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HufflepuffsUrenkel

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Mittwoch, 30. November 2011, 21:05

Tod auf dem Christkindlesmarkt

Keine Magie, keine Zauberei, sondern ein zur Jahreszeit passender Krimi aus Nürnberg.
Warte gespannt auf eure Kommentare
*********************************************************

Das Handy des Kommissars klingelte. Jemand von der Schutzpolizei – Kröber merkte sich deren Namen prinzipiell nicht – informierte ihn, dass sie auf dem Christkindlesmarkt einen Toten gefunden hatten.
„Zusammengebrochen oder was?“, fragte er knapp.
„Können wir im Moment noch nicht sehen. Kann gut sein, dass er im Gedränge noch mitgeschleift wurde.“
„Sonst noch Wichtiges?“
„Männlich, etwa 30 Jahre alt, etwa 1,80 Meter groß, blond. Hatte keine Papiere bei sich, auch kein Handy.“
„Wer hat ihn gefunden?“
„Ein Mädchen. Sie steht unter Schock. – Wir sind bei einem Stand für erzgebirgische Volkskunst im Sternlasweg, der Zugang ist genau gegenüber der Buchhandlung; Besitzer des Standes ist eine Familie Ostermann. Daneben ist links ein Stand für Süßigkeiten, rechts einer für Spielzeug. Ziemlich genau in der Mitte des Marktes.“
„In Ordnung, ich komme!“ Eine Anweisung, die Stelle abzusichern, dürfte zwecklos sein. Sicher waren bereits Tausende von Füßen darüber getreten, lagen ebenfalls zertretene Reste von Lebkuchen, Zuckerwatte und gebrannten Mandeln darüber und hinuntergeronnener Glühwein und Kinderpunsch hatte das Ganze zu einer undurchdringbaren Masse gemacht.

Kommissar Kröber hielt wenig vo, Christkindlesmarkt – seiner Meinung nach war dieser eine Touristenfalle, die nur den Zweck hatte, dafür zu sorgen, dass die gesamte Nürnberger Altstadt über vier Wochen voller Touristen und Dreck war. Christkindles- oder Weihnachtsmärkte, die diese Bezeichnung verdienten, gab es seiner Meinung nach nur noch in kleineren Orten – angeblich sollte der in Fürth sehr schön sein, doch Kröber würde dennoch niemals freiwillig einen Fuß in die „Westvorstadt“ setzen.
Er zog es vor, zu Fuß zu gehen. Mit dem Auto brauchte man, selbst mit Blaulicht, ewig durch die vollgestopften Straßen, während zu Fuß jemand, der sich auskannte und die Fußgängerzone und die Hauptstraßen mied, sehr schnell vorankam.

Er fand den Zugang zum Sternlasweg, wie eine der Gassen in der Budenstadt hieß, schnell und kämpfte sich durch das Gedränge, wobei er rücksichtslos von seinen Ellenbogen Gebrauch machte. Vor dem Stand der Familie Ostermann drängten Schutzpolizisten Schaulustige zurück. Er zeigte einem seinen Dienstausweis und trat vor den Stand. Der Tote lag im Inneren des Standes, die Besitzer, ein älteres Ehepaar, standen daneben.
„Grüß Gott, Kröber, Kriminalpolizei. Haben Sie den Toten gefunden?“
„Nee – das woar `n Mädchen, das Ihre Gollechen weggebracht hoben“, antwortete der Mann in fürchterlichem Sächsisch. „Sie hat laut jeschrien ‚Ein Doder!’, meine Frau hat hingeguckt und dann Sie ongerufen. Inzwischen is die Gleene zusammengesackt. Ihre Gollechen hoben den Mann hier reingeschlebbt und do liecht er nu.“
Auch die Frau des Standbesitzers wusste nicht mehr.
„Keine Informationen, wer der Tote ist – keine Papiere, kein Handy, kein Nichts“, informierte einer der Schutzpolizisten. „Die Zeugin haben die Kollegen ins Revier Mitte gebracht. Wenn sie dort nicht zu sich kommt, muss sie ins Krankenhaus. – Sie heißt Sonja Lampert, geboren am 13. April 1998, geht auf die Peter-Vischer-Realschule – das steht in ihrem Schülerausweis, den sie zum Glück dabei hatte. Aus ihr selbst war nichts rauszukriegen, ist zusammengeklappt, bevor wir hergekommen sind. Ansonsten keine Spuren zu sehen – nirgends eine Kugel oder sonstige Waffen.“

„Das dauernde Geknipse regt mich auf!“, bellte Kröber und zeigte mit dem Finger auf eine Gruppe japanischer Touristen, die unaufhörlich den Stand, die Polizisten und den Absperrzaun fotografierten. Andere redeten mit den Polizisten, doch die gaben wenig Antworten.
„Sonst hat niemand was gesehen?“, fragte Kröber einen der Schutzpolizisten.
„Angeblich nicht – oder es will niemand was sehen.“
„Was mich wundert: Woher weiß eine Dreizehnjährige, dass jemand, der auf dem Boden liegt, tot ist – und warum sieht ihn sonst niemand liegen?“
„Keine Ahnung, wer alles hier vorbeigekommen ist. Die Leute, die wir hier vorgefunden haben, als wir uns endlich durchgekämpft haben, können ja ganz andere sein als die, die wirklich was gesehen haben – das Gedränge geht ja ständig weiter.“
„Ach nein, da wär’ ich nie draufgekommen“, knurrte Kröber.

Er sah sich den Toten genauer an, doch der blutete weder, noch waren irgendwelche Kampfspuren oder sonst etwas Auffälliges an ihm zu sehen.
„Bringen Sie ihn ins Präsidium zur Untersuchung!“, befahl er. „Die Personalien...“
„...von Herrn und Frau Ostermann haben wir schon aufgenommen, Herr Kommissar“, meldete eine Schutzpolizistin. „Werden Ihnen zugemailt.“

Der Kommissar verließ den Stand in Richtung Polizeiwache. Vom Podium, das wie jedes Jahr vor der Frauenkirche aufgebaut war, erklang Blasmusik. Das Gedränge war unverändert dicht. Es roch gleichzeitig nach Bratwürsten, Lebkuchen, Glühwein, Schweiß und Zigarettenqualm.
‚Kein Wunder, dass hier jemandem schlecht wird und er umkippt’, dachte der Kommissar sich. Er drängte sich bis zur Nordseite des Hauptmarkts durch und ging von dort durch den Rathaushof, wo es trotz der Stände der Partnerstädte, die sich dort befanden, erheblich ruhiger zuging als auf dem Markt selbst, zur Polizeiwache.

Er zeigte dem wachhabenden Beamten seinen Dienstausweis, verlangte, in das Zimmer gebracht zu werden, in dem sich Sonja Lampert befand und ignorierte dabei das schwarzhaarige Mädchen, das neben ihm am Tresen stand.
Im Verhörzimmer saß ein Mädchen mit blonden Locken, hellgrauem, weit ausgeschnittenem Pullover und etwas zu stark geschminktem Gesicht am Tisch. Neben ihr stand eine junge Beamtin.
„Hauptkommissar Kröber, Kriminalpolizei“, stellte er sich vor. „Bist du Sonja Lampert?“
Das Mädchen nickte und nippte an der Cola, die vor ihr stand.
„Sie ist zum Glück wieder zu sich gekommen“, informierte die Polizistin überflüssigerweise. „Leider haben wir ihre Eltern bisher nicht erreicht. Ich bin nicht sicher, ob sie verhörfähig ist.“
„Wird schon.“ Kröber setzte sich dem Mädchen gegenüber. „Was genau hast du gesehen?“
„Ich war mit Ye – mit meiner besten Freundin – auf dem Christkindlesmarkt unterwegs. Dort, bei diesem Stand mit den Sachen aus dem Erzgebirge, hab ich mich angestellt; ich wollte ein Geschenk für meine Oma kaufen, die steht voll auf das Zeug. Dann haut mir plötzlich jemand mit voller Wucht auf die Schultern. Ich dreh mich um und will den anmotzen, da seh ich, da liegt einer am Boden.“
„Herr Ostermann, der Besitzer des Stands, hat ausgesagt, du hättest gesagt, dass er tot ist. Woher wusstest du das? Er hätte ja auch nur zusammengebrochen sein können.“
„Ich bitte Sie, Herr Kommissar!“, warf die Polizistin ein, die wohl Kröbers Ton unangemessen fand. „Sie können nicht von einem Kind erwarten, dass es an alles denkt.“
Das Mädchen schüttelte den Kopf. „Ich bin bei der Wasserwacht und hab auch schon einen Erste-Hilfe-Kurs gemacht. Ich hab also alles versucht, also Ansprechen, Atem testen, Puls fühlen und so. Nichts! Dann hab ich versucht, den Mann zu beatmen, aber dann gemerkt, er wird immer kälter. Von den ganzen Leuten ringsum hat auch keiner geholfen. Dann hab ich laut geschrieen ‚Ein Toter!’ und erst danach hat die Frau vom Stand was gemerkt.“
„Und dann bist du ohnmächtig geworden?“
„Ja, glaub. Das nächste, an was ich mich erinner’, ist, dass ich hier gelegen bin und ihre Kollegin mich angeredet hat.“
„Du sagst, du warst mit deiner Freundin unterwegs. Wo war sie?“
„Keine Ahnung. Sie war plötzlich weg. Vorhin hat mein Handy geklingelt, das war sie.“

Es klopfte an der Tür. Ein Polizist steckte seinen Kopf durch: „Eine Yesim Cokbudak sagt, Sonja Lampert ist ihre beste Freundin und sie will zu ihr.“
„Yesim?“ Sonjas Augen leuchteten. „Ja, das ist sie!“
Der Polizist öffnete die Tür und das schwarzhaarige Mädchen, das Kröber vorhin gesehen hatte, kam herein. Sonja stand auf und die beiden fielen sich in die Arme.
„Wo warst du? Plötzlich hab ich dich nicht mehr gesehen. Bestimmt fünfmal hab ich dich angerufen?“, fragte Yesim. „Und dann kommt plötzlich die Antwort von der Polizei. – Was war denn los?“
Sonja erzählte, was sie erlebt hatte und machte Yesim Vorwürfe, dass sie nicht gewartet hatte. „Ich hab dir doch gesagt, ich möcht' was für meine Oma suchen.“
„Hab ich nicht gehört. Hab mich kurz darauf gewundert, wo du bleibst. Warum hast du mir keine SMS geschickt? Ich hätt dir doch helfen können!“
„Hast du schon mal in echt jemand zusammenklappen gesehen? Im Kurs üben und in echt machen ist total was anderes, sag ich dir!“
„Du hast also nichts gesehen?“, wandte der Kommissar sich an Yesim. Die schüttelte den Kopf.
„Gut, das Übliche“, entschied Kröber. „Personalien aufnehmen, auch von den Eltern und Eltern verständigen. – Sonja, es kann sein, dass du bald Post von uns bekommst und dich auf dem Präsidium melden musst.“
„Wieso?“, fragte Yesim an Sonjas Stelle. „Ist der Mann umgebracht worden?“
„Das wissen wir noch nicht.“ Er zog sein Fotohandy aus der Tasche und zeigte Yesim das Bild des Toten. „Dir ist dieser Mann nicht zufällig vorher aufgefallen?“
Das Mädchen schüttelte wieder den Kopf. Auch Sonja beteuerte, ihn nicht zu kennen.
„Gut, danke! – Wenn ihr nichts mehr hört, war es ein Unfall.“
Grußlos ging er aus dem Raum und entschied, sich von einem Schutzpolizisten per Auto ins Präsidium bringen zu lassen.

Der erste Arztbericht war schon fertig. Herausgefunden hatte der Mediziner wenig Verwertbares. Kröber rief ihn an, da er nicht alles verstand, doch auch die mündliche Antwort war ernüchternd: „Herr Kommissar, ich kann Ihnen nur sagen, was nicht war: Keine Alkoholvergiftung – der Alkoholwert ist der, den man nach ein oder zwei Bier zum Essen oder einer Tasse Glühwein mit Schuss hat – keine sichtbaren Verletzungen, kein Hinweis auf Drogen. Todesursache Herzstillstand. Es ist zwar ungewöhnlich, dass bei einem jungen Menschen so plötzlich das Herz aussetzt, aber nicht ausgeschlossen. Er könnte ja vorher herzkrank gewesen sein.“
„Können Sie das nicht feststellen?“
„Schrittmacher hat er keinen; ansonsten kann ich nicht viel feststellen, solange ich keine Ahnung habe, wer er ist.“
„Fremdeinwirkung also ausgeschlossen?“
„Nein. Es gibt Gifte, die aufs Herz gehen und sich sehr schwer nachweisen lassen.“
„Mist!“

Der Kommissar hatte gerade aufgelegt und war aufgestanden, um an einem stillen Ort seine verbotene Zigarette zu rauchen, als seine Kollegin Birgit Peters hereinkam.
„Grüß Gott, Herr Kröber! Na, Ärger?“
„Ärger ist übertrieben. Eine Leiche, aber es steht nicht fest, wie sie gestorben ist und niemand weiß, wer der Mann war. Zeugen: Ein Kind und einer unserer Mitbürger aus den Neuen Bundesländern. Tatort: Christkindlesmarkt. – Der ganz normale Wahnsinn!“
„Ein Foto des Toten gibt es aber?“
„Ja, hier.“
„Was halten Sie davon, das Foto in den Computer einzuscannen und mit Vermisstenanzeigen zu vergleichen, sofern in den nächsten Tagen keine kommt? Und nachzuschauen, ob es ähnliche Fälle gab.“
„Ist gut, Gscheiderla!“ Besserwisserische und aus Preußen stammende Kolleginnen waren dem Kommissar verhasst, so wie Preußen im Allgemeinen, Fürther, das Gedränge in der Altstadt während der Adventszeit, das Rauchverbot am Arbeitsplatz, Mädchen, die sich kleideten als ob sie auf den Strich gingen, Eltern, die das zuließen, die letzten unglücklichen Niederlagen des 1.FC Nürnberg, der Polizeipräsident und noch viele andere Unannehmlichkeiten des Alltags.

Er ging hinaus und ließ sich viel Zeit für seine Zigarette. Als er wieder zurückkam, hatte seine Kollegin offenbar schon etwas gefunden und ihr war anzusehen, wie sehr sie darauf drängte, ihr Wissen mitzuteilen. Kröber tat, als ob er nichts bemerkte, schaltete seinen Computer an und sah sich die Aktenlage in zwei weiteren offenen Fällen an.
„Wissen Sie, was ich herausgefunden habe?“, wagte Kommissarin Peters einen Vorstoß.
„Nein, aber Sie werden es mir sicher gleich sagen.“
„Es gab im letzten Jahr zwei vergleichbare Fälle zur Weihnachtsmarktszeit, einen hier, einen in Fürth. Damals traf es Budenbesitzer. Auch Herzstillstand, Einwirkung von außen nicht ausgeschlossen; keiner der beiden war vorher herzkrank.“
„Wollen Sie sagen, dass es einen Zusammenhang gibt? Die Christkindlesmarkt-Bande oder was?“
„Ich will bloß sagen, was ich herausgefunden habe.“
„Dann werde ich gleich einmal herausfinden, wie viele plötzliche Todesfälle dass es in Nürnberg in dem Jahr gegeben hat. – Das sagt gar nichts aus. Bevor wir nicht mindestens wissen, wer die Leiche ist, brauchen wir gar nicht erst anfangen, was zu suchen.“
„Natürlich ist das nur eine Vermutung, aber ich bin Polizistin, keine Richterin. Da arbeitet man mit Vermutungen.“
„Jawohl, Frau Polizeischulmeisterin!“
„Oder fangen Sie erst an, zu ermitteln, wenn schon alles sicher ist? Dann gibt es für uns nichts mehr zu tun.“
„Ist gut. Machen Sie weiter und lassen Sie mich in Ruhe!“


Während Oberkommissar Kröber und Kommissarin Peters getrennt voneinander die Dateien nach dem Foto des Toten durchsuchten, verabschiedeten sich Sonja Lampert und Yesim Cokbudak voneinander. Wie zu erwarten war Sonjas Mutter, eine erfolgreiche Maklerin, nicht zu erreichen gewesen und schließlich hatten die Polizisten es trotz Bedenken erlaubt, dass die Mädchen allein heimgingen.
„Kommst du noch mit rauf?“, fragte Sonja.
Yesim schüttelte den Kopf. „Muss noch einkaufen und Essen vorbereiten. Meine Eltern sind ja bis acht im Laden und der Hakan hat heute Training. – Ciao, wir können später chatten!“
Sie küsste die Freundin nochmals auf die Wangen und sah ihr nach, bis Sonja im Haus verschwunden war.
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Mittwoch, 30. November 2011, 21:05

Yesim hatte zwar tatsächlich einkaufen müssen, dies aber schon erledigt, bevor sie sich mit Sonja getroffen hatte. Sie lud zu Hause lediglich schnell ihre Sachen ab, besah sich im Spiegel, zupfte etwas an ihren Haaren, zog ihre Lippen nach und verließ die Wohnung sofort wieder. Ihren Eltern hatte sie erzählt, dass sie bei Sonja essen würde, was denen ganz recht war.
Was sie wirklich vorhatte, brauchten weder Sonja noch ihre Eltern noch ihr Bruder Hakan, der tatsächlich Judotraining hatte, zu wissen, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen: Sie traf sich noch mit Kevin, einem Jungen, den sie am Wochenende auf einer Party im Stadtteilzentrum kennen gelernt hatte – und mit dem sie telefoniert hatte, als sie mit Sonja auf dem Christkindlesmarkt unterwegs gewesen war, weshalb sie auch Sonja überhört hatte.
Zwar waren ihre Eltern relativ tolerant, wenn sie ihre Familie mit denen türkischer Freundinnen verglich, ob sie es allerdings dulden würden, dass Yesim mit ihren dreizehn Jahren mit einem zwei Jahre älteren Jungen ging, bezweifelte sie. Sonja ahnte wohl etwas, war aber neidisch, da eigentlich sie es gewesen war, die auf der Party einen Jungen, Niklas, aus der neunten Klasse ihrer Schule erobern wollte; den hatte ihr allerdings ein beiden unbekanntes Mädchen weggeschnappt. Während Sonja sich darüber gegrämt hatte, war Yesim mit Kevin, einem Freund von Niklas, ins Gespräch gekommen. Beide teilten eine Vorliebe für Krimis und Black Stories und hatten teilweise auch den gleichen Musikgeschmack. Auf der Party hatten sie Blues getanzt und sich auch einmal geküsst, wenn auch mehr aus Spaß.
Dass Kevin allerdings tatsächlich Yesim nochmals angerufen hatte und sie wieder sehen wollte, hatte sie selbst überrascht. Die Worte ‚Ich liebe dich’ hatte er zwar nicht gebraucht, aber immerhin, er schien sie ebenfalls zu mögen und das reichte, um Yesims Teenagerherz zu beflügeln. Gut gelaunt und ohne an das Geschehene zu denken lief sie, die Musik aus dem MP3-Player mitsummend, die Straße entlang zur Bushaltestelle. Der Bus war überfüllt, doch das war sie gewohnt.

Drei Stationen später stieg sie aus und erkannte auch in der Dunkelheit leicht Kevin unter den anderen, die unter der Überdachung des U-Bahnhofs Maximilianstraße herumstanden. Auch er hatte sie gesehen. Die Jugendlichen begrüßten sich mit einer Umarmung und flüchtigem Küsschen auf die Wange.
„Stark, dass es noch geklappt hat“, sagte Kevin. „Wo warst du eigentlich die ganze Zeit?“
„Bei den Bullen, wie ich dir gesimst hab.“
„Bei den – hast du was angestellt?“
„Nö, was denkst du von mir. Die Sonni hat einen Typen zusammenklappen sehen – gerade, als du mich das erste Mal angerufen hast, mitten auf dem Christkindlesmarkt. Da hab ich sie aus den Augen verloren und sie hat mich nicht angerufen. Erst viel später hab ich sie erreicht – und da war sie bei den Bullen, weißt schon, in der Theresienstraße, weil sie selber zusammengeklappt ist – der Typ war sofort tot.“
Kevin musste zweimal nachfragen, bis ihm klar wurde, was passiert war. „Sofort tot – und plötzlich zusammengeklappt, sagst du?“
„Sagt die Sonni – ich war ja selber nicht dabei.“
„Scheiße!“ Er drehte sich um.
„Was ist los mit dir?“
„Nicht so wichtig. – Lass uns ne Cola trinken gehen und dann runter zur Pegnitz! Was meinst du?“
„Gern. Aber irgendwas ist los mit dir. – Klar, ein Toter, das ist schlimm!“
„Klar ist das schlimm“, antwortete Kevin scheinbar teilnahmslos. „Aber so etwas gibt es, leider!“
Obwohl er sich Mühe gab, es zu überspielen, merkte Yesim, dass ihm die Sache näher ging als er zugab.
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Mittwoch, 30. November 2011, 21:23

Mensch, ich dachte, das ist 'ne Kurzgeschichte - und jetzt hört das doch an der spannendsten Stelle auf - so was aber auch ;).

Also das Ganze liest sich flüssig und ist schlüssig aufgebaut - einen Kritikpunkt habe ich - das Arzgebirgsch ist nicht mit dem allgemein bekannten Sächsisch vergleichbar.
Tiefstes Arzgebirgsch versteht man wirklich kaum.
Wenn du den Dialekt echter machen willst, dann darf es da keine stimmlosen Konsonanten geben. ( mer gämpfen, griechen un briefen, so was wie e "K" - das gommt nur da vor, wo es iewerhaubt nich hingeherd - wie zum Beispiel in Karasche ) Doch nun lasse ich das Sächsisch for you und bin gespannt, wer dein Toter ist - und was Yes Freund damit zu tun hat.
Hier geht's zu meiner FF


http://www.harry-potter-community.de/ind…&threadID=13673

Viel Spaß beim Lesen.

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Freitag, 2. Dezember 2011, 11:28

2. Onkel Arno

Hi Grit

Danke für den Kommentar. Das Sächsisch habe ich entsprechend geändert - abba des middäi waichn und haddn ds und bs wädd am Kommissar ned a su aaffalln weil im Fränggischn is des a a su. ;)
**************************************************

Yesim und Kevin tranken an einem Imbissstand Cola und teilten sich eine Lahmacun mit Schafskäse sowie eine Portion Süßigkeiten. Sie unterhielten sich über belanglose Dinge, die Schule, das Kinoprogramm, Yesims Bruder Hakan, mit dem sie eine Hassliebe verband – die Geschwister hielten zwar normalerweise Geheimnisse vor den Eltern, verlangten dafür allerdings Geld voneinander – und Kevins Stiefvater und Stiefschwester, die er beide verabscheute.
Schließlich zahlten sie und gingen in die Dunkelheit hinaus. Sie gingen durch die spärlich beleuchtete Mannertstraße in Richtung Fluss.
„Weißt du, dass das hier die längste Straße von Nürnberg ist?“, fragte Kevin.
„Klar, wenn du hier rein kommst, kommst du manchmal erst nach Jahren wieder raus – also lieber auf der linken Seite bleiben, rechts bleiben die Leute zu lange!“ Yesim wies mit ihrem Finger auf die Mauer des Gefängnishofes.
Kevin gab ihr einen Ohrstöpsel und sie hörten gemeinsam Musik aus seinem MP3-Player. Schweigend gingen sie nebeneinander her, überquerten die Reutersbrunnenstraße und stiegen einen steilen Trampelpfad zur Pegnitz hinunter. Yesim, die den Pfad nicht kannte, hatte Bedenken, doch Kevin bot ihr seinen Arm und half ihr die Böschung hinunter.
„Richtig unheimlich hier, wenn es dunkel ist und kaum Leute hier!“, stellte Yesim fest. „Hier könnten sich jede Menge Verbrecher verstecken.“
„Wär mir zu gefährlich, wenn ich ein Verbrecher wär – so nah am Knast. Komm, die Verbrechen passieren in der Stadt. Was meinst du, was man zurzeit dort erbeuten kann? Bei dem Gedränge am Christkindlesmarkt!“
„Stimmt. – Gäbe übrigens ne gute Black Story ab: Ein Mann geht auf den Christkindlesmarkt, bricht mitten im Gedränge zusammen und ist sofort tot. Was ist passiert?“
„Nicht schon wieder!“
„Komm, Kev, rat mal!“
„Hat der Tod was damit zu tun, dass Christkindlesmarkt ist?“ – „Ja!“
„War der Tote ein Budenbesitzer?“ – „Nein.“
„Und was jetzt? Wenn wir zu zweit spielen, können wir schlecht wechseln?“
„Wir können doch weitermachen bis jemand zehn Nein hat oder so.“
„Lass uns lieber, wenn, dann eine andere Black Story machen, okay, Ye?“
„Also stört dich irgendwas da dran?“, hakte Yesim nach. „Du hast ja vorhin schon ausgeschaut, als ob du gleich flennen würdest – sorry!“
„Ich? Flennen?“, antwortete Kevin empört.
„Sorry, ich wollte dich nicht beleidigen.“ Nach einer Pause fügte sie hinzu: „Aber ein bisschen neugierig bin ich schon.“
„Okay, wenn du’s genau wissen willst: Letztes Jahr ist so was Ähnliches in Fürth passiert, weiß nicht, ob du’s mitgekriegt hast – und der Tote war ein Onkel von mir.“
„Au Mann, das tut mir leid!“ Yesim umarmte ihn.
„Herzanfall, hat der Polizeiarzt gesagt. Aber ich glaub’ das nicht. Der Onkel Arno war nicht herzkrank. Klar, er hat geraucht, er hat ziemlich viel Stress gehabt, gerade vor Weihnachten, klar, aber er hatte ne Kondition wie ein Bär. Der ist mit dem Fahrrad Berge raufgekommen, da hab ich sofort aufgegeben und auch mein Cousin Marcel, also sein Sohn, ist ihm nicht nachgekommen und der ist drei Jahre älter als ich und voll gut in Sport.“
„Meinst du, sie haben ihn umgebracht?“
„Ja. Und die Tante Iris, also seine Frau, meint, dass die Bullen das auch glauben – bloß beweisen kann man’s nicht.“
„Wer macht so was? Die Mafia?“
„Kann sein. Ich hab das Gefühl, die stecken da ziemlich mit drin bei den Weihnachtsmärkten.“
„Wie’s in der Provinz ist, weiß ich nicht“, antwortete Yesim, den Blick nach Westen in Richtung Stadtgrenze gerichtet, „aber in Nürnberg ist das noch untertrieben – die stecken nicht drin, das ist die Mafia, sag ich dir.“
„Erfahrungen gemacht?“
„Meine Eltern haben mal einen Stand beantragt – sie haben ein Obstgeschäft und verkaufen auch viele getrocknete Früchte, Feigen, Datteln, Pflaumen und so, und viel Süßigkeiten. Aber no chance! Da hängen Familien drin, die da das Sagen haben und die auch mit der Stadt zusammenhängen. Letztes Jahr hat Papa gesagt, wenn er die ganzen Gebühren zahlen und die ganzen Bedingungen erfüllen wollen hätte, die sie verlangt haben, müsste er fünf Euro oder mehr für eine Tüte Mandeln oder einen Kranz Feigen verlangen – vorausgesetzt, er hätte alles verkauft, was er dann nie geschafft hätte. Dieses Jahr hat er’s, glaub ich, gar nicht probiert. Die Platzhirsche verkaufen billiger, klar, aber die müssen auch nicht Irrsinnsgebühren zahlen, damit ihnen jemand den Platz überlässt und kriegen keine Wahnsinnsauflagen von der Stadt, weil die kennen genug Leute, dass sie das nicht müssen.“
„In Fürth kommst du, glaub ich, noch eher rein. Mein Onkel war letztes Jahr zum ersten Mal auf dem Weihnachtsmarkt – er hat, hatte, eine Konditorei. Aber klar, dass da Leute abkassieren wollen – aber die sind zu schlau, als dass du das je rauskriegst.“
„Klar, die haben Vitamin B überall.“
„Und da hat halt ein kleiner Konditormeister wenig Chancen, wenn er kein Schutzgeld zahlt – und ein kleiner türkischer Obsthändler auch nicht – und ist vielleicht besser dran, wenn er gar nicht reinkommt. – Okay, Themawechsel!“ Er zog eine große Tüte Gummibärchen aus seiner Anoraktasche und hielt sie Yesim hin. Die zögerte kurz. Eigentlich wollte sie ja abnehmen und hatte an diesem Tag schon genügend Süßigkeiten gegessen, aber... Sie griff zu.


Oberkommissar Kröber saß kaum an seinem Schreibtisch, als das Telefon klingelte.
„Hier Beck. Kommen Sie sofort!“, hörte er die Stimme des Polizeipräsidenten. Er schnaubte. Seinen Vorgesetzten hielt er für einen ahnungslosen Wichtigmacher, dessen einziges Talent darin bestand, sich sowohl bei den schwarzen Obrigkeiten des Bayrischen Innenministeriums als auch bei den überwiegend roten der Stadt Nürnberg einschmeicheln zu können.
Polizeipräsident Beck war ebenfalls übel gelaunt: „Geht es nicht etwas diskreter?“, fragte er scharf und hielt Kröber die neue Ausgabe der AZ unter die Nase. „MORD AUF DEM CHRISTKINDLESMARKT?“ lautete die Schlagzeile. Auf dem Bild war der Stand der Ostermanns mit Polizeiabsperrung zu sehen. „Der Direktor des Tourismusamts hat sich schon beschwert – Kröber, der Christkindlesmarkt ist die größte Attraktion, die wir haben und die Stadt braucht dringend Geld. Was meinen Sie, wie das auf Touristen wirkt?“
„Ich hab diesen Schmierfinken nichts gesagt“, antwortete der Kommissar. „Und wie soll man ermitteln, wenn es mitten im Gedrängel einen Toten gibt? Klar, dass es auffällt, wenn die Polizei absperrt, aber Spurensicherung geht halt nicht im Gedrängel.“
„Wie dem auch sei: Passen Sie auf! Schlechte Schlagzeilen sind das Schlimmste, was uns momentan passieren kann – die Stadt braucht jeden Cent, das wissen Sie.“
Kröber brummte, solange die Stadt es sich leisten könne, dass beim U-Bahn-Bau die Straße fünfmal aufgerissen und wieder zugeschüttet würde, habe sie wohl noch genug Geld.
„Lenken Sie den Verdacht also nicht gleich auf Mord – das passt nicht zur süßen Weihnachtszeit“, mahnte ihn sein Vorgesetzter. „Und vor allem: Nichts an die Presse! Ich werde offiziell vermelden lassen, dass es ein Unfall war.“

Genervt ging er zurück in sein Büro, wo seine Kollegin Peters schon fleißig bei der Arbeit war.
„Ich bin schon mal angefangen, mir die Akten zu dem Fall in Fürth im letzten Jahr anzusehen“, informierte sie ihn.
„Sie sind nicht angefangen, Sie haben angefangen. Und die Westvorstadt heißt nicht Führt, sondern Fürth, mit kurzem ü.“ Meistens verbesserte sie ihn, wenn er Dialekt sprach und so genoss er es, wenn sie einmal Fehler machte.
„Ist jetzt egal. Die Kollegen haben damals festgestellt, dass auffällig viele Standbesitzer auf dem Weihnachtsmarkt in Fürth“ Sie betonte den Namen mit dem fränkischen, kurzen ü – „ teure Reparaturen an ihren Autos hatten.“
„Weiter kein Wunder. Letzten Winter hat es ja anständig geschneit – klar, da passieren Unfälle.“
„Ist möglich. Ich werde das jedenfalls Mal überprüfen.“
„Wenn’s Ihnen Spaß macht! – Horchen’S: Wenn wirklich da unsaubere Geschäfte laufen, dann haben die das bestimmt so hingedeichselt, dass bei den Werkstätten nichts zu finden ist.“
„Und was wollen Sie dann machen?“
„Erst einmal rauskriegen, wer der Tote überhaupt ist. Oder gibt es Vermisstenanzeigen?“
„Nee. Noch niemand.“
„Wenn überhaupt, dann kriegen wir was raus, indem wir verdeckte Ermittler auf die Standbesitzer schicken. – Ganz im Vertrauen, Frau Kollegin: Ich kann mir gut vorstellen, dass da Schutzgelder fließen. Ob sie mit unserem Fall was zu tun haben, weiß ich nicht und bis wir was rauskriegen, dauert es.“

Er rief seinen Freund Klaus Denzer vom Ordnungsamt an. Der bestätigte, was Kröber schon vermutet hatte: Der Christkindlesmarkt war fest in der Hand einzelner Schaustellerdynastien. Ob Geld geflossen sei, wusste Denzer nicht.
„Hm, vielleicht wissen unsere V-Leute bei der Russenmafia was“, sagte Kröber halblaut zu sich selbst, nachdem er aufgelegt hatte.
„Dachte ich auch schon“, hörte er Kommissarin Peters’ Stimme. „Das Abkassieren ist ja absolut in russischer Hand.“
Oberkommissar Kröber öffnete die Datei, in der Daten der russischen V-Männer gespeichert waren. „Dazu passt auch, dass der Tote keine Papiere hatte – sie nehmen ihren Killern und sonstigen Lakaien meistens die Papiere und alles, woran man sie erkennt, weg, sobald die nach Deutschland kommen – so kann keiner von denen singen und so tappen wir im Dunkeln, wenn wir ausnahmsweise mal wen erwischen. – So steht’s im Bericht vom Vadim.“
„In Vadims Bericht“, revanchierte Birgit Peters sich. „Vergessen Sie das Foto nicht. Wenn wir Glück haben, kennt einer unserer V-Leute den Toten.“
„Richtig. Wenn wir Glück haben.“


Yesim Cokbudak hatte eine unruhige Nacht verbracht. Kevin hatte sie am Vorabend noch heimbegleitet, war aber auf ihre Bitten hin eine Ecke vor dem Haus, in dem ihre Familie wohnte, verschwunden.
Der Fall hatte ihren kriminalistischen Spürsinn geweckt: Wie konnte man nur herausfinden, wer Kevins Onkel ermordet hatte? Gab es Fingerabdrücke? Sie verwarf den Gedanken. So dumm, an so etwas nicht zu denken, war kein echter Polizist, nur Herr Grimm in Enid Blytons Geheimnis-Reihe, die sie im Grundschulalter verschlungen hatte, inzwischen aber für Kinderkram hielt. Konnte es in der Wohnung von Kevins Onkel etwas geben, was auf den wahren Täter hindeutete? – Das schon eher. Vermutlich hatte die Polizei die Wohnung zwar durchsucht, aber sie wusste aus Erfahrung, welche Schätze plötzlich dort auftauchten, wo niemand sie erwartete. So hatte Hakan einmal einen Anhänger von ihr im Keller gefunden – sie konnte sich das nur so erklären, dass ihr die Kette genau so aufgegangen war, dass der Anhänger in den Vorratskorb gefallen war, jemand diesen in den Keller getragen und dort versehentlich mit den leeren Flaschen und sonstigen Dingen, die nicht ständig gebraucht wurden, weggelegt hatte.
Da sie lange wachgelegen war, fiel es ihr am Morgen schwer, aufzustehen. Sie schlief wieder ein und erschrak, als ihre Mutter nochmals in ihr Zimmer kam und sie auf die Uhr sah. Sie musste sich beeilen. Hastig wusch sie sich, zog sich an und frühstückte, wobei ihre Mutter sie ermahnte, nicht so zu schlingen. Sie ließ ihre Teetasse halbvoll, als sie zurück in ihr Zimmer lief – ungeschminkt in die Schule zu gehen, war in ihren Augen ein Unding.
Als sie sich endlich gestylt hatte, stellte sie fest, dass sie nur noch wenige Minuten hatte, bis der Bus fuhr. Sie zog ihren Anorak über, rannte aus der Wohnung, schlüpfte in ihre Stiefel, in die sie ihre Hose nur notdürftig stopfte und rannte los. Gerade als sie zur Bushaltestelle kam, fuhr das rot-weiße Gefährt ab.
Sie stieß eine lange Reihe türkischer und deutscher Flüche aus. Sie war vor drei Wochen zum letzten Mal zu spät gekommen, ausgerechnet bei Krisch, dem Pünktlichkeitsfanatiker der Schule – und genau den hatte sie wieder in der ersten Stunde. Andere kamen regelmäßig zu spät und ihnen passierte nichts, da die jeweiligen Lehrer noch später kamen.

Krisch beließ es bei der Bemerkung, beim nächsten Mal sei eine Nacharbeit fällig. Ansonsten verlief der Vormittag ereignislos. Sonja und Yesim waren inzwischen geübt darin, während des Unterrichts so zu kommunizieren, dass es ihren Lehrern nicht auffiel – die hatten ohnehin genug mit den Jungen zu tun, die mit Papierkugeln schmissen oder beim Schaukeln mit den Stühlen laut genug die Lehne gegen die Tischplatte ihres Hintermanns krachen ließen.

In den Pausen stand Kevin leider mit Jungen zusammen, die auch mit Hakan befreundet waren, weshalb Yesim es bei einem ‚Hallo!’ beließ, auch wenn es ihr schwer fiel. Das Geld, das Hakan fürs Dichthalten sicher verlangt hätte, wollte sie lieber anders verwenden.
Am Nachmittag hatte sie neben Hausaufgaben noch Schwimmtraining, sodass ihr erst, als sie abends nach Hause fuhr, auffiel, dass Kevin mehrmals auf ihr Handy gesprochen hatte. Nachdem sie sich von Sonja verabschiedet hatte, musste sie noch ihrem Bruder helfen, die Schachteln und Tüten mit Gebäck, die Tante Emine wie jeden Dienstag und Donnerstag gebacken hatte, ins Geschäft der Eltern zu bringen und dort so zu verstauen, dass sie am nächsten Tag appetitlich aussehen würden. Dafür durften Yesim und Hakan die nicht verkauften Plätzchen vom Dienstag aufessen.
Sie achtete darauf, dass ihr Bruder sie nicht übervorteilte, hängte ihren Bikini und ihr Badetuch ordentlich zum Trocknen auf und ging in ihr Zimmer, wo sie sofort Kevins Nachrichten las und abhörte.
Nicht nur schrieb er, wie sehr er sie vermisste, er berichtete auch, dass er seiner Tante hatte helfen müssen und zufällig genau zu dieser Zeit die Polizei in der Konditorei war. Darüber wollte sie unbedingt mehr wissen!
Es kostete sie Überwindung, dem Ruf der Mutter, dass Essenszeit sei, zu folgen, statt sofort ins Internet zu gehen und mit Kevin zu chatten.
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Freitag, 2. Dezember 2011, 11:29

2. Onkel Arno (2)

„Das Geschäft Arno Blechschmidts wurde nie durchsucht“, stellte Kommissarin Peters fest. „Hier heißt es nur ‚keine auffälligen Geldbewegungen, keine Fingerabdrücke am Stand hinter der Theke, außer denen Blechschmidts selbst, seiner Frau, seines Sohnes und einer Verkäuferin.“
„Tja, der Kollege Beringer war eben nicht so preußisch-gründlich wie Sie“, kommentierte ihr Vorgesetzter sarkastisch.
„Mir scheint eher, da spielen andere Dinge eine Rolle. Genau bis zum 3. Januar gibt es regelmäßige Einträge, ab dem 4. Januar nichts mehr, aber erst am 29. Januar wurde der Fall als ungelöst vermerkt.“
„Ist ihm oder dem Kollegen Klein nach dem 4. Januar eben nichts mehr eingefallen, was sie noch machen könnten.“
„Na ja, es gab damals ja wohl auch einen Verdacht und den V-Mann zur Russenmafia kennen ja wohl nicht nur Sie.“
„Frau Kollegin, V-Leute kennen nie allzu viele. Klein hat zwei andere V-Leute in der Russenmafia, die er betreut – ich kenn’ nur die Namen und die Gesichter, mehr nicht.“
„Egal. Er hatte sie jedenfalls nicht kontaktiert.“
„Wollen Sie das jetzt? Die werden Ihnen genau nichts sagen.“
„Vielen Dank für die Information! Ich überlasse Ihnen den Kontakt zu ihrem V-Mann und werde mich nochmals in dieser Konditorei umhören. Mit Klein können wir im Moment nicht sprechen.“
Kommissar Michael Klein lag nach einem schweren Skiunfall in Salzburg im Krankenhaus. Zwar war er nicht mehr im Koma, doch konnte er immer noch nicht nach Nürnberg transportiert werden, geschweige denn, dass mit ihm ein normales Gespräch möglich gewesen wäre.

Birgit Peters erreichte die Witwe Blechschmidts zwar, die bat aber darum, es kurz zu machen. Die Kommissarin fuhr nach Fürth, sprach dort mit Frau Blechschmidt, zwei Verkäuferinnen und einem Küchenhelfer. Weder die Chefin selbst noch ihre Angestellten konnten sich erinnern, dass der Besitzer vor seinem Tod den Eindruck gemacht hatte, unter Druck zu stehen.
„Klar, Weihnachten ist immer was los, und letztes Jahr besonders, weil wir zum ersten Mal am Weihnachtsmarkt waren“, sagte eine Verkäuferin. „Klar war der Chef nervöser wie sonst, ist wegen Sachen gleich sauer geworden, die er normal durchgehen hat lassen, aber aufgefallen – nein.“
Frau Blechschmidt bat die Kommissarin darum, die Gespräche in einem Hinterzimmer zu führen, damit die Kundschaft nichts mitbekomme. Auch sie wusste nichts davon, dass ihr Mann bedroht worden war. „Aber eins sag ich Ihnen: Den ham’s umgebracht“, schloss sie. „Und noch eins sag ich Ihnen: Ihr Kollech, der Herr Beringer oder so, der hat erst hier jeden Winkel durchgeschaut und dann nach ein paar Tagen getan, wie wenn er sich an nix erinnern könnt’. Da war was ned sauber.“
In diesem Moment steckte ein Junge mit hochtoupierten, braunen Haaren seinen Kopf durch das Fenster vom Hof her: „Bin dann fertig, Tante Iris!“
Die Konditorin nahm ihren Geldbeutel und zog einen Schein heraus. „Dank dir!“ Sie wandte sich an die Kommissarin: „Mein Neffe Kevin – hilft mir ab und zu das Lager ausräumen.“
Kommissarin Peters sah, wie der Junge in einem Prospekt blätterte. Sie erkannte, dass es sich um die Werbung einer Zweiradfirma handelte. So eine Maschine hatte – nein, sie wollte nicht daran denken!
„Kann ich Ihnen auch ein paar Fragen stellen?“, rief sie durch das Fenster. „Kriminalpolizei.“
Der Junge trottete zur Tür und kam herein. „Muss ja wohl“, antwortete er muffelig.
Er nahm den Prospekt mit und setzte sich an den Tisch.
„Sie interessieren sich für Motorräder?“, versuchte die Kommissarin einen Einstieg.
„Sie können mich ruhig duzen. Ja, schon, im Moment hab ich noch nicht genug Geld, aber wenn ich nächstes Jahr nen guten Job krieg, will ich mir ne 80er zulegen. Hier die Yamaha vielleicht.“
„Yamaha ist bei 80ern nicht so gut. Bei schweren Maschinen ja, aber bei leichten rate ich dir eher zu Hercules oder Honda.“
„Kennen Sie sich aus mit Motorrädern?“, fragte Kevin interessiert.
„Ja, ich fuhr selbst einige Jahre– aber man wird ja älter, vorsichtiger und bequemer.“ Sie bemühte sich, einen gleichmütigen Gesichtsausdruck zu wahren.

Immerhin funktionierte der Einstieg. Der Junge kannte sich tatsächlich einigermaßen aus und wollte vielleicht sogar Zweiradmechaniker lernen.
Nach einigen Minuten Geplauder kam die Kommissarin zu ihrem eigentlichen Anliegen: „Hast du hier auch schon mitgeholfen, als dein Onkel noch gelebt hat?“
„Ja, freilich, warum? Da fällt immer Arbeit an – und der Onkel Arno hat ganz großzügig bezahlt; die Tante Iris auch, obwohl sie manchmal jammert wegen Geld.“
„Und was machst du hier?“
„Alles halt, was nicht unbedingt zu einer bestimmten Zeit passieren muss – so wie Lager ausräumen eben, leere Kartons in den Container, gelbe Säcke füllen, was halt so anfällt.“
„Ist dir um Weihnachten letztes Jahr irgend etwas aufgefallen?“
Der Junge überlegte. „Nein, eigentlich nicht“, sagte er schließlich. „Halt, doch. – Aber das hat meine Tante bestimmt Ihren Kollegen schon gesagt.“
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6

Sonntag, 4. Dezember 2011, 17:58

Du kriegst das gut hin - an der spannendsten Stelle aufzuhören - nun hast du ja schon ein paar Spuren gelegt,
ich bin ein großer Krimifan - deine Figuren wirken sehr glaubwürdig.
Bin schon sehr gespannt, wie es weitergeht.
Hier geht's zu meiner FF


http://www.harry-potter-community.de/ind…&threadID=13673

Viel Spaß beim Lesen.

HufflepuffsUrenkel

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7

Sonntag, 4. Dezember 2011, 22:43

3. Die Weihnachtsmarkt-Mafia

@Grit: Danke für den Kommentar!

So geht es erst einmal weiter (spiele immer noch mit dem Gedanken, ein Buch daraus zu machen - ich weiß, ich bin größenwahnsinnig)^^
*************************************************

„Was meinst du?“, fragte die Kommissarin.
„Als wir nach Weihnachten ausgeräumt haben, war da eine ganze Palette mit Zuckertüten. Die Tante Iris hat nichts davon gewusst – nur eine Verkäuferin hat sich erinnert, dass der Onkel Arno sich erinnert hat, dass die alle abgelaufen waren, wie sie sie geliefert haben.“
„Hm, davon habe ich noch nichts gehört oder gelesen.“ Birgit Peters verfluchte sich für diese unvorsichtige Bemerkung. Diesen Jungen ging die Polizeiakte ebenso wenig an wie jemand anderen.
„Meinen Sie, das hat was mit dem Mord zu tun? Dass sie ihn umgebracht haben, weil er ihnen kein Geld zahlen wollte? Wenn so was öfter passiert ist?“
„Das kann ich mir nicht vorstellen. – Hör mal, noch wissen wir ja nicht, ob dein Onkel umgebracht wurde. Ich habe eine Vermutung, aber darüber möchte ich ungern sprechen.“

Als sie ins Präsidium zurückkam, erfuhr sie von ihrem Vorgesetzten, dass dieser seinen V-Mann erreicht hatte. „Können Sie den genauer fragen, wie seine Kumpane bei Erpressungen vorgehen?“
„Kann sein“, brummte Oberkommissar Kröber. „Alles weiß er auch nicht.“
Kommissarin Peters berichtete von den Aussagen Kevins. Ihr Vorgesetzter hörte sich alles geduldig an, zeigte aber keine Regung und sagte nichts. Sie deutete das so, dass er sich ebenso unsicher war wie sie selbst: Dass ein Geschäft eine ganze Palette verdorbener Ware aufhob, statt sie zurückzuschicken, wunderte sie.
Die Aktendurchsicht ergab, dass ihre Kollegen nichts notiert hatten. Sie schrieb aus dem Gedächtnis zusammen, was der Junge ihr erzählt hatte und notierte sich, dass sie ihn noch verständigen musste, da sie seine Unterschrift brauchte – glücklicherweise hatte sie sich seine Adresse und auch seine Handynummer geben lassen – ob er bei seiner Aussage blieb.
Der zweite Tote des Vorjahres, ein Spielzeughändler, stammte aus der Gegend von Nördlingen, fiel also in den Bereich der Augsburger Kollegen. Eine Befragung der Witwe und eines Helfers sowie eine Durchsuchung des Standes hatten im Vorjahr nichts ergeben. Am 15. Januar war der Fall übergeben worden. Sie schrieb eine e-Mail an die Mordkommission im Polizeipräsidium Schwaben, in der sie um Weitergabe der Ermittlungsergebnisse am Wohnort des Toten bat.


Gegen neun Uhr abends gingen zwei Männer über die Große Straße auf den Kleinen Dutzendteich zu. Hier, wo einst die SS marschiert war und nun im Frühjahr und Herbst das Volksfest Massen anzog, während der Fußballspiele Autos parkten und ansonsten vor allem Skater und Fahrschüler unterwegs waren, hielten sich um diese Jahreszeit wenige Leute auf. Ein Beobachter hätte am ehesten vermutet, dass die beiden Männer in einer der Kneipen zwischen dem Dutzendteich, dem Frankenstadion und der Bahnlinie einige Biere getrunken hatten und nun auf dem Heimweg in Richtung der Wohnsiedlung an der Oskar-von-Miller-Straße, vielleicht auch am Hasenbuck oder am Rangierbahnhof waren. Der Ältere sprach fränkischen Dialekt, der Jüngere stammte hörbar aus Osteuropa.
„Du hast also nichts mit dem Weihnachtsgeschäft zu tun?“, fragte der ältere Mann.
Der andere schüttelte den Kopf: „Leider nein. Nur die normalen Sachen. Aber man kann ganz gut davon leben.“
„Schade. – Wie geht es eigentlich Mischa? Hat er wenigstens was davon?“
„Weiß nicht. Hab Mischa schon lang nicht mehr gesehen.“
Der ältere Mann verzog das Gesicht. Er zündete sich eine Zigarette an und ging schweigend neben seinem Gesprächspartner her.
„Der Mann auf dem Foto ist also nicht Mischa?!“, stellte er schließlich eher fest als er fragte.
„Nein. Aber ich kenn’ ihn nicht.“ Dem Osteuropäer fiel etwas ein: „Übrigens, wenn wir bei Fotos sind: Das ist der Schachspieler, von dem ich erzählt hab.“ Er zog sein Handy heraus und drückte unauffällig eine bestimmte Taste.
„Danke. Auch jemand von denen, die auf Weihnachten nach Nürnberg kommen?“
„Weiß ich nicht. Muss erst mit meiner Frau reden.“
„Mist, mistiger!“ Der ältere Mann, Kommissar Kröber, sah sich um, erschrocken über sich selbst und atmete leise auf, als er feststellte, dass niemand zugehört hatte. Zwar war es vorteilhaft, dass Vadim, der jüngere Mann, einen Mann der mittleren Ebene identifiziert hatte – „guter Schachspieler“ war das Tarnwort für mittlere und höhere Chargen, wobei die höchsten irgendwo in Russland auf ihren Datschen saßen und die Polizei ihrer Umgebung unter Kontrolle hatten – doch im vorliegenden Fall hatte der V-Mann nicht helfen können; im Gegenteil: Er hatte keinen Kontakt mehr zu Mischa – dem Codewort für die Bandenmitglieder im Allgemeinen – und er tat nur ‚die normalen Sachen’, das hieß, im Auftrag von Gläubigern, die ihr Geld schneller wieder haben wollten als der Rechtsweg funktionierte, deren Schuldner zu bedrohen. Das bedeutete, dass zu befürchten stand, dass Vadim von seinen Komplizen als V-Mann verdächtigt wurde.

Während Oberkommissar Kröber seiner Wohnung im Nibelungenviertel entgegenging, fand folgender Chat statt:
Yeah-shim: eine ganze palette? o O
die-diagnose: ja, wieso?
Yeah-shim: Hätte papa sofort zurück geschickt. Ein zwei vergammelte passiert schon mal aber nicht alles
die-diagnose: meinst, die hätten das wieder genommen?
Yeah-shim: hundertpro. Sonst verlieren die ja ihre kunden, wenn die sich ärgern
Yeah-shim: und nur wenn dus gleich zurückschickst kriegst du geld wieder – du musst denen ja gleich beweisen dass das zeug abgelaufen war oder schlecht
die-diagnose: warum glaubst du hat mein onkel das aufgehoben?
Yeah-shim: ka – vll haben sie ihn da schon erpresst
die-diagnose: wie meinst du das?
Yeah-shim: hab mal was gelesen: die sagen dann, wenn ihr nicht zahlt kriegt ihr vergiftete sachen – und viele zahlen
die-diagnose: dann war das schon ne aktion von der mafia?
Yeah-shim: kann sein
Yeah-shim: mein bruder nervt hinter mir – will ran an die kiste
Yeah-shim: müssen langsam schluss machen
die-diagnose: ciao, schlaf gut, träum schön xxx
Yeah-shim: klar, am liebsten von dir – viiieele xxxs!!!
die-diagnose: ich hoff ich kann von dir träumen <3
Yeah-shim: ich meld mich nochmal – schlimmstenfalls vom handy
Yeah-shim: ciao bis später!
die-diagnose: ich hab dich lieb! <3
Yeah-shim: ich dich auch *knutscher* <3
Yeah-shim ist offline

Einige Zeit saß Kevin ungeduldig vor seinem Notebook und hoffte, dass Yesim ihr Versprechen halten und sich nochmals rühren würde. Danach fiel ihm etwas ein: Sein Notebook hatte einst seinem Onkel gehört; nachdem seine Tante die für sie wichtigen Daten gesichert hatte, hatte sie es seiner Mutter verkauft und die hatte es Kevin zum Geburtstag geschenkt.
Nicht alle Daten seines Onkels waren gelöscht und manche Dateien ließen sich vielleicht auch wiederherstellen – Kevin selbst hatte es zwar nur einige Male gemacht, aber sein Freund Max war ein echter Freak, der so etwas sicher beherrschte.
Es gelang Kevin an diesem Abend nicht mehr, zu erkennen, ob es sich lohnte, eine Datei wiederherzustellen, aber er fand zwei Bilder in einem Ordner, die mit Sicherheit nicht er eingestellt hatte. Das eine zeigte seine neunjährige Cousine Janine, ein etwas verträumtes Mädchen, das andere ein ihm, Kevin, unbekanntes Mädchen etwa im gleichen Alter, das fast nackt auf einer Couch lag. Er erschrak: Sollte sein Onkel mit Kinderpornos zu tun gehabt haben?
Den Gedanken verwarf er allerdings wieder: Wäre es so gewesen, wäre es unwahrscheinlich, dass ausgerechnet ein einziges Bild übrig geblieben wäre. Vermutlich hätte er dann alle entsprechenden Bilder in einen Ordner gespeichert, den er entweder zu Lebzeiten komplett gelöscht oder den Tante Iris gefunden hätte. Dennoch erzählte er zunächst niemandem, nicht einmal Yesim, von seinem Fund.

Von Max ließ er sich am nächsten Tag ausführlich erklären, wie man Programme wiederherstellte. Er nahm auch sein Notebook mit zu Max und sie probierten es dort gemeinsam; lediglich die Fotos versteckte Kevin und Max war fair genug, die versteckten Dateien nicht anzeigen zu lassen.
Die meisten Dateien, die zum Großteil wiederhergestellt werden konnten, waren gewöhnliche Geschäftsmails und Anlagen, die Kevin weniger interessierten. Ein Einspruch gegen einen Steuerbescheid, mehrere Bestellungen, einige Werbeanzeigen, eine Adressensammlung mit dem ihm unbekannten Titel ‚ADHS-Syndrom’ – Kevin sah beim flüchtigen Darüberlesen etwas von ‚Mädchen oft verträumt’ und erinnerte sich, dass Tante Iris ab und zu geklagt hatte, Janine lebe in einer anderen Welt. In welchem Zusammenhang die beiden Fotos gestanden waren und ob sie überhaupt etwas miteinander zu tun hatten, brachte Kevin nicht in Erfahrung.


Auch die Polizei kam in den nächsten Tagen nicht weiter. Die Antwort der Augsburger Kollegen erbrachte, dass der ermordete Händler, ein gewisser Walter Meitinger, zwar Drohbriefe bekommen hatte, dies war allerdings nach Wissen der Witwe lange vor der Adventszeit 2010 der Fall gewesen.
Kommissarin Peters ertrug es nicht, auf der Stelle zu treten und schlug vor, sich bei allen Budenbesitzern umzuhören. Bei ihrem Vorgesetzten stieß die Idee auf wenig Gegenliebe: „Die haben momentan bestimmt wenig Zeit und Lust, sich mit uns zu unterhalten. Wer was anzeigen wollen hätt’, der hätt’ das schon gemacht“, meinte Oberkommissar Kröber. „Wenn sich einer nicht traut, können wir ihn nicht zwingen – und wir können auch nicht alle Stände einzeln überwachen. Was meinen Sie, wie viel Stände es gibt und wie viel Leute jeden Tag da unterwegs sind?“
„Das weiß ich. Ich bin nicht mehr ganz neu in Nürnberg“ , antwortete die Kommissarin mehr resigniert.
Einige Zeit später jedoch hatte sie eine Idee: Sie fragte ihren Vorgesetzten, was aus Hauptkommissar Beringer geworden war, der damals nicht nur den Fall Blechschmidt geleitet hatte, sondern auch der Mordkommission Mittelfranken insgesamt vorgestanden war.
„Das wissen Sie nicht?“, fragte Hans Kröber überrascht. „Den haben wir praktisch gegen Sie getauscht. Der ist jetzt in Regensburg.“
Nun war es an ihr, überrascht zu sein: „In Regensburg? Der Chef der Mordkommission dort heißt Tuschl und ist noch nicht so alt, dass er schon pensioniert worden sein könnte.“
„Ich hab nicht gesagt, dass er bei der Mordkommission ist. Er ist beim Betrug.“
„Beim Betrug? Aber warum schicken sie einen Mordspezialisten zum Betrug?“
„Frau Peters, wie lange sind Sie schon bayrische Beamtin und glauben immer noch, dass Entscheidungen von denen in München einen Sinn haben?“

Immerhin bestand Hoffnung: Falls Beringer ihr selbst keine Auskunft geben können oder wollen sollte, kannte sie auch Wolfgang Hölzl aus der oberpfälzischen Betrugskommission recht gut. Wie sie selbst einstmals war er leidenschaftlicher Motorradfahrer – nein, daran wollte sie nicht mehr denken!
Ihre Anrufe in Regensburg verliefen, wie sie gedacht hatte. Beringer gab nur lapidar Auskunft, die Ermittlungen seien aus Mangel an Indizien eingestellt worden. Von der weggeworfenen Palette Zucker wusste er nichts.
Wolfgang Hölzl und Birgit Peters’ früherer Kollege in der Regensburger Mordkommission, Nico Wendler, versprachen ihr, sich unauffällig mit Beringer in Verbindung zu setzen. Bei der Weihnachtsfeier in Regensburg gab es traditionell genügend alkoholische Getränke, dass dem einen oder anderen Kollegen die Zunge lose wurde.

Hans Kröber suchte währenddessen die Daten der beiden seinem Kollegen Klein unterstehenden V-Leute heraus. Einer davon namens Mitja war, wie er wusste, unter anderem auch dafür eingesetzt, Vadim zu kontrollieren und umgekehrt, was beide keinesfalls wissen durften.
Jenen Mitja erreichte er schnell am Telefon und erhielt auch bald eine e-Mail von einem anonymisierten Server aus, worin Mitja schrieb, dass der Arm der Russenmafia, dem er angehörte, tatsächlich im Vorjahr am Fürther Weihnachtsmarkt aktiv gewesen war – allerdings nicht, um Schutzgeld zu erpressen, sondern um Protest gegen die Vergabepraxis zu unterbinden. Von einem Mord an einem der Geschäftsleute wusste er ebenso wenig wie davon, wer in Nürnberg ähnliche Dinge tat. Er konnte nur versprechen, sich unter Freunden umzuhören. Boris, den anderen V-Mann, erreichte Kröber an diesem Tag nicht. Er konnte höchstens noch im Wirtschafts- und Betrugsdezernat nachfragen, da die Kollegen dort sicher auch V-Leute und verdeckte Ermittler in die Russenmafia einschleusten. Da die Banden aber inzwischen in weitgehend unabhängig voneinander operierende Kleingruppen aufgeteilt waren, würde es auf jeden Fall schwierig sein, etwas herauszubekommen.
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Sonntag, 4. Dezember 2011, 22:44

3. Die Weihnachtsmarkt-Mafia (2)

Der Samstag brachte für Yesim eine freudige Überraschung: Kevins Mutter und Stiefvater waren zu einer Geburtstagsfeier in der Verwandtschaft des letzteren gefahren und würden erst spät abends nach Hause kommen, seine Stiefschwester Sandra wollte dies ausnützen, um den Tag bei ihrem aktuellen Freund zu verbringen, bei dem sie vielleicht auch übernachten würde. So hatte er sturmfreie Bude und war nur zu bereit, dies auch auszunützen.
Yesim fuhr mit dem Fahrrad hin, da der Weg mit öffentlichen Verkehrsmitteln ziemlich umständlich gewesen wäre – zweimal umsteigen und einmal davon lange warten.
Sie gingen am späten Vormittag gemeinsam einkaufen, den Nachmittag verbrachten sie bei Kevin zu Hause, hörten Musik, spielten Computerspiele, lösten mehrere Black Stories, zwei gemeinsam im Internet und je eine, die sie sich gegenseitig stellten, unterhielten sich und genossen ganz allgemein ihre Zweisamkeit.
Später zeigte Kevin Yesim auch die beidem Bilder.
„Die eine sieht echt aus, wie wenn sie wer auf’n Strich geschickt hätt’“, kommentierte sie. „Traust du deinem Onkel so was zu?“
Kevin zuckte mit den Schultern: „Eigentlich nicht. Soviel ich mitbekommen hab, waren die Tante Iris und der Onkel Arno glücklich miteinander – aber du weißt ja: Verbrechern sieht man’s nie an“, gab er eine Krimiweisheit zum Besten.
„Warum gehst du nicht zur Polizei? Ich mein, selbst wenn, deinem Onkel kann ja nichts mehr passieren“, schlug Yesim vor.
„Ich weiß nicht – ich stell mir vor, was los wär’, wenn er echt...Aber ich kann’s einfach nicht glauben. Ein einziges Foto – das gibt keinen Sinn.“
„Glaub ich auch nicht."

Am Nachmittag stellte Kevin fest, dass keine Limonade mehr da war. Er bot Yesim an, sie könne in der Wohnung bleiben, doch die meinte, sie wolle auch „ein bisschen Luft schnappen“.
Kaum waren sie aus dem Haus gegangen, fiel ihr ein Mann mit dunkelblondem Haar auf, der scheinbar lässig in einer Einfahrt stand. „Kennst du den?“, fragte sie.
„Nö.“ Kevin überlegte: „Aber du hast Recht, der war gestern auch schon ewig hier herum gestanden.“
„Heute früh, wie ich gekommen bin, nämlich auch. Später, wie wir dann aus der Stadt zurückgekommen sind, nicht mehr.“

Als sie vom Supermarkt zurück zur Wohnung gingen, Kevin mit einem vollen Getränkekasten, Yesim mit mehreren Tüten Keksen und Gummibärchen in den Händen, sahen sie denselben Mann in einem Stehcafé am Straßenrand.

Gegen sieben Uhr verabschiedete Yesim sich von Kevin: Sie hatte ihren Eltern nichts gesagt, dass sie nicht zu Hause essen und / oder abends weggehen wollte und hielt es für besser, erst heimzugehen und beim Abendessen die Lage zu sondieren.
Immer noch stand der Mann in der Nähe der Wohnung von Kevins Eltern. Dem Mädchen wurde langsam mulmig und sie beschloss, ihn zu testen: Sie ging erst zu ihrem Rad, er folgte ihr ein Stück bis er die nächste Straßenecke sah, doch kurz vor dem Laternenpfahl, an den sie ihr Rad geschlossen hatte, drehte sie abrupt um als ob sie vergessen hätte, etwas einzukaufen. Sie ging gemächlich in eine Seitenstraße, schaute auf die Prospekte des Reisebüros und durch die Scheiben des zu dieser Jahreszeit wegen des Rauchverbots in Kneipen spärlich besuchten Shisha-Café. Zwischendurch drehte sie sich möglichst unauffällig um und sah, dass der Mann hinter ihr her ging. Sie bog in die nächste, weit belebtere Straße ein und stellte fest, dass sie hier schon oft gewesen war, als sie Kevin noch nicht gekannt hatte: Hier befand sich eben jener Bazar, in dem es den ihrer Meinung nach schönsten Modeschmuck Nürnbergs gab und in dem sie die Ohrringe und einen der Armreifen, die sie derzeit trug, gekauft hatte. Nach einem kurzen Blick ins Schaufenster, wo diesmal eine Kette ihr Interesse weckte, versuchte sie die Tür und stellte fest, dass das Geschäft bereits geschlossen war. Als sie sich umdrehte, um zurückzugehen, sah sie, dass der Fremde telefonierte. Sie verstand zwar seine Sprache nicht, meinte aber, zweimal das Wort ‚Kevin’ zu hören.
Ohne richtig zu wissen, warum sie es tat, zog sie ihr eigenes Handy aus der Tasche und begann, den Fremden zu filmen.

„Hey, hör auf damit!“, befahl der Mann schroff.
Sie tat, als ob sie ihn nicht hörte.
Er steckte sein Handy ein und wandte sich ihr unmissverständlich zu. „Hör auf mich zu filmen! Lösch das Video, aber sofort!“
„Warum?“, fragte sie zurück. „Das ist mein Handy.“
„Du kannst nicht einfach fremde Leute filmen!“
„Warum nicht?“
„DARUM!“
Der Mann kam näher und ballte die Fäuste. Sie steckte ihr Handy ein und wollte weitergehen, als er nach ihrem Ärmel griff: „Lösch das Video, hab ich gesagt!“
Sie riss sich los. Er griff ein zweites Mal in ihre Richtung, doch sie wich aus. Nun schlug er zu, doch auch der Schlag ging ins Leere. Yesim war sehr wendig, vor allem viel mehr als man es ihr bei ihrer etwas molligen Figur zugetraut hätte. Sie schlug ihrerseits zu und traf auch, doch der Mann schien den Schlag überhaupt nicht zu spüren.
Sie stellte sich ihm gegenüber, ihr Gewicht von einem Bein aufs andere verlagernd, um im richtigen Moment ausweichen zu können. Wegrennen erschien ihr die falsche Alternative: Eine sonderlich gute Sprinterin war sie nicht und außerdem konnte sie schlecht sehen, ob der Mann von hinten etwas auf sie warf. Dagegen traute sie sich durchaus zu, den Mann mit den verstärkten Spitzen ihrer Stiefel ernsthaft zu verletzen, vor allem, wenn sie ihn an der richtigen Stelle traf.
Er versuchte, sie zu packen, sie wich aus und trat zu, doch der Mann hatte mitgedacht und blockte mit seinem linken Arm Yesims Bein, bevor sie es überhaupt voll durchgestreckt hatte.
Er schlug erneut zu und traf sie leicht am Oberarm, was ihr durch ihre Winterjacke hindurch kaum wehtat. Nun bekam sie ihn bei den Hüften zu fassen und versuchte einen Wurf, doch die Tatsache, dass sie vor dreieinhalb Jahren mit Judo aufgehört hatte, machte sich bemerkbar: Der Wurf gelang ihr nicht mehr so sauber, wie er hätte müssen, um Erfolg zu haben; ihr Gegner konnte sich befreien, sie an den Armen packen und durch seine große Kraft einen Moment von den Füßen reißen.
Sie kam zwar wieder zum Stehen, doch der Mann hielt sie nun von hinten im Polizeigriff: „Es geht mir eigentlich gegen den Strich, gegen Mädchen zu kämpfen. Also sei brav und gib mir dein Handy oder lösch das Video! So ist es für uns beide besser.“
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