel, legte seinen Arm in Gips und verband die übrigen Wunden ordentlich. Danach nahm ich ihn mit zu mir.
Zu Hause erzählte er mir, dass er aus der NSNS aussteigen wollte. Er wusste, dass seine Kameraden das nicht so einfach zulassen würden und außerhalb der Szene hatte er kaum mehr Freunde. Mandy konnte ihm auch nicht helfen. Er rief also Jenny an; die hielt ihm erst einmal eine Strafpredigt, sagte dann aber, er könnte ein paar Tage zu ihr kommen und sie würde sich was überlegen. Er sollte aber bloß nicht versuchen, sie auszutricksen.
Er nahm einen Umweg über Landstraßen, da er glaubte, dass seine Kameraden wussten, wo Jenny ungefähr wohnte. Im Harz schoss jemand zweimal auf ihn. Er simulierte einen Sturz und stellte sich tot. Der Schütze sah offenbar nicht genauer nach.
Später fuhr er weiter, übernachtete irgendwo im Wald und fuhr einen noch größeren Umweg, doch irgendwo in Sachsen kreisten ihn andere Motorradfahrer ein. Sie holten ihn vom Motorrad, ver-prügelten ihn und ließen ihn liegen; sein Motorrad, sein Geld und seine Papiere nahmen sie mit.
Als er aufwachte, er hatte keine Ahnung, wie lange er dort gelegen hatte, fragte er sich zum nächsten Dorf durch und fuhr schwarz mit einem Güterzug nach Plauen und von dort nach Hof, wo er ein bisschen Geld zusammenbettelte. Er dachte, zu Jenny könnte er nicht mehr, weil sie ihn in Sachsen auf jeden Fall umbringen würden und hoffte, dass niemand von seinen Kameraden wusste, dass ich in Bayern war.
Ich fragte ihn, was er sich vorstellte, weiter zu tun. Ich würde ihn nicht verpfeifen und könnte ihn schon ein paar Tage bei mir schlafen lassen, aber nicht auf ewig. Er sagte, sobald er wieder fit genug sei, wolle er per Anhalter Richtung Grenze zu Österreich und dann Richtung Ungarn weiter und dort oder in Rumänien untertauchen.
Ich fragte, wie er das machen wollte ohne Papiere und er sagte, seit es die Mauer nicht mehr gibt, kommt man über jede Grenze in Europa.
Ich schlug vor, Jenny Bescheid zu sagen. Er war zunächst dagegen, weil er fürchtete, sie würde die Polizei holen. Schließlich konnte ich ihn aber überreden. Jenny war natürlich erschrocken, als sie davon hörte, aber bereit, zunächst nicht zur Polizei zu gehen.
Einige Tage später fand ich, als ich vom Dienst heimkam, einen Zettel. ‚Lieber Manuel‘, stand darauf, ‚ich danke dir für alles und es tut mir verdammt leid, dass ich so abhauen musste, aber ich habe von Mandy gehört, dass sie nach dir gefragt haben und irgendjemand hat ihnen auf jeden Fall gesagt, wo du wohnst.
Ich melde mich, sobald es geht und dein Geld bekommst du selbstverständlich wieder. Danke nochmal, Maik‘.
Er hat mir tatsächlich Geld gestohlen, nicht viel, vielleicht zwanzig oder dreißig Mark. Ich rief zunächst Jenny an und sie kam einige Tage später zu mir. Dann erzählte sie mir, Maik hätte ihr einen Brief geschrieben, dass er nach Rumänien und sich von dort aus wieder rühren wollte. Wir überlegten miteinander, was wir tun sollten und beschlossen schließlich, doch zur Polizei zu gehen.“

„Und warum haben Sie das nicht getan?“
Nun war es an Dr. Paulus, überrascht zu sein: „Hab ich doch. Ich hab ihn allerdings nicht als Dieb angezeigt, sondern in Chemnitz, das war, wie ich herausfand, die zuständige Direktion für die Gegend, wo er zusammengeschlagen wurde, den Angriff auf ihn gemeldet. So hatte ich es mit Jenny ausgemacht. Vorher hatte ich noch einen Anwalt angerufen, der mir bestätigte, ich könne mich notfalls auf die ärztliche Schweigepflicht berufen, was ich auch tat: Ich sagte zwar, dass ich Maik verbunden hatte, aber nicht, was er mir über seine Zeit in der NSNS erzählt hatte. Ich sagte außerdem, seine früheren Kameraden seien weiter hinter ihm her.“
„Nochmal langsam, Herr Dr. Paulus: Sie haben damals bei der Polizei ausgesagt. Würden Sie das unter Eid bestätigen?“
„Ja, natürlich. Warum?“
„Weil… - tut mir leid, darf ich Ihnen nicht sagen. – Etwas anderes: Wissen Sie, was aus Jennifer Sattmann geworden ist?“
„Nicht genau. Sie hat ihr Physikum zunächst nicht bestanden und wollte es im Winter 95/96 noch einmal versuchen, nachdem sie einige Zeit ausgesetzt hatte, um Geld zu verdienen; ihre Eltern anzupumpen kam für sie nicht in Frage.
Wir trafen uns im Herbst 95 noch einige Male, bei ihr und bei mir und überlegten auch, es nochmals miteinander zu versuchen, aber es ergab sich nicht – Jenny kann man sein Leben anvertrauen, aber nicht mit ihr zusammen glücklich werden.“
„Warum?“
„Weil sie … also, ich meine das durchaus auch im positiven Sinn, eine Fanatikerin ist. Sie war in der FDJ relativ weit aufgestiegen, sogar stellvertretende Schulvorsitzende und hielt es für ihre Pflicht, sich für Mitschüler, die schikaniert wurden, ganz gleich ob aus politischen oder anderen Gründen, einzusetzen; sie beschwerte sich beim Direktor und bei der Bezirksschulkommission, obwohl jeder sie warnte – die Folge: Sie durfte nicht studieren. Sie brach nach der Wende mit ihren Eltern, weil ihr Vater, hohes Tier in der SED, von ihr bestätigt haben wollte, er habe ihren Widerstand gegen das Regime unterstützt – in Wirklichkeit hat er sie schikaniert deshalb. Sie ist eine Heldin, in meinen Augen, aber sie erwartet dasselbe von jedem anderen und da bin ich nicht der Mann zu.“
„Trauen Sie… trauen Sie einer solchen Frau zu, auf den eigenen Bruder zu schießen oder ihn sonst umbringen zu lassen?“
„Sie meinen, dass Jenny das im Harz war? Sicher nicht. – Sie meinen, ich sage Ihnen jetzt was von ‚Jenny macht so was nicht‘ oder so, aber ich habe mich in zu vielen Leuten getäuscht, um so etwas zu behaupten. In einem bin ich mir aber sicher: Jenny hieß in der GST ‚Frau Tell‘. Sie war mindestens einmal sogar Kreismeisterin. Wenn sie auf Maik oder sonst jemanden geschossen hätte, wäre die Kugel im Herz gesessen und der jemand sofort tot gewesen.“
„Noch etwas: Sie sprechen von einer ‚Mandy‘, Maiks früherer Freundin. Wissen Sie mehr über diese Frau?“
„Sie arbeitete bei der Post. Wo und wie genau sie und Maik sich kennen lernten, weiß ich nicht; ich kann mich auch nicht mehr erinnern, wie sie mit Nachnamen hieß. Wir waren ein paar Mal zusammen fort, sie, Maik, Jenny und ich, aber klar, ich hatte ja damals Jenny und Mandy gehörte zu Maik.“
„Der Name Joachim Held sagt Ihnen auch nichts?“
„Doch. Er war ein guter Freund von Maik, wenn ich mich nicht täusche in der POS mit ihm in der Klasse. Er war auch Schütze bei der GST und Jenny kannte ihn daher auch. Er machte, wie Maik, eine Ausbildung mit Abitur, aber im kaufmännischen Bereich und arbeitete später bei einer Bank in Leipzig. Seither weiß ich nichts mehr von ihm.“
„Und wo Frau Sattmann und ihre Mutter heute wohnen, wissen Sie auch nicht?!“
„Ich hab mal gehört, Jenny soll nach Berlin gezogen sein. Keine Ahnung, ob sie noch immer dort wohnt. Was die Eltern betrifft – keine Ahnung.“

Kröber berief noch am gleichen Tag eine Besprechung ein und berichtete seinen Mitarbeitern, was Dr. Paulus ausgesagt hatte. „Ich hab nochmal in Chemnitz nachgefragt und auch beim sächsischen LKA in Dresden. Die haben sich die Akten nochmal am Computer angeschaut und bleiben dabei, dass sie uns alles geschickt haben, was sie wissen.“
„Also ist die Aussage dieses Paulus entweder verschwunden oder es gab sie nie“, stellte Birgt Peters fest.
„Sehr schlau, Frau Kollegin! Hätt ich allein glatt nicht gemerkt“, antwortete ihr Vorgesetzter sarkastisch.
„Schöne Schlamperei“, war Michael Kleins Kommentar.
„Michl, das ist keine Schlamperei mehr. Du solltest seit der Polizeischule wissen, dass solche Aussagen, nachdem der Zeuge und der vernehmende Polizist unterschrieben haben, mehrmals kopiert und abgeheftet werden. Also, entweder der Paulus lügt oder die Kollegen in Sachsen haben ganz gewaltigen Mist gebaut.“
„Und was hältst du für am Wahrscheinlichsten?“, wollte Klein wissen.
„Lasst uns das mal logisch überlegen! Also: Nehmen wir an, der Paulus hat gelogen.“
„Paulus kann in zwei Richtungen gelogen haben“, überlegte Birgit Peters laut. „Entweder Sattmann war nie bei ihm oder er hat damals nicht ausgesagt.“
„Für wie wahrscheinlich hältst du das und warum?“
„Also: Es hätte in meinen Augen Sinn gehabt, wenn Paulus vor sechzehn Jahren ein Märchen erzählt hätte, um die Kollegen auf die falsche Spur zu führen – sei es, um Sattmann die Flucht oder seinen Mördern ihre Tat zu ermöglichen. Heute gibt es da keinen Grund mehr für – egal, ob Sattmann noch lebt und wenn ja, wo, sein damaliger Fluchtweg hat nichts mehr damit zu tun.“
„Weiter! Nehmen wir an, er hat damals gelogen!“
„Ganz ähnlich: Ich kann mir 1000 Gründe vorstellen, warum Paulus damals der Polizei verschwieg, dass Sattmann bei ihm war – aber keinen, heute auszupacken. Der einzige, der mir einfiele, wäre, dass er vermuten würde, dass wir wissen, dass er mehr wusste als er damals zugab – aber laut Aktenlage wurde er ja nicht einmal befragt; er hätte sich in keiner Weise strafbar gemacht, wenn er eben das gesagt und dann ausgepackt hätte.“
Kröber nickte, sagte aber nichts. Das nahm sie als Einladung, fortzufahren.
„Also sind wir bei der anderen Möglichkeit angelangt: Die Kollegen oder ein Kollege hat das Protokoll seiner Aussage nicht abgeheftet. Der eine Grund dafür könnte Schlamperei sein – das glaube ich aber weniger. So etwas ist so sehr Routinearbeit, dass es wohl auch die chaotischsten Kollegen nicht vergessen.
Nun, leider ist die letzte Möglichkeit, die am meisten gegen die sächsische Polizei spricht, die wahrscheinlichste: Jemand wollte nicht, dass amtsbekannt wird, dass Sattmann bei Paulus in Bayern war und vorhatte, über Österreich zu fliehen.“
„Und warum soll das…ein Kollege nicht wollen?“, hakte ihr Kollege Klein ein.
„Aus den Gründen, die ich vorhin bei Paulus angedeutet, aber verworfen habe: Er wollte nicht, dass die bayrische Polizei informiert wird, entweder, um Sattmann die Flucht zu ermöglichen oder, damit die Mörder ungehindert zuschlagen konnten. – Nun wird der Chef aber gleich sagen, dass das nichts mit unserem Fall zu tun hat, da es die Interne Ermittlung in Sachsen angeht.“
„Gschmarri! – Klar soll die Interne dort das erfahren, aber nicht nur, weil es eine Schweinerei ist, sondern, weil es sehr wohl auch für uns interessant sein könnte. Wenn der Kerl, der das damals verbockt hat, noch im Dienst ist, wird er kalte Füße kriegen. Und, gesetzt den Fall, er arbeitet wirklich mit den Mördern zusammen, wird er denen vielleicht auch stecken, dass der echte Sattmann noch leben könnte.“
„Und wenn er mit Sattmann selber zusammengearbeitet hat?“
Kröber überlegte kurz auf die Frage seines Kollegen hin. „Dann kommt’s drauf an. Er kann wissen, dass sein Kumpel in Sicherheit ist; dann muss er bloß aufpassen, dass sich das nicht ändert. Oder er weiß oder geht davon aus, dass der Sattmann tot ist, wenn er auch nie im Brombachsee gelegen hat. Dann kann er sowieso ruhig bleiben. Oder aber – ist mir gerade eingefallen: Der Sattmann selber ist der Mörder.“
„Wie…?“
„Er hat, entweder durch einen Riesendusel oder von irgendwelchen Komplizen, gewusst, dass es in Franken jemanden gibt, der ihm zum Verwechseln ähnlich sieht und den Gerber umgebracht, bloß um seine Papiere herzunehmen.“
„Hans, äh, Herr Kröber, das ist doch nicht Ihr Ernst?!“
„Warum, Birgit, äh Frau Peters?“
Gott liebt dich, auch wenn du ihm Kummer gemacht
ist näher als je du gemeint

Rot und gold allüberall
Gryffindor hat den Pokal
Denn wir sind das beste Haus
uns sticht niemand anderer aus
Es gratuliert der Schüler Schar
Der Sieg ist unser dieses Jahr


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