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Remus.Lupin

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1

Sonntag, 4. März 2012, 14:05

Spidermans Erbe

Hallöchen ihr Lieben,

ich arbeite seit Kurzem an einer Spiderman-FF und hoffe, dass jemand Interesse daran findet. Es wird wahrscheinlich noch eine Fortsetzung geben.
Die FF ist bereits fertig gestellt und ich werde die Kapitel recht schnell hintereinander veröffentlichen, damit die Leser nicht so lange warten müssen ;).

Die FF findet ihr auch auf fanfiktion.de.

Titel: Spidermans Erbe

Genre: Fantasy

Altersfreigabe: ab 10 Jahren

Inhalt: Grace ist Spidermans größter Fan. Doch es geht ihr nicht darum, den Superhelden anzuhimmeln. Sie analysiert seine Bewegungen und Auftritte und bastelt sich schließlich sogar einen Anzug, um Spidermans Bewegungen selbst nachzumachen und so hinter sein Geheimnis zu kommen. Was sie nicht weiß: Spiderman ist ihr leibhaftiger Vater Peter Parker und er hat seine Begabung an sie weitergegeben ...


So, dann wünsche ich euch mal viel Spaß beim Lesen des ersten Kapitels. Für Kritik und Anregungen bin ich immer offen :).

___________________________________________________________

Spidermans Erbe



~1 – Spiderman in den Nachrichten~

„Wo ist Dad?“, fragte Jack, der sich gerade auf dem Sofa im kleinen Wohnzimmer niedergelassen hatte, nachdem er aus seinem Zimmer gekommen war, und das etwas ältere Fernsehgerät anschaltete. Seine Augen funkelten neugierig und sein Blick war auf seine Mutter gerichtet, die in der angrenzenden, offenen Küche stand und soeben den Geschirrspüler ausräumte.
Sie lächelte und schaute kurz zu ihrem Sohn, während sie die Tassen in den Schrank räumte. „Jack, wie oft muss ich dir das denn noch erklären? Dein Vater musste dringend zur Arbeit, ein paar Fotos schießen.“
Grace, Jacks große Schwester, verdrehte die Augen und legte den Stift zur Seite. Sie saß am erhöhten Esstisch, der zwischen Wohnzimmer und Küche stand und die beiden Räume trennte, aber gleichzeitig miteinander verband, auf einem der Barhocker.
„Mum, warum sagst du uns nicht einfach, wo Dad wirklich ist? Manchmal geht er mitten in der Nacht weg! Da kann er doch nicht arbeiten gehen.“
Mary Jane Watson seufzte. Sie konnte ihren Kindern schlecht sagen, dass ihr Vater in Wirklichkeit als Spiderman um die Häuser schwang und Menschenleben rettete. Erstens würde dann die halbe Stadt seine Identität kennen und zweitens sollte ihr normales, friedliches Familienleben nicht durcheinander gebracht werden, nur weil der Vater ein Superheld war. MJ wollte ihren Kindern ein normales Leben ermöglichen.
„Weil er wirklich einige Fotos schießen muss, ihr wisst doch, er fotografiert –“
„Spiderman!“, unterbrach Jack seine Mutter. „Spiderman ist in den Nachrichten! Eine kleine Dokumentation!“
„Wo?“ Grace war sofort Feuer und Flamme, sprang auf und rannte zum Fernseher. Spiderman war nämlich ihr großes Vorbild; in ihrem Zimmer hingen massenhaft Zeichnungen, Fotos und andere Dinge von ihm. Woher sollte sie auch wissen, dass ihr eigener Vater Spiderman persönlich war?
„Moah, Grace, dreh doch nicht durch! Er schwingt ja nicht persönlich durch unser Wohnzimmer“, schüttelte Jack den Kopf, der noch ein wenig zu jung war, um Grace’ Aufregung zu verstehen.
Die 16-Jährige ignorierte die etwas giftige Antwort ihres kleinen Bruders und rannte die Treppen hinauf in ihr Zimmer, das eines der ersten im zweiten Geschoss war. Sie beendete den Bildschirmschoner ihres hochwertigen, modernen Computers und rief sofort die Livestream-Seite des Nachrichtensenders im Internet auf. Kaum sah sie dort Spiderman um die Häuser schwingen, drückte sie auch schon auf den Record-Button ihres Videoaufnahmeprogramms und nahm die ganze Dokumentation auf. Wie ein Infokästchen neben dem Videoplayer verriet, sollte die Dokumentation ganze fünfzehn Minuten dauern. Fünfzehn Minuten mehr Spiderman auf ihrem Computer!
Grace freute sich wie ein Honigkuchenpferd. Sie war ganz vernarrt in Spiderman – nicht in sein Aussehen (das man gar nicht kannte) und nicht so, wie Teenager normalerweise für ihre Stars schwärmen (mit Geschrei, falls er im Fernsehen auftritt, und Postern überall an den Wänden). Grace war unglaublich fasziniert von Spidermans Auftritten: Wie er sich bewegte, wie er um die Häuser schwang, wie er seinen Spinnenfaden spannte und mit welcher unglaublichen Beweglichkeit er die Menschen rettete.
Im Zimmer von Grace hingen auch Dinge von Spiderman an den Wänden – aber keine Poster. Es hingen dort Zeitungsartikel, Zeichnungen und Messungen, Spiderman-Skizzen aus verschiedenen Perspektiven und viele andere Berechnungen und Skizzen. Denn Grace wollte unbedingt herausfinden, was es mit Spiderman auf sich hatte. Wie konnte ein Mensch einen Spinnenfaden erzeugen? Das war unmöglich. Es musste eine Erklärung dafür geben – irgendeinen Mechanismus im Kostüm des rotschwarzen Superhelden, der diesen überirdisch reißfesten und zugleich sehr elastischen Faden erzeugte. Außerdem war Spiderman unglaublich beweglich; er konnte Bewegungen ausführen, bei denen selbst der weltbeste Turner oder gar Tänzer, vielleicht auch Stuntman, neidisch werden musste. Das größte Rätsel aber, das es für Grace zu lösen gab, war: Wer war Spiderman und wie alt war er?
Spiderman konnte theoretisch jeder junge Mann aus ganz New York sein. Dass der Superheld keine Frau war, war an den äußerlichen Körperformen zu erkennen, doch ganz sicher sein konnte man sich nie – vielleicht war der Anzug innen auch so gut ausgepolstert, dass man unmöglich das Geschlecht erkennen konnte. Er hatte auch noch nie in einer Fernsehsendung gesprochen.
Doch momentan ging Grace einfach davon aus, dass es sich bei ihrem Superhelden um einen Mann handelte. Aus den Körperformen bzw. der Beweglichkeit schloss Grace bisher, dass er nicht über vierzig sein konnte, denn in diesem Alter waren die meisten Männer ziemlich ungelenkig, die keinen sportlichen Tätigkeiten nachgingen, in denen die Beweglichkeit sehr beansprucht wurde. Aber sicher konnte Grace sich nicht sein, bevor sie Spiderman nicht persönlich kennen gelernt hatte.
„Grace? Kommst du bitte schnell herunter?“
Ihre Mutter rief nach ihr. Ungern ließ sie die Dokumentation sausen, aber immerhin nahm Grace sie ja gerade auf. Das hieß, dass sie sich diese auch später noch ansehen und analysieren konnte.
„Ja, Mum?“
Grace stand am Anfang der Treppe und warf ihrer Mutter, die vor ihr stand, einen fragenden Blick zu.
„Dein Vater ist gerade zurückgekommen. Willst du ihm nicht von deiner guten Note in Sport erzählen?“
Doch Grace hatte schon mit dem Zuhören aufgehört, als ihre Mutter gesagt hatte, dass ihr Vater nach Hause gekommen war. Jetzt konnte sie ihn um neue Fotos von Spiderman und um einen neuen Bericht bitten!
„Dad!“, rief sie und stürmte ins Wohnzimmer, wo ihr Vater auf dem gemütlichen Sofa saß und eben erleichtert ausatmete. Als er den Ruf seiner Tochter hörte, schlug er die Augen auf und lächelte.
„Grace, mein Schatz“, sagte er leise und sah seiner Tochter in die blauen Augen, die sie von ihm geerbt hatte. Das rote Haar hatte sie allerdings von ihrer Mutter.
„Dad, hast du neue Fotos von Spiderman?“, fiel Grace sogleich mit der Tür ins Haus. Der Blick ihres Vaters wurde plötzlich sehr müde.
„Grace, ich darf dir die Fotos nicht geben, du weißt, sie müssen zuerst zum Verlag der Zeitung –“
„Ach, Dad! Bitte! Übrigens habe ich fünfzehn Notenpunkte in Sport bekommen.“ Sie erhoffte sich, durch den erfreulichen Zusatz mehr aus ihrem Vater herauszubekommen – doch ohne Erfolg.
„Nein, Grace. Und ich kann dir auch nichts Neues über ihn berichten, außer, dass er heute eine Mutter mit ihrem kleinen Baby aus einem brennenden Haus gerettet hat. Das mit Sport ist ja super, aber ich bin sehr müde, verstehst du? Ich gehe jetzt zu Bett.“
Verärgert schaute Grace ihrem Vater nach, der die Treppen hinaufging und aus ihrem Sichtfeld verschwand.
„Grace, habe ich dir nicht schon oft genug ausdrücklich gesagt, dass du deinen Vater nicht mit diesem unnötigen Spiderman-Kram belästigen sollst? Er kann es doch schon nicht mehr hören“, wies MJ ihre Tochter barsch zurecht, doch Grace winkte nur wütend ab und verschwand in ihrem Zimmer. Dort schwor sie sich, als sie im Bett lag, dass sie Spidermans Geheimnis schon auf die Spur kommen würde.
Früher oder später.

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Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »Remus.Lupin« (24. April 2012, 18:13)


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2

Samstag, 10. März 2012, 12:01

RE: Spidermans Erbe

~ 2 – Ein unerwarteter Besuch ~

Grace war froh, als das Wochenende endlich begann.
Den letzten Schultag hatte sie nur halb anwesend verbracht. Sie hatte darüber nachgedacht, ob sie Spiderman jemals real zu Gesicht bekommen würde. Irgendwann musste er doch mal dort auftauchen, wo sie sich momentan befand – und wenn sie die ganze Stadt nach ihm absuchen musste!
„Grace? Bist du überhaupt anwesend? Ich habe dich bereits zweimal aufgerufen“, tönte da Mrs Hammersmiths Stimme plötzlich und Grace schreckte aus ihren Grübeleien hoch.
„Wie ich sehe, hast du schon wieder deine Gedanken nicht beim Unterricht. Was soll ich nur mit dir anstellen?“
„Gar nichts, Mrs Hammersmith“, antwortete Grace. „Ich habe nur intensiv über die Rechenaufgabe nachgedacht.“
„Nun, wenn das so ist“, erwiderte die Lehrerin, „dann müssen wir uns wirklich überlegen, was wir mit dir anstellen. Du hattest vor zwei Schulstunden Mathematik, diese Stunde unterrichte ich das Fach Deutsch.“
Peinlich berührt lief Grace rosa an, und die Jungen in der hinteren Reihe lachten lauthals. Wütend drehte sich die 16-Jährige zu ihnen um und warf ihnen böse funkelnde Blicke zu.
„Uuuuuuh, jetzt krieg ich aber Angst“, grinste Marcus, ein etwas beleibtere Junge mit ekelhaft fettigen Haaren, die ihm in Strähnen ins Gesicht hingen.
„Halt deine vorlaute Klappe“, zischte Grace zu ihm nach hinten, doch die Jungen lachten nur noch lauter.
„Dürfte ich meinen Unterricht nun fortsetzen?“, fragte Mrs Hammersmith barsch, und die Jungen verstummten augenblicklich. Auch Grace drehte sich wieder um, doch schon nach fünf Minuten drifteten ihre Gedanken wieder ab und schwangen mit Spiderman um die Häuser.

Daheim setzte sie sich sofort an den Computer, um die gestrige Dokumentation von Spiderman zu analysieren.
Sie öffnete das Videobearbeitungsprogramm und vergrößerte den Clip beinahe auf Bildschirmgröße, doch ließ gerade noch so viel Platz, dass die Tool-Leiste noch unterhalb des Clips zu sehen war.
Jetzt ließ sie das ganze ablaufen und stoppte immer wieder, um eine bestimmte Bewegung Spidermans genauer anzusehen, schnitt hier und da ein Stückchen weg, ließ es in Zeitlupe ablaufen und erhöhte die Qualität der Auflösung, um Details besser erkennen zu können.
Nach einer geschlagenen Stunde hatte sie größtenteils das Wichtigste herausgeschrieben und arbeitete bereits an einer neuen Skizze in einer neuen Bewegung Spidermans, als ihr kleiner Bruder Jack ins Zimmer kam.
Erschrocken fuhr Grace auf, so vertieft war sie gewesen.
„Jack! Hat Mum dir keine Manieren beigebracht? Du sollst anklopfen!“
„Ach, Grace“, murrte ihr kleiner Bruder und trat an ihr Zeichenbrett heran. Interessiert beäugte er ihre neue Skizze.
„Du zeichnest ja immer noch Spiderman. Hast du noch nicht genug von ihm hier herumhängen?“
„Ich werde nie genug haben“, antwortete Grace zwinkernd und zeichnete gerade den Spinnenfaden.
„Wie macht er das eigentlich?“, wollte Jack wissen.
„Was meinst du?“
„Den Faden. Ist das ein Seil oder ein echter Spinnenfaden?“
Grace zog überrascht eine Augenbraue hoch. Das war ihr ja noch gar nicht in den Sinn gekommen …
„Hmmmm, also, ich denke, dass das ein echter Spinnenfaden ist. Aber du könntest natürlich auch Recht haben. Halte ich aber für eher unwahrscheinlich.“
Jack zuckte mit den Schultern und verließ dann das Zimmer.
Seufzend legte Grace den Stift beiseite und stützte ihren Kopf auf ihren Händen ab. Während sie so aus dem Fenster sah, das genau vor ihr war, dachte sie darüber nach, wie sie Spidermans Geheimnis lüften konnte. Sie musste mit ihm in Kontakt kommen, so viel war klar. Doch wie sollte sie das nur anstellen?
Ein breites Grinsen stahl sich auf Grace' Gesicht, als die Idee in ihrem Kopf Form annahm.
Ja, so würde sie es machen!

Kaum war der Samstag zu Ende, hatte Grace sich auch schon alle nötigen Materialien besorgt, die sie für die Umsetzung ihrer Idee brauchen würde.
Die ganze Nacht lang saß Grace in ihrem Zimmer und werkelte mit Hand und Maschine, während draußen bereits die Sonne aufging und helle, rote Strahlen in Grace' Zimmer warf. Das Mädchen blickte auf, mit geröteten Augen, doch mit einem Lächeln im Gesicht. Bald war sie fertig! Hoffentlich würde das auch so klappen, wie sie sich das gedacht hatte …
Und nachdem die Sonne schon hoch über den Bäumen im Vorgarten aufgegangen war, beendete Grace ihren letzten Stich. Dann holte sie ihr Werk aus der Nähmaschine heraus und legte es ausgebreitet auf ihr Bett.
Der Anzug sah dem von Spiderman verblüffend ähnlich. Der rote Lycrastoff, ein sehr elastischer Stoff, sah fast so aus wie der von Spidermans Kostüm. Die glänzenden, etwas dickeren Streifen waren fest am Anzug angenäht und angeklebt worden, sodass sie sich – dehnbar, wie sie waren – perfekt an die Form anpassten. Die blaue Hose hatte Grace an den Anzug angenäht; sie war ebenfalls aus Lycra.
Die Maske lag über dem Anzug auf Grace' Kopfkissen und war der Spidermans zum Verwechseln ähnlich. Natürlich war auch sie aus dem dehnbaren Stoff, aus dem auch der übrige Anzug war. Nur der Stoff für die Augen war von Grace so gewählt worden, dass man von innen nach außen alles perfekt sehen konnte – aber von außen konnte man nur einen grauen Stoff sehen.
Perfekt!, dachte Grace, zufrieden mit sich. Jetzt musste sie ihn nur noch anprobieren, ihren Anzug …
Vorsichtig schlüpfte Grace in den Anzug, der sich sofort ihren Körperformen anpasste. Darunter trug sie nur eine dünne Strumpfhose und ein Top, doch auch bei dickerer Kleidung würde sich der Anzug mühelos anziehen lassen, dessen war sich Grace sicher.
Als sie schließlich im Anzug auf dem Parkettboden stand und sich im Spiegel begutachtete, konnte sie es kaum fassen, dass sie selbst, Grace Parker, und nicht Spiderman persönlich in diesem Anzug steckte. Zu guter Letzt nahm sie ihre Maske in die Hände und drehte sie beinahe liebevoll darin um, dann setzte sie die Maske auf.
Beinahe hätte sie vor Freude geschrien, doch sie konnte ihren Schrei gerade noch im Mund festhalten, indem sie die Lippen fest aufeinander presste.
Man hätte meinen können, Spiderman persönlich stand in Grace' Zimmer. Es war unglaublich, wie realitätsgetreu Grace den Anzug nachgebildet hatte. Und das beim ersten Anlauf!
Plötzlich klopfte es an der Tür.
„Grace?“
Es war ihre Mutter, die gerade die Türklinke herabdrückte und dann auf einen Widerstand stieß, denn die Tür war abgeschlossen.
Sofort riss Grace sich die Maske vom Kopf.
„Ähm, ja, Mum? Was gibt es?“
„Warum hast du denn abgeschlossen?“, fragte ihre Mutter verdutzt.
„Nicht so wichtig. Was willst du?“
„Dein Vater und ich wollen eine Runde spazieren gehen. Jack setzen wir auf dem Weg bei einem Freund ab. Möchtest du mitkommen?“
Ein erfreutes Grinsen stahl sich auf Grace' erhitztes Gesicht. Wenn alle außer Haus waren, konnte sie ebenfalls verschwinden und den zweiten Teil ihres Plans in die Tat umsetzen!
„Äh … nee, ich hab noch Hausaufgaben auf.“
Das stimmte zwar, doch Grace dachte nicht einmal annähernd daran, sie zu erledigen. Es gab Wichtigeres zu tun.
„Gut, Schatz, dann viel Vergnügen mit den Hausaufgaben. Wir werden wohl erst ein wenig später zurückkommen, da wir noch Essen gehen. Vielleicht gegen sieben.“
Entzückt warf Grace einen Blick auf ihren digitalen Wecker. Es war erst gerade 11 Uhr morgens, das bedeutete: 8 ganze Stunden Zeit!
Sie musste sich beherrschen, um ihre Euphorie zurückzuhalten.
„Okay, Mum. Euch auch viel Spaß.“
„Tschüss, Grace.“
„Ciao!“
Sobald Grace die Haustür zugehen hörte, überlegte sie, wo sie am besten ihren Plan in die Tat umsetzen könnte. Es musste ein verlassener Platz sein, an dem sie in Ruhe etwas ausprobieren konnte. Doch wo gab es in New York einen solchen Platz?
Aber natürlich! Es fiel Grace wie Schuppen von den Augen. Der alte, seit Jahren nicht mehr betretene Spielplatz in East Village. Jawohl, dort würde sie hingehen!
Schnell schlüpfte sie aus ihrem Anzug, verstaute ihn gut in einer etwas größeren Handtasche und machte sich, nachdem sie sich angezogen hatte, auf den Weg.

Kein Mensch war weit und breit zu sehen.
An diesen Ort kamen seit dem schwerwiegenden Unfall vor fünf Jahren keine Kinder mehr zum Spielen, und auch keine Erwachsenen, die hier ausruhen wollten. Der Platz war sozusagen von einer unsichtbaren Schutzhülle umgeben, die niemand mehr zu durchbrechen wagte, aus Angst, ihm oder ihr könne dasselbe zustoßen wie dem kleinen Billy damals.
Mit einem flauen Gefühl in der Magengegend betrat Grace den verlassenen Spielplatz. Es kam ihr vor wie in einem dieser Gruselfilme, die Jack sich heimlich manchmal ansah: Ein verlassender Ort, ein Mädchen, das sich ganz allein dorthin verirrt hatte, und irgendwann kam dann der Mörder …
Grace' Nackenhaare stellten sich auf und ein kalter Schauer lief ihr den Rücken hinunter, doch dann schüttelte sie den Kopf.
„Grace“, sagte sie sich, „hier ist nichts, wovor du dich fürchten müsstest. Du bist doch gern allein, und das hier ist kein Ort zum Fürchten.“
Doch so ganz wohl war ihr bei der ganzen Sache nicht.
Aber dann dachte sie wieder an den Grund, der sie hierher geführt hatte, und packte ihren Anzug aus, schlüpfte hinein und zog sich dann die Maske über.
Wow. Man hatte trotz des begrenzten Sehfeldes des durchsichtigen Stoffes ein ziemlich breites Sichtfeld. Grace musste sich erst einige Sekunden an ihre neue Sicht gewöhnen, doch schon nach zehn Sekunden begann sie, die vergilbte Rutsche des Spielplatzes hochzuklettern. Der Anzug passte sich jeder ihrer Bewegungen an, und Grace fühlte sich, als hätte sie gar nichts an – was aber zum Glück nicht stimmte.
Sie probierte noch weitere Bewegungen mit ihrem neuen Anzug aus, und er hielt jeder auch noch so starken Dehnung stand. Grace war beeindruckt.
Eigentlich war sie immer schon gut in Sport gewesen. Nicht nur schulisch, sondern auch freizeitmäßig. Sie turnte jeden Mittwochabend in einer kleinen Gruppe und es machte ihr sehr viel Spaß. Schulisch gesehen war sie die beste in ihrer Stufe, das hatte die Lehrerin mehrmals betont. Eigentlich brauchte Grace gar nicht mehr zum Unterricht kommen, nur noch zum Notenunterricht, weil sie sowieso schon alles perfekt konnte. Woher sie diese Begabung hatte, wusste sie nicht.
Aber Grace wusste ja auch nicht, dass Spiderman alias Peter Parker ihr leibhaftiger Vater war!
Nach vielen Minuten des Ausprobierens setzte Grace sich auf eine Bank, um zu verschnaufen, und nahm ihre Maske ab. Es war anstrengend, Spiderman zu spielen, doch es machte ihr auch unglaublich viel Spaß.
Als Grace sich gerade umdrehte und in die Richtung sah, aus der sie gekommen war, ging ihr der Schock durch Mark und Bein. Ein Mann hetzte auf sie zu und rief etwas, was sie aber noch nicht verstand.
Ohne eine Sekunde zu zögern sprang Grace auf, zog sich ihre Maske über und sprang über einen kleinen Balken.
„Spiderman, warte!“, hörte sie hinter sich die Stimme des Mannes, doch sie drehte sich nicht um. Im Gegenteil – sie beschleunigte ihre schnellen Schritte, und dann sah sie vor sich plötzlich eine etwas höhere Mauer. Mist, jetzt saß sie in der Falle!
Doch dann dachte sie daran, in welchem Anzug sie gerade steckte. Der Mann hinter ihr hielt sie für Spiderman, also wollte sie ihm auch eine gebührende Show bieten …
Ein letztes Mal beschleunigte sie, und dann, als sie nahe genug an der Mauer war, sprang sie.
Grace wusste nicht genau, ob der Abstand ausgereicht hatte und ob sie die Mauer überhaupt überwinden konnte, doch ihr blieb keine Wahl.
Und dann spürte sie die Mauer unter sich. Sie war darauf gelandet!
Grace hätte vor Freude aufschreien können, doch sie beherrschte sich und beobachtete in der Hocke den Mann, der verblüfft einige Meter vor der Mauer zum Stehen kam.
„Spiderman, komm herunter, ich möchte ein Foto mit dir schießen!“, rief er.
Angewidert wandte Grace sich ab und schaute sich um. Vor ihr lag ein kleiner Park, den sie ganz gut kannte. Hier war ihre Mutter immer mit Jack und ihr spazieren gegangen, vor vielen Jahren einmal.
„Spiderman“, sagte der Mann flehend, doch Grace sprang leichtfüßig von der Mauer herunter und lief eilig den Weg im Park entlang, um sich von dem Mann zu entfernen. Er würde ihr sowieso nicht folgen können.
Schnell schlüpfte Grace hinter ein Gebüsch und zog den Anzug aus, dann stopfte sie ihn in ihre Tasche, die sie zum Glück mitgenommen hatte.
Grace bemühte sich, möglichst normal den Weg entlang zu gehen, doch sie konnte es nicht vermeiden, sich manchmal nach dem Mann umzudrehen, der aber nie da war.

Erschöpft kam Grace eine halbe Stunde später daheim an. Sie ließ die Tasche mit dem Anzug neben ihr Bett fallen und setzte sich dann auf die weiche Matratze.
Sie war soeben mit Spiderman verwechselt worden! Das war die größte Ehre, die ihr jemals zuteil geworden war! Doch andererseits wäre sie fast erwischt worden und die ganze Sache wäre aufgeflogen. Es war gut, wie es ausgegangen war.
Plötzlich klingelte es an der Tür.
Erschrocken fuhr Grace hoch. Wer konnte das sein?
Eilig tapste sie zur Tür und öffnete sie.
Draußen stand Mike Bird, ein Junge aus ihrer Stufe. Sein blondes Haar war verwuschelt und seine blauen Augen sahen Grace ein wenig schüchtern an, als er sie fragte: „Ähm, hi. Kann ich reinkommen?“
„Öhm …“, machte Grace verwundert, aber trat dann zur Seite. „Klar, komm rein.“
„Danke.“
Mike trat in den Flur des geräumigen Hauses und zog seine Schuhe aus. Die dünne Jacke legte er darüber, dann folgte er Grace ins Wohnzimmer. Die beiden setzten sich mit respektvollem Abstand aufs Sofa, und dann wollte Grace wissen: „Was tust du hier? Warum bist du denn zu mir gekommen?“
Zuerst sah es so aus, als wollte Mike mit der Antwort nicht herausrücken, doch dann schien er sich ein Herz zu fassen und schaute Grace direkt in die Augen.
„Ich habe Streit zu Hause mit meinen Eltern. Sie haben mich sozusagen hinausgeworfen, und ich wusste nicht, wo ich hingehen sollte. Dann fiel mir ein, dass du hier in der Gegend wohnst. Und da dachte ich mir, gehe ich einfach mal zu Grace Parker, dem Mädchen von nebenan …“
Grace' Wangen färbten sich leicht rosa und sie wandte den Blick ab. Mike sah schon gut aus, aber sie war noch zu jung für einen Freund, fand sie. Die Schule – und vor allem ihre Spiderman-Aktion – hatten Vorrang.
„Willst du was trinken?“, fragte Grace höflich, um dem Thema auszuweichen.
„Ja, gerne. Hast du Cola da?“
Verwundert zog Grace eine Augenbraue hoch, dann schüttelte sie leicht den Kopf.
„Meine Eltern haben derartiges Zeugs noch nie im Haus gehabt. Das ist nicht gut, weißt du das? Ich hätte Sprudel anzubieten.“
„Dann nehme ich das.“ Mike grinste verlegen, als er sich durch die Haare wuschelte. Grace eilte in die Küche, um Mike Sprudel einzuschenken, und als sie wieder ins Wohnzimmer trat, stand Mike vor der Bildergalerie im Regal. Die 16-Jährige stellte das Glas auf dem Wohnzimmertischchen ab und trat neben ihn.
„Bist du das?“, fragte Mike und tippte auf das Foto eines kleinen Mädchens mit wild gelockten roten Haaren, das grinsend in die Kamera schaute.
„Ja. Ich war fünf, als das aufgenommen wurde.“
„Fünf? Da siehst du aber älter aus. Und du bist ziemlich groß.“
„Das bin ich auch heute noch“, grinste Grace. „Siehst du, ich bin sogar ein Stückchen größer als du.“
Überrascht nickte Mike, als er Grace gemustert hatte. „Du hast Recht. Wow.“
„Vielleicht ist es dir nur noch nie aufgefallen“, sagte Grace und wollte wieder Richtung Sofa gehen, als Mike sich erneut einem Foto zuwandte.
„Sind das deine Eltern?“
Grace folgte seinem Blick. Es war das Hochzeitsfoto ihrer Eltern. Sie nickte.
„Deine Mutter sieht fast so aus wie du. Nur die Augen hast du von deinem Vater. Moment mal …“
Auf Mikes Gesicht stahl sich ein überraschter Ausdruck, als er Grace' Vater genauer musterte. Grace' Stirn legte sich in Falten.
„Dein Vater – er ist nicht zufällig Spidermans Fotograf, oder?“
Jetzt war es an Grace, Überraschung zu zeigen. Mike kannte ihren Vater? Aber woher?
„Ja, ist er. Aber woher kennst du ihn?“, fügte sie verwundert hinzu.
„Ach, sein Name steht immer unter den Spiderman-Fotos in den Zeitungen und manchmal ist auch ein Interview mit einem Foto drinnen.“

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Samstag, 10. März 2012, 12:02

RE: Spidermans Erbe

Aha, Mike war ein aufmerksamer Zeitungsleser. Genau wie Grace, doch sie spezialisierte sich auf Spiderman. Da kam ihr ein Gedanke und sie sprach die Frage sofort aus.
„Wie findest du Spiderman?“
„Spiderman? Er ist unglaublich, aber ich habe ihn leider noch nie real zu Gesicht bekommen, was ich aber gern würde. Und was ist mir dir?“
Grace trat unruhig von einem Fuß auf den anderen. Dann nickte sie bestätigend.
„Ich finde Spiderman mehr als nur unglaublich. Er ist beinahe wie ein Gott, der unsere Stadt beschützt. Ein realer Superheld. Ich würde ihn gerne einmal kennen lernen.“
„Wer würde das nicht wollen?“ Mike grinste. „Er ist immerhin die freundliche Spinne aus der Nachbarschaft. Warum sollte er nicht in unserer Nachbarschaft wohnen, nur wissen wir nichts davon? Er könnte dein Nachbar sein.“
Grace konnte sich ein Lachen nicht verkneifen, dann schüttelte sie ihre roten Locken.
„Nee, wohl eher nicht. Unser einer Nachbar ist ein alter Greis von 99 Jahren, der kann schlecht um die Häuser schwingen, wenn er im Rollstuhl sitzt. Und die andere Frau dort drüben in der Nummer 17 ist es sicher auch nicht, die studiert momentan in Australien und wir haben sie seit fünf Jahren nicht mehr gesehen.“
„Oh.“ Mike kratzte sich verlegen am Kopf. „Na ja, aber wer weiß. Ein Nachbar ist er ja sicher. Irgendwo muss er ja wohnen. Denn ich bezweifle stark, dass er in einem riesigen Spinnennetz wohnt.“
Grace musste unwillkürlich grinsen. Die Vorstellung war einfach zu absurd, um ihr Glauben schenken zu können.
„Soll ich dir mal mein Zimmer zeigen?“, fragte Grace, und Mike zuckte mit den Schultern.
„Gern doch.“
Sie biss sich auf die Lippen, doch dann verwarf sie ihre Zweifel wieder. Warum sollte Mike es nicht schön finden?
„Da wären wir.“
Grace öffnete die Tür zu ihrem Zimmer und ließ Mike eintreten. Dessen Unterkiefer klappte nach unten, als er im Zimmer stand und sich umsah.
„Wow … du scheinst ja ziemlich auf Spiderman zu stehen.“
„Nun ja, ich kenne ihn ja nicht vom Aussehen her. Und nein, ich verehre ihn nicht wie die anderen Mädchen ihre Popstars oder ihre Schauspieler. Ich versuche, sein Geheimnis zu lüften.“
Verwundert traf sie Mikes Blick. „Sein … Geheimnis?“
„Ja“, antwortete Grace, als wäre dies selbstverständlich. „Ich möchte wissen, wer hinter diesem Superheldenkostüm steckt. Wie er lebt. Was er tut. Und wie er die ganzen Leute rettet. Wie alt er ist. Und wie er seinen Spinnenfaden erzeugt.“
Mike schien ganz baff zu sein, denn er brachte kein weiteres Wort mehr aus seinem Mund und konnte ihn scheinbar auch nicht mehr schließen. Deswegen drehte er sich um und lief zu ihrem Zeichenbrett, auf dem eine Skizze von Spiderman lag.
„Du zeichnest ihn?“, fragte er und sah sich die Zeichnung genauer an. Dann ging er zu einer Wand, an der die meisten Zeichnungen hingen, und strich vorsichtig über einige davon.
„Die sind wirklich gut“, sagte er leise. Grace lief rot an, doch sie trat trotzdem hinzu.
„Findest du wirklich?“, fragte sie in derselben Lautstärke.
„Ja. Du zeichnest sehr genau, aber gleichzeitig nur das Nötigste, und es sieht trotzdem echt aus. Man könnte meinen, er fliegt über deine Wand. Wirklich“, fügte er hinzu, als er Grace' misstrauischen Gesichtsausdruck sah. Sie sah weg, als ihr noch mehr Blut in die Wangen schoss.
„Sei doch nicht so bescheiden“, lächelte er mild. „Du bist wirklich begabt. Eine wundervolle Zeichnerin und eine unglaublich perfekte Sportlerin.“
Doch Grace winkte nur ab. „Ich bin nicht perfekt, genauso, wie es jeder andere auch nicht ist. Nicht mal Spiderman.“
Mikes Augenbrauen wanderten nach oben, und schnell fügte sie hinzu: „In was, weiß ich allerdings noch nicht. Ich werde es aber herausfinden.“
„Das klingt wie in einem Kriminalroman, Grace.“
„Ich weiß. Es ist verrückt. Ich bin verrückt.“
„Du? Nein, alle, aber nicht du“, antwortete Mike.
Eine kleine Weile herrschte Schweigen, während Mike an den möbelfreien Wandteilen entlangwanderte, an denen Spidermanzeichnungen und -artikel hingen. Grace sah währenddessen aus dem Fenster und beobachtete ein Vogelpärchen, das im Baum eng zusammengekuschelt saß und zwitscherte.
„Danke“, hauchte sie nach einer Weile, und Mike drehte sich zu ihr um.
„Möchtest du, dass ich dir beim Lüften von Spidermans Geheimnis helfe?“, fragte er direkt, und Grace fuhr überrascht herum.
„Was … was hast du gesagt?“
„Ich habe gefragt“, wiederholte Mike geduldig, „ob ich dir beim Lüften von Spidermans Geheimnis helfen soll?“
Grace war zu perplex, um auch nur ein Wort herauszubringen. Sie hob die Hände, ließ sie dann aber wieder sinken, weil sie nicht wusste, was sie mit ihnen anstellen sollte.
„Nun?“, fragte Mike weiter.
„Ja, das wäre schön“, antwortete Grace, und es war nur ein Flüstern, doch Mike schien es gehört zu haben, denn ein Lächeln erschien auf seinem Gesicht.
„Ich glaube, ich muss jetzt gehen“, sagte er schließlich. Wehmut machte sich auf seinem Gesicht breit, und auch Grace verspürte einen leichten Stich.
„Bekommst du nicht Ärger zu Hause?“, fragte sie.
„Doch“, antwortete Mike, „aber ich denke, die werden sich wieder einrenken. Sie können mich nicht auf die Straße setzen, und das wissen sie auch. Also, danke, dass ich hier sein durfte.“
„Kein Problem“, erwiderte Grace. „Und falls du Lust hast, kannst du gerne vorbeikommen.“
„Ich denke, das lässt sich einrichten.“ Mike grinste. „Na dann … einen schönen Tag noch, Grace.“
Bevor Grace auch nur den Mund aufmachen konnte, war Mike bereits aus ihrem Zimmer verschwunden und sie hörte unten einen Reißverschluss zugehen. Als sie an der Zimmertür stand, ging gerade die Haustür zu und Grace war wieder allein.

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Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »Remus.Lupin« (10. März 2012, 12:30)


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4

Montag, 2. April 2012, 11:23

RE: Spidermans Erbe

~ 3 - Der Spinnenfaden ~

Als ihre Eltern nach Hause kamen, zusammen mit ihrem kleinen Bruder im Schlepptau, lag Grace schon im Bett und schlief. MJ kam noch schnell nach oben, um nach ihrer Tochter zu sehen, und lächelte, als sie sie schlafen sah. Sie drückte ihr einen Kuss auf ihr Haar und schloss dann leise die Tür.
„Sie schläft schon“, erklärte sie Peter, der es sich unten im Wohnzimmer gemütlich gemacht hatte. Heute hatte er keinen Einsatz als Spiderman gehabt – auch mal etwas Entspannendes.
„Na, das ist doch schön. Jack ist auch gleich zu Bett gegangen.“
Dann starrten die beiden auf den leisen Fernseher, in dem eine öde Talkshow lief. Doch keiner der beiden interessierte sich dafür, denn beide hingen ihren Gedanken nach.
„Peter?“, fragte MJ nach einer Weile des Schweigens.
„Was gibt es, Schatz?“
„Meinst du nicht, wir sollten Grace und Jack langsam einweihen in … nun ja –“
„Nein!“, sagte Peter entschieden. Auf seinem Gesicht erschien ein entschlossener Ausdruck. „Ich möchte nicht, dass Grace und Jack in ihrem Traum von Spiderman enttäuscht werden – genauso wenig möchte ich alle anderen Einwohner New Yorks enttäuschen, und deswegen bin ich auch als Spiderman und nicht als Peter Parker unterwegs.“
„Aber“, warf MJ verwundert ein, „wieso solltest du sie denn enttäuschen?“
„Schau mich doch mal an“, antwortete Peter. „Ich bin nicht die Art von Person, die man für einen Superhelden hält. Ich bin ein durchschnittlicher, wenn nicht sogar unterdurchschnittlicher Mann, der nichts, aber auch rein gar nichts von einem Superhelden hat – außer den Anzug im Schrank. Hättest du damals denn gedacht, dass hinter deinem Superhelden dein Schulfreund Peter Parker steckt?“
Bekümmert schüttelte MJ ihre roten Haare. Nein, das hätte sie nie für möglich gehalten, bevor sie es mit eigenen Augen gesehen hatte. Damals, als der verrückte Wissenschaftler Octavius sie entführt hatte und Peter alles daran gesetzt hatte, sie zu retten – als Spiderman natürlich. Doch er hatte schlimme Verletzungen erlitten und sein Anzug und die Maske waren zerschlissen gewesen, sodass er sich MJ wohl oder übel hatte offenbaren müssen. Sie hatte sich erst damit abfinden müssen, dass Peter und Spiderman ein und dieselbe Person waren.
Mittlerweile hatte sie sich aber daran gewöhnt, dass ihr Mann der Superheld der Stadt war, auch wenn er sich niemandem zeigte. Das fand sie gut, denn sonst würde die Anonymität Spidermans nicht mehr das große Geheimnis um den Superhelden sein. MJ war nämlich insgeheim sehr stolz darauf, zu wissen, wer Spiderman wirklich war. Und genau diesen Mann liebte sie – nicht Spiderman, denn er war nur ein Teil von ihm, sondern Peter Parker.
„Nein“, antwortete sie schließlich auf Peters Frage, ob sie damals von ihm gedacht hatte, dass er Spiderman sei. „Wie hätte ich das denn auch können? Du hast dich immer seltsam benommen, aber ich hätte nie gedacht, dass du Spiderman bist.“
„Da hast du es“, grummelte Peter. „Wer würde mich denn hinter Spiderman vermuten? Ich bin immerhin sein Fotograf. Na ja – angeblich. Ich klemme die Kamera meist in irgendwelche Lücken und stelle sie so ein, dass sie von selbst Bilder schießt, und dann husche ich vorbei. Das ist eigentlich alles.
Aber wie gesagt, ich möchte meinen Kindern nicht die unschöne Wahrheit auf dem Silbertablett präsentieren – unschön wortwörtlich genommen“, fügte er grinsend hinzu.
MJ schüttelte den Kopf und drückte Peter einen Kuss auf den Mund.
„Du bist schön“, flüsterte sie. Dann gähnte sie herzhaft.
„Ab ins Bett mit dir, Prinzessin“, lachte Peter und schaltete den Fernseher aus, was er eigentlich längst hätte tun sollen. Und bevor MJ auch nur einen Finger rühren konnte, hatte Peter sie auf seine starken Arme gehoben und rannte mit ihr so leichtfüßig die Treppen nach oben, dass man hätte meinen können, MJ wäre nicht schwerer als eine Feder.
Lachend ließen die beiden sich aufs Bett fallen.
„Du bist verrückt“, kicherte MJ, die sich plötzlich an ihre erste Rettung von Spiderman erinnerte. Damals war er mit ihr um die Häuser geschwungen und sie hatte es nicht wahrhaben wollen.
„Ich bin Spiderman“, war Peters Antwort und er grinste schief, dann konnte auch er ein Gähnen nicht mehr länger unterdrücken und die beiden machten sich bettfertig.

Am nächsten Morgen schlug Grace spät die Augen auf. Die Sonne stand bereits fast im Zenit, es war also kurz vor zwölf Uhr mittags.
Müde streckte sie sich, dann setzte sie sich auf und schlüpfte in ihre flauschigen Pantoffeln. Die trug sie das ganze Jahr lang.
„Mum? Dad?“, murmelte Grace schlaftrunken, als sie unten im Wohnzimmer ankam und ihre Eltern bereits frühstückten.
„Guten Morgen, Schatz. Hast du gut geschlafen?“, begrüßte ihre Mutter sie.
„Ja.“
„Was hast du denn gestern gemacht? Du scheinst ziemlich müde gewesen zu sein“, grinste ihr Vater und biss in sein Marmeladenbrötchen.
„Ach, nichts. Ich hab nur die letzten Nächte schlecht geschlafen.“
Sie hatte nicht gelogen – immerhin hatte sie die Nacht von Freitag auf Samstag damit verbracht, ihren Spiderman-Anzug zu nähen.
„Dann hast du dich hoffentlich jetzt ausgeschlafen, Liebling.“
„Ich geh mich mal anziehen“, verkündete Grace und schleppte sich wieder nach oben. Ihre Knochen, Glieder und Augen waren tonnenschwer, so kam es ihr zumindest vor. Doch sie schaffte es, sich umzuziehen und sich im Bad fertig zu machen und danach nach unten zu gehen, um auch zu frühstücken.
In dem Moment, als Grace das letzte Stück ihres Toastbrotes in den Mund stopfte, kam eine Meldung im Radio, das jeden Tag im Hintergrund lief.
„Ein Brand in der Fifth Avenue erschüttert gerade tausende von Menschen. Im Haus befnden sich vermutlich noch Menschen. Die Feuerwehr –“
Bevor der Radiosprecher seinen Satz zu Ende führen konnte, war Grace' Vater bereits aufgesprungen und hatte sich seine Kamera vom Jackenhaken gegriffen, seine Jacke angezogen und schlüpfte soeben in seine Schuhe.
Grace sah ihre Chance gekommen. Sie rief etwas von „oben etwas zu erledigen“ und rannte so schnell sie konnte die Stufen zu ihrem Zimmer hinauf. Dort schlüpfte sie in ihre alten Straßenschuhe, die im Schrank vor sich hin müffelten, griff sich ihre Kamera, öffnete das Fenster und schätzte etwa den Abstand zum Rasen ein. Würde sie springen können, ohne sich Verletzungen zuzuziehen?
Dann fiel ihr der Sprung auf die Mauer gestern ein, und sie schwang sich auf das Fensterbrett, kauerte sich darauf so hin, dass sie springen konnte – und sprang schließlich.
Seltsamerweise kam sie weich federnd auf dem kurz geschnittenen Gras auf, obwohl es über zwei Meter von dort oben waren. Doch Grace dachte darüber nicht lange nach, sondern rannte in Richtung Fifth Avenue, wo das Haus laut dem Radiosprecher brannte. Wenn ihr Vater dort entlang gerannt war, würde Spiderman nicht weit sein!
Schließlich kam sie einige Minuten später keuchend an dem brennenden Haus an, packte ihre Kamera aus und machte sich zum Filmen bereit. Sie wartete nur noch auf ihren Superhelden.
Und dann kam er.
Er schwang von einer Seitenstraße auf das brennende Haus zu und verschwand so schnell in einem der eingebrochenen Fenster, dass Grace Mühe hatte, seine Bewegungen zu filmen. Sie hatte ihn sich exakt so vorgestellt, wie er hier gerade auftrat – keine Sekunde vor einem Hindernis zurückschreckend, sondern sich sofort in die Gefahr stürzend. Dieser Mann musste definitiv vor nichts Angst haben …
„He, junge Dame, wissen Sie denn nicht, dass das Filmen von Spidermans Auftritten verboten ist?“, fragte da plötzlich eine raue Stimme neben ihr. Grace drehte sich erschrocken zur Seite und sah einer älteren Dame ins Gesicht, die sie forschend musterte.
„Das … wusste ich nicht.“ Doch Grace packte die Kamera nicht weg, sonst würde sie Spiderman verpassen.
„Nun, vielleicht kann man eine Ausnahme machen. Ich sag's auch nicht weiter“, lächelte die alte Dame und musterte Grace interessiert. Verlegen schaute diese auf den Asphalt.
„Bist du denn auch so begeistert von Spiderman wie ich?“, fragte die Dame zu Grace' großem Erstaunen. Mit offenem Mund starrte sie die Frau an, doch diese lächelte nur verschmitzt.
„Darf man in meinem Alter denn nicht mehr von einem Superhelden schwärmen?“, lachte sie und klang dabei wie eine junge Frau.
„Das … das habe ich doch gar nicht gesagt. Es ist nur … interessant“, antwortete Grace, die erstaunt darüber war, wie viele Generationen Spiderman in seinen Bann zog.
„Nun, dann mal viel Spaß beim Filmen. Ich sag es auch nicht weiter. Tschüss, junge Dame.“
„Auf Wiedersehen“, verabschiedete sich auch Grace und sah zu, wie die alte Dame in der großen Menschenmenge verschwand.
In diesem Moment tauchte Spiderman wieder aus dem brennenden Haus auf. Mit einem kleinen Kind im Arm schwang er graziös um das Haus herum, lud es sanft auf dem Boden ab und schwang sich zurück in die Flammen.
Grace hatte ihn endlich real vor sich gesehen. Sie konnte es kaum fassen, als sie auf dem Heimweg war. Doch dann rief plötzlich hinter ihr jemand nach ihr.
„Grace Parker! Wirst du wohl stehen bleiben!“
Vor Schreck blieb sie tatsächlich stehen. Die Stimme kam ihr nur allzu bekannt vor …
„Junge Dame! Was hast du hier zu suchen?“, fuhr ihr Vater sie streng an und riss sie unsanft an der Schulter herum.
„Dad, ich –“
„Ich möchte keine Erklärung haben. Die Kamera dort ist genug“, grummelte er und deutete mit einem Kopfnicken auf die Kamera, die in ihrer zugehörigen Tasche lag und unschwer als Kamera zu erkennen war.
„Dad, ich … ich wollte Spiderman einmal live sehen“, antwortete Grace ehrlich, denn sie wusste, dass lügen in diesem Moment nichts bringen würde.
„Das glaube ich dir nur zu gern. Aber Grace, erstens hast du etwas Verbotenes getan, nämlich Spiderman ohne Erlaubnis gefilmt, und zweitens hättest du mir sagen können, dass du mitkommst!“
„Du hättest das nicht verstanden“, murmelte Grace kaum hörbar, doch ihr Vater knurrte. Er hatte sie sehr wohl verstanden.
„Das hätte ich vielleicht nicht, und du weißt auch genau, warum!“, antwortete er wütend. „Weil es dort, wo Spiderman sich aufhält, immer gefährlich ist!“
Wütend stapfte Grace von dannen. Sie wollte nichts mehr davon hören. Ihr Vater wollte sie nur beschützen, das war ihr klar, doch sie wollte nicht beschützt werden. Von nichts und niemandem. Sie war schließlich alt genug, und in zwei Tagen würde sie siebzehn werden. Da brauchte man keinen väterlichen Schutz mehr!
„Darüber reden wir später noch, junge Dame!“, rief ihr Vater ihr nach, als sie mit schnellen Schritten um die nächste Ecke bog und er aus ihrem Sichtfeld verschwand.

Die Standpauke am Abend hörte sich Grace zwar an, doch sie registrierte sie nicht. Es war ihr egal, ob ihr Vater nun sauer auf sie war oder nicht. Ihre Mutter hatte ihr wenigstens nur einen enttäuschten Blick zugeworfen und dann das Zimmer verlassen, während Grace' Vater weiter auf sie einredete.

Am Morgen ihres Geburtstages fühlte Grace sich krank. Sie konnte kaum gerade stehen, ihre Glieder schmerzten und ihr Mund fühlte sich so trocken an, als hätte sie jahrelang nichts mehr getrunken. Sie hatte über 40° Celsius Fieber und zitterte am ganzen Körper, während sie im Bett lag und zu nichts imstande war außer an die Decke zu starren und ab und zu zu schlafen.
Ihre Mutter hatte ihr versprochen, dass sie ihren Geburtstag so bald wie möglich nachfeiern würden.

In der Nacht auf den nächsten Tag träumte Grace von riesigen Spinnen, die das Haus mitsamt seinen Bewohnern in ihr Netz spann und nur darauf wartete, dass sich jemand auf dem klebrigen Faden verfing, damit sie denjenigen verspeisen konnte.
Schweißgebadet schrak Grace aus dem Schlaf auf. Sie keuchte, denn der Albtraum war ihr seltsamerweise sehr nahe gegangen. Normalerweise hatte sie keine Angst vor Spinnen – im Gegenteil, sie fand die kleinen Krabbler ganz faszinierend. Doch die Spinne in ihrem Traum hatte ihr Angst gemacht.
Als Grace' Puls sich wieder reguliert hatte, atmete sie tief aus und wollte sich schon zurück in ihr weiches Kissen sinken lassen, als ihr etwas auffiel.
Sie fühlte sich auf einmal nicht mehr krank, sondern topfit. Und ihre Glieder schmerzten auch nicht mehr. Wie konnte das sein?
Doch bevor Grace sich weiter darüber Gedanken machen konnte, waren ihre Augen auch schon zugefallen, sie lag wieder auf dem Kissen und sank in tiefen Schlaf.

Die Sonne kitzelte Grace' Nasenspitze, und die nun 17-Jährige schlug die Augen auf.
Vollkommen ausgeschlafen setzte Grace sich auf und streckte sich. Dann fiel ihr ein, was sie in der Nacht festgestellt hatte. Sie war doch noch krank eingeschlafen, und sie konnte über Nacht unmöglich vollkommen gesund geworden sein!
Doch sie fühlte sich gesund. Sie fühlte sich besser, als sie sich je gefühlt hatte, so kam es ihr vor.
Ein leiser Schrei entfuhr ihr, als sie plötzlich die Schrift auf einem der Zeitungsartikel an der Wand gegenüber lesen konnte. Die Wand war mindestens zweieinhalb Meter entfernt und die Schrift war aus dieser Entfernung normalerweise nie lesbar gewesen. Deswegen erschrak Grace umso mehr, als sie sie plötzlich doch lesen konnte.
Mit einem flauen Gefühl im Magen sah sie sich in ihrem Zimmer um. Verwundert stellte sie fest, dass sie alles besser und schärfer, beinahe auch farbintensiver, sehen konnte.
Das kann doch gar nicht sein!, dachte Grace sich kopfschüttelnd. Das ist unmöglich. Ich bilde mir das alles nur ein.
Mit neuer Kraft trat sie ans Fenster und wunderte sich erneut darüber, dass sie so scharf sehen konnte. Der Baum unter ihr hatte interessante Blattstrukturen.
Jetzt hielt sie es nicht länger aus. Beinahe hätte sie laut geschrien, doch sie atmete tief ein und ballte ihre Hände zu Fäusten. Was ihr jetzt auffiel, ließ sie beinahe in Ohnmacht fallen.
An ihren Oberarmen hoben sich deutlich Muskeln hervor, die gestern da noch nicht gewesen waren.
Grace kreischte verzweifelt und beäugte den Rest ihres Körpers mit Tränen in den Augen.
Auch an anderen Stellen traten die Muskeln deutlicher hervor als sonst. Es war, als hätte sie über Nacht an Muskelmasse zugelegt – und zwar deutlich.
„Grace?“, hörte sie ihre Mutter von unten rufen, und dann knarrte die Treppe.
Schnell spurtete Grace zur Tür und drehte den Schlüssel um. Sie musste erst einmal herausfinden, was genau mit ihr passiert war, bevor sie es ihrer Mutter erzählen konnte.
„A-Alles in O-Ordnung, Mum“, rief Grace zurück, doch genau das Gegenteil war der Fall: Nichts war mehr in Ordnung, gar nichts mehr!
Ihre Mutter schien wieder nach unten gegangen zu sein, denn die Treppe knarrte nicht mehr.
Als Grace sich leicht keuchend umzog, stellte sie fest, dass ihre Hände ein wenig rauer geworden waren. Vielleicht sollte sie sie eincremen … Aber innerlich wusste sie bereits, dass das nichts bringen würde. Warum, das wusste sie allerdings noch nicht.
Mit wackligen Beinen schloss sie die Tür auf, schlurfte die Stufen hinab und setzte sich zitternd an den Esstisch. Ihre Mutter sah sie besorgt an.
„Ist alles in Ordnung? Wie geht es dir?“
„Nicht so gut“, sagte Grace, die froh darüber war, dass es ihr gerade körperlich nicht so gut ging vor Schock. Es hätte ihre Mutter sicherlich genauso gewundert wie sie selbst, dass sie über Nacht mehr als gesund geworden war …
„Ruh dich aus, Schatz. Ich gehe jetzt arbeiten, komme gegen 15 Uhr wieder. Ist das okay? Wenn etwas ist, ruf mich auf dem Handy an.“
Grace nickte nur mit dem Kopf, dann sah sie ihrer Mutter dabei zu, wie diese in Jacke und Schuhe schlüpfte, ihr noch kurz zuwinkte und dann das Haus verließ.
Verzweifelt saß Grace erst einmal einige Minuten lang unbewegt auf ihrem Stuhl und war zu geschockt, um überhaupt irgendetwas Vernünftiges zu denken.
Was zur Hölle war mit ihr über Nacht geschehen? Sie konnte es sich nicht erklären.
Woher kamen die Muskeln, wieso war sie komplett gesund und warum konnte sie schärfer und intensiver sehen als sonst? Das ergab doch alles keinen Sinn!
Seufzend riss sie sich aus ihrer Erstarrung und würgte ein leeres Toastbrot hinunter, trank ein Glas laktosefreie Milch in einem Zug und ging zurück in ihr Zimmer.
Als ihr dort wieder bewusst wurde, was mit ihr geschehen war, nahm sie wütend ein verbrauchtes Papier aus dem Mülleimer, knüllte es noch mehr zusammen und warf es dann mit voller Wucht und einem ziemlich lauten Wutschrei auf den Boden.
Es zischte kurz, und Grace öffnete verwundert die Augen. Das, was sie jetzt sah, ließ sie umkippen und kurz bewusstlos auf dem Boden liegen.
Doch sofort schlug sie wieder die Augen auf. Sie war ohnmächtig geworden, so viel war ihr klar. Und dass an dem Papier ein Faden klebte, der mit ihrem Handgelenk verbunden war.
Aber, dachte Grace plötzlich, das sieht ja aus wie ein Spinnenfaden!

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Montag, 2. April 2012, 11:24

RE: Spidermans Erbe

Mit offenstehendem Mund hob sie ihre Hand, und das Papier, das an dem Faden klebte, wurde ebenfalls mit hoch gezogen. Misstrauisch beäugte sie den Faden. Er schien direkt an der Unterseite ihrer Hand aus der Haut herauszukommen, dort, wo der Verbindungsbereich des Armmuskels mit den Sehnen der Hand lag. Und der Faden sah wirklich aus wie der einer Spinne – nur um Vielfaches vergrößert.
Spiderman kann auch Spinnenfäden erzeugen, kam es Grace plötzlich in den Sinn. Aber wie kann das sein? Man wird doch nicht über Nacht zum Superhelden …
Plötzlich schoss eine Idee in Grace' Gehirn umher, und als sie sie schließlich gedanklich festhielt, verfestigte sie sich sogleich zu einem Plan. Wenn sie dieselben Fähigkeiten wie Spiderman besaß, dann konnte sie sogar vielleicht dieselben Dinge tun wie er …
Schnell schlüpfte Grace in ihren Anzug und fuhr den Computer hoch. Dort waren viele Videos von Spiderman gespeichert. Vielleicht konnte sie damit herausfinden, wie Spiderman seinen Spinnenfaden erzeugte.
Auf einem der Videos sah es so aus, als würde Spiderman seine Hand nach vorne strecken, die den Mittel- und den Ringfinger zurückziehen und auf die Hand legen und die restlichen Finger gespreizt lassen.
Sofort versuchte Grace, diese Bewegung nachzumachen. Dann, als sie so weit war, ließ sie das Video weiterlaufen. Spiderman ließ seine Hand nach vorne und gleichzeitig ein Stück nach unten zucken, und dann flog der Spinnenfaden auch schon.
Mit der Zungenspitze zwischen den vor Konzentration zusammengepressten Lippen zuckte Grace ebenfalls mit ihrer Hand. Anfangs passierte noch überhaupt nichts, doch nach ungefähr zehn Versuchen schnellte plötzlich der weiße, klebrige Faden aus ihrer Hand hervor und blieb an ihrem Schrank hängen.
Kichernd ließ Grace das Netz fallen, indem sie ihre Hand kurz erschlaffen ließ. Sofort fiel das Netz herab und blieb auf dem Boden liegen.
Grace wusste, dass sich der Spinnenfaden, wenn er erst einmal abgetrennt war, früher oder später von selber auflösen würde – wo wären sonst Spidermans ganze Fäden geblieben?
„Hm, das ist ja interessant“, murmelte Grace vor sich hin. Aber wie hatte sie diese Fähigkeiten nur erlangt?
Die einzige Möglichkeit, die ihr einfiel, war, dass sie sie geerbt haben musste. Doch sofort verwarf sie den Gedanken wieder. Das konnte unmöglich sein! Ihre Mutter konnte nicht Spiderman sein, sie war immer daheim, wenn er im Fernsehen auftauchte. Und ihr Vater? Der war zwar immer dort, wo Spiderman auch war, aber er fotografierte ihn nur – er brachte ja sogar Fotos mit. Und ihre Großeltern und andere Verwandten konnten es ebenfalls unmöglich sein.
Aber wie genau war Spiderman zu dem geworden, was er war? Es hatte noch nie jemanden vor ihm gegeben, der Derartiges vollbracht hatte. Die Frage war aber einige Überlegungen wert …
Grace schoss einen Spinnenfaden an die Decke und hängte sich dann vorsichtig daran. Er war fester, als sie gedacht hatte – aber eigentlich war es logisch, dass er sie trug, denn erstens trugen Spidermans Fäden ihn auch und zweitens trugen normale Spinnenfäden auch die Spinne.
In diesen Minuten beschloss Grace, ihre Fähigkeiten zu trainieren. Sie konnte doch ihre Gabe nicht ungenutzt lassen …

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Dienstag, 24. April 2012, 18:12

RE: Spidermans Erbe

~ 4 - Training und der erste Einsatz ~

Die nächsten Wochen verbrachte Grace die Nachmittage nach der Schule damit, auf dem alten Spielplatz und in anderen verlassenen Gegenden New Yorks zu trainieren. Sie übte anfangs nur leichte Bewegungen – kleinere Sprünge, Handstände und ab und zu ein paar Saltos – und fing ungefähr zwei Wochen nach Entdeckung ihrer Fähigkeiten damit an, auch schwierigere Bewegungsabläufe durchzuführen – etwa Sprünge über mehrere Meter mithilfe ihres Spinnenfadens, Vor- und Rückwärtssaltos, Überschläge und andere härtere Beanspruchungen.
Sie hatte sogar noch eine weitere Fähigkeit entdeckt: Sie hatte bessere Reflexe bekommen und konnte sogar an Wänden hochkrabbeln, ohne herunterzufallen.
Abends fiel sie immer todmüde ins Bett, doch die Schulaufgaben erledigte sie immer noch vor ihrem Training, damit ihre Noten nicht versagten. Ab und zu setzte sie zwar einen Kurztest in den Sand, doch das störte sie kaum.
Mit Mike traf sie sich des Öfteren und arbeitete weiterhin an Spidermans Geheimnis, doch sie tat so, als hätte sie keine Ahnung von seinen außergewöhnlichen Fähigkeiten, denn sonst hätte sie sich verraten. Die beiden verstanden sich immer besser, und manchmal blieb Mike sogar zum Abendessen. MJ warf Grace immer vielsagende Blicke zu, wenn Mike anwesend war, doch Grace schüttelte nur leicht den Kopf und warf ihrer Mutter giftige Blicke zu. Jack grinste immer und zog Grace immer damit auf, dass sie nun einen Freund hätte – was aber nicht stimmte. Mike und sie waren nur gut befreundet.

Und dann war es endlich soweit.
Grace fühlte sich bereit, in der Öffentlichkeit aufzutreten. Sie war sich sicher, dass sie Spiderman mühelos über die Häuser folgen konnte und so mit ihm zusammen Leben retten konnte. Die andere Frage war natürlich – würde Spiderman eine Gehilfin brauchen?
Es war ein sonniger Sonntagmorgen im frühen Juni. Gerade saß die ganze Familie am Frühstückstisch und unterhielt sich fröhlich über die Pläne für den nächsten Urlaub. Das Radio lief – wie immer – im Hintergrund.
„Was haltet ihr denn von Rumänien?“, warf MJ in die Runde, während sie allen Orangensaft nachfüllte. Jack verzog missmutig das Gesicht, während Grace begeistert nickte. Rumänien klang ziemlich interessant!
„Das ist doch öde“, murrte Jack und zerrupfte sein noch warmes Brötchen, als eine Meldung im Radio kam, die alle verstummen ließ.
„Die ganze Stadt ist erschüttert über diesen grauenvollen Vorfall. Mehrere Stockwerke der Firma Shelter stehen in Flammen und die Türen sind verschüttet –“
„Ich muss gehen!“, rief Peter, stopfte sich den letzten Bissen seines Brotes in den Mund und verschwand im Flur. Grace sah ihre Chance gekommen. Sie sprang auf, eilte nach oben und rief den anderen noch zu, sie müsse dringend etwas erledigen. Auf Antworten oder eventuelle Nachfragen achtete sie nicht, sondern warf die Tür hinter sich zu, schlüpfte in ihren Anzug und zog ihre Maske über. Dann sah sie vorsichtig aus dem Fenster.
Draußen war alles frei, sie konnte also von niemandem beobachtet werden. Schnell riss die das Fenster auf und sprang leichtfüßig in die Baumkrone. Der Baum bewegte sich nur kurz, dann waren Äste und Blätter wieder still.
Grace schaute sich noch einmal um. Niemand hatte sie beobachtet – zumindest nicht von der Straße aus. Hinter den Fenstern, so hoffte sie, hatte keiner die rote Gestalt bemerkt, die aus dem Fenster in den Baum gesprungen war.
Dann krabbelte sie bis in die höchsten Äste, die sie trugen, und schwang sich dann aufs Dach. Von dort aus eilte sie in Richtung Firma Shelter, der Baufirma, die nicht weit von ihrem Zuhause entfernt war.

Großes Geschrei empfing sie schon von Weitem. Überall standen Menschen, die schrien, weinten oder panisch umher rannten.
Grace versuchte, das Schauspiel des Grauens so gut es ging zu ignorieren und schwang sich von Dach zu Dach bis zu der brennenden Firma.
Sie besah sich die Lage erst einmal genau, doch beschloss, auf Spidermans Ankunft zu warten. Er konnte nicht mehr lange auf sich warten lassen, sonst wären die Menschen dort drin verloren …
Ein schnelles Zischen in einigen Metern Entfernung verriet ihr, dass er da war. Und dann sah Grace ihn auch: Er schwang sich gerade in eines der Fenster auf der Rückseite des Gebäudes, die zersplittert waren.
Mit viel Mut schwang Grace ihm hinterher. Bisher hatte sie aus so großen Höhen noch keine ihrer Stunts vollbracht, doch es gab kein Zurück mehr.
Ein wenig unsanft landete sie inmitten eines eingestürzten Raumes, doch ihre Maske gewährte ihr einen gewissen Schutz vor äußerlichen Gefahren – in diesem Fall der Staub, der Rauch und die Verschmutzung der Luft.
Wo war Spiderman?
Grace eilte durch den Raum, auf der Suche nach einer Tür. Und sie fand auch schnell einen Rahmen – allerdings ohne Tür. Es war nur noch das bloße Loch in der Mauer zu sehen.
Plötzlich hörte sie Schreie. Die Person schien sich ganz in der Nähe zu befinden!
Konzentriert hielt Grace Ausschau nach der Person und fand schließlich unter einem zusammengekrachten Schrank eine junge Frau. Sie schrie wie am Spieß, als Grace auf sie zukam.
„Helfen Sie mir!“, schrie die Frau mit schmerzerfüllter, schriller Stimme, und Grace versuchte sofort, den zertrümmerten Schrank von ihr wegzuschieben. Einzelne, größere Bretter lagen binnen weniger Sekunden wild verstreut im Raum, als Grace mit hoher Geschwindigkeit die Teile des ehemaligen Schrankes von der Frau entfernte.
Schließlich war sie völlig befreit, und Grace streckte ihr die Hand entgegen. Sofort ergriff die Frau ihre Hand, und Grace hievte sie mit Mühe auf ihren Rücken.
„Halten Sie sich gut fest!“, rief sie leicht keuchend und rannte mit ihr aus dem Raum, auf der Suche nach einer Treppe. Doch als sie im ehemaligen Treppenhaus des Firmengebäudes ankam, stellte sie fest, dass die Treppen bereits eingestürzt waren.
Ihr blieb also gar keine andere Möglichkeit, als die Frau aus dem Fenster hinaus zu retten. Mit einem tiefen Atemzug hielt Grace die Frau nur noch mit einem Arm fest, sodass die sich um ihren Hals klammern musste. Im ersten Moment bekam Grace keine Luft, doch dann raffte sie sich zusammen und streckte ihren Kopf aus dem Fenster. Das nächste Dach war nicht weit entfernt, und Grace zuckte nur kurz mit ihrer Hand, dann schoss auch schon ihr Spinnennetz hervor und blieb fest am Dach kleben.
„Festhalten!“, rief Grace, dann kletterte sie mit der Frau auf dem Rücken auf den breiten Fenstersims und schwang sich hinaus.
Die Frau auf ihrem Rücken schrie wie am Spieß, als sie wenige Sekunden durch die Luft flogen und schließlich mit einem kleinen Rückstoß an der Hauswand ansetzten. Grace ließ sich bis auf den Boden hinab und setzte dann die Frau behutsam auf dem Boden ab. Diese keuchte, doch bevor Grace auch nur ein Wort zu ihr sagen konnte, waren bereits einige Ärzte und Krankenpfleger bei der Frau und umsorgten sie.
„Danke, Spiderman!“, sagte einer der Ärzte und schien offenbar auf eine Antwort zu warten, doch Grace wollte sich nicht verraten, wie sie es vorhin bei der Frau aber nicht hatte vermeiden können, und krabbelte die Hauswand hinauf.
Dann geschahen mehrere Dinge gleichzeitig.
Aus einem anderen Fenster schwang sich in dem Moment, als Grace zwei Meter über dem Boden war, der echte Spiderman und setzte einen etwas älteren Mann auf dem Boden ab. Mehrere Menschen schrien erstaunt auf, denn nun waren zwei Spidermans anwesend. Einmal der richtige Spiderman – und einmal Grace.
„Wie kann das sein?“, hörte sie einen Mann mittleren Alters rufen, der zuerst zu Spiderman und dann zu Grace schaute. „Jetzt sind sie schon zu zweit!“
„Zwei Spidermans!“, rief ein kleines Mädchen mit schriller Stimme und rannte wild umher.
Als Grace zu Spiderman sah, spürte sie dessen Blick auf sich ruhen. Und bevor sie es sich versah, klebte sein Netz ebenfalls oben am Hausdach und er schwang zu ihr an die Wand.
„Wer bist du, was machst du hier und warum fälschst du mich?“, war das Erste, was Spiderman zu ihr sagte.
Grace war erst einmal völlig baff. Spiderman hatte soeben mit ihr gesprochen! Das war ja Wahnsinn! Doch seine Stimme kam ihr irgendwie … bekannt vor.
„Ich …“, begann Grace, doch dann wusste sie nicht, was sie sagen sollte. Auf jeden Fall war sie sich jetzt sicher, dass Spiderman ein Mann war.
„Was soll das Ganze?“, fragte er barsch. Er schien wütend, aber zugleich überrascht zu sein.
„Ich wollte dich kennen lernen“, antwortete Grace ehrlich. Spiderman zeigte keine Reaktion, was aber an seinem Anzug lag. Unter seiner Maske würde er jetzt wohl die Augenbrauen hochgezogen haben.
„Ach, und da dachtest du, fälschst du mich?“, fuhr er sie an. Mit ihm schien nicht gut Kirschen essen zu sein …
„Na, dann wollen wir doch mal sehen, was du so drauf hast. In dem Gebäude dort befinden sich noch mehr Menschen, die gerettet werden müssen. Wenn du mir hilfst, können wir später noch weiter reden.“
Er stieß sich von der Hauswand ab und fiel einige Meter, dann warf er sein Netz aus und schwang zum brennenden Haus hinüber, das die Feuerwehr zu löschen versuchte.
Grace schwor sich, später über ihr erstes Gespräch mit Spiderman nachzudenken, und beschloss, ihm jetzt lieber zu helfen.
Dann schwang sie sich ebenfalls zurück in das brennende Gebäude.

Eine gefühlte Ewigkeit später waren alle Personen sicher von Spiderman und Grace auf den Boden gebracht worden und wurden bereits von den anwesenden Ärzten versorgt. Spiderman hatte Grace auf dem Boden zugenickt, und sie war ihm ohne Widerrede aufs nächste Dach gefolgt. Dort hatten sie sich den Blicken der anderen entzogen und konnten ungestört reden.
„Nun sag doch mal, warum du das machst“, begann er und stellte sich vor Grace auf. Er war ziemlich groß, etwa so wie ihr Vater.
„Du bist ja ziemlich klein“, fügte er hinzu, und Grace hörte einen hämischen Unterton in seiner Stimme mitklingen.
„Ich wollte dich kennen lernen, wie ich bereits sagte“, wiederholte Grace, was sie vorhin gesagt hatte, doch Spiderman schien sich mit dieser Antwort nicht zufrieden zu geben.
„Du hast exakt denselben Anzug wie ich!“, stellte er überrascht fest. „Aus welchem Material ist er?“
„Lycra“, antwortete Grace zögerlich. Ein leises Keuchen verriet Grace, dass Spiderman mehr als nur überrascht war, und sie war plötzlich sehr stolz auf sich.
„Wow. Also, ich muss schon sagen, Kleine, du hast meinen Anzug perfekt nachgebildet. Aber sag mal – woher kannst du denn das Netz auswerfen? Wie hast du das gelernt? Hast du einen kleinen Apparat im Anzug versteckt?“
Woher kannte Grace die Stimme bloß …
„Nein, das Netz kommt direkt unter meiner Haut hervor“, antwortete sie, und Spiderman entfuhr ein entsetztes Keuchen. Er raufte die Hände über dem Kopf zusammen, schien sich dann aber wieder zu beherrschen.
„Wie hast du … ich meine, wie bist du denn so geworden wie ich?“, fragte er beinahe flüsternd.
„Wenn du mir sagst, wie du so geworden bist, dann verrate ich dir, ob es bei mir genauso war“, grinste Grace unter ihrer Maske und wartete gespannt auf Spidermans Antwort. Er schien zu zögern. Ob er es ihr wohl verraten würde?
„Ich kenne dich zwar kaum, aber ich bin damals durch ein wenig … nun, ob es nun Glück oder Pech war, vermag ich nicht zu sagen. Es ist ein Segen und zugleich eine große Last, auch wenn du mir das nicht glauben magst. Man wird dadurch sehr eingeschränkt, kann aber gleichzeitig helfen. Nun ja … ich wurde damals von einer genmanipulierten Spinne gebissen.“
Erschrocken trat Grace einen Schritt zurück. Eine genmanipulierte Spinne? Das würde die besonderen Fähigkeiten erklären – das Netz, die extrem gute Wahrnehmung der Umgebung, die guten Reflexe und auch Spidermans Namen samt dem Anzug.
„Nein, bei mir war es ganz anders. Ich war abends krank, und am nächsten Tag war ich … na ja, so wie du.“
Unruhig lief der Superheld umher, er schien nachzudenken.
„Und du möchtest meinen Platz einnehmen?“, fragte er schließlich. Seine Stimme klang fragend.
Sofort verneinte Grace die Frage.
„Nicht?“ Er schien überrascht zu sein.
„Nein“, wiederholte sie ihre Antwort. „Ich möchte dir behilflich sein und meine Kräfte nicht ungenutzt lassen.“
„Wenn ich dir einen Tipp geben darf – geh nach Hause, Kleine. Du bist doch ein Mädchen, oder?“
„Ja“, antwortete Grace verwirrt. Das war doch unüberhörbar, oder etwa nicht? „Aber ich will nicht nach Hause gehen. Von dort aus kann ich nichts ausrichten.“
„Bleib daheim. Diese Aufgabe ist noch zu groß für dich, junge Dame.“
Und mit diesen Worten schwang er sich vom Dach, um sogleich um die nächste Ecke zu verschwinden. Grace blieb allein zurück.

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Dienstag, 26. Juni 2012, 11:02

~ 5 - Der Gestaltenwandler ~

Wochenlang folgte Grace Spiderman auf neue Rettungsaktionen, aber nicht immer schaffte sie es, ihm zu helfen. Es war wirklich keine leichte Aufgabe, die er da zu erfüllen hatte. Sie war anstrengend – sowohl physisch als auch psychisch. Es kostete unglaublich viel Kraft, die vielen Menschen aus brennenden oder einstürzenden Häusern oder aus den Fängen von Räubern zu bergen und sie gleichzeitig zu beruhigen.
Bei jedem Einsatz bekam Grace dieselben Worte von Spiderman zu hören: Sie solle aufhören, ihm helfen zu wollen, und daheim bleiben.
Doch Grace hörte nicht auf ihn und unterstütze ihn, wo sie nur konnte. Irgendwann würde er ihre Hilfe brauchen, dessen war sie sich sicher.

Dieser Tag sollte schneller kommen, als es Grace lieb war.
Am Morgen eines verregneten Samstags saßen wieder einmal alle vier beim Frühstück. Ihr Vater war seit Neuestem ziemlich schweigsam, was Grace nicht nachvollziehen konnte. Normalerweise war er eher ein fröhlicher Mensch. Jack schien das gar nicht zu interessieren. Er war seit einiger Zeit viel zu sehr mit seinen Computerspielen beschäftigt, was MJ nicht gefiel. Aber sie wollte ihn davon auch nicht abhalten, denn Jack war sehr eigensinnig. Er fand immer eine Möglichkeit, seinen Willen durchzusetzen, wenn er es wirklich wollte.
„Peter, möchtest du noch eine Tasse Kaffee?“, fragte MJ und legte den Kopf schräg, als sie Peter ansah.
„Wa-Was?“, fragte dieser verwirrt, dann schien er wieder in der Gegenwart zu sein. „Ähm … nein, danke, Schatz.“
Jack stand auf und ging zum Sofa. Dort nahm er sich die Fernbedienung und schaltete das TV-Gerät an. Gerade liefen die Nachrichten.
„Seit etwa einer Stunde wird ein Parkhaus in der Nähe des Chrysler Buildings von einem bisher unbekannten Wesen durchkämmt, dass es auf wohl Menschen abgesehen hat“, sagte der Nachrichtensprecher in diesem Moment, und Grace und ihr Vater waren sofort hellhörig geworden. Es gab etwas zu tun für die beiden – Grace musste wohl oder übel los, um Spiderman behilflich zu sein, und ihr Vater musste zum Fotografieren dorthin gehen. Seinen Job wollte sie, ehrlich gesagt, nicht machen, so nah man dabei auch Spiderman kam.
„Bisher haben wir das Wesen nicht gefunden und wir wissen nicht, wie viele Menschen es bereits in seiner Gefangenschaft hält …“
Peter sprang ohne ein Wort des Abschieds auf, verschwand im Flur und verließ keine zwei Minuten später das Haus. Grace hatte schnell ihr Brötchen verschlungen und spurtete nun die Treppen hinauf.
„Schatz?“, rief ihre Mutter ihr nach.
„Ich muss doch am Computer die Nachrichten aufnehmen, vielleicht kommt Spiderman drin vor!“, log Grace zur Erklärung und schloss die Tür hinter sich.

Das Parkhaus war leicht zu finden, wenn man über die Dächer huschen konnte wie Spiderman selbst. Schnell schwang Grace sich auf die andere Straßenseite und war dann auch schon im Parkhaus verschwunden.
Als sie sich im dritten Geschoss wiederfand, hörte sie seltsame Geräusche in der Nähe eines parkenden Vans. Um die Situation besser analysieren zu können, legte sie den Kopf schräg und hielt nach Fluchtwegen Ausschau, als urplötzlich etwas an ihr vorbeirauschte und einige Meter vor ihr landete.
Es war Spiderman.
„Was glaubst du, was dieses Wesen ist?“, fragte Grace leise. Zuerst reagierte er gar nicht, doch dann zischte er ihr zu: „Ich weiß es noch nicht. Aber ich rate dir ein letztes Mal, nach Hause zu gehen und mich das alleine machen zu lassen.“
„Und wenn ich dich das aber nicht alleine machen lassen will?“, antwortete Grace kaum hörbar.
Er drehte sich zu ihr um, doch sie konnte seine Gesichtszüge ja nicht sehen. Er schien plötzlich überrascht zu sein.
„Du klingst wie meine Tochter“, sagte er, und Grace keuchte erschrocken auf.
„Du … du hast Kinder? Also, eine Familie?“, fragte sie. Das hätte sie nicht vermutet!
„Glaubst du, ich verbringe mein ganzes Leben in diesem Anzug?“, fragte er zynisch, dann fuhr sein Kopf in die Richtung herum, aus der das Geräusch kam.
„Geh jetzt!“, befahl er, doch Grace rührte sich nicht vom Fleck. Abrupt verstummte das Geräusch, und dann klang es wie schmatzende Geräusche, als eine Art Schlange hinter dem Van hervorgekrochen kam. Sie war aber viel größer, schleimiger und hatte gelbe, wütende Augen, die umher schauten.
Spiderman zischte laut, doch das Wesen reagierte nicht. Scheinbar hörte es nichts. Es schien sich ganz auf seinen Geruch und seinen Sehsinn zu verlassen …
„Wie erledigen wir es?“, fragte Grace.
„Geh jetzt! Du wirst gar nichts tun“, war die barsche Antwort.
Die Schlange kroch langsam auf die beiden zu, und im selben Moment warfen Grace und Spiderman ihre Netze an die Decke und krabbelten dort vorsichtig über die Schlange hinweg.
Spiderman war schon beinahe über sie hinweg, als das Monster plötzlich nach oben zischte und ihn mit ihrem Schwanz einwickelte.
„Uah!“, keuchte er und wand sich knurrend in ihrem Griff, doch sie ließ nicht locker.
Grace sah ihre Chance gekommen, Spiderman endlich zu helfen. Sie sprang in einiger Entfernung zurück auf den Boden und begann sofort, die Schlange mit ihrem Spinnennetz einzuwickeln. Die Schlange, völlig verwirrt, zischte wütend und warf Spiderman in ihrem Würgegriff wütend umher. Sie kam immer näher an die offenen Fenster heran, und bevor Grace es verhindern konnte, brach das Monstrum durch das Gitter, das die Parkplätze von den Fenstern abgrenzte, und fiel. Grace, die durch ihr eben ausgeworfenes Netz noch mit ihr verbunden war, wurde augenblicklich mitgezerrt.
Doch sie warf ihr Netz noch rechtzeitig ab, und so verhinderte sie im letzten Moment, dass die Schlange sie ebenfalls mit in die Tiefe riss.
Das laute, schmatzende Geräusch verriet ihr, dass die Schlange gelandet war. Sofort beugte sie sich über das große Fenster in der Wand, vor dem eigentlich ein Gitter hätte stehen sollen, und sah die Schlange samt Spiderman auf dem Boden liegen. Ihm schien nichts passiert zu sein, doch die Schlange hob gerade benommen den Kopf.
Grace schoss sogleich mehrere einzelne Fäden auf den großen Kopf ab. Zornig zischte die Schlange und schnappte in der Luft herum, doch sie erwischte Grace nicht, denn diese stand ja mehrere Meter über ihr.
„Hau endlich ab, Kleine!“, rief Spiderman, der sich mittlerweile mit den Händen aus dem eingerollten Schlangenschwanz befreit hatte und die Schlange ebenfalls einzuwickeln versuchte.
„Nein, ich habe versprochen, dir zu helfen!“, rief Grace vom dritten Geschoss herab.
Im nächsten Moment kreischte die Schlange wütend auf und verwandelte sich dann plötzlich in einen riesigen Vogel.
„Ein Gestaltenwandler!“, rief Spiderman, der jetzt frei war, erschrocken und kletterte augenblicklich zu Grace hinauf.
„Ein Gestaltenwandler? Was ist das? Und woher weißt du das?“, fragte Grace verwirrt.
Der riesige Vogel hielt mit seinen großen gelben Augen Ausschau nach ihnen. Sie versteckten sich hinter einem größeren Auto.
„Das hast du doch eben gesehen. Ein Wesen, das sein Aussehen beliebig verändern kann, wenn es möchte. Ich habe es vor vielen Jahren bereits mit einem zu tun gehabt. Leicht zu töten, aber schwer zu erwischen.“
„Und wie … tötet man es?“ Grace schluckte hörbar. Ihr war bis jetzt nicht so wirklich bewusst gewesen, dass sie das Monster auch umbringen mussten …
„Du musst durch die schleimige und zugleich schlammige Haut hindurch zu seinem Herzen kommen. Das ist leicht, wenn du den Gestaltenwandler erst einmal so weit hast, dass du ihn töten kannst. Aber dazu ist Wasser nötig, wenn du durch die Haut willst.“
„Perfekt!“, rief Grace. Ihr war soeben der Wetterbericht eingefallen, den sie heute Morgen am Computer angeschaut hatte. „Sie haben für heute Regen vorausgesagt.“
„Leider regnet es noch nicht“, erwiderte Spiderman.
Der riesige, glitschige Schnabel des Gestaltenwandlers schnappte nach ihnen, doch die beiden waren längst weg, als der Schnabel dort war, wo sie eben noch gestanden hatten.
„Doch!“, rief Grace, als sie einen kurzen Blick nach draußen geworfen hatte. Und sie hatte Recht – es hatte zu regnen begonnen!
„Das ist ja ideal!“ Spiderman war begeistert. Sie hielten gerade wieder an. „Dann werde ich mich jetzt daran machen, meinen Gegner zu töten.“
„Deinen?“, fragte Grace überrascht. „Es ist auch meiner, schon vergessen?“
„Du wirst jetzt nach Hause gehen, dann ist es nicht mehr deiner“, wiederholte sich Spiderman erneut. Grace ging es schon auf die Nerven.
„Hör auf, mich wie ein Kind zu behandeln! Ich bin alt genug, um zu wissen, was ich tue! Und ich will das hier!“
„Du bist ganz schön hartnäckig“, sagte Spiderman respektvoll, der nach dem Gestaltenwandler Ausschau hielt. Der Vogel hatte sich mittlerweile in einen Bären verwandelt und bearbeitete das Parkhaus mit seinen riesigen, schlammigen Pranken. Er schien den Regen, der eingesetzt hatte, noch gar nicht bemerkt zu haben.
Mit einem Mal sprang Spiderman in Richtung des Bären und warf sein Netz an die Decke des Parkhauses. Er wollte jetzt den Bären töten, so viel war Grace klar.
„Warte!“, rief sie und eilte ihm nach, doch Spiderman schoss ein Netz in ihre Richtung, sodass sie trotz ihrer guten Reflexe davon getroffen wurde und sich plötzlich klebend an einem Auto fand.
„He! Was soll das?!“, kreischte Grace und versuchte sich zu befreien. Spidermans Netz war ziemlich fest.
Dieser schwang sich in diesem Moment hinaus zu dem Bären und verschwand dann plötzlich in der schleimigen Haut.
Knurrend befreite Grace sich aus dem Netz. Ein normaler Mensch hätte dies vermutlich nicht geschafft, doch Grace war ziemlich stark geworden seit ihrer Verwandlung.
Der Bär schrie jetzt schmerzerfüllt und schlug um sich, doch er erwischte Spiderman nicht mehr, denn dieser war schon lange auf dem Weg zum Herzen des Ungeheuers.
Hat der Gestaltenwandler keine Knochen oder Organe?, fragte sich Grace, als der Bär plötzlich zu ihrem großen Erstaunen mit seiner eigenen Tatze in sich hineingriff und in den nächsten Sekunden Spiderman aus sich herauszerrte. Dieser wehrte sich, doch der Griff des Bären schien stark zu sein. Von unten hörte Grace das ängstliche Geschrei schaulustiger Menschen. Hatten die Leute denn nichts Besseres zu tun, als sich in die gefährliche Nähe des Ungeheuers zu begeben, nur um zuzusehen, wie Spiderman es erledigte? Doch dann dachte sie an sich selbst und verwarf den Gedanken wieder, denn sie selbst hätte das sicher auch gemacht.
Der Bär war momentan mit Spiderman beschäftigt und gebrauchte beide Tatzen. Wenn sie ihre Chance nutzen wollte, musste sie sofort handeln.
Grace riss ein Stück des Gitters ab, das das Parkhaus an den Fenstern eingrenzte, und eilte dann los. Sie warf ihr Netz aus – es blieb an der Decke kleben –, dann schwang sie sich durch die schleimige Haut des Bären hindurch.
Es war ein ekliges Gefühl, überall von Schleim umgeben zu sein. Doch sie war an der richtigen Stelle eingetaucht und hörte etwas laut wummern. Sie krabbelte flink in die richtige Richtung und stieß dann auf einen schwarzen Klumpen, der sich in regelmäßigen, aber schnellen Abständen ausdehnte und wieder kleiner wurde. Das musste das Herz sein!
Sieht das eklig aus, würgte Grace innerlich. Wie ein Klumpen Kohle.
Mit voller Wucht und ohne zu zögern stieß Grace ihre Stange mitten hinein.
Dann spürte sie, wie sie plötzlich hinabgezogen wurde, und hörte ein ohrenbetäubendes Geschrei.
Hustend versuchte sie, sich hinaus zu kämpfen, doch sie wusste nicht einmal mehr, wo oben und unten war. Als sie fast keine Luft mehr bekam, weil der Raum um sie immer enger wurde, wurde sie plötzlich weggerissen und fand sich wenige Sekunden später prustend an der frischen Luft wieder.
Spiderman saß in der Hocke neben ihr und fragte: „Ist alles in Ordnung?“ Er ließ seine Hand von ihr ab.
„Ja“, keuchte Grace und wischte sich den Schleim vom Anzug. Das war ja richtig ekelhaft …
„Glückwunsch, du hast ihn umgebracht.“
„Wirklich?“ Grace war überrascht. „Wo ist er?“
„Er hat sich in Luft aufgelöst. Er ist tot.“
Grace schaute sich um. Das Monster war wirklich verschwunden! Und sie hatte das wirklich geschafft? Das war ja unglaublich.
Vor Freude hätte Grace am liebsten laut geschrien, aber sie musste sich erst wieder erholen.
Doch die eigentliche Gefahr sollte erst noch kommen.

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Remus.Lupin

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Freitag, 2. November 2012, 21:01

RE: Spidermans Erbe

~ 7 - Spidermans wahres Gesicht~

Bevor Grace wusste, wie ihr geschah, wurde sie plötzlich mitgerissen und fand sich in Spidermans festem Griff wieder. Er schwang mit ihr durch die Luft und hielt sie dicht an seinen muskulösen Körper gepresst.
„Was …?“, setzte Grace an, doch Spiderman setzte sie auch schon auf einem etwas höheren, geraden Hausdach ab.
„Ein alter Freund stattet mit Besuch ab. Versteck dich sofort!“, knurrte er und kauerte sich auf den Boden, bereit zum Sprung.
Sofort befolgte Grace Spidermans Befehl und verschwand hinter einem Schornstein. Von dort aus beobachtete sie, wie eine blaue Gestalt plötzlich auf sie zugeflogen kam und auf dem Dach landete, auf dem auch sie standen. Scheinbar konnte er fliegen.
„Ah, Spiderman“, hörte Grace eine tiefe Stimme sagen, die so etwas wie ein Echo nach sich zog – es klang zumindest so.
„Was willst du hier, Blue Fridge?“, hörte Grace Spiderman antworten. Blue Fridge? Blauer Kühlschrank? Was war das denn für ein Name?! Grace musste sich beherrschen, um nicht laut loszulachen.
„Dich endlich umbringen. Wir haben noch eine Rechnung offen. Immerhin hast du gerade meinen Gestaltenwandler getötet.“
Ein eisiger Schauer lief Grace den Rücken hinunter. Dieser Mann war gekommen, um Spiderman zu töten?! Und es war sein Gestaltenwandler gewesen? Das wurde ja immer unheimlicher hier …
„Dann wollen wir doch mal sehen, was du noch so drauf hast seit deiner letzten Niederlage!“, giftete Spiderman.
Daraufhin gab es ein grässliches Krachen, und Grace sprang aus ihrem Versteck, um zu sehen, was passiert war. Doch da gab es nichts zu sehen. Die beiden waren verschwunden!
Keuchend rannte Grace zum Rand des flachen Daches und schaute nach unten. Dort fielen die beiden und Grace sah, wie Spiderman gerade einen heftigen Schlag in den Bauch bekam.
Sofort warf Grace ihr Netz aus und es blieb glücklicherweise an Spidermans Rücken kleben. Bevor dieser wusste, wie ihm geschah, wurde er auch schon wieder hochgerissen.
Als er oben ankam und Grace ihn aufs Dach zerrte, keuchte er wütend: „Was soll das?! Ich habe dir befohlen, in deinem Versteck zu bleiben!“
„Ich kann nicht zusehen, wie er dich umbringt!“, schrie Grace und umarmte Spiderman dann zu ihrem eigenen Erstaunen stürmisch. Der Superheld war zu keiner Regung fähig, bis Grace ihn losließ. Da war der Mann im blauen Anzug auch schon bei ihnen angekommen. Scheinbar konnte er fliegen. Eine Superkraft, die nicht zu unterschätzen war.
„Oh“, sagte Blue Fridge verdutzt, fing sich aber sofort wieder. „Jetzt haben wir dich ja schon im Doppelpack, was? Mal sehen, was ihr zwei so drauf habt.“
Er schleuderte plötzlich etwas in Spidermans Richtung, das er scheinbar aus der Luft geholt hatte, doch dieser sprang auf den Mann zu und verpasste dem Mann in Blau einen heftigen Tritt gegen den Arm, sodass Blue Fridge aufkeuchte und den Arm sinken ließ.
„Wenn du ihr etwas antust, dann –“, zischte Spiderman und stellte sich schützend vor Grace. Überrascht lugte sie über seine Schulter, denn er stand geduckt, jederzeit bereit zum Kampf.
„Was dann?“, lachte Blue Fridge schallend und verpasste Spiderman einen ordentlichen Faustschlag. Spiderman wurde zur Seite geschleudert.
„Aaaaaargh!“
Grace wusste selbst nicht, was sie da tat, aber sie hatte sich scheinbar auf den Mann gestürzt und ihn mit sich zu Boden gerissen. Sie schleuderte ihm ihr Netz ins Gesicht und verdeckte ihm somit die Sicht.
Spiderman stieß sie unsanft zur Seite und begann, den Mann mit seinem Faden einzuspinnen. Doch dieser riss sich mühelos daraus hervor und schleuderte erneut einen seine gewaltige Faust auf Spiderman. Sie verfehlte ihn diesmal, ließ aber das Gleichgewicht verlieren, sodass er vom Dach stürzte.
„Spiderman!“, schrie Grace, doch sie wurde plötzlich von Spidermans Gegner gepackt und mitgezerrt.
„Lassen Sie mich los!“
Doch der Mann lachte nur, während er mit ihr hinter Spiderman herflog. Grace wand sich in seinem Griff, doch er hielt sie fest.
Spiderman schien plötzlich ganz benommen zu sein – wahrscheinlich von seinem plötzlich Sturz –, denn er tat nichts, um seinen Sturz zu verhindern oder wenigstens abzufangen. So krachte er durch ein Holzgerüst vor einem Fenster, das wohl gerade neu eingesetzt werden sollte. Er fiel weiter, nur leicht gebremst, und landete dann schließlich auf einem parkenden Auto. Es gab ein eklig klingendes Geräusch.
„Spiderman!“, schrie Grace, doch er reagierte nicht.
Der Mann, der sie festhielt, landete neben Spiderman auf der Straße und lachte höhnisch.
„Siehst du, Spiderman?“, sagte er siegessicher. „Ich werde dich ein für alle Mal beseitigen.“
Er ging, Grace immer noch festhaltend, auf Spiderman zu und schleuderte Grace dann gegen die nächste Hauswand, wo sie benommen liegen blieb.
Sie sah mit halb geöffneten Augen dabei zu, wie der Mann Spiderman einen Schlag ins Gesicht verpasste und Spiderman schließlich aufkeuchte. Blue Fridge warf Spiderman von dem Auto herunter auf den Boden und bearbeitete ihn dann mit den Füßen.
Jetzt erst sah Grace, dass Spidermans Maske und sein Anzug ein wenig eingerissen waren. Er lag auf dem Rücken, aber Grace konnte ein bisschen Haut an seinem Hals erkennen.
„Haha!“, lachte Blue Fridge und sein Lachen jagte Grace erneut einen Schauer über den Rücken. Sie spürte gar nicht, dass aus ihrem Kopf an der Seite Blut floss und es aus ihrer am rechten Ohr ein wenig aufgerissenen Maske seitlich auf ihren Anzug tropfte. Momentan war sie nämlich zu keiner Regung fähig.
Als Spiderman einen Versuch startete, sich aufzusetzen, bekam er wieder einen Fußtritt ab und lag nun auf der Seite, mit dem Gesicht zu Grace. Er hustete, doch dann sprang er plötzlich mit so hoher Geschwindigkeit auf, dass er Blue Fridge zu Boden riss. Dieser war sehr überrascht, reagierte aber gekonnt. Jetzt erst sah Grace, was er da aus seiner Hand schleuderte. Es waren Eisstrahlen!
Das würde seinen merkwürdigen Namen erklären.
Grace überlegte jetzt fieberhaft, da sie ihren Körper wieder einigermaßen unter Kontrolle hatte, wie man Blue Fridge ausschalten konnte. Vielleicht konnte man ihn mit seinem eigenen Eis einfrieren …
Die beiden Gegner waren zu sehr damit beschäftigt, sich gegenseitig zu bekämpfen, als dass einer der beiden das Mädchen bemerkt hätte, das sich vom Boden und der Hauswand erhob und nun auf wackligen Beinen stand.
Sie streckte ihre Arme so aus, dass sie ihr Netz abwerfen konnte, was sie dann auch tat. Gezielt traf Spiderman am Hinterkopf und Blue Fridge an der Hüfte, und beide wurden plötzlich zu Boden gerissen.
„Hey, was …?“, brüllte Blue Fridge, doch als er Grace sah, lachte er wieder. Scheinbar dachte er, dass Grace keine richtige Gegnerin für ihn wäre. Sie ließ ihr Netz los.
„Hey, Blue Fridge!“, rief Grace, als sich die beiden verwundert aufrappelten. „Ich hab deinen Gestaltenwandler getötet, weißt du das? Komm her und kämpfe mit mir, wenn du ihn rächen willst!“
Hass zeigte sich plötzlich auf dem Gesicht von Blue Fridge. Er hob seine Hände, bereit zum Abschießen seines Strahls, und Grace machte sich ebenfalls bereit, doch dann wurde sie erneut mitgerissen.
„Spiderman, lass mich los!“, schrie sie, als er mit ihr in den Armen in die Höhe schwang und sie sich so von Blue Fridge entfernten.
„Du hast mir genug Schwierigkeiten bereitet, junge Dame!“
Blue Fridge tauchte neben ihnen auf, wieder einmal lachend. Er schien ziemlich optimistisch zu sein, die beiden bald ausschalten zu können.
„Wollt ihr beiden etwa flüchten?“, grinste er. Sein schwarzes, fettiges Haar wehte im Wind.
Grace und Spiderman landeten auf einem nahen Dach, da schoss Blue Fridge auch schon wieder seine Eisstrahlen auf die beiden ab. Grace entwischte ihnen nur um Haaresbreite.
„Jetzt seid ihr dran“, flüsterte Blue Fridge laut und machte sich scheinbar bereit, Grace und Spiderman umzubringen.
Die beiden reagierten beinahe gleichzeitig. Neben ihnen befand sich ein Kirchturm, und die beiden sprangen mit einem großen Satz an dessen Wand, an der sie beide hoch krabbelten.
Mühelos holte Blue Fridge, der sich nicht mit Klettern begnügen musste, zu ihnen auf.
Doch Grace und Spiderman waren ziemlich schnell. Nach wenigen Sekunden schon gelangten sie an die Spitze des Kirchturmes, knapp über der Uhr.
Lachend drehte Blue Fridge seine Runden um den Kirchturm. Grace kam plötzlich eine Idee in den Sinn. Wahnsinnig war sie, aber nicht unmöglich.
„Spiderman, pass auf. Wir frieren ihn ein“, zischte Grace ihrem Vorbild zu, als ihr Gegner außer Sichtweite war. „Die Kirchglocke ist stark genug, um seine Strahlen abzuwehren und gleichzeitg zurückzuschleudern. Wenn wir das schaffen, sind wir ihn los!“
Blue Fridge war gerade auf der anderen Seite des Turmes. Er konnte sie unmöglich gehört haben.
Spiderman nickte ihr zu, kommentierte ihren absurden Vorschlag aber nicht. Wahrscheinlich fiel ihm selbst nichts Besseres ein.
„Unter uns ist ein Fenster“, zischte Grace eindringlich, die es beim Hochklettern bemerkt hatte, und im nächsten Moment tauchte Blue Fridge wieder vor ihnen auf.
„Die beiden Spinnen sitzen in der Falle“, lachte er schallend, und Grace bemerkte die kaum merkbare Regung seiner Hand, die er so hin drehte, dass er seine Strahlen abfeuern konnte.
„Jetzt!“, schrie Grace, und Spiderman befolgte ihre Befehle, ohne auch nur eine Sekunde zu zögern. Er hatte sie scheinbar als seine Gehilfin akzeptiert. Ein Lächeln stahl sich auf Grace' Gesicht, nur konnte es niemand durch die Maske sehen. Dies alles geschah in weniger als einer Sekunde, und Grace befand sich dann auch schon im Turm auf einem Holzgerüst, das ziemlich instabil aussah, sie aber glücklicherweise trug.
Blue Fridges Kopf tauchte vor dem Fenster auf, und als Spiderman und Grace ihm kauernd entgegensahen, begann er wieder zu lachen. Es schien sein Markenzeichen zu sein, laut und schallend zu lachen. Vielleicht wollte er seine Gegner damit einschüchtern.
„Die beiden Spinnen sitzen jetzt wirklich in der Falle“, grinste er böse und folgte ihnen hinein in den Turm. Die große Glocke schien ihm gar nicht aufzufallen. Allgemein schien er nicht der Hellste zu sein. Er vertraute wohl ganz auf seine Kräfte, die wirklich nicht zu unterschätzen waren. Aber auf die Idee, dass jemand seine Strahlen gegen ihn einsetzen könnte, war er scheinbar noch nie gekommen.
„Na, traust du dich nicht?“, fragte Spiderman höhnisch. Er schien mit Grace' Plan wirklich einverstanden zu sein. Ein Stolzgefühl stieg in Grace auf, doch jetzt war nicht der passende Moment dafür.
„Ihr sitzt sowieso in der Falle. Ich kann mir also Zeit lassen, euch niederzustrecken“, war Blue Fridges Antwort. Siegessicher grinste er, dann erhob er langsam seine Arme.
Das denkst auch nur du, dachte Grace verächtlich.
Sie hatte sich vorgenommen, direkt vor Blue Fridge zu stehen – direkt vor der Glocke natürlich –, und dann im letzten Moment hochzuspringen und an der Decke zu bleiben. Die erste Bedingung war schon erfüllt.
„Verschwinde, Kleine!“, hörte sie Spiderman zischen, doch Grace dachte nicht im Geringsten daran, ihn das alleine machen zu lassen.
Dann sah Grace, wie sich Blue Fridges Muskeln anspannten. Im nächsten Moment schossen die Eisstrahlen aus seinen Händen hervor, und Grace drückte sich mit aller Kraft, die sie aufbringen konnte, nach oben. Doch bevor sie auch nur auf halbem Weg zur Decke war, wurde sie mitgerissen. Spiderman hatte sie erneut mit sich genommen. Die beiden landeten hinter der Glocke auf dem Standbrett des Gerüsts.
Aber Grace sah, dass ihr Plan aufging. Die Eisstrahlen trafen nicht wie von dem blau gekleideten Mann erwartet das Spiderman-Double, sondern die Glocke. Diese gab einen abscheulich lauten Gong von sich, doch sie hielt den Strahlen stand – und schleuderte sie schließlich im exakt gleichen Winkel zurück, wie sie auch aufgetroffen waren.
Vor Schreck brachte Blue Fridge keinen Ton heraus. Grace und Spiderman sahen zu, wie er von seinen eigenen Strahlen getroffen wurde und dann zu Eis gefror.
„Ja!“, schrie Grace erregt, dann erst bemerkte sie, dass die Glocke auf die beiden zugerast kam. Aber natürlich – der Rückstoß! Den hatte sie ja gar nicht mit in ihre Überlegungen miteinbezogen …
Hilflos sah sie zu, wie die Glocke sie und Spiderman traf und das Holzgerüst unter ihnen brach. Sie waren zwar nicht durch die alte Turmwand gebrochen, doch jetzt fielen sie ziemlich tief.
Grace warf ihr Netz aus und es blieb an der Glocke hängen, die sich immer noch bewegte und läutete. Sie wurde hin und her geschleudert und fand Spiderman mit ihren Augen nicht mehr. Wo steckte der Superheld nur?
Plötzlich hörte sie es krachen, und sie wusste, dass Spiderman auf etwas aufgeschlagen sein musste. Hatte er nicht sein Netz ausgeworfen? Warum nicht?
Sofort ließ Grace ihr Netz los und fiel den Turm hinab. Sie hielt auch bei der schnellen Geschwindigkeit nach Spiderman Ausschau, und bevor sie auf dem Boden aufkam, warf sie ihr Netz zu beiden Seiten aus, sodass es an beiden Turmwänden kleben blieb und ihren Sturz abfederte. Auf dem Boden angekommen ließ sie ihr Netz wieder los und sah Spiderman bewusstlos auf der eingekrachten Treppe liegen. Überall war sein Anzug aufgerissen. Er hatte scheinbar oft die Turmwand gestreift. Aber warum hatte er sein Netz nicht ausgeworfen?
Dann sah Grace den Grund.
Spidermans Maske war völlig aufgerissen und auf seiner Stirn klaffte eine tiefe Wunde, aus der Blut über sein gesamtes Gesicht lief. Es musste ihm die Sicht verdeckt haben!
Dann besah Grace sich sein Gesicht genauer.
Es war blutverschmiert, doch sie konnte auch so deutlich seine Gesichtszüge erkennen, die ihr plötzlich so vertraut vorkamen.
Was sie jetzt sah, ließ sie kurz die Fassung verlieren und sie sah Sternchen vor ihren Augen tanzen. Entsetzt schrie Grace auf.
Dass diese Person Spiderman sein würde, hätte sie niemals vermutet. In hundert Jahren wäre sie nicht darauf gekommen, dass ihr Spiderman so nahe stand. Doch plötzlich ergab alles einen Sinn. Irgendwie.
Spiderman war ihr Vater.
„Nein!“, schrie Grace aus vollem Halse. Das konnte doch nicht sein!
Doch alle Puzzleteile, die so verstreut in ihrem Kopf umhergeschwirrt waren, fügten sich plötzlich zu einem sinnvollen Bild zusammen: Das Fotografieren Spidermans zu den unmöglichsten Uhrzeiten, die vertraute Stimme Spidermans, das Verbot für Grace, Spiderman kennen zu lernen, und zuletzt natürlich ihre leibhaftige Verwandlung in Spiderman Nummer zwei – und das natürlich nicht nur äußerlich.
Es ergab jetzt alles einen Sinn.
Erschöpft ließ Grace sich neben ihrem Vater nieder und zog sich erschöpft die Maske vom Kopf. Auch ihre Maske war nicht ganz unbeschädigt geblieben.
„Dad! Dad, sag doch was!“, flehte sie, während sie sein Gesicht in ihre Hände nahm. Sie drückte ihren Kopf an seinen. „Bitte wach auf.“
Überrascht spürte sie, wie Spiderman alias Peter Parker, ihr Vater, sich unter ihr bewegte. Als er die Augen aufschlug, war er ganz benommen, wahrscheinlich vom Schmerz der Wunde und dem Blut in seinen Augen. Auch aus seiner Nase lief Blut, seine Lippen waren blutüberströmt und er hatte viele Kratzspuren auf den Wangen.
„Dad“, flüsterte sie und lächelte, überglücklich, dass ihr Vater noch am Leben war.
„Gr … Grace?“, wisperte ihr Vater kaum hörbar, dann blickte er auf ihre Hände. Sie steckten noch in ihrem Anzug.
„Du?“, fragte er plötzlich lauter und mit weit aufgerissenen Augen. „Du bist das?!“
„Ja“, hauchte sie. „Und ich hätte nie gedacht, dass du Spiderman bist.“
Plötzlich schien ihr Vater wieder bei Kräften zu sein. Er setzte sich auf und rief entsetzt: „Du hättest sterben können, Grace!“
„Du auch“, antwortete sie missmutig. Jetzt ging das wieder los …
„Was ist mit …?“
„Keine Ahnung, er scheint aus dem Turm gestürzt zu sein“, vermutete Grace.
Ihr Vater öffnete die Lippen, um etwas zu sagen, doch dann erschlaffte er unter ihr. Erschrocken sprang Grace auf. Sie musste Hilfe holen, und zwar sofort!
Da fiel ihr ein, dass sich zwei Straßen weiter das Krankenhaus befand. Dort würde man ihr helfen können!
Sie zog hektisch ihre Maske über den Kopf und rannte in einer Höllengeschwindigkeit los.

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Freitag, 2. November 2012, 21:02

~ 8 - Ein Superheld kommt selten allein ~

Schon nach einem Tag wurde Spiderman aus dem Krankenhaus entlassen. Seine Wunde am Kopf war nur kurz genäht worden und er hatte über Nacht da bleiben müssen, damit die Ärzte auch sicher gehen konnten, dass er sich auskurieren würde.
Auf dem Weg ins Krankenhaus war ihr eingefallen, dass ihr Vater unmöglich als Spiderman dort eingeliefert werden konnte, also hatte sie – nachdem sie die Ärzte informiert hatte – Klamotten von einer in der Nähe hängenden Wäscheleine „geliehen“, war zurück zu ihrem Vater geeilt und hatte ihn blitzschnell in diese Klamotten gesteckt. Ein wenig Blut hatte sie auch darüber verteilt, sodass es so aussah, als hätte er sich in diesen Klamotten verletzt. Sein Kostüm hatte sie an sich genommen und dann hatte sie versteckt darauf gewartet, dass Peter in den Krankenwagen getragen wurde, bevor sie nach Hause gegangen war.
Grace war nach der Mitnahme ihres Vaters von den Ärzten nach Hause geschwungen, hatte sich frische Klamotten geholt, war dann wieder im Krankenhaus aufgekreuzt und hatte so getan, als habe sie durch einen Anruf erfahren, dass ihr Vater im Krankenhaus war. Natürlich hatte keiner nachgefragt.

Am nächsten Tag öffnete sich die Tür des kleinen Hauses, und Peter Parker betrat das Haus in ganz normaler Kleidung und mit einer Tasche über der Schulter (Grace hatte sie ihm nach seinem Erwachen im Krankenhaus überreicht). MJ stürmte sofort auf ihn zu und küsste ihn leidenschaftlich.
„Was ist denn passiert?“, fragte sie voller Erwartung, als sie Peter ins Wohnzimmer geleitete, wo Grace und Jack auf dem Sofa saßen und einen Film anschauten. Als Grace die Anwesenheit ihres Vaters bemerkte, schaute sie zu ihm und lächelte mild. Hoffentlich war er nicht mehr sauer auf sie.
„Wie geht es dir, Dad?“, fragte sie.
„Dank dir wohl gut“, antwortete er, doch dann wurde sein Blick wehmütig. Die Erinnerung schien ihm seelische Schmerzen zu bereiten.
„Können wir reden?“, fragte ihr Vater und sein Mund verzog sich zu einem schmalen Strich. Grace nickte, Schlimmes ahnend, stand auf und folgte ihrem Vater in ihr Zimmer. Dort ließ er sich auf ihrem Bett nieder, Grace begnügte sich mit ihrem Schreibtischstuhl.
„Grace … erst einmal danke dafür, dass du mich gerettet hast und mir normale Kleidung gebracht hast. Im Spiderman-Anzug hätte ich den Rückweg wohl nicht ohne nervige Fotografen überstanden.“
Grace nickte. „Schon klar, Dad.“
„Aber nun zu ernsteren Dingen.“ Er räusperte sich und senkte dann den Kopf. „Du hättest das niemals tun dürfen.“
„Ohne mich wärst du tot, Dad“, flüsterte Grace, und Tränen stiegen ihr in die Augen. Sie wischte sie verärgert weg.
„Ohne dich hätte ich nicht solch eine schreckliche Angst gehabt“, war seine Antwort, und sie wusste, dass er – auch wenn er ihre Identität nicht gekannt hatte – die ganze Zeit Angst um sie gehabt hatte. „Auch wenn ich nicht gewusst habe, wer sich unter dem Anzug verbirgt, wusste ich, dass ich die Verantwortung für denjenigen hatte. Das war eine zusätzliche Last, die du mir hättest ersparen können.“
„Ich hatte dir geschworen, dir zu helfen“, war Grace' kurze, aber entschlossene Antwort.
„Ich hatte um diese Hilfe aber nicht gebeten.“
„Hätte ich meine Begabung denn ungenutzt lassen sollen?“, rief Grace und schnellte hoch. Ihr Vater blickte jetzt auf. In seinen Augen sah sie Zweifel blitzen.
„Besser wäre es gewesen. Ich hatte ja keine Ahnung, dass ich meine … meine Gabe weitervererben könnte.“
„Und das sagt der Naturwissenschaftler!“ Grace verdrehte die Augen.
Ein mildes Lächeln stahl sich auf das Gesicht ihres Vaters.
„Ich möchte, dass du in Zukunft zu Hause bleibst.“
Genervt stöhnte Grace auf. Ihr Vater wollte es einfach nicht verstehen!
„Spiderman ist genauso Teil von mir wie von dir“, startete sie einen Erklärungsversuch. „Ich bin ebenfalls mit diesem Schicksal verbunden, und es ist meine Bestimmung, dir unter die Arme zu greifen. Du wirst auch nicht jünger, Dad.“
Ihr Vater atmete aus, dann sah er ihr in die Augen.
„Ich werde dich da draußen nicht kämpfen lassen, Grace.“
„Und ich werde dich da draußen nicht alleine kämpfen lassen.“ Grace blieb stur. „Wir sollten es Mum sagen, oder nicht?“, fügte sie dann fragend hinzu. Ihr Vater nickte seufzend. Er hatte scheinbar eingesehen, dass er nichts ausrichten konnte.
„Aber wehe, du begibst dich noch einmal in solch eine Gefahr“, murmelte er.

MJ und Jack wollten die ganze Geschichte zuerst nicht glauben. Doch als Grace ihr Netz auswarf und durchs Wohnzimmer schwang, gab es keine Zweifel mehr für die beiden.
„Warum hab ich nicht solche coolen Fähigkeiten?“, nörgelte Jack herum und verschränkte beleidigt die Arme vor der schmalen Brust. Grace lachte und wuschelte ihrem kleinen Bruder liebevoll durchs Haar.
„Wer weiß – vielleicht hast du auch die richtigen Gene von Dad bekommen?“, antwortete sie vielsagend und zwinkerte ihm zu. Jacks Gesicht hellte sich auf.
„Dieses Geheimnis bleibt aber in den vier Wänden dieses Hauses“, sagte die Mutter der beiden streng. Die Geschwister nickten brav.
„Heißt das, Grace geht jetzt mit dir zusammen die Bösen jagen?“, fragte Jack seinen Vater. Auch MJ und Grace blickten ihn an.
Peter seufzte, wuschelte Grace durch die roten Locken und lachte dann.
„Ich werde sie sowieso nicht davon abhalten können. Sie ist mir schließlich wochenlang gefolgt – und das auf verbotenem Wege. Sie wird es wieder tun – egal ob erlaubt oder nicht.“
Überglücklich fiel Grace ihrem Vater um den Hals.
„Danke, Spiderman!“, rief sie mit Tränen in den Augen – doch es waren Freudentränen.
MJ räusperte sich, dann ließen die beiden voneinander ab. Grace wandte sich ihrer Mutter zu.
„Mike hat übrigens angerufen und nach dir gefragt“, lächelte sie. Grace lief gegen ihren Willen rot an, und Jack rief erfreut: „Ich wusste es!“ Pfeifend verschwand er in seinem Zimmer.
„Was wusste er?“, fragte Grace, als ihr Bruder in seinem Zimmer verschwunden war.
„Das, was wir alle schon lange wissen“, kicherte ihre Mutter und stellte sich neben Peter. Er lächelte Grace freundlich zu.
„Was?“, fragte Grace. Was glaubten sie denn zu wissen?!
Doch ihre Eltern wandten sich ab, und Grace ging seufzend in ihr Zimmer, um die Maske ihres Anzuges zu reparieren. So konnte sie sich unmöglich blicken lassen!

„Es ist unglaublich, aber seit kurzer Zeit scheinen die beiden Spidermans zusammenzuarbeiten“, erzählte der Nachrichtensprecher im Fernsehen, als die Familie eines Abends vor dem Fernseher saß. „Das Spiderman-Double scheint sich Spiderman angeschlossen zu haben, nachdem es anfangs von Spiderman nicht akzeptiert worden war. Es scheint, als hätte unsere Stadt jetzt zwei Superhelden.“
MJ lächelte. „Peter und ich hatten uns schon gefragt, wer dieser zweite Spiderman wohl sein könnte.“
Grace grinste. „Und du bist nie auf die Idee gekommen, nach mir zu sehen, wenn Dad das Haus verlassen hat?“
Ihre Mutter schüttelte grinsend den Kopf. „Hätte ich das gewusst, junge Dame …“
Die ganze Familie begann zu lachen, und dann klingelte es plötzlich an der Tür. Ertappt sprang Grace auf, die Wangen gerötet.
„Wer ist das?“, fragte MJ alarmiert. Grace' Gesicht wurde noch röter.
„Ich, ähm, ich … ich gehe heute mit Mike essen“, antwortete sie schließlich und verließ schnell das Wohnzimmer. „Ciao, hab euch lieb.“
Als sie verschwunden war, seufzte MJ glücklich und sah Peter an.
„Unser kleines Mädchen wird erwachsen“, lächelte sie.
Und Spiderman lächelte zurück.
~ Ende ~

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