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Plumbum

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Sonntag, 5. Juni 2011, 22:34

Eine Geschichte von Raum und Zeit

Titel: Eine Geschichte von Raum und Zeit

Autorinnen: Autorenteam Plumbum

Genre: Fantasy

Altersfreigabe: ab 14 Jahre

Inhaltsangabe:
In einer Welt, in der die Magie ihren Zauber verloren hat und der Frieden seinen Namen nie gerecht werden konnte, braut sich Unheil zusammen. Die Herrin im See ist zurückgekehrt und hat den Norden der bekannten Welt unter ihre Kontrolle gebracht. In Mitten dieses schwellenden Konfliktes gerät Felix, ein Junge, dessen einziger Wunsch es ist zurück in seine Welt reisen. Doch die Wege zurück durch Raum und Zeit sind versperrt, während das Schicksal selbst längst einen ganz anderen Pfad für ihn bereithält.

Anmerkung:Ein ganz großes Dankeschön geht an Grit für das Beta-lesen des Prologs bis einschließlich Kapitel elf. =)

Kapitel:

Prolog
Kapitel 1: Felix
Kapitel 2: Kriemhild
Kapitel 3: Das verschwundene Problem
Kapitel 4: Gegen den Wind
Kapitel 5: Odine
Kapitel 6: Mimage und Nero
Kapitel 7: Der Geruch von Schwefel
Kapitel 8: Im Hexenhaus
Kapitel 9: Erde zu Erde
Kapitel 10: Artemis vom Käfig
Kapitel 11: Grün, grün, grün
Kapitel 12: Erwachen



Mein Abscheu wird durch Euch vermehrt.
O glücklich der, den Ihr belehrt!

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Sonntag, 5. Juni 2011, 22:35

Prolog

Prolog

Heros hatte drei Probleme. Nun, eigentlich hatte er, ein gerade einmal sechszehnjähriger Junge mitten in der Pubertät, viele Probleme, aber keines erschien ihm so schwerwiegend wie die gegenwärtigen. Gestern Morgen noch hatte seine größte Sorge lediglich darin bestanden, seine herrschsüchtige Missionspartnerin zu ertragen. Jetzt kam ihm dieses Problem allerdings beinahe lächerlich klein und unbedeutend vor und fast wünschte er sich, sie wäre nicht samt Reisegeld und Proviant verschwunden, denn gerade ihre so herbei gewünschte Abwesenheit hatte sie zu einer Verkettung unglücklicher Ereignisse geführt, die ihn erst in seine jetzige Bredouille gebracht hatten.

Zum einen musste er - sofern er nicht für immer und ewig in dieser Dimension, der sogenannten ‚Erde‘, festsitzen wollte - es innerhalb der nächsten Minuten irgendwie schaffen, die letzten Meter zwischen sich und dem ihm genannten Abreisepunkt zurückzulegen. Zum anderen durfte er dabei die Ordnungshüter dieser Welt nicht auf sich aufmerksam machen und zum dritten sollte er sich dabei irgendwie noch seiner Geisel entledigen, die - wie sollte es auch anders sein - sich just in diesem Moment unruhig zu regen begann.

„Sei still“, flüsterte Heros automatisch. Zu spät rief er sich in Erinnerung, dass er die Sprache dieser Welt nicht beherrschte und er bezweifelte stark, dass der grünhaarige Junge, den er gezwungener Maßen an sich gepresst hielt, die seine verstand. Er musste sich wohl oder übel mit einer etwas universelleren Art der Kommunikation verständlich machen.

Während er mit der linken Hand seine einzige Waffe, eine zerbrochene Glasflasche, weiter an die Kehle des Jungen drückte, glitt seine rechte Hand über dessen Mund. „Pssst“, zischte er leise, wobei er das Gelände um sich herum nicht aus den Augen ließ. Er bezweifelte, dass seine Verfolger ihn und seine Geisel einfach hatten laufen lassen. Die Art und Weise, wie sie das Feld geräumt hatten, hatte eher wie ein taktischer Rückzug gewirkt als ein ernst gemeinter.

Erneut suchten seine Augen den mittlerweile dunklen Wald um sich herum ab. Er lauschte angestrengt, doch außer ein paar Vögeln und dem Wind, der sanft durch die Baumkronen strich, rührte sich nichts. Unruhig schielte er auf seinem linken Unterarm. Schier unendlich langsam verformten sich die eingeätzten Zahlen auf seiner Haut, strebten viel zu träge der Null entgegen. Noch gut eine Minute.

Er atmete tief durch. Zeit zum Handeln. Heros wusste, dass das Verlassen seiner Deckung nicht unbedingt intelligent war, wusste aber auch ob der Zwickmühle, in der er sich befand. Einerseits konnte er hier nicht teilnahmslos verharren und darauf warten, dass ihm die Zeit davonlief. Andererseits ging er mit jedem Schritt, den er tat, und den er sich von seinem momentan sicheren Status quo wegbewegte, das Risiko ein, seinen Gegnern einen Vorteil zu verschaffen. Und doch… er hatte keine andere Wahl. Er musste sich pünktlich am vorgeschriebenen Ort befinden, zehn Meter davon entfernt waren nun einmal zehn Meter zu viel. Er mochte gar nicht daran denken, was passieren würde, wenn er es nicht schaffte. Die Geschichtsbücher waren voll von Menschen, die in einer fremden Welt festsaßen und er wollte definitiv nicht dazugehören. Den ruhigen Jungen mit sich ziehend verließ er vorsichtig seine Deckung.

Mit jedem Schritt, den er tat, jedem Meter, den er sich von seinem Versteck entfernte und dem Abreisepunkt näherte, erwartete er insgeheim den Angriff seiner Gegner. Doch es tat sich nichts. Es war ruhig, etwas zu ruhig. Mit einem mulmigen Gefühl in der Magengegend passierte Heros die Sitzbänke, die den Treffpunkt umgaben. Fast schien es so, als ob sie eine Zuschauertribüne um den mit Erde gefüllten Holzkasten bildeten. Ein wahrlich eigenartiger Ort für den Ausgangspunkt einer Raum-Zeit-Reise, denn obwohl er vom Weg, der durch den Wald führte, nur schwer einzusehen war, barg die Lichtung, auf der er lag, selbst nur wenig Schutz vor ungewollten Augenpaaren.

Einmal mehr blickte er sich um, einmal mehr lauschte er, doch noch immer schien das einzige, was ihn verfolgte, die Stille selbst zu sein. Vorsichtig trat er über die hölzerne quadratische Einzäunung in den Sand hinein, nur um sodann erleichtert aufzuatmen. So weit so gut. Jetzt musste er nur noch sein Problem loswerden. Natürlich konnte er auch ganz einfach warten, bis die Zeit abgelaufen war und sich dann einfach in Nichts auflösen. Allerdings befürchtete er, dass der Junge nicht allzu gelassen auf sein plötzliches Verschwinden reagieren würde. Die Dimensionshexe hatte ihn seinerzeit gewarnt keine unnötige Aufmerksamkeit zu erregen, um nicht die Preisgabe ihrer Welt zu riskieren, und er hatte aufgrund seiner Verhaftung schon viel zu viel Interesse auf sich gezogen. Und das letzte, was er gebrauchen konnte, war, dass seine Herrin UND die Dimensionshexe sauer auf ihn waren. Eine aufgebrachte Frau war immer noch besser als zwei. Keine wäre selbstverständlich wünschenswert gewesen, aber - so hatte es ihm die Erfahrung seines mittlerweile sechszehnjährigen Lebens gezeigt - man konnte einfach nicht alles haben, besonders, wenn Frauen involviert waren. Diese ganze verdammte Misere hier fußte eigentlich nur darauf, dass seine Partnerin sich dazu entschlossen hatte, in dieser Welt zu bleiben, oder doch nicht? Rasch blickte er sich um. Wie erwartet, hatte sie sich doch nicht umentschieden.

Immerhin hatte er einen Ersatz gefunden, so dass er die letzten Sekunden in dieser Welt nicht allein verbringen musste. Ein kurzes humorloses Lächeln glitt über Heros‘ Gesicht, erlosch aber sogleich wieder, da die Zahlen auf seinem Unterarm plötzlich begannen glühend heiß zu werden. Noch zwanzig Sekunden. Es war definitiv an der Zeit, den Jungen loszuwerden. Er hielt es sich zugute, dass er zumindest kurz darüber nachdachte den Jungen einfach von sich zu stoßen, wenn der Countdown abgelaufen war. Allerdings war die Gefahr, der Knabe könnte sich aus Versehen umdrehen und ihn verschwinden sehen, einfach zu groß. Er würde wohl oder übel etwas anders vorgehen müssen.

So unauffällig wie möglich versuchte er seinen linken Arm in eine andere Position zu bringen, wobei er allerdings nicht mit der Reaktion des anderen gerechnet hatte. Doch dieser zuckte plötzlich zurück, wobei sein Kopf schmerzhaft gegen Heros‘ Kinn schlug. Er stolperte, den Knaben mit sich ziehend, rückwärts und wäre dabei beinahe noch über die Holzumrandung gefallen. Nur mit Mühe gelang es ihm das Gleichgewicht zu halten und sich zugleich mit Schwung vom Kastenrand abzustoßen, um den Jungen im Sand unter sich zu begraben. Er versuchte sich aufzurichten, als ein stechender Schmerz seinen ohnehin schon brennenden Unterarm durchzuckte. Insgeheim verfluchte er den um Aufmerksamkeit bettelnden Countdown, weit bevor sein von Qualen getrübtes Gehirn feststellte, dass nicht die Zahlen die Ursache seines Leids war. Es war der Junge, oder besser gesagt, dessen Zähne, welche sich in sein Fleisch gegraben hatten. Die Finger seiner linken Hand verkrampften sich um den Flaschenhals, während er sich mit Mühe auf die Knie kämpfte und verzweifelt versuchte, seine ehemalige Geisel von sich wegzustoßen.

Unter Aufwendung all seiner Kraft schaffte Heros es schließlich seinen Arm zu befreien. Der Junge kullerte durch den Sand, blieb allerdings nicht liegen, sondern sprang sogleich wieder auf die Beine. Er spuckte kurz aus, bevor er sich panisch umblickte, wie ein Tier, das nicht wusste, ob es tapfer kämpfen oder nicht doch besser fliehen sollte.

Mit schmerzverzerrter Miene kämpfte sich Heros zurück auf die Beine. Blut lief seinen Unterarm hinab, dasselbe Blut, das den Mund seines Gegners umgab. Die zerbrochene Flasche in der Hand blickte er zum ersten Mal in die Augen seiner ehemaligen Geisel. Der Junge starrte ihn an wie ein hypnotisiertes Kaninchen, bevor er sich abwandte und - über seine eigenen Beine stolpernd - die Flucht ergriff.

Heros selbst hatte nicht einmal Zeit aufzuatmen, da sich just in diesem Augenblick im wahrsten Sinne des Wortes der Boden unter seinen Füßen auftat und ihn verschlang. Er spürte, wie die Erde über ihm zusammenschlug, sich um ihn herum verdichtete, bis sie ihn ganz umgab. Wie bereits beim ersten Mal erfasste ihn in diesem Moment das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Doch noch ehe sich dieser Gedanke in seinem Gehirn manifestieren konnte, spürte er auf einmal wieder Boden unter den Füßen. Der Sand, der ihn zuvor nur umgeben hatten, legte sich auf ihn, bevor er zuerst seinen Kopf, dann seine Schultern, seine Brust und schlussendlich auch seine Beine freigab. Heros schüttelte sich automatisch, um sich von den letzten beharrlichen Körnern zu befreien. Augenscheinlich war er wieder in der Steinhöhle gelandet, die auch den Ausgangspunkt seiner Reise markiert hatte.

„Was hast du getan?“ Sekretär Gottfried, der Gehilfe der Dimensionshexe und ein Beamter sondergleichen, war soeben in die Höhle getreten, um seine Ankunft zu überprüfen.

„Ich hatte ein paar kleine Problemchen in der anderen Welt. Nichts worüber du dir den Kopf zerbrechen müsstest“, erwiderte Heros abweisend, während er seine Wunde inspizierte. Er hatte bei der Anzahl an bevorstehenden Schelten nun wirklich keine Lust, sich auch noch vor jemandem so wichtigtuerischen, selbstherrlichen und dabei so unbedeutenden wie Gottfried rechtfertigen zu müssen. Seine eigene Herrin Briseis würde schon schlimm genug sein. Sie würde mit Sicherheit nicht gerade erfreut über das sein, was er zu berichten hatte. Ganz davon abgesehen, dass sie gewiss wie immer den Weg des geringsten Widerstandes wählen und ihm die Schuld für die schlechten Nachrichten in die Schuhe schieben würde. Das unvermeidliche Schicksal des Hiobsboten. Immerhin hatte er den Vorteil, dass sie ihn sowieso für unfähig hielt. Von daher würde die Befriedigung über die Bestätigung ihrer schlechten Meinung von ihm den Groll über die Botschaft mindern. So versuchte er es sich zumindest einzureden.

„Oh, nein, deine Probleme sind sehr wohl auch die meinen, wenn du die Regeln brichst.“ Gottfrieds Gesicht nahm einen ungesunden Rotstich an.

„Was redest du da?“

„Was ich rede? Was ICH rede?“ Gottfried schien an seiner eigenen Empörung zu ersticken. Der Rotstich in seinem Gesicht breitete sich aus, bis er auch in den letzten Winkel seiner Geheimratsecken vorgedrungen war, während sein knöchriger Finger anklagend auf einen Punkt hinter Heros deutete.

Genervt drehte sich Heros um. Er schloss die Augen, öffnete sie wieder, bevor er sie schicksalsergeben aufs Neue schloss. Er hatte ein Problem.

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grit

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Montag, 6. Juni 2011, 19:03

Hat was, viel Spannung, macht neugierig - und hat mich schon wieder mal dazu gebracht, mich am Computer festzulesen.
Dabei bin ich eigentlich gar kein Fan von Fantasy... ;)
Natürlich hörst du an der spannendsten Stelle auf - mal sehen, wer oder was nun hinter unserem Helden aufgetaucht ist...
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Dienstag, 7. Juni 2011, 22:37

@ Grit
Hui, ein Kommentar, damit hätte ich ja fast gar nicht gerechnet (weil die Geschichte ja keine FF ist und so). *freu* =)

Es freut mich sehr, dass du den Anfang spannend fandest und selbst als "nicht Fan" von Fantasy-Geschichten meine Story gelesen hast, so was kann man sich als Autor ja eigentlich nur wünschen. :D

Viele liebe Grüße

Plumbum =)

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Freitag, 10. Juni 2011, 20:43

Ich war neugierig, mal was von dir zu lesen - und wenn mich etwas packt, dann lese ich auch am PC - in letzter Zeit sogar mehr - ist zwar nicht so bequem, aber Raum - Zeit - Geschichten interessieren mich. Vor kurzem habe ich gerade erst wieder "Von Zeit zu Zeit" und "Im Strom der Zeit" von Jack Finney gelesen. Ich finde es toll, dass diese Zeitreisen im Prinzip ohne technische Hilfsmittel auskommen.
Und diese Story werde ich weiter verfolgen, weil mir dein Schreibstil gefällt.
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Dienstag, 14. Juni 2011, 21:49

Vielen Dank für das Kompliment, dass dir mein Schreibstil gefällt. =)

Du warst neugierig, was von mir zu lesen? 8o Wieso das denn?

Zum Thema: Raum-Zeit-Geschichten:
Also ich kenne die Bücher von Jack Finney leider nicht, vielleicht sollte ich sie mal lesen, sobald ich mit meiner jetzigen Reihe durch bin. In meiner Geschichte hat die Möglichkeit einer Raum-Zeit-Reise ja eher magische Hintergründe, allerdings versuche ich als Naturwissenschaftlerin natürlich auch irgendwie das eine oder andere von dieser unterzubringen. Mal gucken, ob es mir gelingt :baby:

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Dienstag, 14. Juni 2011, 22:37

Ich hatte dich mal im Eberkopf getroffen, da hat jemand über dich so sinngemäß gesagt, zäh wie Blei schreibst du ja nicht, tja, das wollte ich halt mal testen... ;) , ich hatte noch nichts von dir gelesen - und es hatte noch eine überschaubare Größe.

Und zu Jack Finney, seine Zeitreisenden vertreten die Ansicht, dass die Zeit ein mäandrierender Fluss ist, auf dem wir in einem Boot ohne Ruder dahintreiben. Wenn es einem nun aber gelingen sollte, das Ufer zu erreichen, dann könnte man zurückgehen und die vergangenen Zeiten, die sonst unerreichbar sind, erreichen. Das ist aber nicht ohne weiteres möglich, weil uns Tausende von kleinen Dingen wie unsichtbare Fäden an das Heute ketten. Gelingt es aber, das Flair der Zeit, in die man gelangen will, an einem Ort perfekt zu installieren, dann könnte es, bei entsprechendem Training, gelingen, nach und nach alle Fäden, die einen an die Gegenwart binden, zu lösen und denselben Ort in der Vergangenheit zu erreichen. Es gibt nur wenige solcher Orte...
Es ist eine Art von Selbsthypnose, ist schwer so zu erklären, aber wirklich sehr gut zu lesen. (Es gibt eine Ausgabe mit beiden Romanen mit einem tollen Vorwort zum Thema Zeitreise-Geschichten..)
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Freitag, 17. Juni 2011, 21:33

Kapitel 1: Felix

Kapitel 1: Felix

Teil 1

Er war entführt worden. Entführt! Schon der bloße Gedanke daran sorgte dafür, dass sich sein Magen unangenehm zusammenzog. Warum er? Warum ausgerechnet er? Hastig warf er dem wohl einzigen Menschen, der ihm diese Frage beantworten konnte, einen verängstigten Seitenblick zu. Niemals in seinem ganzen Leben würde Felix den Augenblick vergessen, als er aus dem Kiosk seiner Mutter getreten und von dem Fremden überwältigt worden war. Seine zitternde Hand fuhr prüfend zu der Stelle seines Halses, an der noch vor kurzer Zeit die tödliche Kante einer zerbrochenen Wodkaflasche geruht hatte. Er nahm die Hand von seiner Kehle und betrachtete beinahe schon andächtig seine stetig vibrierenden Finger. Doch da war kein Blut, nur die Erinnerung an den Augenblick in seinem Leben, in dem er zum ersten Mal hautnah erlebt hatte, was es bedeutete Todesangst zu haben. Und diese Angst war noch lange nicht vorbei.

Erneut blickte er in die Richtung seines Entführers, der noch immer mit seinen Komplizen diskutierte. Ihre Stimmen klangen eigenartig, ungewöhnlich hart und bedrohlich in ihrer Fremdartigkeit. Er wusste, dass sie über ihn diskutierten, besser gesagt darüber, wie sie mit ihm am besten weiter verfahren sollten. Würden sie ihn töten?

Felix konnte selbst nicht so genau sagen, warum er überhaupt zuließ, dass sich so ein furchtbarer Gedanke in seinen Kopf pflanzte. Doch kaum, dass dieser die Oberfläche seines Bewusstseins berührt hatte, begann er bereits zu wuchern, immer bestrebt, ihn noch mit weiteren beklemmenden Fragen zu malträtieren. Wie würden sie ihn töten? Würde es lange dauern, voller Qualen und Erniedrigungen, oder würde es schnell gehen?

Einmal mehr versuchte Felix, die in ihm wachsende Panik zu unterdrücken, versuchte tief ein- und auszuatmen und die in ihm aufsteigende Magensäure herunterzuschlucken. Er musste sich auf das Wesentliche konzentrieren. Doch was war überhaupt noch wesentlich, wenn das einzige, was man empfand Angst, Verzweiflung und Chaos war? Felix spürte wie seine Augen feucht wurden. Er wollte einfach nur hier raus, nach Hause zu seinen Eltern, seiner Schwester, seinen Freunden.

Tränen begannen seine Wangen hinunterzufließen. Hastig wischte er sie weg –ein letzter verzweifelter Versuch sich zusammenzureißen- und fingerte in seiner Jacke nach einem Taschentuch, wobei seine Hand gegen einen kühlen Gegenstand stieß. Es dauerte einige Sekunden, bevor Felix registrierte, was er soeben berührt hatte. Sein Handy. Sein gottverdammtes Handy! Hoffnung, mit der aufputschenden Wirkung eines Energydrinks, wallte mit aller Kraft in ihm auf.

Ein hektischer Blick in Richtung der beiden Männer suggerierte ihm, dass diese immer noch mit ihrer Diskussion beschäftigt waren und ihm keine Beachtung schenkten. So langsam und unauffällig wie möglich zog er das Gerät aus der Tasche. Es verfing sich ein, zweimal, bevor er es endlich sicher in der Hand hielt.

Sein erster Impuls war es seinen Vater anzurufen, doch dann überlegte er es sich anders. Er wandte sich nach einem letzten prüfenden Blick von seinen Gegnern ab, damit sie das Aufleuchten des Displays nicht sehen konnten und ertastete mit dem Daumen die gewünschte Zahlenkombination: 110.

Aus dem Augenwinkel schielte er auf sein Handy, um es - sobald jemand an der anderen Seite abhob - hochzureißen und schnell so viele Informationen wie möglich weiterzugeben, bevor sein Entführer und dessen Komplize es ihm entwenden würden. Er starrte auf das Display und plötzlich war alle Euphorie und Erleichterung vergessen, während die Übelkeit sich mit aller Macht ihren Weg zurückbahnte. Kein Empfang!

Felix hatte das Gefühl den Boden unter den Füßen zu verlieren. Er taumelte leicht zur Seite und wäre vermutlich zu Boden gestürzt, wenn nicht in letzter Sekunde jemand seinen Arm ergriffen hätte. Als er aufsah, schaute er direkt in die grünen Augen seines Entführers. Er schluckte schwer. Er hasste diese Art von Situation, die Angst, die Panik, das Gefühl, innerlich wie erstarrt zu sein, während seine Instinkte die Oberhand über seinen Verstand gewannen.

Sein Gegner blickte ihn noch einmal prüfend an, bevor er sich - Felix immer noch am Arm haltend - seinem Partner zuwandte und etwas in der fremdländischen Sprache sagte. Er drehte sich wieder zu ihm um und in diesem Augenblick schoss Felix‘ freie Hand, die immer noch das Handy hielt, nach vorne und schlug ihm dieses mit aller Kraft zwischen die Augen. Er hörte den Schmerzensschrei des anderen, kurz bevor er nach hinten geschleudert wurde und dieses Mal wirklich den Boden unter den Füßen verlor. Das Handy rutschte ihm aus der Hand und schlug nur unwesentlich vor ihm auf den Boden. Er hatte das Gefühl, dass sämtliche Luft bei dem Aufprall aus seinen Lungen gedrückt wurde und er einiges an blauen Flecken davontragen würde. Doch das alles war ihm egal, während er sich aufrappelte, sein Handy schnappte und in Richtung Höhleneingang sprintete.

Er kam nicht weit. Vielleicht vier, fünf Schritte, bevor sein Gegner mehr oder weniger von hinten gegen ihn prallte und ihn unter sich begrub. Er war schnell, verdammt schnell! Wie eine Raubkatze auf der Jagd und er, Felix, schien ihr Opfer zu sein. Etwas Warmes tropfte auf seine Wange. Doch er hatte keine Zeit darüber nachzudenken, was es war, da in diesem Augenblick das Gewicht, das ihn niedergerissen hatte, verschwand und er unsanft auf die Knie gezerrt wurde. Felix war sich sicher, dass sein letztes Stündlein geschlagen hatte. Er konnte es förmlich in dem über ihm thronenden, mit Blut bespritzten Gesicht seines Feindes sehen. Einmal mehr stieg die Übelkeit in ihm hoch, bahnte sich ihren Weg vom seinem Magen aus, die Speiseröhre hoch und ehe er es verhindern konnte, erbrach er sich kläglich auf den Boden, was seinen Entführer dazu veranlasste ihn loszulassen und hastig ein Stück zurückzuweichen.

Felix wusste, dass in dieser Situation ein Gefühl wie Scham gänzlich unangebracht war und doch schämte er sich. Er war nie ein mutiger Junge gewesen. Nie. Klein und zierlich seit jeher, hatte er immer zugesehen, stärkere und größere Freunde um sich zu scharen, um nicht das Opfer anderer zu werden. Doch wo waren seine Freunde jetzt? Wo seine Beschützer? Seine Eltern? Die Polizisten, die seinen Entführer verfolgt hatte? Wo waren sie alle?

Was hatten sie getan, um ihm zu helfen, während er die beängstigende Erfahrung machte zerbrochenes Glas nur durch eine viel zu dünne Hautschicht von seiner lebensnotwendigen Halsschlagader entfernt zu wissen? Wie konnten sie ihn einfach alleine lassen, sich zurückziehen, sodass er dazu gezwungen war, jemandem ein Stück Fleisch rauszubeißen, um sich zu befreien? Und wieso, verdammt noch mal, hatten sie es einfach zugelassen, dass man ihn von dem Sandkasten, der hinter dem Kiosk seiner Mutter gelegen war, in eine Steinhöhle gebracht hatte, die sich - schon allein aufgrund ihrer Größe - nicht in der Gegend rund um seine Heimatstadt befinden konnte.

Er wurde einfach das Gefühl nicht los, dass sie ihn nicht nur im Stich gelassen hatten, sondern ihn einfach… einfach vergessen hatten.

War er eine Sekunde zuvor noch wütend gewesen, so fühlte er sich jetzt einfach nur noch müde. Er schlang die Arme um seine Beine, senkte seinen Kopf und schloss erschöpft die Augen. Langsam wippte er vor und zurück. Es beruhigte ihn irgendwie. Es beruhigte ihn so sehr, dass er, als jemand ihm vorsichtig auf die Schulter tippte, nicht einmal zusammen schrak, sondern lediglich etwas zurückzuckte. Als er aufblickte, sah er den Komplizen seines Kidnappers vor sich stehen. Er war ein älterer Mann mit wohlgepflegtem, braungrauen Bart und weit ausufernden Geheimratsecken.

„Briseis entscheiden.“ Felix glaubte seinen Ohren nicht zu trauen und doch, obwohl der alte Mann sichtlich Mühe hatte die Worte auszusprechen, konnte er ihn dennoch verstehen.

Der Alte schien indes seine Überraschung für Verwirrung zu halten, da er kurz überlegte, ehe er es einmal mehr versuchte: „ Du nicht hierher gehören.“ Er deutet dabei zuerst auf Felix, bevor er zu einer alles umfassenden Geste ausholte. „Heros…“ Diesmal deutete er auf seinen Entführer, ehe er mit seinen Fingern Gehbewegungen imitierte. „…du bringen zu mächtig Mimage Briseis. Briseis entscheiden.“

„Ich will nach Hause. Bitte, lassen Sie mich nach Hause gehen. Bitte.“ Selbst in seinen eigenen Ohren klang seine Stimme heiser, kaum lauter als ein Wispern.

Doch der Alte schüttelte nur ablehnend den Kopf.

„Bitte!“ flehte Felix eindringlich. „Ich… ich werde auch nichts sagen. Ich weiß, doch eh nichts. Nur bitte, bitte lassen Sie mich nach Hause gehen.“

„Du nicht gehen nach Hause. Du gehen Briseis. Briseis entscheiden“, erwiderte der Alte bestimmt.

Seine Entscheidung klang endgültig. Eigentlich müsste Felix weiter betteln oder vor Verzweiflung weinen oder wenigstens wütend sein, doch das einzige, was diese letzte Enttäuschung hinterließ, war Resignation. Er hatte genug von dieser Achterbahnfahrt der Gefühle. Genug davon, dass die Hoffnung des einen Momentes die Enttäuschung des nächsten nur noch verschlimmerte. Er würde sich in sein Schicksal fügen- vorerst.

Unauffällig ließ er sein Handy in seiner Jackentasche verschwinden, während der Alte sich bereits abgewandt hatte, um einmal mehr auf seinen Komplizen einzureden. Dieser schien, ebenso wie Felix selbst, alles andere als glücklich über die Entscheidung des Alten zu sein. Doch schlussendlich gab sein Entführer nach. Mit mürrischer Miene drückte er seinem Partner die zerbrochene Flasche in die Hand und wandte sich, während dieser gewichtig die Glasflasche vor sich her tragend aus der Höhle eilte, Felix zu. In seinem Gesicht spiegelte sich neben Widerwillen auch leichter Ekel, bei dem Felix nicht genau wusste, ob er nun ihm selbst oder dem Erbrochenen zu seinen Füßen galt. Sein Entführer musterte ihn eine ganze Weile lang, ehe er seufzte und sich mit den Fingern durch das Haar fuhr. Dann deutete er mit seiner Hand auf sich und brummte: „Heros“, ehe er ihn auffordernd anschaute.

Felix überlegte kurz, ob er ihm einen falschen Namen nennen sollte, verwarf diesen Gedanken allerdings sogleich wieder. Sein Entführer war derjenige, der etwas Illegales getan hatte, nicht er. Gut, er hatte die Wodkaflasche aus dem Kiosk seiner Mutter entwendet, um sich zu aus Frust zu betrinken. Allerdings konnte er das bei Bedarf auch jederzeit der alten Hilde unterschieben. Die schrullige Alte hatte sowieso nichts Besseres zu tun, als sich in ihren Wochenendschichten im Kiosk an den Alkoholvorräten seiner Mutter gütlich zu tun, wenn sie nicht gerade im Sandkasten mit einem ganz und gar unangemessenen Eifer nach Katzenkot suchte.

„Felix“, erwiderte er schließlich. Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.

Sein Kidnapper nickte dennoch verstehend und deutete in einer auffordernden Geste in Richtung Höhlenöffnung.


Hier gehts weiter: Kapitel1 Teil 2

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Freitag, 17. Juni 2011, 22:19

Du machst es ja ganz schön spannend, der Wechsel der Erzählperspektive ist gut gelungen - planst du das im Wechsel ?

Das macht es auf jeden Fall interessant.

In diesem Kapitelchen sind noch ein paar Fehlerchen, dazu habe ich dir eine PN geschrieben - ich hoffe, du nimmst mir das nicht übel.
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Freitag, 17. Juni 2011, 22:49

Hey grit,

vielen lieben Dank für deinen Kommentar und für deine Korrektur. Natürlich bin ich dir wegen letzterem nicht böse. Das Gegenteil ist eher der Fall. =)

Also ich habe insgesamt vier Point of View Charaktere, allerdings ist Felix mein "Hauptcharakter". Ich versuche immer jedes zweite Kapitel aus Felix Sicht zu schreiben. Das jeweils dazwischen liegende Kapitel wird dann aus der Sicht von einem der Drei verbleibenden PoV-Charaktere geschrieben sein.

Viele liebe Grüße

Plumbum =)

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Freitag, 24. Juni 2011, 18:39

Kapitel 1: Felix Teil 2

Kapitel 1: Felix

Teil 2


Felix‘ Hand glitt in seine Jackentasche und schloss sich um das beruhigend kühle Gehäuse seines Handys. Dann straffte er die Schultern und trat durch den Höhlenausgang auf ein kleines Plateau hinaus. Der Wind wehte kräftig hier oben, kalt und rau. Unwillkürlich zog Felix seine Jacke etwas fester um sich, bevor er sich neugierig umschaute. Hinter ihm erhob sich eine steile Felsenwand bis weit hinauf, während sich gut einige Dutzend Meter unter ihm ein riesiger Wald erstreckte. Er war so gigantisch, dass Felix selbst von seiner erhöhten Position aus nicht erkennen konnte, wo er endete.

Er blickte sich suchend nach dem Alten um, doch dieser war verschwunden, aber wohin? Erst beim zweiten Hinsehen erkannte er, dass an der einen Seite des Plateaus, nur unwesentlich entfernt von zwei struppigen Büschen, die als einzige, dem rauen Klima und dem kahlen Boden hier oben trotzten, ein kleiner Pfad zu erkennen war, auf den sein Entführer gerade zustrebte.

Zögernd folgte Felix ihm. Als er näher kam, stellte er jedoch fest, dass es nicht direkt ein Pfad gewesen war, den er gesehen hatte. Es war vielmehr eine Art in den Fels eingelassene Steintreppe mit einem passenden Steingeländer an der einen Seite und einer vollkommen ungesicherten Schlucht an der anderen Seite. Obgleich Felix eigentlich keine Höhenangst hatte, fühlte er sich nicht ganz wohl dabei, als er seinem Entführer den schier unendlich langen Weg nach unten folgte. Die Treppe ging gut fünf Meter hinab, ehe sie eine 180 ° Wendung machte, weitere fünf Meter nach unten führte, nur um dort einmal mehr abzuknicken.

Während sie Stufe um Stufe hinabstiegen, fragte sich Felix insgeheim, wie hoch diese Steinhöhle, in die sie ihn gebracht hatten, eigentlich gelegen war und wie weit somit der Wald sein musste, der sich direkt unter ihm erstreckte. In Anbetracht der Stufen, die noch vor ihm lagen, war nicht nur die Fläche des Waldes beeindruckend, sondern auch die Höhe der Bäume selbst. Sie mussten fast doppelt so groß sein wie die Laubwälder, durch die er erst vor wenigen Tagen mit seiner Freundin geradelt war. Ex-Freundin wäre wohl die passendere Bezeichnung gewesen. Er glaubte kaum, dass nach dem heftigen Streit vom Morgen und seiner überstürzten Abreise in Richtung Heimat ihre Beziehung weiter Bestand hatte. Oder war es gestern Morgen gewesen?

Nachdenklich rieb Felix sich die Stirn. Es war bereits dunkel gewesen, als sein Kidnapper ihn gefangengenommen hatte und doch war es jetzt wieder hell draußen, auch wenn die Sonne schon relativ tief am Horizont stand. Das konnte eigentlich nur bedeuten, dass mindestens ein Tag vergangen sein musste. Ein ganzer Tag. Anscheinend war sein Filmriss doch weit schlimmer gewesen, als er gedachte hatte und dabei war er sich sicher gewesen, gar nicht so viel Alkohol getrunken zu haben. Doch anscheinend hatte er sich geirrt. Oder hatte sein Entführer ihn während ihrer Rangelei bewusstlos geschlagen? War seine Flucht am Ende nichts anderes als ein Traum gewesen? Felix grübelte. Irgendwie konnte er nicht so recht glauben, dass er sich das alles nur eingebildete haben sollte. Er spürte förmlich noch den metallischen Geschmack von Blut in seinem Mund, und der Unterarm seines Gegners schien definitiv verletzt zu sein und doch…

Felix grübelte und grübelte, er grübelte so lange, bis sie den Fuß des Berges erreicht hatten und sein Entführer auf einen schmalen Waldpfad zustrebte, aber das Ergebnis war immer dasselbe: Er fand einfach keine Antwort.

Hatte sich die Luft oben in den Bergen, kalt und rau angefühlt, so roch sie hier unten im Wald nach Regen und etwas anderem. Etwas, das Felix nicht so recht zuordnen konnte. Es war definitiv da und dennoch verströmte es dieselbe Fremdartigkeit, wie auch die Stimmen seiner Entführer. Er wusste nicht, wie er es anders beschreiben sollte: Es war einfach, einfach anders als daheim im Obstgarten, wo sein Vater jedes Jahr die Früchte erntete, anders als der Stadtwald, in dem der Kiosk seiner Mutter stand, anders als der Forst, durch den er mit Nicole gefahren war. Es war schlicht und ergreifend fremd und irgendwie falsch in seiner Fremdartigkeit.

Genauso falsch wie der steinerne Richtungsweiser, der, nachdem sie nur wenige Minuten gegangen waren, unvermittelt vor ihnen auftauchte. Er passte einfach nicht hierher. Sie befanden sich schließlich tief in irgendeinem Urwald, keine Straße weit und breit, nur ein Weg, der aufgrund seiner immer wieder heraus wuchernden Wurzeln und herabhängenden Äste kaum als solcher bezeichnet werden konnte. Und doch stand inmitten dieser nahezu unberührten Natur unverhofft dieser große steinerne Wegweiser. Ein Wegweiser, der so filigran, so reich verziert war, dass er besser in eine Kunstausstellung gepasst hätte als hierher. Sein Entführer schenkte dem Richtungsanzeiger, geschweige denn den drei angegebenen Richtungen, jedoch keinerlei Beachtung, sonder peilte zielstrebig den rechten Weg an.

Es dämmerte bereits und der Wald wurde von Minute zu Minute dunkler. Felix fragte sich insgeheim, ob er vorhatte, die ganze Nacht durchzumarschieren und wie er ihm am besten - ohne seine unberechenbare Wut auf sich zu ziehen - klar machen konnte, dass er selbst einen solchen Marsch nicht durchhalten würde. Der Kampf, der Stress, das Erbrechen und letztendlich der Abstieg vom Plateau hatten dafür gesorgt, dass er sich einfach nur noch ausgelaugt fühlte. Körperlich zumindest. Sein Geist war unterdessen –sei es nun aufgrund der frischen Luft oder der vorläufigen Akzeptanz seines Schicksals - wesentlich weniger aufgewühlt als noch vor kurzem. Dennoch beschleunigte sich sein Herzschlag drastisch, als der Weg vor ihnen jäh breiter wurde und er inmitten einer von Bäumen und Sträuchern eingebetteten kleinen Lichtung ein großes Steinhaus erblickte.

Es war das wohl mit Abstand eigenartigste Gebäude, das er je gesehen hatte. Es schien nicht gebaut worden zu sein, sondern vielmehr geformt. Ecken und Kanten, wie sie die meisten Häuser hatten, fehlten ihm komplett, ebenso wie Rillen und Riefen. Fast schien es so, als ob es aus einem einzigen riesigen Sandstein in mühevoller Handarbeit entstanden war.

Nur zögernd folgte Felix seinem Entführer, der zielsicher auf die weitläufige steinerne Veranda zuging. War das das Haus von der Frau, die über sein Leben entscheiden sollte? War das das Haus von Briseis? Er hatte mit vielem gerechnet, aber nicht, dass der Mensch, dessen Name so eigenartig klang und der über sein Schicksal entscheiden sollte, so nahe war. Felix‘ Schritte wurden unwillkürlich langsamer.

Seine Finger begannen zu kribbeln und er tastete nervös nach seinem Handy. Sollte er einen weiteren Versuch wagen? Sollte er einmal mehr probieren Hilfe zu rufen? Vielleicht würde das seine letzte Chance sein. Seine Muskeln spannten sich an, während er das Handy noch in seiner Jackentasche vorsichtig aufklappte. Er drehte sich prüfend zu seinem Entführer um, der gerade die wenigen Stufen zu Veranda hinaufsprang, und entschied, dass er noch einen weiteren Versuch wagen musste. Er zog sein geöffnetes Handy aus der Jackentasche hervor. Von der oberen linken Ecke des Displays zog sich ein langer Riss, der bis zur Mitte reichte, und doch konnte er erkennen, dass er auch hier kein Empfang hatte. Innerlich fluchend stopfte er das Handy in seine Tasche zurück. Und was nun? Einmal mehr blickte er zu seinem Kidnapper auf, der mittlerweile in einer der hinteren Ecken der Veranda kniete und etwas unter einer Sitzbank, die zu einer kleinen Sitzgruppe gehörte, hervorzog.

Felix zögerte. Sollte er die Chance nutzen und fliehen? Sein Entführer war beschäftigt und einige Meter von ihm entfernt und doch… und doch glaubte er, dass – selbst wenn er so schnell lief wie noch nie zuvor in seinem Leben - der andere ihn einholen würde. Und dieses Mal war niemand da, der ihm helfen konnte. Wenn er floh, musste er sich wirklich sicher sein, dass seine Flucht auch gelang. Nachdenklich starrte er nach oben in die Baumkronen, die im verschwindenden Lichte des Tages rot leuchteten. Er schloss die Augen und zog die kühle Abendbrise tief in seine Lungen. Langsam atmete er aus.

„Felix.“

Felix öffnete die Augen. Sein Blick fiel auf seinen Gegner, der die Arme übereinander geschlungen an einem der Pfeiler der Terrasse lehnte und ihn auffordernd musterte. Felix schluckte den Kloß, der sich in seinem Hals gebildet hatte, hinunter und ging die Haustür nicht aus den Augen lassend langsam auf die Veranda zu. Er wartete, wartete insgeheim darauf, dass eine zweite Person auftauchen würde, die Frau, die über seinen weiteren Werdegang, ja sein weiteres Leben, entscheiden konnte, doch nichts passierte.

Die Steinstufen unter seinen Turnschuhen waren glatt ob des Regens, der vor kurzem noch hier gewütet hatte. Noch während er die Treppe erklomm, wandte sich sein Entführer von ihm ab und zog sich in Richtung Hauswand zurück. Als Felix ihm folgte, erkannte er, was dieser zuvor unter einer der beiden steinernen Sitzbänke hervorgeholt hatte. Ein großer, wettergegerbter Lederrucksack, aus dem er gerade mehrere Decken und etwas zu Essen hervorzog. Augenscheinlich hatte sein Geiselnehmer beschlossen hier zu übernachten, auf der Veranda, da die Tür zum Haus nach wie vor fest verschlossen war.

Er blickte zu Felix auf und deutete ihn an, sich zu ihm zu setzen. Felix folgte dieser Aufforderung, wenn er sich auch ein gutes Stück von seinem Entführer entfernt auf den Boden sinken ließ. Sein Gegenüber musterte ihn einen Augenblick lang und Felix glaubte ein leicht amüsiertes Schmunzeln auf seinem Gesicht zu erkennen, doch dieses erlosch sofort wieder, als Felix sich weigerte etwas von dem ihm angebotenen Essen zu nehmen. Er schüttelte mehr oder weniger missbilligend mit dem Kopf, bot ihm allerdings bereits kurze Zeit später trotz seines offensichtlichen Missfallens eine der Decken an. Mit einem leichten Nicken nahm Felix ihm die Zudecke ab, rückte von seinem Entführer weg, was dieser mit einem Stirnrunzeln quittierte, bis sein Rücken gegen die Wand des Hauses stieß. Dort schlang er die etwas unangenehm nach nasser Katze riechende Decke eng um sich, rollte sich zusammen und gab vor zu schlafen.

Eine ganze Zeit lang hatte er das unangenehme Gefühl, die missbilligenden Blicke seines Entführers auf sich zu spüren, dessen Mahlzeit schier unendlich lange dauerte. Und selbst danach schien er nicht einmal daran zu denken, sich ebenfalls zu Bett zu begeben, sondern begann stattdessen, seine Wunden zu reinigen und zu verarzten.

Letztendlich dauerte es länger als Felix erhofft hatte, bevor sich auch sein Kidnapper zur Ruhe begab. Der Wald um sie herum war still. Nur hier und dort hörte man das sanfte Rascheln der Blätter im Wind.

Langsam öffnete Felix die Augen. Heute Nacht würde er fliehen.

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Dienstag, 28. Juni 2011, 23:08

So etwas kenne ich nur zu gut, deshalb habe ich immer ein paar Kapitel vorher im Kopf, bevor ich hier etwas reinstelle - und dann kann es immer noch passieren, das man was ändert.
Ich finde es übrigens gut, wenn du aus verschiedenen Perspektiven erzählst, dass das im Kapiteltitel deutlich wird. Das erleichtert es für den Leser ungemein.
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Dienstag, 28. Juni 2011, 23:55

Zitat

Original von grit
So etwas kenne ich nur zu gut, deshalb habe ich immer ein paar Kapitel vorher im Kopf, bevor ich hier etwas reinstelle - und dann kann es immer noch passieren, das man was ändert.

Ich finde es jedes Mal aufs Neue zum Haare raufen, wenn mir so etwas passiert, vor allem gerade weil ich alles so pedantisch durchgeplant habe. ;(
Aber irgendwie hat mir mein erstes Kapitel von Anfang an nicht so gut gefallen, weil ich irgendwie nicht so richtig ins Schreiben rein gefunden habe und Felix als Charakter doch ein bissel schwierig ist. Dann sagte mir meine Co-Autorin auch noch, als ich das 2 Kapitel veröffentlich habe, dass das erste dagegen total schlecht sei. Jetzt habe ich hin und her überlegt, die Kapitel hin und her geschoben und letzendlich das erste Kapitel noch mal komplett neu geschrieben, mit mehreren Änderungen, und versucht mehr Atmosphäre zu schaffen. Die Strukterierung der Kapitel habe ich letzendlich doch beibehalten müssen. Sonst passt das von der Zeitachse nicht mehr. * Plumbum muss sich einfach mal bei jemanden ausheulen*


Zitat

Ich finde es übrigens gut, wenn du aus verschiedenen Perspektiven erzählst, dass das im Kapiteltitel deutlich wird. Das erleichtert es für den Leser ungemein.

Danke...hmh... also eigentlich wollte ich das jeweils nur bei den Kapitel machen, wo ich den POV-Charakter einführe...
hmh...
... vielleicht sollte ich das bei den einzelnden Kapiteln immer den POV in Klammer dahinter setzen?

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Mittwoch, 29. Juni 2011, 09:58

Manchmal erkennt man es ja sofort, wer es ist - das weißt du als Autor ja am besten. Wenn man eine "Lesehilfe" braucht, werden dir die Leser das schon sagen. ;)
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Mittwoch, 29. Juni 2011, 11:45

Zitat

Original von grit
Manchmal erkennt man es ja sofort, wer es ist - das weißt du als Autor ja am besten. Wenn man eine "Lesehilfe" braucht, werden dir die Leser das schon sagen. ;)

Stimmt auch wieder. :D
Aber ich bin eigentlich relativ zuversichtlich, dass -wenn ich die POV Charaktere einmal vorgestellt habe- es innerhalb der ersten zwei Absätze ersichtlich werden wird, aus welchen Sicht ich gerade schreibe. Mal schau'n.

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Mittwoch, 29. Juni 2011, 18:19

Kapitel 2: Kriemhild

Kapitel 2: Kriemhild

Jedes Mal, wenn sie ihr in die grauen, blutunterlaufenden Augen sah, hatte sie das Gefühl zu brennen. Sie hasste dieses Gefühl der Hilflosigkeit und doch war es allgegenwärtig, sobald sie diese unglaublich hässliche Frau inmitten des riesigen, bis an den Rand gefüllten Wasserbeckens sitzen sah. Ihre Haut war schrumpelig wie die eines Apfels, der seine besten Tage schon lange hinter sich gelassen hatte, und das kalte Wasser, in dem sie permanent saß, tat sicherlich sein übriges. Angeblich soll sie damals, vor über 100 Jahren, eine wahre Schönheit gewesen sein. Doch der Liebreiz, sofern es ihn jemals gegeben hatte, war dem Alter gewichen und das einzige was bis heute dem Zahn der Zeit standgehalten hatte, war ihre unbeschreibliche Grausamkeit.

Hastig wandte Kriemhild den Blick von der Alten ab und fokussierte stattdessen ihren Begleiter. Er wirkte angespannt. Vermutlich ahnte er ebenso wie sie selbst, dass nur eine Neuigkeit von ungeheuerlichen Ausmaßen ihre Herrin dazu bewogen haben konnte, sie von dem Heer weg vor ihren Thron zu befehligen. Das - oder eine neue unerträglich verrückte Idee.

„Hubertus. Der Wind scheint heute auf unserer Seite zu sein, wenn meine Nachricht dich so schnell erreicht hat.“ Die Herrin im See schenkte ihrem Begleiter ein erwartungsfrohes Lächeln. Ein Lächeln, das ihr aufgeschwemmtes Gesicht nur noch grotesker wirken ließ.

„Dylana.“ Hubertus hielt unmittelbar vor dem Beckenrand und deutete eine leichte Verbeugung an. „Der Wind weht in der Tat…“

„Lassen wir das. Was interessiert mich der Wind. Es gibt Wichtigeres zu besprechen“, unterbrach Dylana ihn ungeduldig. „Sophos, mein Lieber, willst du oder soll ich ihm die große Neuigkeit übermitteln?“

„Ganz wie es dir beliebt, meine Liebe“, erklang Sophos‘ gewohnt nonchalante Stimme neben ihnen.

Dylanas Lächeln vertiefte sich, so als hätte sie keine andere Antwort erwartet. „Nun denn, Hubertus, es wird dich sicherlich brennend interessieren, welche unglaublichen Neuigkeiten Sophos‘ Spione uns zugetragen haben?“ Die Spitzen ihrer beiden Zeigefinger tippten unaufhörlich aneinander, während sie eine wohlkalkulierte Pause einlegte. Doch als Hubertus keine Anstalten machte sich auf ihr Spiel einzulassen, sackten ihre Mundwinkel herab. „Du willst es doch wissen, oder Hubertus?“ Obwohl sich ihre Lippen kaum bewegt hatten, konnte man ihre schneidende Stimme bis in den letzten Winkel des Saales hören.

Unwillkürlich - ob des Sturms, der heraufzuziehen drohte - begannen Schatten, die zuvor nahtlos mit den hohen Säulen verschmolzen waren, zum Leben zu erwachen und sich langsam vom Wasserbecken weg in Richtung Wände zu schieben.

„Natürlich“, erwiderte Hubertus geduldig.

Etwas zu ruhig für Dylanas Geschmack, die augenscheinlich doch etwas mehr Neugierde erwartet hätte. „Natürlich“, spottete sie scharf. „Natürlich!“ Das Wasser, welches zuvor noch still wie die Eiwüste geruht hatte, begann sich zu kräuseln.

Unruhig tastete Kriemhild nach dem Feuerzeug in ihrem Mantel und trat wider besseres Wissen einen Schritt dichter an Hubertus und damit auch direkt an den Rand des Wasserbeckens heran. Das war nicht gut, das war gar nicht gut.

„Dylana!“ Sophos‘ Stimme war ruhig und dennoch klang etwas in ihrem Unterton mit, das Kriemhild nicht so recht zuordnen konnte. Etwas, das selbst die Herrin im See dazu veranlasste aufzublicken und ihm in die Augen zu sehen. „Wir wollten uns doch über die Neuigkeiten unterhalten.“

Dylana schaute ihn eine ganze Weile wortlos an, dann blinzelte sie. Ihre Stirn kräuselte sich, wie das Wasser zu ihren Füßen. Fast so, als versuchte sie sich verzweifelt an etwas zu erinnern. Ein Gedanke, eine Idee, doch was immer es auch war, es blieb verschollen. Hilflos blickte sie erneut in Sophos‘ Richtung, der neben Hubertus und ihr selbst der einzige war, der nach wie vor direkt am Beckenrand stand.

„Wir wollten die Sache mit Mathilda besprechen“, erklärte Sophos nun wieder in gewohnt freundlichem Ton.

Dylana runzelte erneut die Stirn, überlegte, doch dann breitete sich wieder das groteske Lächeln von zuvor auf ihrem Gesicht aus und mit dem Lächeln kamen auch die Schatten wieder langsam aus dem Hintergrund hervor und nahmen ihren angestammten Platz neben den Säulen ein. „Ich habe unglaubliche Neuigkeiten, Hubertus“, begann sie und schaute Hubertus einmal mehr so erwartungsvoll an, so als wäre nichts gewesen und vielleicht war es das in ihrer Erinnerung auch gar nicht. Doch Hubertus‘ Gesicht blieb wie versteinert.

Dylana seufzte frustriert auf. „Ach Hubertus, warum musst du dich nur immer so unterkühlt geben. Kannst du nicht wenigstens versuchen, dich ein kleines bisschen wie der liebe Sophos zu benehmen?“

Kriemhild musste ein abfälliges Schnauben unterdrücken. Sophos und Hubertus mochten zwar beide Dylanas oberste Befehlshaber sein, aber das war auch schon die einzige Gemeinsamkeit, die sie teilten. Hubertus war stark, wo Sophos mit List überzeugen musste, mutig, wo der andere klug war, aber allen voran war er wohl der mit Abstand ehrenhafteste Mann, den Kriemhild kannte, und das machte ihn schwach, verdammt schwach. Vor allem gegenüber einem Sophos, der es meisterhaft beherrschte, die Schwächen anderer zu seinem eigenen Vorteil zu nutzen. Unwillkürlich schielte sie von Hubertus zu Sophos und wieder zu Hubertus zurück. Nein, die beiden hatten wirklich nichts gemeinsam.

Ihre Herrin seufzte einmal mehr, ehe es ihre gelang sich wieder auf den ursprünglichen Grund ihrer Zusammenkunft zu konzentrieren. „Nun dann, wie mir berichtet wurde, ist Mathilda während der Leitung ihrer letzten Dimensions-Reise ernsthaft verwundet worden.“ Unruhig - wie ein Kind, dass es nach dem Essen kaum erwarten konnte von seinem Platz aufzustehen und mit seinen Freunden zu spielen - rutschte sie auf ihrem Thron hin und her, bevor sie eindringlich fortfuhr: „Wir müssen uns diese Schwäche unbedingt zunutze machen!“

Kriemhilds Unterkiefer verkrampfte sich. Mathilda. Die Dimensionshexe. Eine der vier großen, der vier mächtigen Mimage. Eine der vier, deren Heimatländer man besser nicht angreifen sollte. Jedenfalls dann nicht, sofern man nicht wollte, dass einen das gleiche Schicksal ereilte wie Dylana vor über sechzig Jahren. Selbst wenn Mathilda heute geschwächt war, so würden ihre Wunden doch schneller heilen, als Hubertus und Sophos ihre Armeen in Richtung Mittland führen könnten. Warum dann nicht gleich einfach beim ursprünglich Plan bleiben und zuerst das Land am Silbermeer erobern, dessen Herrin noch relativ unerfahren und deren Macht noch nicht ganz ausgereift war? Doch das Schicksal und Dylana, mit all ihrer Unvorhersehbarkeit, hatten mit einem Schlag all ihre Pläne über den Haufen geworfen. Doch dem war nicht genug, da ihre Herrin bereits zum nächsten Schlag ausholte: „Hubertus, Sophos, bringt mir Mathilda! Lebend. Bringt sie mir. Ich will sie hier vor mir knien sehen.“

Wenn man einen Krieg zwischen ihren beiden Ländern als verlustreich bezeichnen müsste, so war doch ein direkter Zweikampf mit Mathilda reiner Selbstmord. Jeder im Raum wusste das. Jeder, sogar Sophos! Doch dieser lächelte nur nachsichtig, wie immer.

Kriemhild blickte zu Hubertus, auf dessen Gesicht sich leichter Widerwille abzeichnete. Sie kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass in seinem Kopf bereits ein ganz anderer Gedanke Gestalt angenommen hatte. Weder der Kampf gegen einen geschwächten Gegner, noch der Herrin ein weiteres Opfer zum Spielen zu geben, harmonierte mit seiner Vorstellung von Ehre. Und genau hier begann seine eigentliches Problem. Er konnte entweder seinen Schwur, ihr die Treue zu halten und jeden ihrer Befehle zu befolgen, brechen oder aber wider seinen Anstand handeln und ihrem Befehl Folge leisten. So oder so, letztendlich konnte er eigentlich nur verlieren, dennoch versuchte er es: „Herrin, ich kann nicht…“

„Bring sie mir! Ich will sie haben! Ich werde keine Ausreden dulden!“ Bei jedem Wort schlug sie mit der Faust auf die Lehnen ihres wässrigen Throns. Wasser spritzte in alle Richtungen, doch dieses Mal blieben die Schatten dort, wo sie waren.

Kriemhild wartete. Sie wartete, wie auch alle anderen, auf Hubertus‘ Reaktion. Es war ein offenes Geheimnis, dass beinahe jeder, der unter der Herrschaft der Herrin im See stand, insgeheim hoffte, dass Hubertus eines Tages genug von ihren Eskapaden haben und sich offen gegen sie stellen würde. Doch dieser sehnlichst erwartete Tag schien nicht heute zu sein, da Hubertus bereits schicksalsergeben den Kopf beugte und nickte: „Wie du befiehlst, Herrin.“

Die Enttäuschung im Raum war förmlich greifbar, als einmal mehr das Pflichtgefühl über den Anstand gesiegte hatte.

Die Herrin im See begann zu lachen. Ein grausiges Lachen. „Das wird ein wahres Fest werden.“

Noch während Dylana lachte, verabschiedete sich Hubertus von ihr mit einer leichten Verbeugung und strebte in Richtung Ausgang. Sein langer, einfacher, dunkelroter Umhang wehte hinter ihm her, während seine bloßen Füße geräuschlos über den blauen Steinboden schritten. Kriemhild hatte Mühe mit ihm Schritt zu halten, war er doch ein gutes Stück größer als sie. Die Tür zum Saal öffnete sich wie von Geisterhand als sie darauf zustrebten und schloss sich ebenso, nachdem sie hindurchgegangen waren.

Sie betraten einen großen Vorraum, von dem mehrere Gänge ausgingen. Einer zu den Trainingsräumen, einer in die Küche, ein weiterer in den Keller hinab und mehrere zu den Schlafräumen. Nur ein einziger Weg führte nach draußen und auf eben jenen strebte Hubertus zu. Kriemhild wusste nur zu gut, wie unwohl er sich im Schloss seiner Herrin fühlte. So wie sie die Angst zu verbrennen nicht ausblenden konnte, schaffte er es nicht, sich des unguten Gefühls zu erwehren, den Boden unter den Füßen verloren zu haben. Und das hatte er wirklich in Anbetracht der Tatsache, dass das komplette Schloss von Wasser unterhöhlt war. Wasser mit dem es ihrer Herrin gelang, ohne jemals ihren Platz zu verlassen, das Schloss entlang jedes Flusses zu bewegen.

Eine Zeit lang begleitete sie ihn schweigend, während sie dem sich schier endlos lang hinziehenden Korridor folgten. „Das wird keine leichte Aufgabe werden“, versuchte sie schließlich vorsichtig die anhaltende Stille zu brechen, doch Hubertus schnaubte nur abfällig.

„Und du hast immer noch die Alternative dich offen gegen sie zu stellen.“

„Ich habe ihr Treue und Gehorsam geschworen“, entgegnete Hubertus bestimmt.

„Du warst damals doch nicht viel mehr als ein Kind. Nur ein Kind, Hubertus!“, erwiderte sie mit sanfter, eindringlicher Stimme.

„Schwur ist Schwur.“

Kriemhild verdrehte, ob dieser Verbohrtheit, die Augen. Sie gingen wieder eine Zeit lang schweigend nebeneinander her, ehe sie einen weiteren Anlauf nahm, ihn zur Vernunft zu bringen. „Du weißt, dass das Wahnsinn ist. Bei den Göttern, wir sprechen nicht von irgendjemandem, gegen den du kämpfen sollst. Wir reden hier über Mathilda! Auch wenn ich vollstes Vertrauen in deine Fähigkeiten habe. Sie ist mehr als doppelt so alt wie du und hat ebenso viele Jahre mehr Erfahrung. Selbst wenn sie geschwächt ist, ist sie dennoch nicht wehrlos. Vor allem dann nicht, wenn sie versucht dich zu töten, während du nur versuchst sie lebend gefangen zu nehmen für die Alte.“

„Redet man so über seine Herrin?“ erklang eine tadelnde Stimme hinter ihnen.

Kriemhild und Hubertus fuhren herum. Keiner von beiden hatte bemerkt, dass Sophos ihnen unauffällig gefolgt war und sie nun, kaum dass er ihre ungeteilte Aufmerksamkeit genoss, mit einer hochgezogenen Augenbraue musterte. „Hubertus, du hast sicherlich ebenfalls bemerkt, dass es von deiner…hmh… Adjutantin nicht unbedingt klug ist, im Schloss ihrer Herrin eine Rebellion zu planen. Noch dazu auf dem Korridor, wo jeder euch hören kann?“

Kriemhild fletschte unbewusst die Zähne - eine Unart von ihr, die sie einfach nicht loswerden konnte - ehe sie zischte: „Du weißt genauso gut wie ich, dass eine direkte Konfrontation mit Mathilda das reinste Himmelfahrtskommando ist.“

„Weiß ich das?“ In Sophos‘ Frage klang nun eindeutig Spott mit.

„Sie ist einfach zu mächtig!“

„Ach, ist sie das?“ Die Unschuld in seiner Stimme wirkte genauso falsch wie die fliederfarbene Kolorierung seiner Fingernägel.

„Hör auf mit mir zu spielen Sophos. Du weißt ebenso gut wie ich, dass sie eine verdammte Drittstuflerin ist!“ fauchte Kriemhild frustriert. „Und du weißt auch…“ Eine schwere Hand legte sich auf ihre Schulter. „Lass es gut sein, Kriemhild, und du, Sophos, hör‘ auf sie unnötig zu provozieren.“

Sophos‘ Mundwinkel zuckten, so als könne er nur mit Mühe ein Lachen unterdrücken. Er lachte gerne und viel, vor allem wenn er sich auf Kosten anderer amüsieren konnte. Wie auch jetzt, da er plötzlich ganz und gar unerwartet auf sie zutrat und ihr, ehe sie auch nur eine Chance hatte zurückzuweichen, kurz durch das braune Haar wuschelte. „Mach dir keine Sorgen, kleine Kriemhild. Deinem Hubertus wird schon nichts passieren. Mathilda ist so stark geschwächt, dass sie wohl kaum eine Gefahr für uns darstellt. All jene, die uns eventuell gefährlich werden könnten, leben zu weit entfernt von ihr, und sie ist so sehr darauf versteift, allein zu sein, dass sie mehr oder weniger von ihren eigenen Landsleuten isoliert lebt.“ Er machte eine kleine Kunstpause. „Und denk doch nur daran, dass sobald Mathilda besiegt ist, Hubertus der einzige ist, der das Raum-Zeit-Kontinuum beherrschen kann. Also wie ist es, Hubertus, bist du bereit loszureiten?“

„Reiten?“ wiederholte Hubertus skeptisch.

„Ja, reiten. Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass ich mit dir durch das Raum-Zeit-Kontinuum gehe? Was ist, wenn du mich dabei irgendwo verlierst - ganz aus Versehen natürlich“, entgegnete Sophos und bemühte sich entsetzt auszusehen.

„Du vertraust mir nicht?“ Hubertus Satz schien eher eine Feststellung zu sein als eine Frage.

Nachdenklich spielte Sophos mit dem schweren Rubinring, der seinen linken Zeigefinger schmückte, ehe er antwortete: „Nicht im Geringsten und du wärst mit Sicherheit furchtbar enttäuscht, wenn ich es tun würde.“ Er wartet auf Hubertus‘ Erwiderung, doch als dieser nur schwieg, fuhr er gut gelaunt fort: „Aber eigentlich meine ich es ja auch nur gut mit dir. Denn wenn wir reiten, mein lieber Hubertus, verlängert sich unsere Reise. Damit hat die arme, verwundete Mathilda mehr Zeit sich zu erholen und du musst dich nicht ganz so schlecht fühlen, wenn du gegen sie kämpfst.“

„Oder sie ist in der Zwischenzeit wieder so weit bei Kräften, dass sie Hubertus töten kann“, unterbrach Kriemhild ihn scharf. „Ist es nicht das, was du die ganze Zeit willst, Sophos?“

„Mitnichten“, entgegnete dieser gelassen. „Du kannst natürlich auch allein durch Raum und Zeit reisen und Mathilda sofort herausfordern, Hubertus. Diese Entscheidung überlasse ich ganz dir.“

„Wir treffen uns im Morgengrauen am Stall“, erklärte Hubertus und wandte sich erneut zum Gehen.

Kriemhilds Augen schossen hasserfüllte Blitze in Sophos‘ Richtung. „Und was ist deine Aufgabe in dem ganzen verdammten Plan?“

Sophos strahlte. „Gut aussehen.“

„“Flieder steht dir nicht“, erwiderte Kriemhild wütend, bevor auch sie sich umwandte und Hubertus hinterher eilte, um diesen, kaum dass sie aufgeholt hatte, zur Rede zu stellen. „Merkst du denn gar nicht, dass Sophos dich auf diese Weise nur loswerden will?“

„Das wird ihm allerdings nicht gelingen“, erwiderte Hubertus siegessicher. „Und jetzt lass uns über die wirklich wichtigen Dinge reden. Während ich zusammen mit Sophos weg bin, möchte ich, dass du dafür sorgst, dass die Armee bei meiner Rückkehr bereit ist in Richtung Mittland zu marschieren.“

Kriemhild schluckte ihren Ärger, ob seiner Uneinsichtigkeit, herunter, obwohl sie sich relativ sicher war, dass er noch eine ganze Weile lang unterschwellig in ihr gären würde. Hubertus war verbohrt in allem was seine Ehre betraf und es fiel ihr verdammt schwer diese Ehrenhaftigkeit auch als solche zu sehen und nicht als das, was sie eigentlich war: Dummheit.

„Wie du befiehlst“, bestätigte sie tonlos. Sie hoffte inbrünstig, dass er wiederkehren würde. Wenn nicht, würde sie vielleicht eines Tages in die Augen ihrer Herrin sehen und wirklich brennen.

Mein Abscheu wird durch Euch vermehrt.
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Mittwoch, 6. Juli 2011, 00:41

Kapitel 3: Das verschwundene Problem Teil 1

Kapitel 3: Das verschwundene Problem

Teil 1


„Felix.“ Heros wartete einen Augenblick, ehe er es zum gefühlten hundersten Mal versuchte. „Felix!“ Doch der schweigende Wald ihn herum war Antwort genug.

Heros schimpfte leise vor sich hin, während er fieberhaft begann seine Zudecke und die Lebensmittel zusammenzusuchen und in seinen Rucksack zu stopfen. Das hatte er nun davon, dass er Gottfried geglaubt hatte. Dabei hätte er doch von Anfang an wissen müssen, dass man jemandem, der so pedantisch darauf bedacht war, dass seine Schnürsenkel absolut symmetrisch gebunden waren, einfach nicht vertrauen konnte. Und er hätte gemäß dieser Einstellung handeln und den Jungen einfach über Nacht fesseln sollen. Mit einem hektischen Ziehen an der Lederschnur, die er am Vorabend wohl besser anderweitig eingesetzt hätte, verschloss er seine Tasche und warf sie sich bereits im Gehen über die Schultern.

Wie hatte er nur so dumm sein können sich einzubilden, dass der alte Wichtigtuer die Sprache des Jungen wirklich beherrschte und ihm alles erklärt hatte? Nichts hatte er ihm erläutert, gar nichts! Denn wenn er Felix etwas erläutert und dieser das Gesagte tatsächlich verstanden hätte, wäre er mit Sicherheit nicht bereits bei der ersten sich bietenden Gelegenheit geflohen. Eigentlich hätte Heros bereits gestern Abend misstrauisch werden müssen, als der Junge sich geweigert hatte mit ihm zu essen. Aber in seiner grenzenlosen Gutgläubigkeit hatte er tatsächlich gedacht, dass der andere lediglich unter einer kleinen Magenverstimmung litt und nicht schlicht und einfach seine Nähe meiden wollte. Hätte er doch blo߅Hätte, wäre, wenn… Letztendlich hatte es ohnehin keinen Sinn um verschüttete Milch zu weinen.

Alle Stufen auf einmal nehmend sprang Heros die Treppe zur Veranda hinunter und landete inmitten des vom Regen durchweichten Rasens. Der nasse Waldboden klebte förmlich an seinen Schuhsohlen, während er sich in Richtung Waldweg vorankämpfte, und gab, wann immer es Heros gelang einen Fuß aus seiner erdigen Gefangenschaft zu befreien, ein beleidigtes Schmatzen von sich. Suchend ließ er seinen Blick über den Boden gleiten. Doch der Regen hatte augenscheinlich erst nach Felix‘ Flucht eingesetzt und so auch noch die restlichen Spuren verwischt.

Heros fluchte lautlos vor sich hin. Hoffentlich war der Junge wenigsten nicht so lebensmüde gewesen den Weg zu verlassen. Mit den Tieren im Riesenwald war nicht zu spaßen. Er selbst hatte schon einmal einen Pelzmantel gesehen, der aus dem Fell eines einzigen Riesenkaninchens gefertigt worden war, und die Ausmaße des Tieres hatten definitiv nichts mehr mit gewöhnlichen kleinen süßen Hopplern zu tun gehabt. Nein, der Junge musste einfach daran denken, dass Straßen und Wege Zivilisation und Menschen bedeuteten, genau das, was er in seiner Situation suchen würde. Wenn er es nicht tat und den Weg verließ, würde er von dieser Welt verschwinden, wie er auch aus seiner Heimatwelt entschwunden war, nur mit dem Unterschied, dass es dieses Mal endgültig sein würde.

Heros ging, den nun festen Pfad unter seinen Füßen, etwas schneller. Doch als er am Wegweiser ankam, der in die Richtungen Steinhöhle, Dimensionshexenhaus und aus dem Wald hinaus deutete, wurde ihm klar, dass all seine Eile umsonst gewesen war. Der Vorsprung des Jungen war einfach zu groß und die Wege, die er einschlagen konnte, zu viele. Wenn er genügend Zeit gehabt hätte, würde er den Jungen vermutlich aufspüren können. Doch er hatte keine Zeit! Die wenigen Stunden Schlaf, die er sich gegönnt hatte, waren lediglich der Tatsache geschuldet gewesen, dass es als reiner Selbstmord galt, den Riesenwald nachts zu durchqueren. Verlorene Zeit, die er nicht wieder würde aufholen können. Verlorene Zeit, die er nicht auch noch dadurch verlängern durfte, indem er den Jungen hinterherrannte.

In Heros‘ Brust schlugen in diesem Augenblick zwei Herzen. Das eine, das ihn bat, den Jungen, der nur aufgrund seiner eigenen Unfähigkeit überhaupt in diese Welt gelandet war, nicht einfach im Stich zu lassen, und das andere, das ihm befahl, sofort zu Briseis zu gehen und ihr zu berichten, was der Dimensionshexe zugestoßen war.

Auch wenn es ihm nicht gerade leicht fiel, es sich selbst einzugestehen, stand seine Entscheidung eigentlich schon fest, noch bevor er sich dem Weg zuwandte, der aus dem Wald hinausführte. Den Jungen aufzuspüren mochte vielleicht für ihn von Bedeutung sein, für Briseis und die Welt um sie herum war es jedoch lediglich ein Staubkorn im Wind, während ein weit größerer Sandsturm heranzunahen drohte und der Unfall der Dimensionshexe konnte eben einen solchen Orkan hervorrufen.

Heros schritt nun etwas schneller aus. Er sprang über Wurzeln hinweg, duckte sich unter herabhängenden Ästen hindurch, während er dem sich schier endlos lang hinziehenden Weg folgte. Er hatte keine Ahnung von Politik, hatte sich auch nie für diese interessiert, aber jedes Kleinkind wusste, was es für ein Land bedeutete, seinen mächtigsten, von allen umliegenden Ländern gefürchteten, Magier zu verlieren. Zwar hatte Gottfried ihm erklärt, dass es nur eine Frage der Zeit wäre bis die Dimensionshexe zurückkehren würde - und doch…
Hatte er erst heute Morgen am eigenen Leib erfahren, was Gottfrieds Aussagen wert waren?

Tief zog er die angenehm kühle Luft seiner Heimatwelt in seine Lungen. Sie war so viel frischer, so viel unverbrauchter als die Luft aus der anderen Welt und dennoch schaffte sie es nicht das tief in ihm verankerte schlechte Gewissen zu vertreiben. Er würde den Jungen zurücklassen. Allein, nur sich selbst und dem Schicksal überlassen. Aber wer wusste schon, was das Schicksal noch für ihn plante, vielleicht hatte er ja auch ausnahmsweise einmal Glück und der Junge schlug denselben Weg ein wie er selbst.

----

Am Ende des Tages musste Heros allerdings feststellen, dass das Glück ihm entgegen aller Hoffnung doch nicht hold gewesen war. Müde legte er den verbleibenden Abstand zurück und trat aus dem Wald in die letzten wärmenden Strahlen des Tages hinaus. Seine Wunde am Arm hatte wieder zu schmerzen begonnen und auch sein Nasenbein fühlte sich alles andere als gut an. Eigentlich würde er nichts lieber tun, als sich unter einem der Bäume zusammenzurollen und zu schlafen. Aber er musste weiter.

Er streckte sich kurz, bevor er seinen Weg vorbei an Wiesen und Feldern fortsetzte. Während seine Bewegung am Morgen noch kraftvoll voranschreitend gewesen war, glich sie mittlerweile eher einem müden Trotten.

Wo mochte dieser verdammte Junge nur stecken? Hatte er es am Ende doch geschafft die Sieben-Wege-Gabelung am Waldrufer vor ihm zu erreichen oder hatte er einen anderen Weg genommen? Was auch immer es war, es würde so oder so schwer genug werden ihn in einigen Tagen überhaupt noch zu finden. Heros runzelte die Stirn. Er konnte einfach nicht anders, aber er fühlte er sich einfach verantwortlich für den Jungen.

Fast hätte er über sich selbst den Kopf geschüttelt, doch seine Aufmerksamkeit wurde in just diesem Augenblick von etwas anderem auf sich gelenkt. Zwar war ihm bereits auf dem Hinweg der Gutshof aufgefallen, allerdings hatten zu diesem Zeitpunkt lediglich drei Knechte auf den Feldern gearbeitet und nicht dieses absolut bezaubernde Wesen, dessen rotgoldenes Haar in der untergehenden Sonne verheißungsvoll glänzte.

Selbstverständlich würde er sie nur ansprechen, um sich nach Felix zu erkundigen. Selbstverständlich. Unbewusst strich er sich seine schwarze, dreckige Jacke glatt - ein hoffnungsloses Unterfangen - und spazierte auf das dralle Mädchen mit den langen rotblonden Zöpfen zu. Sie erschrak zutiefst, als sie sein demoliertes Gesicht erblickte, und wich instinktiv ein paar Schritte zurück.

„Guten Abend.“ Heros lächelte sie strahlend an. Das Mädchen erwiderte seinen Gruß jedoch lediglich mit einem leichten Kopfnicken und einer misstrauischen Musterung. „Es tut mir Leid, dich bei deiner wichtigen Arbeit unterbrechen zu müssen, aber du hast nicht zufälligerweise einen…ähm… kleinen, grünhaarigen Jungen hier langgehen sehen?“

Das Mädchen starrte ihn an, als wäre er ein rosafarbenes Riesenkaninchen.

„Er…ähm… er ist meine Ge… mein Gast, ich meine Briseis‘ Gast, aus einer der anderen Welten, deswegen die Haare und so. Kulturelle Unterschiede halt.“ Heros legte sich jetzt etwas mehr ins Zeug. „Er spricht nicht unsere Sprache, und wir haben uns anscheinend irgendwie verpasst.“

„Du warst in einer der anderen Welten?“ Das Mädchen trat, nun doch neugierig geworden, etwas näher an ihn heran.

„Klar.“ Heros lachte. „Ich war in einer der anderen Welten. In einer Welt, wo sie riesige Häuser in der Größe von Briseis‘ Palast dicht aneinander gereiht haben und selbstbewegende Fuhrwerke, die sich zu Tausenden dicht an dicht auf den Straßen bewegen, und Kästen, mit denen sie mit bewegten Bildern zeigen können, was am anderen Ende ihrer Welt passiert.“

Das Mädchen seufzte. „Ich würde auch so gerne mal in eine der anderen Welten reisen. Da lebe ich nun schon nur gut anderthalb Tagesmärsche von einer der Zweigstellen der Dimensionshexe entfernt, und doch meint mein Vater, es wäre zu viel Geld für etwas so Sinnloses.“

„Die Luft hier ist besser, unsere Seen und Flüsse sind sauberer und unsere Straßen lebendiger“, versucht Heros sie zu trösten. „Zudem, wir beherrschen Magie, während sie über Jahrhunderte hinweg die Ansicht vertreten haben, dass man Magier besser verbrennen sollte.“

Das Mädchen blickte ihn alarmiert an: „Stammen daher deine Wunden, wollten sie dich gefangen nehmen?“

Heros‘ Lächeln erstarb, als einmal mehr das schlechte Gewissen mit aller Macht in ihm aufwallte. Er konnte ihr wohl schlecht erklären, dass seine Wunden ihm nicht von einer Horde bösartiger Anderweltler in einem tapferen Kampf zugefügt worden waren, sondern von einem kleinen, grünhaarigen Jungen. Einem Jungen, der in Angst um sein Leben alles dafür getan hatte, um sich aus seiner, Heros‘ Gefangenschaft zu befreien.

„Eos!“

Das Mädchen drehte sich beim Klang einer Frauenstimme zum Gutshof um. „Ich komme gleich“, rief sie und wandte sich wieder Heros zu. „Es war nett mit dir zu sprechen. Wenn du eines Tages noch einmal in eine der anderen Welten reist, kannst du mich ja mitnehmen.“ Sie strahlte ihn an und Heros spürte wie eine angenehme Wärme den kalten Selbsthass in ihm vertrieb. „Ich würde dir ja anbieten bei uns auf dem Hof zu übernachten, aber …“

„Schon gut“, winkte Heros ab. „Ich muss sowieso noch weiter und heute noch den Rufer erreichen.“ Er beugte sich vor und gab der errötenden Eos einen leichten Kuss auf die Hand. „Es war mir ein Vergnügen.“

Er ging einige Schritt rückwärts und hob noch einmal kurz grüßend die Hand, bevor er sich ganz umwandte und weiter ging.

Die Abendröte begann bereits langsam der Nacht zu weichen, als er die Sieben-Wege-Spinne erreichte. Im Westen, im Schatten der hereinbrechenden Nacht, konnte er den Rufer erkennen, dessen hoher, schmaler Turm sich kaum noch von der Dunkelheit abhob.

Das Ziel bereits dicht vor Augen legte Heros die restliche Wegstrecke zurück. Die Fenster der Gaststätte, die den Fuß des Ruferturms bildete, leuchteten hell und einladend in der immer dichter werdenden Dunkelheit. Hier und dort hörte man eines der Rentiere röhren, die im Stall neben dem Rufer untergebracht waren und als Heros näher trat, konnte er auch Stimmen und Gelächter aus dem Gastraum vernehmen. Dennoch ging er zielstrebig am Eingang zum Gastraum vorbei, bog um die Ecke und klopfte dann an einer Seitentür, bevor er auf Geheiß hin eintrat.

Hinter dem Tisch, der sich der Eingangstür direkt gegenüber befand, saß ein kahlköpfiger Mann mittleren Alters. Er deutet wortlos auf einem Stuhl vor sich, während er die letzten Reste seines Abendessens hinunterschluckte und die verbleibenden Krümel mit der Hand von seinem Tisch fegte.

Erschöpft nahm Heros seinen Rucksack ab und ließ sich auf den angebotenen Stuhl fallen.

Der Mann indes legte sein Notizbuch sowie einen Steinschreiber vor sich hin, bevor er erneut zu Heros aufblickte. „Wie kann ich dir helfen?“

„Ich muss eine Nachricht zu Briseis schicken.“

„Briseis, hmh“, brummte der Mann, während er etwas in sein Buch kritzelte. „Wie ist dein Name?“

„Heros. Mission 3744.“

„Und deine Nachricht lautet wie?“

Mein Abscheu wird durch Euch vermehrt.
O glücklich der, den Ihr belehrt!

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Mittwoch, 6. Juli 2011, 00:44

Kapitel 3: Das verschwundene Problem Teil 2

Kapitel 3: Das verschwundene Problem

Teil 2


Heros überlegte kurz, bevor er erwiderte: „Meine Mission ist gescheitert und ich muss dringendst persönlich mit ihr sprechen. Am besten soll sie mir ein Rentiergefährt zur Verfügung stellen.“

Der Mann starrte ihn einen Augenblick an, ehe er sich in seinen Stuhl zurücklehnte. „Glaubst du nicht, es ist ein kleines bisschen vermessen unserer Herrin eine solche Forderung zuzuschicken?“ fragte er forschend, wenn auch nicht unfreundlich.

„Es handelt sich um eine wirklich sehr wichtige Information, die auf gar keinen Fall abgehört werden darf. Sieh dir mein Gesicht an und meinen Arm“, während er sprach, deutete Heros auf die angesprochenen Wunden. „Ich bin seit dem frühen Morgen unterwegs. Ich bin müde, hungrig und habe Schmerzen. Ich kann kaum noch gehen, aber die Nachricht ist einfach zu bedeutend, als dass ich auch nur eine Stunde zu verschenken habe.“

Der Mann schaute ihn einen weiteren Augenblick lang prüfend an, doch dann stand er auf und wandte sich dem großen offenen Kamin zu, der sich schräg hinter seinem Sitzplatz befand. „Warte hier!“ Er trat gebückt in den Kamin hinein und war mit einem einhergehenden Windstoß verschwunden.

Während Heros wartete, blickte er sich in der Ruferstube um, um seine Augen irgendwie am Einschlafen zu hindern. Doch es war lediglich ein kleiner Raum bar jedes persönlichen Gegenstandes, dessen vier Ecken mit der Eingangstür, dem Schreibtisch des Mannes, dem offenen Kamin und einem kleinen Ofen besetzt worden waren, während sich entlang der Wände meterhohe Regale erstrecken. Das einzige, was man auch nur annähernd als persönlich bezeichnen konnte, war das kleine Namensschild, welches mit dem Namen „Aiolos“ versehen worden war. Um sich während des Wartens wachzuhalten, begann Heros die Wunde an seinem linken Unterarm zu untersuchen, die trotz seiner gestrigen Behandlung rot und entzündet aussah.

Ein weiterer Windstoß kündigte die Rückkehr des Mannes - Aiolos - an. Seine Nase war leuchtend rot ob der kühlen Luft oben auf dem Turm. Er machte sich noch nicht einmal mehr die Mühe sich wieder hinzusetzen, als er ihm die Entscheidung mitteilte. „Die Herrin hat befohlen, dass - wenn es wirklich so wichtig sei - dir umgehend ein Rentiergespann zur Verfügung gestellt werden solle und du noch in dieser Stunde abreisen solltest. Allerdings soll ich dir auch ausrichten, dass, wenn es nichts Wichtiges sei und du einfach nur zu faul wärst zu Fuß nach Hause zu gehen, sämtliche Kosten des Transports und der Nutzung des Ruferturms auf dich gehen würden.“ Nachdem er diese Meldung überbracht hatte, verschränkte er abwarten die Hände hinter dem Rücken.

Heros seufzte ob der misstrauischen Antwort, bevor er dem Mann zustimmend zunickte. „Dann sollte ich wohl jetzt weiterreisen.“ Er erhob sich von seinem Stuhl und folgte Aiolos aus der Ruferstube hinaus.

In einträchtigem Schweigen gingen die beiden zum Stall hinüber, wo sein Begleiter sogleich begann auf einen der Knechte einzureden. Heros lehnte sich unterdessen gegen die Stallwand, öffnete seinen Rucksack und nahm sich etwas von den verbliebenen Lebensmitteln heraus. Er hatte sein Abendessen gerade erst begonnen, als der andere schon wieder neben ihm auftauchte. „Einer der Knechte, Pantaleon, wird dich fahren. Ich wünsche dir viel Glück, Heros, was immer deine wichtige Nachricht auch sein mag.“ Er machte bereits Anstalten zu gehen, als Heros ihn unvermittelt zurückhielt. „Aiolos?“

Der Mann wandte sich zu ihm um.

Heros räusperte sich, ehe er sagte: „Wenn du einen kleinen Jungen hier sehen solltest mit grünen Haaren, der nicht unsere Sprache spricht, wäre es gut, wenn du ihn hier festhalten und Briseis informieren könntest.“

Aiolos hob fragend eine Augenbraue, sprach die offensichtliche Frage allerdings nicht laut aus. Er wartete einen Augenblick, doch als Heros keine weitere Erklärung abgab, wandte er sich mit einem kurzen, verstehenden Kopfnicken zum Gehen. Während Heros noch den davongehenden Schritten lauschte, hörte er aus dem Stall schon das leise Klingeln von Glöckchen und tatsächlich kam keine zehn Sekunden später ein kleiner, von Rentieren gezogener Zweisitzer vor ihm zum Stehen. „Bist du Heros?“ erkundigte sich ein überraschend zartes Stimmchen, das so gar nicht zu dem grobschlächtigen Burschen, der die Kutsche lenkte, zu passen schien.

„Ja, der bin ich“, erwiderte Heros und sprang mit einem Satz auf den Kutschbock. Kaum dass er sich hingesetzt hatte, nahm das Gefährt auch schon an Fahrt auf. Nur begleitet von dem monotonen Klingeln der Glöckchen glitt die Kutsche über die breite, mit Steinen befestigte Straße dahin. Einmal mehr spürte Heros, wie die bleierne Müdigkeit von ihm Besitz ergriff und ehe er sich versah, war er auch schon eingeschlafen.

----

Jemand schüttelte ihn unsanft an der Schulter. „Heros, Heros, wach auf!“

„Noch fünf Minuten“, erwiderte Heros verschlafen und kuschelte sich etwas tiefer in das weiche Kissen, das jedoch mit einem Mal unter seinem Kopf weggezogen wurde. Brummig öffnete Heros die Augen. Erst jetzt registrierte er, dass er immer noch auf einem Zweisitzer saß und dass das schöne weiche Kissen nichts anderes als die Schulter des Knechtes gewesen war.

„Wir sind da“, teilte dieser ihm in diesen Moment mit und deutete überflüssigerweise auf die Treppe vor ihnen.

Heros setzte sich auf, streckte seine verspannten Muskeln und gähnte nochmal herzhaft, bevor er mit einem Satz aus der Kutsche sprang. Er bedankte sich kurz bei dem Knecht, ehe er die Stufen zur Residenz seiner Herrin hinaufstieg. Der hohe, reich verzierte Turm erstreckte sich bis weit in den morgenroten Himmel hinein, so weit, dass er alles, was in seiner Heimatstadt und drumherum passierte, überblicken konnte. Nicht umsonst hatte man ihm den Namen „Das Auge“ gegeben. Briseis‘ Auge.

Wie es schien, war ‚Das Auge‘ auch schon zu dieser frühen Morgenstunde aktiv, da, kaum dass er die letzten Stufen erklommen hatte, die große Doppeltür geöffnet wurde und man ihn sogleich durch den Eingangs- und Anmeldebereich hindurch zu einer der Wendeltreppen führte. Es war ein komisches Gefühl für Heros, der zwar schon dreimal mit Briseis selbst zu tun gehabt hatte, dabei aber jedes Mal eine Zeit lang im Foyer hatte warten müssen, ehe man ihn zu der Alten vorgelassen hatte. Aber heute schien alles anderes zu sein. Heute wartete sie auf ihn.

Immer zwei Stufen auf einmal nehmend lief er die Treppe hinauf. Als er oben ankam, waren gut und gerne zwanzig Minuten vergangen. Er trat aus einer Nische heraus und wischte sich den Schweiß von der Stirn, ehe er sich nach links wandte, nur um sodann dem langen Gang zu folgen, der ihn an weiteren Wendeltreppennischen und Türen vorbeiführte. Ungefähr in der Mitte des Korridors bog er nach rechts ab und ging eine weitere Treppe empor, an deren Ende sich eine Art Rezeption befand, die von niemand anderem als Meister Hektor, Briseis‘ persönlichem Sekretär, besetzt war. Als er Heros‘ Schritte hörte, blickte er von seinen Unterlagen, über denen er gebrütet hatte, auf. Seine alten Augen, die schon so viel gesehen hatten, dass es für hundert Leben reichen mochte, fokussierten ihn stillschweigend. Nicht zum ersten Mal in seinem Leben hatte Heros das unangenehme Gefühl, dass der Alte gar nicht mehr für sich selbst sah, sondern nur noch das erblickte, was Briseis sehen wollte.

Die stille Musterung dauerte gut zehn Sekunden an, ehe der Meister ihn mit einem „Nur weiter, nur weiter!“ durch die Falltür nach draußen auf das offene Dach scheuchte. Die Sonne blendete ihn, woraufhin er schützend die Augen mit seinem Handrücken abschirmte, bevor er auch die letzten Schritte, die ihn noch von Briseis trennten, zurücklegte.

Wie nicht anders zu erwarten saß die Alte, ihre Beine fürsorglich mit einer Decke umwickelt, in ihrem Lieblingsschaukelstuhl auf der Mitte des Daches und strickte. Zu ihrer Rechten stand ein kleiner Teewagen, auf dem eine Tasse Tee still und leise vor sich hin dampfte, während sich zu ihrer Linken ein prall gefüllter Korb mit Strickzeug und Wolle jedweder Art befand. Sie blickte nicht einmal auf, als Heros sich ihr näherte und vor ihr stehen blieb. Das stetige Klicken ihrer Stricknadeln und der leise Wind, der um seine Beine fuhr, war eine Zeit lang das einzige Geräusch, doch dann hatte sie schlussendlich ihre Reihe beendet und ließ ihr Strickzeug sinken. Ihre blassblauen Augen blickten auf und taxierten Heros. „Rede.“ Ihre Stimme klang ruhig, gelassen und gefährlich uninteressiert.

Heros schluckte schwer, ehe er schlicht und ergreifend sagte: „Während meiner Raum-Zeit-Reise ist es zu einem Unfall gekommen.“

Briseis‘ Gesicht blieb emotionslos, doch ihre Augen fokussierten ihn, so es überhaupt möglich war, noch etwas mehr, als sie lediglich sagte: „Von vorne.“

„Also“, er räusperte sich, „alles begann damit, als Helena beschlossen hat in der anderen Welt zu bleiben.“

„Du hast also schon wieder einen Partner verloren“, stellte Briseis trocken fest und lehnte sich zurück.

Heros funkelte sie wütend an. „Ich habe sie nicht verloren. Sie hat beschlossen da zu bleiben, weil sie dort wohl jemanden kennengelernt hat. Jedenfalls ist sie dann abgehauen und ich musste mich irgendwie alleine durchschlagen. Dann sind jedoch die Ordnungshüter der anderen Welt auf mich aufmerksam geworden und haben mich auf ihre Station mitgenommen.“

Er wartete auf einen erneuten Kommentar, doch sie bedeutete ihm weiter zu reden.

„Es ist mir gelungen zu fliehen, allerdings haben sie mich verfolgt, und ich musste mir eine Geisel nehmen.“ Er warf seiner Herrin einen kurzen, prüfenden Blick zu, doch ihr Gesichtsausdruck verriet nichts. Er zögerte kurz, fuhr dann aber wie unter Zwang fort: „Ich habe die Geisel dann mit zum Treffpunkt genommen, dort kam es dann zu einem kleinen Gerangel und ehe ich mich versah, war ich wieder daheim, und der Junge, den ich entführt hatte, war auch da.“

Der letzte Satz schien sie dann doch mehr zu interessieren, da sie sich plötzlich nach vorne beugte. „Und was hat Mathilda dazu gesagt?“

Heros wand sich unter ihrem Blick, ehe er ihr leise gestand: „Die Dimensionshexe wurde während meiner Reise verwundet. Ich hab nicht nachgedacht und hatte eine Glasflasche mit dabei und…“

‚Du hattest was?‘ Die Stimme war so laut gewesen, dass sie in seinen eigenen Ohren widerzuhallen schien, obgleich Briseis nichts gesagt hatte. Sie war in seinem Kopf. Heros konnte es mit einem Mal ganz deutlich spüren. Sie war in seinem Kopf und blätterte in seinen Gedanken, in seinen Erinnerungen, wie in einem Buch. Hastig und ungeduldig riss sie förmlich Seite um Seite um. Heros wusste, dass sie die Gedanken und Gefühle von Menschen lesen und bei Bedarf auch kontrollieren konnte. Aber es lediglich zu hören und es am eigenen Leib zu erfahren war ein Unterschied, ein sehr großer sogar. Es war unangenehm. Er fühlte sich hilflos, so, als ob er nicht Herr seiner eigenen Sinne mehr war. So, als ob er nicht mehr er selbst war. Doch so plötzlich wie es begonnen hatte, war es auch schon wieder vorbei. Sein Atmen ging schwer. Er hatte das Gefühl, über Stunden hinweg gelaufen zu sein, doch in Wirklichkeit hatte es nur wenige Sekunden gedauert.

Briseis lehnte sich wieder in ihren Stuhl zurück und nahm ihr Strickzeug auf. „Ich werde meine Leute zu den beiden Sitzen von Mathilda schicken, um die Sache im Auge zu behalten. Du jedoch wirst den Mund halten. Du wirst keiner Menschenseele sagen, was du mir erzählt hast. Niemand darf wissen, dass Mathilda so geschwächt ist. Niemand.“ Sie fixierte ihn einmal mehr. Heros spürte, dass einige Dinge in seinem Kopf so verschoben wurden, wie es Briseis gerade passte. Er fühlte sich gedemütigt. Er hätte geschwiegen, wenn sie ihn darum gebeten hätte, und doch wusste er auch, dass es nicht in ihrer Natur lag, jemandem ein solches Wissen ohne Kontrolle anzuvertrauen.

„Was ist mit dem Jungen?“ fragte Heros leise.

Briseis starrte eine Zeit lang gedankenverloren vor sich hin, ehe sie erwiderte: „Er ist bereits auf dem Weg hierher.“

Mein Abscheu wird durch Euch vermehrt.
O glücklich der, den Ihr belehrt!

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Freitag, 8. Juli 2011, 08:14

Da ich dir ja versprochen hatte, dass ich deine Geschichte auf jeden Fall weiter lese, hier nur mal eine kurze Mitteilung, dass ich es erst nächste Woche schaffe - und ich will es richtig machen ;) , also hab bitte noch etwas Geduld.
Hier geht's zu meiner FF


http://www.harry-potter-community.de/ind…&threadID=13673

Viel Spaß beim Lesen.

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Montag, 18. Juli 2011, 23:05

Kapitel 4: Gegen den Wind Teil 1

Kapitel 4: Gegen den Wind

Teil 1


Felix rannte. Die Bäume und Büsche flogen förmlich an ihm vorbei. Seine Atmung war kurz und abgehackt, der Puls in seinen Schläfen hämmerte heftig, und das Blut in seinen Ohren sauste mit einer nie dagewesenen Geschwindigkeit. Er sprang über eine Wurzel, duckte sich unter einem Ast hindurch und hastete weiter. Tief in seinem Inneren verspürte er das Bedürfnis sich umzudrehen. Es war wie ein Zwang. Aber er konnte es nicht, durfte es nicht. Er musste weiterlaufen, musste sich auf den Weg, der vor ihm lag, konzentrieren.

Er schwitzte, und doch war ihm eiskalt. Er rannte und schien trotzdem nicht voranzukommen. Er drehte sich nicht um und konnte dennoch spüren, wie die Augen seiner Verfolger auf ihm ruhten. Es waren zehn. Allesamt hoch gewachsene Menschen, die den Wald weit besser kannten als er selbst. Sie kamen näher und näher. Einer von ihnen packte seinen Arm, den Felix ihm sogleich wieder entriss. Er stolperte kurz über seine eigenen Füße, schaffte es aber sich irgendwie noch auf den Beinen zu halten. Auch der zweiten Hand wich er noch aus, bevor er den Weg verließ, um sein Glück in den Tiefen des Waldes zu suchen. Äste und Zweigen schlugen ihm ins Gesicht, obgleich er versuchte, sie so gut wie möglich mit den Händen aus dem Weg zu drücken. Er hörte einen Schmerzensschrei nur gut einen Meter von sich entfernt, als ein Ast, den er kurz zuvor von sich weggedrückt hatte, mit aller Kraft zurückschnellte.

Felix rannte weiter und weiter. Immer tiefer in den Wald hinein und mit der Tiefe des Waldes kam die Stille. Er schaute sich um, doch seine Verfolger waren verschwunden. Er wurde langsamer und hielt schlussendlich ganz an. Sein Atem ging schwer und bildete kleine, weiße Wölkchen vor ihm in der Luft. Seine rechte Seite schmerzte, so dass er instinktiv seine Hände in die Hüften stemmte, bevor er sich suchend nach einem Orientierungspunkt umblickte. Doch egal wohin er auch sah, bot sich ihm dasselbe Bild: Bäume, umgeben von dunklem Unterholz.

Felix zuckte zusammen. Hatte er sich das gerade nur eingebildet oder hatte er wirklich einen großen Schatten hinter den Bäumen vorbeihuschen sehen? Er hielt den Atem an, wartete, und plötzlich hörte er es ganz deutlich: Ein dumpfes Klopfen, begleitet von einem Rascheln. Er blinzelte nicht einmal, als er in die Richtung blickte, aus der die Geräusche gekommen waren. Ein weiteres Geraschel, das dieses Mal von einem großen dunklen Schatten begleitet wurde, der auf einmal zwischen den Bäumen auftauchte. Felix schluckte schwer und wich ein paar Schritte zurück. Seine Augen klebten förmlich an dem Riesenschatten, der nun langsam auf ihn zu kam. Bei jedem Schritt, den es tat, erbebte die Erde zu seinen Füßen. Es wurde schneller und schneller, während es sich auf ihn zu bewegte.

Felix wollte sich umdrehen. Wegrennen. Doch seine Beine gehorchten seinen Befehlen nicht mehr. Wie erstarrt folgten seine Augen dem herannahenden Tier und schlossen sich erst, als es ihn fast erreicht hatte. Von einem Moment zum anderen schienen die Sekunden wie in Zeitlupe zu verstreichen. Sein Herz schlug unendlich langsam in seiner Brust. Er hörte den triumphierenden Schrei des Tieres, unmittelbar bevor ein harter Stoß ihn zu Boden riss. Er fühlte, wie ihm etwas Warmes durch die Finger rann. ‚Blut‘ schoss es ihm noch kurz durch den Kopf, während das Leben bereits aus ihm wich.

---

Felix setzte sich senkrecht in seinem Bett auf. Kalter Schweiß klebte an seinem Körper, während er rasselnd ein- und ausatmete. Beinahe schon andächtig betrachtete er seine bebenden Finger. Sie waren kalt, weiß wie Schnee, aber nichts desto trotz bar jeden Blutes. Unwillkürlich schaute Felix auf und blickte sich in seinem Zimmer um. Es sah alles wie immer aus, selbst das Foto von seiner Freundin Nicole stand auf seinem angestammten Platz am Schreibtisch. Unbewusst ballten sich seine Hände zu Fäusten. Ein Traum. Er zitterte, bebte förmlich am ganzen Körper. Es war alles nur ein Traum gewesen, die Geiselnahme, die Flucht durch den Wald und dessen Ungeheuer, ebenso wie seine Verfolger.

Ein Geräusch an der Tür ließ ihn aus seiner Erleichterung hochschrecken. Er sprang aus dem Bett und tappte mit nackten Füßen durch den Raum. An der Zimmertür hielt er inne und lauschte kurz. Er hörte Stimmen, klar und deutlich. Er öffnete vorsichtig die Tür, ging quer über den Flur und blieb in der Küchentür stehen. Er wusste nicht mehr genau, wann er zum letzten Mal wirklich geweint hatte, doch beim Anblick seiner beiden Eltern, die am Küchentisch sitzend leise miteinander diskutierten, wurden seine Augen feucht. Auch wenn es nur ein Traum gewesen war, war er doch so real gewesen, dass er nicht geglaubt hatte, seine Eltern noch einmal in diesem Leben wiederzusehen.

„Ist was, Felix?“ Seine Mutter hatte ihn als erste entdeckt und blickte fragend zu ihm auf.

Felix versuchte den riesigen Kloß, der sich in seinem Hals gebildete hatte, hinunterzuschlucken. Ein Kloß so groß, dass er ihm den Atem nahm. Unfähig zu sprechen schüttelte er den Kopf.

„Was ist passiert?“ Noch während sie sprach, war seine Mutter alarmiert auf die Beine gesprungen und hatte mit wenigen Schritten die Küche durchquert. Sie blieb direkt vor ihm stehen, musterte ihn einen Augenblick lang, bevor sie liebevoll einen Arm um ihn legte und ihn zum Küchentisch führte. Ihre blonden Locken strichen sanft über seine Wange. Es war eine so vertraute, so zärtliche Geste, dass Felix‘ Herz sich unwillkürlich zusammenzog.

„Nun sag schon, was los ist, Felix!“ Sein Vater hatte sich nun ebenfalls von seinem Stuhl erhoben. Seine von seiner Arbeit als Gärtner rauen Hände legten sich auf seine Schultern, um ihn auf den frei gewordenen Platz zu drücken.

Felix blickte von seinem einen Elternteil zum anderen. Beide hatten sie sich nun neben ihm hingekniet und warteten auf seine Antwort, doch der Kloß wollte einfach nicht weichen.

„Hat dich irgendjemand bedroht? Dich erpresst? Verprügelt? So sprich doch, Junge!“

Felix räusperte sich. Er setzte gerade an zu antworten, als eine empörte Kinderstimme ihn zur Tür herum fahren ließ. „Müsst ihr denn so laut sein? Ich will schlafen.“

Hastig erhob sich seine Mutter von seiner Seite und eilte durch die Küche auf seine kleine Schwester zu. „ Es ist alles in Ordnung, Rike. Komm, geh wieder ins Bett.“

Der Blick seiner Schwester ging jedoch an ihrer Mutter vorbei und traf Felix‘. Ihre dunkelblauen Augen, die den seinen so ähnlich waren, weiteten sich erst vor Überraschung, bevor sie sich zu seinem Schrecken mit Tränen füllten. „Du musst wieder zurück, Felix.“

Felix gefror bei ihren Worten regelrecht das Blut in den Adern. Und während er innerlich erstarrte, verharrte alles andere um ihn herum auch in Wirklichkeit. Seine Mutter, sein Vater, selbst der Dampf, der aus einer der beiden Kaffeetassen emporstieg, bewegten sich nicht mehr. Es war als befände er sich inmitten eines Bildes. Das Bild einer glücklichen Familie. Ein Bild, das in diesem Augenblick bereits von feinen Kratzern durchzogen wurde. Die Risse wurden größer und größer, trennten Felix von dem Rest seiner Familie. Er wollte zu ihr, die immer größer werdenden Gräben überwinden, als in just diesem Augenblick das gesamte Bild mit einem lauten Krachen zerbarst.

Schmerzen durchzuckten Felix‘ Körper. Seine linke Seite brannte unangenehm, allem voran sein Oberarm. Unwillkürlich stöhnte er auf. Neben sich hörte er eine Stimme, die in einer fremden Sprache leise etwas sagte und kurz darauf das Klappen einer Tür.

Mühsam versuchte Felix die Augen zu öffnen. Das Licht im Raum blendete ihn. Er kniff die Lider zusammen, ehe er es erneut probierte. Seine Augen brauchten einen Moment, um sich an die beißend hellen Sonnenstrahlen, die sich ihren Weg durch ein großes Fenster in den Raum bahnten, zu gewöhnen. Er befand sich in einem einfach eingerichteten Raum, der lediglich aus dem Bett, auf dem er lag, einem Nachtisch mit einer Wasserschale und drei Stühlen bestand. Auf einem dieser Stühle saß ein junges Mädchen, das ihn die ganze Zeit nicht aus den Augen ließ.

„Wo bin ich?“ fragte er tonlos, aber das Mädchen zuckte nur nicht verstehend mit den Schultern, ehe sie sich der Wasserschüssel zuwandte, um seinen Arm zu kühlen. Er musste kurz weggedämmert sein, da er nicht einmal bemerkt hatte, dass sie etwas aus der Schale genommen hatte, um es auf seinen Oberarm zu legen. Doch der scharfer Schmerz, der sich bei der Berührung ihrer Hand von seiner Schulter bis zu seinem Handgelenk hinunterzog und der bereits kurze Zeit später durch eine angenehme kühle Nässe abgelöst wurde, ließ keine andere Schlussfolgerung zu.

Eigentlich hätte er sich jetzt seinem Arm zuwenden müssen, um zu gucken, um was für eine Verletzung es sich handelte, doch das erneute Klappern der Tür lenkte seine Aufmerksamkeit in eine ganz andere Richtung. Felix schaute zum Eingang und erblickte dort zwei Menschen, die, begleitet von einem schwachen Alkoholgeruch, den Raum soeben betreten hatten. Der Mann war eher klein und zierlich gebaut mit einem gewaltigen Glatzkopf, während die hagere Frau mit den kurzen braunen Locken ihn, obgleich sie keine Schuhe trug, um Längen überragte. Sie war es auch, die als erste an sein Bett herantrat, ihn kurz musterte, ehe sie sich auf einen der Stühle sinken ließ. Der Mann folgte ihrem Beispiel. Er rutschte hektisch auf seinem Stuhl hin und her - so als versuche er die optimale Position für seine nachfolgende Botschaft zu finden - ehe er sagte: „Ich heiße dich im Namen der Herrin Artemis vom Käfig“, er deutete dabei auf seine Begleiterin, die ausgerechnet diesen Moment nutzte, um demonstrativ zu gähnen, „ in unserer Welt willkommen. Uns…“

„Sie sprechen meine Sprache?“ Felix setzte sich in seinem Bett auf. Der Mann hatte einen leichten Akzent gehabt, dennoch waren seine Worte wesentlich klarer und deutlicher gewesen als die des Komplizen seines Entführers.

„Ich bin ein Windmimage der zweiten Stufe“, erklärte der Glatzkopf. Eine leichte Irritation schwang in seinem Tonfall mit. „Ich kann Geräusche verstehen, erkennen und weitergeben und Sprache ist nichts anderes. Obwohl wir selten in den Genuss eines Gastes aus einer anderen Welt kommen.“ Er lächelte ihn freundlich an.

In Felix‘ Gehirn begann es bei diesen Worten unwillkürlich zu arbeiten. Zwar beherrschte sein Gegenüber seine Sprache sehr gut, nichts desto trotz war das, was er sagte, einfach nur unverständlich. Ihm kamen Tausende von Fragen in den Sinn, doch die allerwichtigste bedurfte zuerst einer Antwort: „Wo bin ich?“

Der Glatzkopf warf seiner Begleitung, die bis dato geschwiegen hatte, ein paar fragende Worte in der harten, fremdländischen Sprache zu, die diese nur mit einer abwinkenden Handbewegung quittierte, bevor er Felix‘ Frage beantwortete: „Du bist zurzeit im Käfig.“

„Heißt das, ich werde hier gefangen gehalten?“ Felix gab sich nicht einmal die Mühe, die Anspannung in seiner Stimme zu kaschieren.

Der Mann war entweder wirklich schockiert ob dieser Frage oder aber ein hervorragender Schauspieler. „Du bist unser Gast“, bekräftigte er einmal mehr und nickte, so als wolle er seine Worte zusätzlich unterstreichen, bedeutungsschwer mit dem Kopf.

„Dann“, begann Felix zögerlich, „…dann kann ich also nach Hause gehen? “

„Nein.“

„Und warum nicht?“

„Die Herrin vom Eisernen Rücken möchte dich zuerst noch persönlich kennenlernen. Sie lädt dich als ihren offiziellen Gast ein, zu ihr nach Brise zu kommen.“

Fast schon provozierend hob Felix daraufhin den Kopf und stieß zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor: „Und wenn ich mich weigere?“

Jedwedes Lächeln, das zuvor noch wie eine Klette an dem Mann geklebt hatte, verschwand aus dessen Gesicht. „Sie ist die Herrin. Niemand verweigert ihr einen Wunsch.“

„Mir ist egal, was sie wünscht oder nicht. Ich will einfach nur nach Hause!“ erklärte Felix mit einem kaum überhörbaren trotzigen Unterton.

„Aber die Herrin Briseis verlangt, dass du nach Brise kommst.“

Alleine schon die Erwähnung des Namens Briseis ließ Felix erbleichen. Briseis. Der Name erschien ihm so einzigartig, dass er nicht glauben konnte, dass es innerhalb eines so kleinen Umkreises zwei einflussreiche Personen mit demselben Namen gab. Und das wiederum konnte nur eines bedeuten: Die Chefin von seinem Entführer, sowie von dem Mann und seiner Begleiterin hier, war ein und dieselbe Person. Was für einen grausamen Scherz sie sich mit ihm, Felix, erlaubt hatten. Wer wusste schon, ob sein Entführer und dessen Komplize nicht vielleicht sogar lauschend vor der Tür standen und sich über seine erneut enttäuschte Hoffnung amüsierten.

„Ist alles in Ordnung, Junge?“ Die Hand des Mannes berührte ihn sanft an der Schulter.

Felix stierte ihn wütend an. Nichts war in Ordnung, gar nichts. Da hatte er es schon geschafft seinem Entführer zu entkommen, wobei er beinahe von einem Tier, dass - so abwegig es auch klingen mochte - aussah wie ein riesiges Kaninchen, getötet worden wäre, nur um sogleich erneut in die Fänge von irgendwelchen Briseis-Getreuen zu gelangen. Er spürte das beinahe schon abstoßende Verlangen, einfach nur laut zu lachen. Verrückt, anders konnte man es wohl nicht bezeichnen. Aber Felix wollte nicht den Verstand verlieren und konnte dennoch einen kleinen Anflug von Selbstzerstörung nicht zurückhalten, da er in seiner Verzweiflung und Wut instinktiv das tat, was er bereits im Alter von vier Jahren perfektioniert hatte: Er biss seinem Gegenüber in die Hand.

Der Mann schrie vor Schmerz auf und versuchte ihm seinen Arm zu entreißen, doch Felix ließ nicht los, sondern umklammerte diese nur noch fester, woraufhin sein Opfer etwas in der fremdländischen Sprache kreischte. Seine Begleitung, die das ganze Geschehen bislang entspannt in ihrem Stuhl zurückgelehnt mit leisem Amüsement beobachtet hatte, gab Felix‘ Pflegerin daraufhin ein kurzes Handzeichen.

Felix wusste nicht genau, was mit ihm geschah. Er spürte nur einmal mehr, wie das kalte Nass, dass zuvor noch seinen Arm gekühlt hatte, sich auf einmal in seinem ganzen Körper ausbreitete. Er fühlte wie seine Arme und Beine schwach wurden, wie sein Sehfeld kleiner und kleiner wurde, bis auch der letzte Lichtstrahl verschwand.

Mein Abscheu wird durch Euch vermehrt.
O glücklich der, den Ihr belehrt!

Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von »Plumbum« (24. August 2011, 19:25)