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Glinda Arduenna

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41

Sonntag, 25. September 2011, 00:03

Na, das ist doch mal ein Beweis für die Qualität dieser Geschichte! Wenn sie sogar jemandem, der sonst kein Fantasy liest, gefällt.
Das mit den unterschiedlichen PoV-Charakteren war, glaube ich, das, was mich so an Marion Z. Bradley erinnert hat. Ich hoffe, es ist klar, dass ich diesen Vergleich positiv meine, ich mag ihre Bücher sehr.
Ich liebe komplexe Geschichten! (Vielleicht auch, weil ich sowas nie zustande bringen würde... :( ) Bin schon unheimlich gespannt, wie es weiter geht!
Ja, du hast recht, es gibt ein paar echt schöne Geschichten, hier. Ich habe momentan wenig Zeit und so schnuppere ich gerade erst rein. Mal sehen, was für Perlen ich noch finde...
Meine neue Fanfiction (Achtung Off Topic!):
Changed - Wie ich bin
Zweites Kapitel online!

„Wusch, wusch!“
Mein Oneshot: Dobby erzählt...

Plumbum

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42

Sonntag, 25. September 2011, 11:40

Hey ihr Lieben,

vielen lieben Dank für eure Kommentare. Es ist unglaublich schön zu wissen, dass diese Geschichte doch noch den einen oder anderen Leser gefunden hat. Ich habe zwar schon die ein oder andere HP-FF geschrieben, aber so eine total eigenständige Geschichte ist dann doch noch mal was ganz anderes, weil man selbst nie so genau weiß, wie die Charaktere, die Storyline und die Welt an sich, bei dem Leser ankommt oder ob sie einfach nur total verwirrend sind.

Zitat

Original von Glinda Arduenna
deine Geschichte liest sich wie ein Fantasy-Roman von Marion Zimmer Bradley oder so - das ist ein Kompliment.

Obwohl ich keine großer Fan von Frau Zimmer-Bradley bin, bedanke ich mich für das liebe Kompliment. ;)

Zitat

Ich war so fasziniert von der Welt, die du vor meinem inneren Auge heraufbeschwörst, dass ich um mich herum gar nichts mehr richtig wahrgenommen habe. Noch verstehe ich nicht alle Regeln, denen dort die Welt gehorcht, und auch noch nicht alle Zusammenhänge, aber das macht nichts.

Du kannst mir gerne schreiben, welche Zusammenhänge und Regeln du noch nicht verstehst. =) Ich denke zwar, dass im Laufe der Geschichte alles zufriedenstellend erklärt werden wird, allerdings befürchte ich auch immer, etwas wichtiges zu übersehen.

Zitat

Die Figuren, die du erfindest, sind sehr originell. Trotzdem sind sie menschlich, haben Stärken und Schwächen und wirken dadurch nochmal realer.

Schön, dass dir meine Charas gefallen. Ich habe immer ein bissel die Sorge, dass sie zu Mary-Sue-artig ausfallen könnten, gut dass das nicht der Fall zu sein scheint.

Zitat

Ich liebe komplexe Geschichten! (Vielleicht auch, weil ich sowas nie zustande bringen würde... )

Manchmal muss man sich einfach nur mal rannsetzen, wenn man eine Idee hat. =) So war es zumindest bei mir. Ich hatte eine Idee, habe die dann mit meiner Co-Autorin/Mitplanerin besprochen und plötzlich ist diese kleine Idee immer größer und größer geworden, so dass ein POV sie nicht mehr abdecken und ein weiterer hinzukommen musste usw. Die Geschichte selbst, wächst bis dato an und verändert sich in den unteren Strukturen immer weiter, um die Haupt-Geschichts-Pfeiler besser zu stützen. Für mich selbst ist diese ganze Entwicklung auch unglaublich spannend, wobei es mir mittlerweile auch etwas an den Nerven zerrt, weil ich mich ständig sorge, ob ich alles was ich an Erklärung unterbringen muss, den Leser auch wirklich so erreicht.

Zitat

Bin schon unheimlich gespannt, wie es weiter geht!

Ursprünglich hatte ich vor, am Anfang jeder Woche ein neues Kapitel online zu stellen. Da die Kapitel selbst allerdings immer länger werden (das letzte war über 7 000 Wörter lang), werde ich wohl zu einem zwei wöchigen Posting-Rythmus übergehen müssen.

@ grit

Zitat

So ein ähnliches Gefühl hatte ich auch, die Geschichte hat mich einfach in ihren Bann gezogen - und das, obwohl ich eigentlich gar nicht so sehr auf Fantasy stehe... Mir gefällt auch die Idee mit den unterschiedlichen POV-Charakteren...

Das beruhigt mich ungemein, vor allem, da ich momentan plane noch eine fünften POV einzuführen und einen der bisher bekannten POV im Laufe der Geschichte gegen eine anderen auszutauschen. ;)

Zitat

Wenn man so eine ziemlich komplexe Idee hat, sich dann wirklich hinzusetzen und anzufangen - schon das allein verdient Respekt. Und wenn es sich dann auch noch so gut liest,


Vielen lieben Dank für das Lob. *rot werd*


Viele liebe Grüße

Plumbum =)

Mein Abscheu wird durch Euch vermehrt.
O glücklich der, den Ihr belehrt!

Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »Plumbum« (25. September 2011, 21:54)


Plumbum

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43

Sonntag, 23. Oktober 2011, 09:42

Kapitel 10: Artemis vom Käfig

Kapitel 10: Artemis vom Käfig

Teil 1


Die Minuten des Wartens zogen sich in die Länge wie Kaugummi. Einmal mehr schweifte Felix‘ Blick zu der großen Standuhr hinter Sophos‘ Schreibtisch, deren schweres Pendel mit einer Trägheit hin und her schwang, die ihn langsam, aber sicher zur Weißglut trieb. Er war noch nie ein besonders geduldiger Mensch gewesen, und seine noch vorhandene Geduld wurde von Sekunde zu Sekunde weniger. Gereizt klopfte er mit seinem rechten Fußballen auf den Boden.

Er hasste Warten!

Teils frustriert, teils entnervt ließ er den Kopf auf seine Handflächen sinken, während seine Augen unruhig auf Wanderschaft gingen. Die Regale, der Schrank, das Flipchart, das Sofa, …

Nachdenklich schürzte Felix die Lippen. Vielleicht sollte er in den Keller hinuntergehen und Hubertus einen kurzen Besuch abstatten und ihn fragen, wann er Sophos wieder zurückerwarten konnte? Allerdings bezweifelte er, dass der alte Miesepeter allzu positiv auf eine Störung reagieren würde. Wie von selbst fiel Felix‘ Blick auf Heros. Er überlegte kurz, ehe er etwas näher an diesen heranrückte, um ihm dann vorsichtig auf die Schulter zu tippen. Er wartete einen Augenblick lang, doch der andere rührte sich nicht. Felix räusperte sich: „Heros, he, Heros.“ Er rüttelte ihn etwas fester an der Schulter. Aber das einzige, was er erreichte, war ein kurzer, zufriedener Schnarchlaut als dieser sich von einer Seite auf die andere wälzte.

Na wunderbar. Entnervt warf Felix seinen Kopf in den Nacken und starrte die Decke an, als er unvermittelt ein Geräusch vernahm. Seine Augen schossen förmlich zur offen stehenden Eingangstür, während seine Ohren angestrengt lauschten. Da war es wieder! Undeutlich, ja, aber es waren definitiv Stimmen gewesen.

Hastig rappelte er sich auf die Beine und schoss regelrecht auf die Veranda hinaus, nur um dort schlitternd zum Halt zu kommen. Denn das, was da im Schatten der hereinbrechenden Nacht auf ihn zukam, waren nicht Sophos und die Dimensionshexe, sondern vielmehr die wohl eigenartigste Ansammlung von Menschen, die er jemals gesehen hatte. Es mussten an die dreißig sein, von denen die meisten auf kurzbeinigen, struppigen Rentieren ritten. Dem Tross vorweg schwebte auf einem dieser komisch anmutenden Sackkarren eine große, hagere Frau mittleren Alters, zu deren Rechter und Linker je eine Elchkuh schritt. Das Pärchen in Blau, das auf einem der Tiere ritt, kannte er nicht. Dafür war ihm das Mädchen, das auf dem Rücken des anderen saß, leider nur zu gut bekannt.

„Sag mal, bis du lebensmüde, oder wie sonst kommst du auf die bescheuerte Idee mitten in der Nacht in den Riesenwald zu gehen?“, fauchte Esra zornig, während sie mit einem beherzten Satz vom Rücken ihres Elches sprang.

Betont gelassen verschränkte Felix die Arme vor der Brust, ehe er trotzig erwiderte: „Das geht dich gar nichts an.“

„Das geht mich sehr wohl etwas an. Denn ich habe immerhin mein verdammtes Leben riskiert, als ich dir hinterhergegangen bin. Ich könnte jetzt tot sein und das alles nur, weil du die Intelligenz eines Eiswurms besitzt!“ Wütend stapfte Esra die wenigen Stufen zur Veranda hinauf.

Felix lachte trocken. „Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass ich dir das abkaufe, oder? Wenn ich, der kleine, unwissende Anderwelter, es mitten in der Nacht durch den Wald schaffe, dann sollte das doch für eine große Missionsführerin wie dich kein Problem sein. Vermutlich begehen die Riesenkaninchen eh lieber Selbstmord, sobald du auch nur den Mund aufmachst. Ich würde es ihnen jedenfalls nicht verübeln.“

„Du hast keine Ahnung, wovon du da überhaupt redest, Kleiner. Und jetzt geh mir aus dem Weg oder sag mir zumindest, wo Heros steckt!“

Mit einem letzten wütendeb Blick trat Felix aus dem Türrahmen und gab die Sicht in den Raum frei. „Dann geh halt rein. Vielleicht bekommst du ihn ja dazu, endlich aufzuwachen.“

Esras Augen zogen sich bei diesen Worten zu kleinen, bedrohlichen Schlitzen zusammen, nur um anschließend den Raum zu durchschweifen und letztendlich an Heros‘ selig schlummerndem Körper innezuhalten. Ihre Nasenflügel weiteten sich wie die eines Drachens, der kurz davor war Feuer zu speien. „Du verdammter Faulpelz!“

Der dumpfe Klang ihrer Stiefel hallte im Raum wider, als sie diesen mit langen Schritten durchquerte, um dann abrupt vor Heros‘ Lager zum Stehen zu kommen. „Heros! Heros, wach auf!“ Ohne sich im Geringsten darum zu kümmern, dass ihr Partner unter der Decke nackt war, begann sie an seinen Schultern zu rütteln.

„Was… was’n los?“ Heros hatte sichtlich Mühe zu sprechen, geschweige denn, die Augen offen zu halten.

„Du fragst mich, was los ist? Du fragst mich ernsthaft, was los ist? Du hast geschlafen! Wir haben gekämpft, und du hast hier schön im Warmen gelegen und gepennt!“ Mit einem letzten heftigen Stoß ließ Esra seine Schulter los. „Ich dachte wirklich, ich hätte mich mittlerweile an deine Inkompetenz gewöhnt, aber du überraschst mich immer wieder aufs Neue. Heros, du verdammter Faulpelz, wach endlich auf!“ Erneut begann Esra an seiner Schultern zu rütteln, doch diesmal mit weit weniger Erfolg.

„Er kann nichts dafür“, versuchte Felix die Situation zu erklären. „Sophos hat ihn betäubt.“

Esras scharfer Blick schien mehr oder weniger dazu gedacht, ihn in zwei säuberliche Hälften zu teilen. „Was?“

„Wenn du mir nicht glaubst, dann sieh dir seinen Hals an. Er hat an der Einstichstelle immer noch eine kleine Wunde.“ Während Esra bereits nach vorne stürzte, um Heros etwas genauer in Augenschein zu nehmen, wandte sich Felix von den beiden ab, um den Rest der Gruppe prüfend zu mustern.

Die meisten Rentierreiter waren bereits von ihren Tieren gestiegen und versorgten diese geschäftig. Lediglich der blau gekleidete Mann hatte seinen Elch in der Obhut der anderen zurückgelassen und sich mit seiner Freundin auf einer der Sitzbänke auf der Veranda niedergelassen. Momentan redete er leise auf diese ein: „Geht es dir auch wirklich gut, Odine? Ich kann dich einschlafen lassen, wenn du willst, oder deine Hände betäuben oder...“

„Ist schon in Ordnung, Erik. Du hast die Verletzungen bestens versorgt. Dein Großvater wäre stolz auf dich“, erwiderte die Frau und schenkte ihrem Begleiter ein zauberhaftes Lächeln.

„Er wäre nicht stolz auf mich. Er ist immerhin einer der großen Vier. Er würde sich schämen, wenn er wüsste, wie sehr ich versagt habe!“

„Ach, Erik.“ Eine ihrer verbundenen Hände strich sanft über die Wange des Mannes.

„Nichts, ‚ach Erik‘. Ich bin ein solcher Idiot gewesen.“ Der Mann namens Erik fuhr sich mit den Fingern durch das Haar. „Erst versuche ich jemanden mit meiner zweiten Stufe zu betäuben, der irgendwie gegen meine Macht immun zu sein scheint, und anstatt, dass ich dann gegen den Drittstufler gehe, der mit seinen nackten Füßen die ganzer Zeit über in einer Pfütze stand, ziehe ich das Wasser aus den Bäumen und meiner Umgebung und greife sie wie ein Volltrottel in meiner ersten Stufe an.“

„Und als wäre das nicht schon dumm genug, jammerst du deiner verletzten Partnerin auch noch die Ohren voll, anstatt dich hier nützlich zu machen“, erklang Esras rauchige Stimme direkt neben Felix.

Die kornblumenblauen Augen des Mannes schossen regelrechte Blitze in ihre Richtung. „Ich bin von den Fällen und du…“

„Ja, ja, ich weiß. Ich bin vom Eisernen Rücken“, winkte Esra genervt ab. „Aber da wir nun schon einmal Seite an Seite gekämpft haben und ich deine Partnerin davon abgehalten habe, direkt in die Arme der Feinde zu krabbeln, kannst du dich auch mal nützlich machen und meinem Partner helfen. Du hast ja sonst nichts Sinnvolles getan.“

Beinahe schon fasziniert beobachtete Felix, wie der etwa Zwanzigjährige trotzig die Arme vor der Brust verschränkte und die Unterlippe leicht vorschob. Wenn es nicht absolut absurd wäre, würde er sagen, dass der Mann gerade schmollte wie ein kleines Kind.

„Erik, bitte“, stimmte die Frau in diesem Augenblick in Esras Bitte mit ein, woraufhin ihr Freund missmutig die Stirn runzelte, sich dann allerdings von seinem Platz erhob.

„Und du kommst wirklich zurecht, Odine?“, fragte er immer noch sichtlich besorgt an seine Partnerin gewandt.

„Ja, klar.“ Sie schenkte Erik ein aufmunterndes Lächeln, in dem sich allerdings auch eine gewisse Müdigkeit widerspiegelte.

„Aber wenn was ist oder dir irgendetwas wehtut, dann sagst du mir sofort Bescheid.“

„Natürlich.“

Mit einer letzten Musterung riss sich Erik von seiner Partnerin los und strebte auf die Eingangstür des Hexenhauses zu. Sobald sein Blick auf Esra traf, kühlte sich dieser innerhalb weniger Millisekunden auf den Gefrierpunkt ab.

Felix hatte das Gefühl, unter diesen kalten Augen mehr oder weniger in sich zusammenzuschrumpfen, während Esra lediglich trotzig das Kinn in die Höhe streckte. „Du brauchst mich gar nicht so anzuschauen. Ich mag dich auch nicht, aber Heros, mein Partner, wird dich lieben, versprochen! Immerhin verbinden euch die gleichen Hobbys: Elche, Frauen und Versagen.“

Erik schnaubte abfällig, ließ sich dann jedoch ohne ein weiteres Wort neben Heros‘ Schlafplatz auf den Boden nieder und begann geschäftig dessen Hals zu untersuchen.

„Ist er ein…ein…“ Einmal mehr fehlten Felix die Worte, die er eigentlich sagen wollte. Augenscheinlich gab es weder eine Bezeichnung für „Arzt“ noch für „Doktor“ in dieser Sprache. Doch schließlich fiel ihm eines ein. „Ist er ein Heiler?“, fragte er an Esra gewandt, die immer noch neben ihm im Türrahmen stand.

Diese blickte ihn einen Augenblick lang so irritiert an, dass Felix insgeheim erwartete, dass sie ihn jeden Moment anschreien würde, doch dann zuckte sie lediglich mit den Schultern: „Naja, Heiler ist zu viel gesagt. Er hat sich auf Elche spezialisiert.“

Felix atmete tief durch. Er wusste, dass Esra kein netter Mensch war, aber dass sie so kaltherzig sein und Heros einem Veterinär überlassen würde, hätte selbst er ihr nicht zugetraut. „Ich weiß, dass Heros sich in eine Katze verwandeln kann“, erklärte er bestimmt. „Aber findest du es nicht etwas unvorsichtig, ihn von einen Tier-Heiler behandeln zu lassen?“

„Wie oft muss ich dir eigentlich noch sagen, dass man nicht über die Mimage- und Nero-Kräfte der anderen redet?“

„Aber…“

„Das ist doch Bockmist“, erklang in diesem Augenblick eine Frauenstimme hinter ihm und als Felix sich umdrehte, sah er sich der Frau gegenüber, die den Tross auf ihrem Schwebewagen angeführt hatte. „Immer dieses ewige Theater von wegen, man solle niemanden danach fragen oder verraten, was für eine Macht man hat. Das ist so ein Schwachsinn! Bei einem nicht unerheblichen Teil der Magier weiß man doch sowieso schon auf den ersten Blick, was für eine Art Magie sie verwenden. Ich für meinen Teil laufe bestimmt nicht deswegen barfuß herum, weil meine Füße so hübsch anzusehen sind.“ Wie zur Bestätigung wackelte sie mit ihren beiden großen Zehen, bei denen der Dreck schon unter den Nägeln hervorguckte. „Erik von den Fällen ist so bekannt, dass ihm das Wissen um seine ungeheure Wassermagie schon das nächste Liebchen ins Bett legt, noch bevor er seine letzte verlassen hat. Und du, mein liebes Mädchen, kannst, solange du mit diesem Docht am Arm herumläufst, deine Feueraffinität genauso wenig vertuschen wie die Tatsache, dass der Junge direkt vor mir der Anderweltler ist, der keine Ahnung hat, worüber ich gerade rede.“

„Ich weiß, was Mimage sind! Und Neros!“, verteidigte Felix seine Unwissenheit. Sein Blick wanderte unwillkürlich zu ihren bloßen Füßen, während er sich Sophos‘ Erklärung in Erinnerung rief. „Und ich weiß auch, dass du eine Erdmimage bist.“

Die Frau lachte, wobei sich tiefe Grübchen zu beiden Seiten ihres Mundes bildeten. Irgendwie kam sie Felix bekannt vor. „Ich bin wirklich beeindruckt. Aber kannst du mir auch sagen, welche Stufe ich habe?“

Verwirrt über die Frage blickte Felix zu ihr auf. „Ähm…Erste?“

Seine Antwort wurde mit lautem Gelächter seitens der Rentierreiter quittiert, die ihrer Anführerin bis auf die Terrasse gefolgt waren. Die Ohren der Erdmimage liefen knallrot an, während sie sich wütend ihren lachenden und feixenden Begleitern zuwandte: „Habt ihr eigentlich nichts Besseres zu tun, als da draußen herumzulungern und meine Gespräche zu belauschen? Kümmert euch lieber um etwas Ordentliches zu Essen. Und vergesst das Bier nicht! Ich werde heute mit Sicherheit nicht mehr zum Käfig zurückkehren, wenn ich denn schon mal die Chance habe, ohne diesen verfluchte Schnüffler Minos unterwegs zu sein.“

Minos! Der Käfig. Der Wald. Seine Flucht, seine Verfolger, das Riesenkaninchen und dann die Frau und ihr glatzköpfiger Begleiter Minos, den er in die Hand gebissen hatte. Plötzlich war die Erinnerung wieder da. „Du bist Artemis vom Käfig.“

Mein Abscheu wird durch Euch vermehrt.
O glücklich der, den Ihr belehrt!

Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »Plumbum« (19. Februar 2012, 12:09)


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Sonntag, 23. Oktober 2011, 10:48

Kapitel 10: Artemis vom KäfigTeil 2

Kapitel 10: Artemis vom Käfig

Teil 2


„Jepp. Ich bin die Artemis und sei versichert, meine Macht geht bei Weitem über die einer popligen Erststuflerin hinaus“, erwiderte die Frau.

„Ich… ich wollte dich wirklich nicht beleidigen“, versicherte Felix ihr hastig. „ Ich komme…argha.“ Einmal mehr übernahm Briseis‘ Gehirnmanipulation die Macht über sein Sprachzentrum.

„Argha? Also hat die alte Briseis bereits begonnen, an deinem Gehirn herumzuspielen. Und deinem momentanen Gesichtsausdruck nach zu schließen, verachtest du sie dafür.“

Felix starrte sie einen Augenblick überrumpelt an, dann nickte er zögernd.

„Wenn das so ist, hast du in mir eine Verbündete gefunden. Ich hasse Windmimage. Es sind alles Schwätzer, Lügner und Manipulierer. Traue ihnen niemals!“ In Artemis‘ Ton schwang blanke Verachtung mit, ehe ihre Gesichtszüge sich unvermittelt glätteten und sie ihm kräftig auf die Schultern klopfte. „Ich wusste von Anfang an, dass wir beide uns verstehen werden. Schon in den Augenblick, in dem du Minos deine Zähne in den Unterarm gebohrt hast, habe ich erkannt, dass wir auf einer Wellenlänge liegen.“ Sie offenbarte eine Reihe kräftiger Zähne. „Unter uns, ich glaube, jeder meiner Leute träumt insgeheim davon, ihn in seinen knochigen Arsch zu beißen.“

„Du magst ihn nicht, und dennoch lässt du ihn für dich arbeiten?“

Artemis schnaubte abfällig. „Er arbeitet nicht für mich, sondern für Briseis. Ich mag zwar die Anführerin unserer kleinen Fünftausend-Seelen-Gemeinschaft sein, aber Briseis ist die Landesherrin. Sie hat ihn mir aufgezwungen, um mich im Auge zu behalten, weil ich ihr zu mächtig bin. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte ich…“

„Du bist mächtig? Und eine Erdmimage! Bist du etwa auch eine Dimensionshexe?“, unterbrach Felix sie aufgeregt.

Abwehrend hob Artemis die Hände. „Immer langsam mit den jungen Rennelchen. Ich brauche noch ein, zwei Monate, bis ich meine dritte Stufe erreicht habe. Und selbst dann würde ich mich niemals Dimensionshexe nennen. Das ist und bleibt Mathildas Ehrenname. Drittstufler-Erdmimage oder Mimage des Raum-Zeit-Kontinuums ist die passendere Bezeichnung.“

„Aber du wirst trotzdem in andere Dimensionen reisen können.“

„Natürlich, und nicht nur das“, erwiderte Artemis und verschränkte sichtlich zufrieden mit sich selbst die Arme vor der Brust. „Ich werde eine Herrin über Raum und Zeit sein. Ich werde die Zeit kontrollieren und mich in Sekundenschnelle von einem Ort zum anderen teleportieren können. Aber vor allem werde ich nicht mehr auf diese nervigen, ständig vom Weg abkommenden Flitzer angewiesen sein.“ Sie deutete verächtlich auf ihre zerbeulte Sackkarre, die am unteren Ende der Verandatreppe stand.

„Aber das Ding kann immerhin schweben, und du musst nicht zu Fuß gehen. Das ist doch total praktisch“, versuchte Felix sie zu trösten.

Artemis klopfte ihm einmal mehr auf die Schulter. „Du bist ein wirklich guter Junge, Felix, aber die alte Gedankenspielerin hat es eindeutig versäumt, dir neben den Neros und Mimage auch einige wirklich elementare Dinge über diese Welt zu erklären.“

Im Anbetracht der Tatsache, dass Briseis im ersten Anlauf bereits die Hälfte der magischen Bevölkerung unter den Tisch fallen lassen hatte, konnte ihr Felix in diesem Punkt nur zustimmen.

„Aber jetzt hast du ja mich“, fuhr Artemis in diesem Augenblick fort. „Ich mache dir einen Vorschlag unter Freunden. Ich erkläre dir, wie das Mimage-Stufen-System in meiner Welt funktioniert, und du machst mich mit deiner Welt vertraut, sobald ich meine dritte Stufe erreicht habe.“

„Na klar. Warum nicht?“, erwiderte Felix ohne lange zu überlegen. Für den Fall, dass sich die Dimensionshexe wider Erwarten weigern würde, ihn nach Hause zu bringen, konnte er immer noch auf Artemis ausweichen. Vielleicht gelang es ihm sogar, sie dazu zu überreden, mit ihm zusammen nach London, Paris, New York oder Tokio zu teleportieren. Schneller und billiger würde er wohl niemals dorthin kommen.

„Dann ist es also abgemacht.“ Während sie sprach, zog Artemis zwei Flachmänner aus ihrer Tasche, von denen sie einen an Felix weiterreichte. „Lass uns darauf anstoßen.“

Perplex starrte Felix auf die Metallflasche in seiner Hand, während seine Gegenüber die ihre bereits geöffnet hatte. „Ähm… ich bin aber erst sechzehn“, erklärte er zögerlich, wenn auch leicht geschmeichelt darüber, dass sie ihn anscheinend für älter hielt.

„Und? Du bist seit drei Jahren erwachsen, was soll‘s?“

Felix starrte sie einen Augenblick an, ehe er zögernd begann, den Deckel von seinem Flachmann zu entfernen. Mit dreizehn als erwachsen zu gelten, nicht mehr den Regeln der Eltern gehorchen zu müssen und selbst zu bestimmen, was richtig und falsch war... Er hob die geöffnete Flasche an und prostete Artemis zu. Das wäre fantastisch! Er nahm einen herzhaften Schluck. Der scharfe Heidelbeerschnaps brannte in seiner Kehle, so dass er ein Husten unterdrücken musste. Tränen standen in seinen Augen, als er die Flasche wieder zudrehte und an Artemis zurückreichte, bevor er ihr - nach einem letzten prüfenden Blick in Heros‘ Richtung - nach draußen auf die Veranda folgte.

Die Terrasse war nahezu menschenleer. Lediglich Eriks Begleiterin Odine saß nach wie vor auf ihrer steinernen Sitzbank und lächelte ihm freundlich zu, als er sich neben sie sinken ließ.

„Fangen wir also an“, begann Artemis in diesem Augenblick und baute sich breitbeinig vor ihm auf. „Also, es gibt zwei Arten von Magiern: Neros und Mimage. Neros sind eigentlich total langweilig, weil sie in ihrer Macht beschränkt sind und immer nur genau eine Form der Magie beherrschen. Jemand, der sich in einen Igel verwandeln kann, kann niemals die Form eines Hasens annehmen oder Blitze schleudern oder sich in einen Baum verwandeln. Wir Mimage, als Elementmagier, sind da wesentlich vielfältiger, da wir bis zu drei verschiedene Stufen erreichen können. Die erste Stufe ist am schwächsten, die dritte am stärksten.“

„Und am größenwahnsinnigsten“, murmelte Odine neben Felix‘ Ohr.

„Beginnen wir einfach mal mit meiner Macht: Der Erde.“ Während Artemis sprach, verformte sich der Steinboden zu ihren Füßen und eine mannshohe, dünne Mauer erschien zu ihrer Rechten. „Die erste Stufe von Erde, Sand oder Stein, wie immer man es auch nennen will, besteht in der Bewegung, Verformung und Verschmelzung eben dieser.“ Sie klopfte mit der Hand gegen die schmutzig durchsichtige Glasmauer. „Unsere Häuser und Möbel werden durch diese Verschmelzung von Sand gebaut. Eine ganz nützliche Sache eigentlich, allerdings hat die erste Stufe einen entscheidenden Nachteil.“ Ihre Hand ballte sich zur Faust, woraufhin die Mauer zerbarst und sich als Staub zu ihren nackten Füßen sammelte. „Wenn wir auf den Stein um uns herum die erste Stufe in Form von Verformung oder sonst was angewendet haben, können wir ihn weder für die zweite noch die dritte Stufe einsetzen. Das ist eines der grundlegenden Gesetze dieser Welt, unabhängig davon, welche Elementaffinität man besitzt. Durch die erste Stufe verändertes Element kann eine Zeit lang nicht mehr für die zweite und dritte eingesetzt werden! Was wir also brauchen, um die zweite Stufe verwenden zu können“, sie öffnete ein kleines Säckchen, das sie an ihrer linken Seite trug, und holte eine Handvoll Sand aus diesem hervor, „ist unverändertes Element. Solange ich mich mit dieser Art der Erde in direktem Kontakt befinde, bin ich in der Lage meine zweite Stufe einzusetzen: Die Erdanziehungskraft.“

Fasziniert beobachtete Felix, wie sich Artemis‘ dreckige Füße von einem Moment zum anderen vom Boden lösten und sie direkt vor ihm in der Luft schwebte. „Als Zweitstufler- Erdmimage kannst du die Gravitation kontrollieren, sie größer und kleiner werden lassen oder sie um 90 ° drehen, um somit deinen Flitzer“, sie deutete auf ihre Sackkarre, der am unteren Ende der Steinstufen stand“, zu beschleunige...“ Unvermittelt verlor Artemis das Gleichgewicht und landete unsanft auf dem Boden. „Verdammter Scheißdreck!“

„Alles in Ordnung?“ fragte Felix besorgt und sprang auf, um ihr auf die Beine zu helfen.

„Ja, ja.“ Seine helfende Hand wegschlagend, erhob sich Artemis - leise in sich hinein fluchend - vom Boden. Sie betrachtete kurz ihre Beine, ehe sie ihre linke Hand einmal mehr in ihr mit Erde gefülltes Säckchen schob und mit ihrer rechten Hand sämtlichen Staub von ihrem Körper und dem Boden entfernte. „Wie du soeben in der Praxis bewundern konntest: Erste Stufe stört zweite und dritte.“

Felix blickten sie fragend an.

„Ich hatte noch Reste von dem veränderten Mauersand an den Füßen, das hat mich etwas in meinem Schwebefluss gehindert. Kann sogar mir mal passieren“, erwiderte sie brummend, während sie einmal mehr in ihre Jackentasche griff und ihren Flachmann hervorzog. Sie nahm einen tiefen Schluck, bevor sie sich ihnen wieder zuwandte: „Also, wo waren wir stehengeblieben? Ach ja, erste Stufe Erdbewegung und Verformung, zweite Stufe Erdanziehungskraft, dritte Stufe Herr über Raum und Zeit, aber das hatten wir ja schon. Kommen wir also nun zur Wasseraffinität und damit auch zu Zweitstufler-Wassermimage wie Erik. Die erste Stufe Wasser besteht, wie bei der Erde auch, in der Bewegung und Verformung des Elementes. Erik zum Beispiel soll recht interessante Wassersphären produzieren können.“ Sie zwinkerte Odine leicht zu. „Das ist sehr praktisch, wenn du Bäume nicht erst fällen, sondern gleich zu Kleinholz verarbeiten möchtest. Das alles funktioniert natürlich nur, solange man in direktem Kontakt mit Wasser ist. Wenn man hingegen wie ein kleines Häschen in einem Erdloch ohne dieses kühlen Nass festsitzt, war‘s das mit den imposanten Wasserspielen, und man ist auf die Hilfe von netten Erdmimage wie mir angewiesen.“

Felix hörte ein leises Hüsteln neben sich, doch als er sich Odine zuwandte, lächelte diese lediglich unverbindlich.

„Was gab’s noch… ach ja, du kannst die Wasseroberfläche so verändern, dass du darüber laufen kannst.“

„In meiner Heimatwelt gab’s auch mal jemanden, der übers Wasser gewandelt sein soll“, unterbrach Felix Artemis, die dieses jedoch lediglich mit einem Schulterzucken quittierte. „Das ist ja jetzt auch nichts Besonders. Das schaffen auch schon minder begabte Zweitstufler. Richtige Zweitstufler-Wassermimage können da schon wesentlich mehr. Sie sind Heiler und in der Lage, die unterschiedlichsten Prozesse im Körper anzuregen. Sie können dich einerseits betäuben, deine Blutungen verlangsamen, wenn du verletzt bist, oder dafür sorgen, dass die nötigen Stoffe zu deiner Wunde transportiert werden, damit sich diese schneller schließt. Andererseits können sie aber auch deinen Blutfluss beschleunigen oder deine Zellen austrocknen lassen, um dich zu töten. Zusammengefasst, sie kennen sich ziemlich gut mit Lebewesen jedweder Art aus: Tiere, Pflanzen, Menschen. Das alles ist aber nur eine Nichtigkeit im Vergleich zur dritten Stufe: Die Herrschaft über Leben und Tod! Drittstufler-Wassermimage können deine Gene verändern, dein Aussehen, jede Wunde heilen, Tote innerhalb eines gewissen Zeitfensters wieder zum Leben erwecken, aber vor allem sind sie selbst unsterblich, solange sie sich in direktem Kontakt mit Wasser befinden.“

Unsterblichkeit und Tote wieder zum Leben erwecken klang in Felix‘ Ohren sogar noch etwas erstrebenswerter, als Dimensionsreisen zu können. Sofern er denn daheim wäre.

„Kommen wir nun also zur letzten Affinität, dem Wind.“

„Du hast das Feuer noch nicht erklärt“, unterbrach Felix sie. Selbst er hatte den langen Docht an Esras Unterarm bereits in Augenschein genommen und wollte lieber darauf vorbereitet sein, was ihm blühen würde, falls sie einmal richtig wütend werden sollte.

„Feuer ist eigentlich total uninteressant“, winkte Artemis ab. „Denn es gibt bei ihm nur die erste Stufe. Ich habe doch gesagt, du musst dich als Mimage immer im direkten Kontakt mit deinem Element befinden. In der ersten Stufe kannst du die Flamme auf deiner Haut kalt oder lauwarm brennen lassen. Aber für die zweite Stufe darfst du das Feuer nicht mehr abkühlen, denn erste Stufe stört zweite und dritte Stufe! Die Folge wäre, dass du verbrennst. Briseis, Olaf und so ziemlich jeder andere Landesführer schicken regelmäßig Missionen in andere Dimensionen, um eine Möglichkeit zu finden, die Feuermimage feuerfest zu bekommen. Aber bis dato ohne Erfolg.“

War Heros deswegen in seiner Welt gewesen? Um einen Weg zu finden, Menschen wie Esra ihre zweite Stufe zu ermöglichen? Felix runzelte die Stirn. Dunkel erinnerte er sich an die Werbeplakate am Bahnhof und seiner Bushaltestelle, die eine große Pyroshow für das vergangene Wochenende angekündigt hatten.

„Kommen wir nun also zum Wind“, unterbrach Artemis seine Überlegungen, während sie sich kurz streckte. „Wind in der ersten Stufe erlaubt dir, die Luft zu verformen und zu bewegen, so dass du mit einer gewissen Windaffinität und dem passendem Fluggerät in der Lage bist zu fliegen. In der zweiten Stufe kannst du Geräusche und Klänge erkennen, wiedergeben und in geordnete Bahnen lenken. Wir nennen Zweitstufler-Windmimage daher auch Rufer, da sie – abhängig von ihrer Macht - über Distanzen bis zu fünfzig Kilometern Nachrichten weitergeben können und somit uns die schnelle Kommunikation über längere Strecken ermöglichen. Zudem können sie jede Sprache verstehen und sprechen und erkennen auch, wenn man sie anlügt. Wie auch immer… Die dritte Stufe ist die Herrschaft über die Gedanken und Gefühle. Du hast ja Briseis kennengelernt. Sie kann deine Gedanken lesen und verändern, dir die Fähigkeit nehmen über bestimmte Dinge zu sprechen, deine Erinnerung löschen oder ersetzen. und wenn sie will, dich sogar dazu bringen, deinen besten Freund zu töten. Letztendlich kann sie alles mit deinem Gehirn machen, was ihr gerade gefällt. Um es kurz zu sagen, ich persönlich mag die Drittstufler-Windmimage am wenigsten.“

Felix nickte ihr zustimmend zu und schwieg nachdenklich. Allerdings galten seine Gedanken weniger Briseis, sondern vielmehr dem Glasstaub, oder besser gesagt dessen Auswirkungen auf Artemis‘ Magie. Er zögerte kurz. „Artemis.“ Als sie fragend den Kopf hob, schluckte er schwer, stellte dann allerdings die Frage, die ihm auf der Zunge brannte: „Inwieweit kann eine Glasflasche bei einem Dimensionssprung das Raum-Zeit-Kontinuum kaputt machen?“

„Das Raum-Zeit-Kontinuum selbst kann durch transportiertes Glas nicht beschädigt werden“, erwiderte Artemis und fingerte einmal mehr nach ihrem Flachmann. „Allerdings würde ein so stark veränderter Stein die Erdmagie des Mimages gehörig durcheinanderbringen. Mathilda ist es vermutlich so ergangen, wodurch du in diese Welt gekommen bist, während sie selbst verletzt worden ist.“

„Verletzt? Aber, aber … Briseis hat gesagt, dass das Raum-Zeit-Kontinuum beschädigt wurde und die Dimensionshexe es momentan reparieren müsste.“

„Dann hat sie dich angelogen. Ich sagte dir doch bereits: Traue niemals einem Windmimage!“ Eine ungewohnte Schärfe klang in Artemis‘ Stimme mit.

Felix starrte sie einen Augenblick lang schweigend an. Briseis hatte ihn also nicht nur manipuliert, sondern auch noch belogen. Und was war, wenn sie nicht nur an dieser Stelle die Unwahrheit gesagt hätte? Was, wenn sie gar nicht vorgehabt hatte, ihn wieder nach Hause zu schicken? Was, wenn die ganze Reise zum Waldrufer nur eine Hinhaltetaktik gewesen war?

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Sonntag, 23. Oktober 2011, 15:44

Kapitel 10: Artemis vom KäfigTeil 3

Kapitel 10: Artemis vom Käfig

Teil 3


„Wollen wir nicht kurz nach deinem verletzten Freund schauen“, erkundigte sich Odine sichtlich darum bemüht, die Wolke der düsteren Gedanken zu vertreiben.

Am liebsten hätte Felix erwidert, dass Heros nicht sein Freund war, doch dann stand er auf und betrat, gefolgt von Odine, den Innenraum des Hauses. Sein so genannter „Freund“ lag immer noch friedlich schlafend auf dem Sofa, während Esra und Erik davor stehend heftig miteinander diskutierten. „Du warst derjenige, der mir gesagt hat, ich solle mich nicht in deinen Kampf einmischen und…“

„Aber du hast…“

„Esra, Erik. Wie weit seid ihr?“ fragte Odine so nett und liebenswürdig, dass Felix unwillkürlich einen Schritt zurückwich.

„Esra, will mir kein Wasser holen!“

„Du kannst doch auch selbst gehen. Du hast ja sonst nichts Nützliches getan“, entgegnete Esra und hob einmal mehr das Kinn in die Höhe.

„Soll ich das Wasser holen?“, bot Odine daraufhin lächelnd an, wobei sie, auffällig um Unauffälligkeit bemüht, ihre beiden verbundenen Hände nach vorne schob.

„Lass nur, ich mach das schon“, änderte Esra nach einem kurzen Blick in Odines immer noch lächelndes Gesicht ihre Meinung und kam überhastet der zuvor noch unzumutbaren Anweisung nach.

Auch Erik schien plötzlich weit weniger streitsüchtig zu sein als zuvor, da er die Tatsache, dass Esra die bis an den Rand mit Wasser gefüllte Schüssel so heftig neben ihm auf den Boden stellte, dass diese überschwappte, geflissentlich übersah. Stattdessen tauchte er hastig eine seiner beiden Hände in das kühle Nass, während er die Fingerspitze seiner anderen an Heros‘ Halswunde drückte.

„Er zieht das Gift aus dem Blutkreislauf des Jungen“, erklärte Odine Felix zufrieden lächelnd und sie schien Recht zu habeb, da auf einmal kleine, blassblaue Tropfen Heros‘ Hals hinunterliefen.

Es dauerte eine ganze Zeit, bevor Erik seine Hand aus dem Wasser nahm und diese sachte gegen Heros’ Gesicht schlug. So, als hätte dieser nur darauf gewartet, öffnete er die Augen. Für einen winzig kleinen Moment wirkte er irritiert, doch dann breitete sich ein glückseliges Grinsen auf seinem Gesicht aus. „He, du bist doch Erik von den Fällen. Ich habe dich letztes Jahr beim Großen Elchrennen von Falo gesehen. Du warst echt klasse!“

„Also wenigstens mit seinem Kopf scheint alles in Ordnung zu sein“, sagte Erik anerkennend, wobei er einen Seitenblick in Richtung Esra warf.

„Er hat gegen Sophos gekämpft, wurde von diesem betäubt, denkt als erstes an dich und Elche und du willst mir ernsthaft erklären, dass er nicht verwirrt ist?“ Esras Stimme hätte nicht zweifelnder klingen können.

Von einem Augenblick zum nächsten änderte sich Heros‘ Gesichtsausdruck. „Sophos!“ Der Namen aus seinem Mund hörte sich an wie ein Todesurteil. „Er war wirklich hier?“

Seine Augen fixierten Esra, die zum ersten Mal, seitdem Felix sie kannte, nicht sarkastisch und gemein wurde, sondern lediglich seufzte. „Du solltest es dir nicht so zu Herzen nehmen, Heros, aber…“

„Ich soll mir WAS nicht zu Herzen nehmen? Dass er ein kleines, berechnendes, verräterisches Arschloch ist? Oder dass er sogar bereit war, seine Familie zu verraten und vermutlich seinen besten Freund getötet hat?“

„Wie kannst du so etwas behaupten? Du hast doch noch nicht einmal mit ihm gesprochen! Du kennst Sophos doch überhaupt gar nicht“, mischte Felix sich ein.

„Ich kenne ihn vermutlich besser als du ihn jemals kennen wirst! Immerhin ist er ist mein Bruder!“, entgegnete Heros aufgebracht. „Mein über alles erhabener, selbstherrlicher, verräterischer, großer Bruder, der beschlossen hat, Brise und den Eisernen Rücken für immer hinter sich zu lassen und sich stattdessen Dylana angeschlossen hat.“

Eigentlich hätte Felix von dem Verwandtschaftsverhältnis und Heros‘ Verbitterung schockiert sein müssen, aber er fühlte sich nur angewidert ob der Tatsache, dass Heros bereit war, sein Land über das Wohl seines Bruders zu stellen. Wenn seine kleine Schwester gehirnmanipuliert werden würde, wüsste er ganz genau, auf wessen Seite er sich stellen würde. „Briseis hat ihn vertrieben, nichts anderes hat sie getan. Sie und ihre beschissenen Manipulationen. Ich kann bestens verstehen, wenn er keine Lust hat, sich von ihr in seinem Kopf herumpfuschen zu lassen und lieber zu jemand anderem flieht.“

„Es ist zu Dylana gegangen!“

„Dylana, Mathilda, was macht das schon für einen Unterschied?“

„Du hast keine Ahnung von dieser Welt, oder?“ mischte sich Esra in diesem Moment ein. „Und das Entnervende daran ist, dass du es dir selbst noch nicht einmal eingestehen willst, sondern deine Meinung ungefragt zu Dingen abgibst, bei denen du besser den Mund halten solltest.“ Sie atmete tief ein und aus, so als müsste sie sich selbst beruhigen, bevor sie fortfuhr: „Dylana ist die wohl mit Abstand schlimmste Herrin, die es je in unserer Welt gegeben hat. Versteh mich nicht falsch, Drittstufler-Mimage habe durchaus eine gewisse Veranlagung durchzudrehen. So viel Macht tut niemandem gut. Aber was sie getan hat, ist selbst für einen verrückten Drittstufler anormal. Sie hat ihre eigenen Feuermimage verbrannt, weil sie unbedingt wollte, dass diese ihre zweite Stufe erreichen. Sie hat bis vor einigen Jahren alle Zweitstufler in ihren Reihen getötet, aus Angst, dass diese zu mächtig werden könnten. Sie experimentiert bis heute an ihre eigenen Soldaten herum, um sie in Supersoldaten zu verwandeln. Es ist allseits bekannt, dass jeder ihrer Leute sich nichts sehnlicher wünscht, als sie endlich loszuwerden. Jeder! Nur Sophos nicht! Er hat sich ihr sogar freiwillig angeschlossen! Du kannst mir nicht erzählen, dass er gegangen ist, weil Briseis in seinem Gehirn herummanipuliert hat. Er ist schlicht und ergreifend abgehauen, weil er selbst zu den Mächtigen gehören will! Und das hätte er als Nero in Brise niemals erreichen können. Also hat er Briseis‘ Drang zu kontrollieren gegen den reinsten Wahnsinn getauscht, um sich die Abwesenheit von Zweitstuflern in Dylanas Ländern zunutze zu machen und selbst aufzusteigen. Und er hat es ja auch geschafft. Er ist einer ihrer beiden Landesführer, befehligt die Armee zweier Länder -die der Bucht und die des Landes der tausend Seen. Und ist jetzt sogar soweit gegangen, die Dimensionshexe zu entführen, um sich auch noch das Mittland unter den Nagel zu reißen.“

„Das kann nicht sein. Sophos würde nie… er würde die Dimensionshexe niemals entführen. Er weiß, dass sie mich wieder nach Hause bringen soll. Er…“ Felix brach ab. Das machte alles keinen Sinn. Entweder logen Esra und Heros, oder Sophos hatte ihn angeschwindelt. Die Gedanken in seinem Kopf fuhren Achterbahn, bis er sich schließlich an die einzige Person im Raum wandte, die keinen Grund hatte, gegen Sophos zu sein. „Sagen sie die Wahrheit? Hat Sophos die Dimensionshexe entführt?“

„Ja.“ Artemis‘ Antwort war ebenso klar wie unmissverständlich. „Er und sein Partner Hubertus.

Felix atmete zitternd ein und aus. „Und was werdet ihr dagegen tun?“

Artemis schüttelte traurig den Kopf. „Da gibt es nichts mehr, was wir noch für Mathilda tun können. Dylana hat vier Länder unter ihrer Kontrolle, selbst wenn Briseis einem Krieg zustimmen sollte, könnten wir sie nicht besiegen.“

„Aber ich will zurück nach Hause! SIE sollte mich dorthin bringen.“

„Es tut mir Leid für dich, Felix.“ Artemis machte Anstalten ihm die Schulter zu tätscheln, doch als Felix ihre Hand wegschlug, seufzte sie nur nachsichtig. „Das einzige, was ich dir anbieten kann, ist, dich selbst nach Hause zu schicken, sobald ich meine dritte Stufe erreicht habe.“

„Ich habe aber keine Lust hier noch zwei oder drei Monate festzusitzen!“, schrie Felix. „Ich gehöre einfach nicht hierher. Ich hasse eure Welt, euer Wetter, eure stinkenden Rentiere, eure gesamte Mentalität. Ich will einfach nur zurück nach Hause. Meine Eltern sterben bestimmt vor Sorge um mich und…“

„Artemis. Artemis!“, hallte auf einmal ein Schrei von draußen herein, ehe – begleitet von einem lauten Fußgetrappel - einer der Rentierreiter in den Raum geschossen kam. „Da ist etwas, was du dir unbedingt ansehen solltest, Chefin.“

„Priamos, bitte, du siehst doch, dass ich gerade beschäftigt bin.“

„Es ist wirklich dringend!“

Artemis warf dem vor ihr stehenden Mann einen kurzen, prüfenden Blick zu, nickte dann allerdings und ging mit einem kurzen „Wir reden später weiter“ an Felix vorbei in Richtung Ausgang.

Der Rentierreiter zögerte indes. „Vielleicht sollte der Heiler auch mitkommen, wir könnten seine Hilfe gebrauchen.“

Trotz seiner Wut lief Felix ein eiskalter Schauer den Rücken hinunter, während sich Erik mit einer fast schon feierlichen Ernsthaftigkeit von seinem Platz erhob und auf die Tür zustrebte. Schweigend folgte Odine seinem Beispiel, dann Esra und schlussendlich auch Heros, der seine Decke wie eine Toga um seinen Körper geschlungen hatte. Felix verharrte einen Augenblick lang mutterseelenallein im Raum, bevor auch er sich den anderen anschloss. Schweigend schritten sie die Verandatreppe hinab und gingen um das Hexenhaus herum, bis sie im Lichte der Dämmerung eine große Menschentraube rund um den Eingang des Elchstalles erblickten.

„Bewegt eure Ärsche“, brummte Artemis, woraufhin die Rentierreiter eiligst eine schmale Gasse bildeten. Zielstrebig schritt sie durch diese hindurch, hielt dann jedoch abrupt im Türrahmen inne. „Was für ein Scheißdreck!“ Sie wandte sich zu Erik um. „Ich hoffe, du hast dein Wasser mit dabei.“

Erik nickte nur leicht, ehe er sich an Artemis vorbeischob und als erster den Stall betrat. Die Herrin vom Käfig zögerte kurz, bevor sie, gefolgt von Esra und Odine, seinem Beispiel folgte. Heros indes blieb wie versteinert im Eingang stehen, und als Felix neben ihn trat, verstand er auch, warum. Fein säuberlich an die Innenwand des Stalles gelehnt lagen Menschen. Bewegungslos und ohne die stetige, von Leben zeugende Auf- und Abbewegung ihrer Brustkörbe. Die meisten von ihnen trugen Schwarz, andere wiederum waren in Weiß, Blau, Silber und Grün gehüllt. Wie erstarrt beobachtete Felix, dass sich Erik neben einer in Blau gekleideten Frau mit verwuschelten Korkenzieherlocken hinkniete und ihren Hals und ihre Handgelenke zu untersuchen begann, wobei sein Blick von Sekunde zu Sekunde nachdenklicher wurde. Es herrschte absolute Stille im Raum. Niemand sagte ein Wort oder klopfte ungeduldig mit dem Fuß auf den Boden oder hüstelte leise. Es war absolut ruhig. Ein wartendes Verharren, das erst endete, als Erik sich nach fast einer Viertelstunde endlich zurücklehnte. „Ich bin mir nicht ganz sicher. Aber ich denke, dass jemand ihre Zeit angehalten hat.“

Artemis, die die ganze Zeit über mit vor der Brust verschränkten Armen gewartete hatte, hob den Kopf. „Das lässt sich relativ leicht feststellen.“ Sie ließ die Arme sinken, bis ihre Hände die Mauer, an welche die Menschen gelehnt worden waren, berührten. Der glatte Stein unter ihren Fingern verformte sich leicht, wurde rauer und schroffer, während sich die Unregelmäßigkeit über die gesamte Wand ausbreitete. Es dauerte nur wenige Sekunden, bis sich eine der in Grün gekleideten Gestalten stöhnend zu bewegen begann, dann folgte die Frau in Blau und nach ihr alle anderen.

„Was ist passiert?“, murmelte ein in Weiß gehüllter Mann, nachdem er sich von dem ersten Schock erholt zu haben schien.

„Ihr wurdet von Dylanas Leuten gefangen genommen.“

„Was machen Dylanas Magier hier? Das ist Mathildas Gebiet?“, verlangte eine Frau in Grün zu wissen.

„Die Dimensionshexe entführen.“ Artemis‘ Stimme hätte nicht ruhiger sein können.

Die Frau lachte. „Das ist doch absurd. Mathilda ist eine der mächtigen Vier. Selbst Dylana ist nicht so wahnsinnig es mit ihr aufzunehmen. Wenn ihr Kampf mit Briseis vor sechzig Jahren sie eines gelehrt hat, dann das: Niemals gegen einen anderen Drittstufler zu gehen.“

„Dann ist sie verrückter als wir alle es bislang geglaubt haben“, erwiderte Artemis und stieß sich von der Wand ab. „Denn Mathilda wurde angegriffen, besiegt und zu Dylana verschleppt.“

Die Menschen im Raum blickten sie an, so als erwarteten sie, dass Artemis jeden Augenblick in lautes Gelächter ausbrechen würde, doch als diese sie weiterhin ernst anblickte, schienen sie langsam zu begreifen, dass das Gesagte kein Scherz gewesen war.

„Ist es denn klug von Artemis, diesen Leuten von den Dingen, die hier vorgefallen sind, zu berichten? Sie sind immerhin alles Spione vom Silbermeer, dem Grünen Wall und der Großen Ebene, egal, wie unfähig sie sich auch angestellt haben mögen. Und sie werden ohne jeden Zweifel alles, was man ihnen jetzt sagt, ihren Herren berichten“, murmelte einer der Rentierreiter hinter Felix, allerdings bei weitem nicht leise genug, um den scharfen Ohren seiner Chefin zu entgehen.

„Das ist doch jetzt ohnehin scheißegal“, erwiderte Artemis, während sie Anstalten machte, den Stall zu verlassen. „Mathilda ist so gut wie tot, das Mittland hat mit ihr seinen Drittstufler-Mimage verloren und den Krieg mit Dylana ebenso, und das bereits, bevor dieser überhaupt begonnen hat.“

„Wenn wir keinen Ärger kriegen wollen, sollten wir trotzdem dafür sorgen, dass Briseis vor allen anderen erfährt, was hier passiert ist“, verlangte Esra bestimmt und schob sich direkt neben Artemis. „Du musst sofort deinem Rufer Bescheid geben und…“

„Minos ist gestern, während des Sturmes, vom Baum gefallen“, erklärte Artemis schlicht, doch als sie sich unvermittelt Esras, Eriks, Odines und Felix‘ Blicken ausgesetzt sah, hob sie abwehrend die Hände. „Ihr braucht mich gar nicht so anzugucken. Ich habe ihm extra noch nachgerufen, dass er vorsichtig sein soll.“

„War das bevor oder nachdem sie ihm hinterhergebrüllt hat, er solle dieses Mal ihre Bierbestellung nicht vergessen“, fragte eine Stimme hinter Felix, allerdings konnte er nicht zuordnen, zu wem diese nun gehörte.

„Aber sei’s drum, heute Abend kann hier sowieso keiner mehr weg, sofern er denn nicht Bekanntschaft mit den Riesenkaninchen machen will“, sagte Artemis bestimmt. „Und morgen früh fliege ich euch drei zum Waldrufer, damit ihr keinen unnötigen Ärger mit der Alten bekommt.“

Felix wollte nicht zurück zum Waldrufer, geschweige denn zu Briseis. Er wollte viel lieber hierbleiben und darauf warten, dass Artemis ihre dritte Stufe erreichte. Trotzig schob er die Hände in die Tasche, wobei seine Finger gegen sein Handy stießen und sich instinktiv um dieses schlossen. Es war eine Verbindung zu seiner Heimat, auch wenn es hier nicht funktionierte. In Gedanken versunken zog er es aus seiner Jackentasche und betrachtete es nachdenklich. Der Riss im Display erschien ihm wie eine Schlucht, die ihn von seiner Heimat trennte. Wie von selbst strich er mit seinem Daumen darüber, ehe er stockte. Er hob das Telefon etwas dichter an sein Gesicht heran, doch auch dann konnte er immer noch nicht glauben, was dort stand: Vier neue Nachrichten.

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Dienstag, 1. November 2011, 00:36

Hey Plumbum,
wieder ein ganz tolles Kapitel. Du schaffst es echt immer wieder, mich so in diese Welt eintauchen zu lassen... Wahnsinn!
Artemis hat ja nun nicht nur Felix, sondern auch mir einiges erklärt. Angekommen und verstanden! ;)
Okay, dann liest es sich nicht wie M. Zimmer Bradley, sondern viiiel besser! :) (ich mag auch nicht alles von ihr)
Deine Charaktere sind auf keinen Fall Mary-Sues. Gar nicht! Esra und Artemis finde ich übrigens sehr erfrischend. :D
Und nun darf man wieder gespannt sein, wer Felix denn eine SMS geschrieben hat und wie diese überhaupt bis zu seinem Handy gelangt sind?!
Ich freu mich schon, wenn es weitergeht!
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Mittwoch, 2. November 2011, 21:55

Wieder ein sehr spannendes Kapitel - irgendwie kommen mir deine Figuren schon richtig vertraut vor. Natürlich fragt man sich, was das für Nachrichten auf Felix' Handy sind.
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Donnerstag, 3. November 2011, 19:04

@ Glinda und Grit

Hey ihr beiden, vielen lieben Dank für eure Kommentare. =)
Schön, dass euch dieses Kapitel auch gefallen hat. Ich hatte ja selbst ein bissel angst, dass Artemis etwas zu sehr als Erklärbär rüberkommen könnte oder man ihre Erklärung nicht versteht. Gott sei Dank scheint dieses nicht der Fall zu sein. =)

Zitat

Original von Glinda Arduenna
Deine Charaktere sind auf keinen Fall Mary-Sues. Gar nicht! Esra und Artemis finde ich übrigens sehr erfrischend. :D

Es freut mich, dass dir diese beiden Charaktere gefallen, vor allem, da Esra ja nicht unbedingt die Netteste ist. ;)

Zitat

Original von Grit
Wieder ein sehr spannendes Kapitel - irgendwie kommen mir deine Figuren schon richtig vertraut vor.

Hui, dass ist wirklich ein richtig nettes Kompliment.

Viele liebe Grüße

Plumbum =)

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Donnerstag, 3. November 2011, 19:48

Natürlich ist Esra nicht nett, aber du hast sie so geschrieben, dass sie schon richtig "typisch Esra" rüberkommt, sowohl aus der Sicht von Felix als auch aus der der anderen Figuren. Sie ist halt so.
Und was die Erklärungen angeht, wie eine ausgedachte Welt funktioniert, das ist bei HP-FF ja kein Problem mehr - da ist ja alles über diese Welt schon bekannt; man muss nichts mehr sonderlich beschreiben und erklären - der Vorteil, wenn man in eine Welt eintaucht, die ein anderer schon zur Genüge erklärt hat.

Bei einer selbst erfundenen Welt, deren Regeln noch niemand kennt, kann sich diese ja entweder nach und nach erschließen - zusammen mit dem Fremden, oder es gibt ab und an ein ganzes Stück Erläuterung / Traum / Unterweisung...
Ich finde, Artemis mit ihrer z.T. missglückten Demonstration, ist ein ganz netter "Erklärbär" ( schönes Wort ).

Ehrlich gesagt, bin ich schon gespannt, ob sie Recht hat, was Dylana betrifft. Da scheinen sich ja noch viele Dinge anzubahnen - und ob Felix eine aktive Rolle spielt...

Jedenfalls schaffst du viel Spannung - und es gibt ja doch ein paar Leser...

PS: Du kannst mir das jeweils nächste Kapitel ruhig schicken - musst nicht extra vorher anfragen.
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Samstag, 5. November 2011, 00:15

Das mit dem "typisch Esra" ist mir genau aus der Seele gesprochen, danke Grit. ;)
Erklärbär ist wirklich ein klasse Wort. :D Und Artemis macht das ja gut - Felix hat schließlich auch dringend einige Erklärungen nötig. Und verstanden habe ich auch alles.
Ich freu mich schon auf den nächsten Teil! (Aber hetz dich nicht, gell!)
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51

Montag, 14. November 2011, 19:57

Zitat

Original von grit
Natürlich ist Esra nicht nett, aber du hast sie so geschrieben, dass sie schon richtig "typisch Esra" rüberkommt, sowohl aus der Sicht von Felix als auch aus der der anderen Figuren. Sie ist halt so.

Es freut mich sehr, dass du das so siehst.

Zitat

Und was die Erklärungen angeht, wie eine ausgedachte Welt funktioniert, das ist bei HP-FF ja kein Problem mehr - da ist ja alles über diese Welt schon bekannt; man muss nichts mehr sonderlich beschreiben und erklären - der Vorteil, wenn man in eine Welt eintaucht, die ein anderer schon zur Genüge erklärt hat.
Bei einer selbst erfundenen Welt, deren Regeln noch niemand kennt, kann sich diese ja entweder nach und nach erschließen - zusammen mit dem Fremden, oder es gibt ab und an ein ganzes Stück Erläuterung / Traum / Unterweisung...

hmh... da hast du zweifelsohne recht. Vielleicht bin ich einfach noch zu sehr FF-Autor, da ich mir wegen dieses Erklärstücks wirklich große Sorgen gemacht habe. Aber meine Co-Autorin meinte, das ganze Mimagestufensystem müsste nun endlich an dieser Stelle mal erklärt werden, da sich sonst zu viele ungeklärte Fragen zur Welt anhäufen und ich Probleme kriege würden, diese zu beantworten. Also habe ich die Erklärung gewagt.

Zitat

PS: Du kannst mir das jeweils nächste Kapitel ruhig schicken - musst nicht extra vorher anfragen.

Danke, werde ich machen.

@ Glinda

Zitat

Ich freu mich schon auf den nächsten Teil! (Aber hetz dich nicht, gell!)

Ich glaube, ich könnte ein bissel Hetze ganz gut vertragen, da ich momentan so ein bissel vor mich hindümple und die Weiterarbeit am nächsten Kapitel immer auf "morgen" verschiebe. :rolleyes:

Viele liebe Grüße

Plumbum

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Mittwoch, 18. Januar 2012, 00:55

Meiner Meinung nach ist Hetze nie gut für eine Geschichte. Deswegen hoffe ich auch, dass du meinen Kommentar nicht so verstehst! Ich will nur, dass du weißt, dass ich noch ab und zu hier rein schaue und nach wie vor gespannt auf eine Fortsetzung bin.

Naja, eigentlich wollte ich dir ja nur sagen, dass ich die Karte ziemlich cool finde. Da kann man sich das ganze Land und die räumlichen Entfernungen viel besser vorstellen. --thumbs-up--
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Donnerstag, 26. Januar 2012, 22:39

Hey Glinda,

vielen lieben Dank für deinen Kommentar. Es freut mich sehr, dass du immernoch geduldig auf das nächste Kapitel wartest. Momentan kämpfe ich mehr oder weniger um jeden Absatz (mehr als 300 Wörter pro Tag sind irgendwie nicht drin), allerdings habe ich schon die erste Hälfte das kommenden Kapitels fertig.

Zitat

Naja, eigentlich wollte ich dir ja nur sagen, dass ich die Karte ziemlich cool finde. Da kann man sich das ganze Land und die räumlichen Entfernungen viel besser vorstellen.

Schön, dass dir die Karte gefällt. =) Ich bin nicht unbedingt ein guter Kartenzeichner, wollte allerdings einen kleinen Überblick über meine Länder schaffen.Ich bin auch am Überlegen, ob ich der ÜBersichtlichkeithalber nicht vor jeden Kapitel ein gezoomtes Bild reinstelle, auf der man die Gegend mit den Städten noch besser sehen kann?

Viele Grüße

Plumbum =)

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Freitag, 27. Januar 2012, 19:55

Hey ihr Lieben,

ich stelle jetzt einfach mal den ersten Teil des 11. Kapitels online, den zweiten Teil bin ich immernoch am schreiben.



Kapitel 11: Grün, grün, grün …

Teil 1


Giselhers Stimme zitterte leicht, während die Angst - womöglich etwas Falsches zu sagen - förmlich aus jeder Pore seines Körpers quoll. Und wer mochte ihm das auch verübeln, in Anbetracht der Tatsache, dass Dylanas kalte Augen jede Bewegung seines Körpers verfolgten, ihre Ohren jedem seiner Worte lauschten und ihre Launen so unvorhersehbar waren wie das Leben und der Tod zusammen? Kriemhild mit Sicherheit nicht. Auch wenn sie sich ihre Feigheit nicht sonderlich gerne eingestand, war sie im Grunde genommen froh, dass ihr Rang so niedrig war und sie nicht mit den 27 Generälen einen Halbkreis um die große Landkarte vor Dylanas Wasserbecken bilden musste. Sie hatte sich stattdessen einen Platz an einer der Säulen des Thronsaals gesichert, der ihr einerseits einen guten Blick auf Giselher und seine große Karte ermöglichte, sie andererseits jedoch nicht zu nah an ihre Herrin heranbrachte.

„Die Wettquoten stehen schlecht für ihn“, erklang unvermittelt Sheths ruhige Stimme neben ihr.

„Wettquoten!“ Kriemhild schnaubte abfällig. „Wie kann man auf das Leben eines Menschen Wetten abschließen?“

„Du weißt selbst, dass Giselher auch gespielt und auf das Ableben von Dylanas Leibdiener gesetzt hat“, entgegnete Sheth leise.

„Macht es das etwa besser? In Falo tippt man darauf, welcher Elch das nächste Rennen gewinnen wird, und in unseren vier Ländern, wen die Herrin als nächsten abschlachtet. Was sagt das wohl über die Wettenden aus?“

„Manchmal ist es für uns Magier eben leichter, die Dinge, denen wir Tag für Tag ins Auge blicken müssen, als Spiel zu sehen und nicht als das Grauen, das es in Wirklichkeit ist.“

Kriemhild schüttelte nur widerwillig den Kopf. „Du verbringst entschieden zu viel Zeit mit Sophos, wenn du wirklich glaubst, dass Wegsehen und Toleranz der richtige Weg ist, um mit Problemen wie diesem umzugehen.“

„Mein Befehlshaber hat nun einmal nicht die Macht eines Drittstufler Mimages, der sich Intoleranz erlauben könnte… wenn er denn wollte“, erwiderte Sheth sanft.

Kriemhilds Unterkiefer verspannte sich unwillkürlich, ehe sie hastig den Blick von Sophos‘ Adjutanten abwandte und sich wieder auf Giselher konzentrierte, dessen stetig vibrierende Hand noch immer unaufhörlich zwischen den sechs verschiedenfarbig gekennzeichneten Flüssen, die alle zur Stadt Feuerberg - der Hauptstadt des Mittlands - führten, hin und her huschte. Eigentlich war es seine Aufgabe gewesen, festzulegen, welcher Fluss am besten von Dylanas Schloss passiert werden konnte. Allerdings tat er sich schwer mit dieser Entscheidung oder besser gesagt mit der damit einhergehenden Verantwortung. Die Herrin im See war berüchtigt für ihre Rastlosigkeit, und falls sie irgendwann – sei es nun heute oder auf dem Weg zum Feuerberg- zu dem Schluss kommen sollte, dass ihr das Gräben graben an den schmalen Stellen zu lange dauern würde, würde er ihre Ungeduld mit dem Leben bezahlen.

Nachdenklich glitten Kriemhilds Augen über die Karte. Von den vier Ländern Dylanas teilten sich drei eine Grenze mit dem Mittland – die Bucht, das Land der tausend Seen und Theodo, ihr eigenes Heimatland. Vom strategischen Gesichtspunkt aus sollten sie den Nordwestfluss nehmen, bei dem sie die geringste Strecke im Feindesland zurücklegen mussten. Aber die Götter allein mochten wissen, was in Dylanas krankem Kopf vor sich ging, geschweige denn, welche Parameter ihr Wohlwollen erlangen mochten. Doch was immer diese auch waren, Strategie spielte mit Sicherheit eine eher untergeordnete Rolle. Allein die Idee, ein Schloss dieser Größe mit in den Krieg nehmen zu wollen, konnte selbst vom extravagantesten Menschen dieser Welt nur noch bizarr genannt werden. Normal denkende Menschen würden diesen Plan indes zurecht als blanken Irrsinn bezeichnen. Jeder der hier anwesenden Generäle wusste das. Jeder! Allerdings war ihnen ebenso die Tatsache bekannt, dass ein Drittel von ihnen ihre momentane Position nur deswegen innehatte, weil ihre Vorgänger so dumm gewesen waren, Dylana im letzen Krieg gegen die Eiswüste von einer ihrer wahnsinnigen Ideen abbringen zu wollen. Eine Dummheit, die sie mit ihrem Leben bezahlt hatten. Man legte sich einfach nicht mit den Mächtigen an, sofern man es nicht mit ihnen aufnehmen konnte.

Unwillkürlich schweiften Kriemhilds Gedanken zu Hubertus. Es war nun schon fast eine Woche her, seitdem er sich zusammen mit Sophos auf den Weg zum Dimensionshexenhaus gemacht hatte. Eine Woche, in der dieser ihm Wer-weiß-Was eingeredet haben mochte. Instinktiv ballte Kriemhild ihre linke Hand zur Faust, öffnete diese jedoch wieder, noch bevor die Fingerspitzen ihre Handfläche berührten. Es hatte ohnehin keinen Sinn. Ihre Haut hatte schon vor Jahren jedwede Elastizität verloren. Das einzige, was ihr geblieben war, waren die Narben, die sich Weinranken gleich an ihrer linken Körperhälfte empor schlängelten und sie nie vergessen ließen, was es bedeutete zu brennen. Einmal mehr imitierte ihre Hand eine Greifbewegung, ehe es ihr gelang, sich zur Raison zu rufen. Die Arme vor der Brust verschränkt wandte sie sich wieder Giselher zu, der mittlerweile nicht mehr ängstlich, sondern vielmehr verwirrt wirkte.

Kriemhild brauchte einen Moment, bevor sie den Grund für diese Irritation herausfand. Augenscheinlich hatte Dylana, als Giselher einmal mehr Breiten und Tiefen der Flussbetten gegeneinander abwog, jegliches Interesse an seinem Vortrag verloren und sich stattdessen lieber den Keksen auf ihrem Schoß zugewandt. Ein leises Knacken hallte von den hohen Wänden wider, als sie das Plätzchen in der Mitte auseinander brach, gefolgt von einem feinen Rascheln, als sie die darin eingebackene Nachricht hervorzog. Sie stierte sekundenlang darauf und warf dann das Papier beiseite, um sich die beiden Kekshälften in den Mund schiebend einem neuen Plätzchen zuzuwenden.

„Die Alte verschlingt die Teile beinahe schon schneller, als Greta sie nachbacken kann“, wisperte Sheth augenrollend. Er gab Gretas Sohn Wolfhart ein Zeichen, ihrer Herrin einen neuen Karton der überzuckerten Backwerke zu überreichen.

„Sie ist unruhig“, sagte Kriemhild mehr zu sich selbst, wobei Unruhe wahrlich noch untertrieben war. Erst gestern hatte Dylana mehr als ein Dutzend Leute getötet - und das nur, weil ihre Kekskarton schneller leer gewesen war, als sie Nachschub hatten beschaffen können. „Ist Greta schon am Backen?“

„Natürlich. Sie sagt, sie würde notfalls Tag und Nacht in der Küche stehen, wenn es Dylana nur von einem neuen Anfall abhalten würde.“

„Gut“, entgegnete Kriemhild und stieß sich von der Säule ab, um still und heimlich den Thronsaal zu verlassen. Die Besprechung hatte aufgrund Dylanas Desinteresses ohnehin bereits ein indirektes Ende gefunden und es gab noch viel zu tun, damit Hubertus bei seiner Rückkehr die Truppen abmarschbereit vorfinden würde.

„He, Kriemhild warte mal, wir wollten noch…“

Kriemhild drehte sich zu Sheth um, als ein wütendes Aufkreischen der Herrin ihren Blick zum Wasserbecken lenkte. Ihre Augen streiften dabei kurz Wolfhart, der seine leeren Hände in einer verzweifelten Abwehrhaltung nach oben riss, während seine Box samt Inhalt zu seinen Füßen verteilt lag. Wasser spritzte hoch. Dann verschwand er von einer Sekunde zur nächsten, so, als hätte es ihn nie gegeben. Im selben Augenblick wurde Kriemhild von etwas im Gesicht getroffen. Wie von selbst fuhr sie sich mit ihrer gesunden Hand über die Wange. Etwas warmes Nasses klebte an ihren Fingern. Sie brauchte es noch nicht einmal anzuschauen, um zu wissen, was es war. Ihre intakte Gesichtshälfte verkrampfte sich, als sie mit hasserfülltem Blick Dylana fixierte. Die Alte sabberte, wobei in ihre Augen, die bis vor kurzen nur Unruhe widergespiegelt hatte, ein beunruhigendes Glitzern getreten war. Ihre dicken Finger brachen zornig ein Plätzchen nach dem anderen auseinander, nur um es sich dann in den Mund zu stopfen, während eine Nachricht nach der anderen ihren Weg gen Boden fand.

„Nutzlos, alles nutzlos! Was nützt mir ein guter Tag?“ Eine weitere Botschaft landete auf dem Wasser. „Und warum sollte ich meinen Freunde mal wieder besuchen?“ Die Alte schien endgültig die Beherrschung zu verlieren, aber das weit Bedenklicher war der rasch schrumpfende Vorrat an Keksen auf ihrem Schoß.

Kriemhild lief es eiskalt den Rücken hinunter. Wenn sie nicht schleunigst für Nachschub sorgen würden, dann stand ihnen das Schlimmsten erst noch bevor. Möglichst unauffällig drehte sie sich in Richtung Tür, nur um Sheth bereits durch diese verschwinden zu sehen. Am liebsten hätte sie es ihm gleichgetan, aber Feigheit bedeutet für Dylanas Diener nur in den seltensten Fällen auch Sicherheit. Ihre Herrin hasste es, wenn sich der Raum um sie herum leerte. Nicht umsonst hielt sie sich mehrere Dutzend Leibdiener, die ihr schichtweise Tag und Nacht Gesellschaft leisten mussten. Man nannte sie Schatten, und wie diese war ihre Lebensdauer im Glanze von Dylanas Gegenwart vor allem eines … kurz!

Unwillkürlich glitt Kriemhilds Hand in die Tasche ihres Mantels und schloss sich um ihr Feuerzeug. Es war ein Geschenk von Hubertus, das er ihr damals von seiner bisher einzigen Reise in eine der anderen Welten mitgebracht hatte. Als müsse sie sich selbst beruhigen strichen ihre Finger über das kalte Metall, ehe sie erneut Dylana fixierte.

„Nutzlos, nutzlos, nutzlos…“

Von ihrem Standpunkt aus konnte Kriemhild nicht genau erkennen, wie viele Kekse noch übrig waren. Dennoch beschlich sie das ungute Gefühl, dass die verbleibenden noch nicht einmal ansatzweise solange vorhalten würden, bis Sheth denn langen Weg hinunter in die Küche und wieder hoch zurückgelegt haben würde. Die sich langsam, aber stetig versteifenden Körper der immer noch an Dylanas Becken verharrenden Generäle schienen ihr Recht zu geben. Bald würde es soweit sein. Bald …

Ein leises Rascheln hinter ihr ließ Kriemhild herumfahren. Langsam stieß sie den Atem aus, als sie niemand anderen als Sheth in den Raum huschen sah. Sie beobachtete, wie er einem unglücklich dreinblickenden Leibdiener eine weitere violette Schachtel in die Hand drückte, bevor er zielstrebig auf sie zukam. Er wirkte weder erschöpft, noch außer Atem, wie sie es eigentlich nach einem Sprint über diese Strecke erwartet hätte. Ganz davon abgesehen, dass er viel zu früh wieder zurück war. Das mulmige Gefühl, dass sich bei Sheths Erscheinen eine Atempause genommen hatte, breitete sich aufs Neue in ihr aus.

„Du warst schnell“, begrüßte sie ihn, kaum dass er neben ihr zum Halt kam. Aus dem Augenwinkel beobachtete sie, wie sich der zitternde Leibdiener nun doch zögerlich in Bewegung setzte, bevor sie sich wieder Sheth zuwandte. Er wich ihrem Blick aus, mehr noch, er schien sich selbst nicht ganz wohl in seiner Haut zu fühlen. „Sheth?“

Auf Kriemhilds leise Frage hin hob er nun doch den Kopf. „Ich war nicht in der Küche. Ich war in Sophos‘ Schreibstube.“

„Sophos‘ … Du willst mir doch nicht sagen, dass Sophos Glückskekse für Dylana in seinem Arbeitszimmer aufbewahrt?“

Sheths Schweigen war Antwort genug. Sichtlich um Fassung bemüht schloss Kriemhild die Augen. Sie hatte schon immer gewusst, dass Sophos Dylana manipulierte und ihr Zugeständnisse entlocken konnte wie niemand sonst auf dieser Welt. Aber dass er tatsächlich so lebensmüde sein würde, seine Herrin auch noch über ihre Lieblingskekse lenken zu wollen, hätte sie nicht gedacht. Er spielte ein gefährliches Spiel, ein verdammt gefährliches sogar. Dylana war sprunghaft, ihre Reaktionen unvorhersehbar, vor allem dann, wenn man ihr ein Plätzchen mit einer Nachricht gab, die mehr als eine kleine - und vor allem sehr gut abgewogene - Belanglosigkeit enthielt. Es war hinreichend bekannt, dass sie ihre Feuermimage nur deswegen den Flammen ausgesetzt hatte, weil sie damals ein Backwerk mit dem Sprichwort „In dir muss brennen, was du in anderen entzünden willst“ erhalten hatte. Einmal mehr verkrampfte sich Kriemhilds linke Hand, während die Narben auf ihrem Körper mit derselben Intensität zu lodern schienen wie das Feuer auf ihrer Haut vor sechs Jahren. Schreie formten sich in ihrem Kopf, der Geruch von verkohltem Fleisch drang in ihre Nase …

Schlagartig riss Kriemhild die Augen auf. Ihr erster Blick glitt unwillkürlich zu Dylana, die sich nach wie vor mit ihren Keksen beschäftigte. Ihr zweiter galt dem Leibdiener, dessen Schritte man kaum mehr wahrzunehmen vermochte, so langsam legte er den letzen Meter zwischen sich und dem Becken zurück. Ihr dritter fand schließlich Sheth, der sie interessiert musterte. Kriemhild räusperte sich, bevor sie leise zischte: „Bist du wahnsinnig, ihr gerade jetzt eine von Sophos‘ Nachrichten zu geben? Was ist, wenn sie … wenn sie wieder die Beherrschung verliert?“

„Sie kann ausrasten, ja. Aber ich hätte es in der Zeit, die uns blieb, niemals in die Küche runter und wieder zurück geschafft. Nicht bei der geringen Menge an Keksen, die sie noch liegen hatte. Und vor die Alternative gestellt, sicherer Anfall, wohl gemerkt in Anwesenheit unserer gesamten Führungselite, weil keine Plätzchen mehr da sind, und möglicher Anfall aufgrund von Sophos‘ Botschaft, habe ich das gewählt, was mir das geringere von zwei Übeln erschien.“

Das kleinere Übel. Kriemhild spürte, wie ihr Nasenflügel unangenehm zuckte. Als ob man das Verbrennen von Menschen wirklich als „geringeres Übel“ bezeichnen konnte. Ihr Blick wanderte einmal mehr in Richtung Wasserbecken, wo Dylana gerade mit einem der letzten ihr noch verbliebenen Kekse kämpfte. Den Leibdiener, der nun endlich den Beckenrand erreicht hatte und dort wartete, ignorierte sie dabei vollkommen.

„Nutzlos, nutzlos, nutzlos…“

Wenn sie es nicht besser wüsste, hätte Kriemhild geglaubt, ein Drittstufler Erdmimage hätte die Zeit verlangsamt, nur um ihre Nerven auf die Probe zu stellen. Denn aus Sekunden schienen Minuten und aus Minuten Stunden zu werden. Rational betrachtet, wusste sie, dass seit Sheths Rückkehr keine drei Minuten vergangen sein konnten und doch spielte ihr Gefühl ihr diesen Streich. Unendlich langsam landete Nachricht um Nachricht im Wasser. Unendlich langsam formte Dylanas Mund das Wort „nutzlos“. Kriemhild konnte nicht erkennen, wie viele Kekse noch übrig waren, und so zuckte sie unwillkürlich zusammen, als Dylana unvermittelt, begleitet von einer stürmischen Gischt, an den Beckenrand schoss, um sich die nächste Packung der Backwaren abzuholen. Der Diener war leichenblass, besonders, als ihn ein Teil des Wassers direkt im Gesicht traf. Doch er hielt so lange stand, bis Dylana ihm die Box abgenommen hatte und sich wieder in die Mitte ihres Beckens zurückzog. Dann erbrach er sich auf den Boden. Gleichsam entspannten sich die Generäle, wussten sie doch nicht, welch gefährliches Gut in den Händen ihrer Herrin ruhte.

Kriemhilds Unterkiefer verkrampfte sich stetig, während die Finger der Alten in die Schachtel griffen und den ersten Keks daraus hervorzogen. Das Knacken des zerbrechenden Teiges schien ihr so vertraut wie das brennende Holz der Scheiterhaufen damals und das Rascheln des Papiers, wie der Wind, der das Feuer nur noch weiter entfachte. Immer noch laut vor sich hin schmatzend begann Dylana die Botschaft zu lesen, stockte dann jedoch mitten in der Bewegung. Ihr Kopf legte sich etwas nach links, wobei der mit Krümeln versetzte Sabber aus ihren Mundwinkel hinab in die Keksschachtel tropfte. Dann – unendlich träge - lehnte sie ihr Haupt zur anderen Seite.

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Glinda Arduenna

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Montag, 30. Januar 2012, 19:18

Hallöchen!

Das freut mich aber. :) *les les les*

Die Wetten find ich ganz schön krass. 8o Genauso wie Dylana selbst... die ja offensichtlich süchtig nach Glückskeksen ist, was Sophos natürlich ausnutzt. Ganz schön gemein, dass du mit so einem Cliffhanger aufhörst! Was steht auf dem Zettel? Und was ist mit Dylana los? Bin seeehr gespannt! :-)
Dein Schreibstil hat mich wieder komplett in den Bann gezogen, ich finde ihn einfach toll!

Ich wünsch dir viel Kraft und Erfolg beim Weiterschreiben!

Alles Liebe,
Glinda

PS. Das mit der gezoomten Karte vor jedem Kapitel fände ich gut. Dann müsste man nicht immer zum Anfang zurückklicken und sooo groß ist die Karte ja auch nicht.
Meine neue Fanfiction (Achtung Off Topic!):
Changed - Wie ich bin
Zweites Kapitel online!

„Wusch, wusch!“
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Plumbum

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Samstag, 11. Februar 2012, 00:54

Hey Glinda,

vielen lieben Dank für deinen Kommentar, deine lobenden Worte und irgendwie auch deine Geduld. Ich fühle mich total schlecht, weil ich so langsam bin, konnte dieses momentane Postgeschwindigkeit allerdings auch nicht wirklich ändern (wegen Schreibblockade und so). :(

Umso mehr bin ich momentan unglaublich glücklich, das 11. Kapitel soweit fertig geschrieben zu haben. Hier und dort fehlt noch die Überarbeitung, aber es existiert wenigstens (!), auch wenn es leider kein Meisterwerk geworden ist. Mir fehlt da irgendwie immernoch der Schreibfluss. Allerdings hoffe ich auch, dass sich das bei den nächsten Kapiteln bessern wird und diese sich leichter und flüssiger Schreiben und Lesen lassen.

Den Rest von Kapitel 11 werde ich übrigends voraussichtlich am Sonntag oder Montag abend online stellen.

Zum Thema Karte:
Ich habe ein Teil der Karte jetzt noch mal in etwas größer Form an den Anfang des Kapitels gesetzt und hoffe sehr, dass man sie besser lesen kann?

Viele liebe Grüße und Danke

Rina =)

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Sonntag, 12. Februar 2012, 13:27

Kapitel 11

Teil 2


Kriemhild wusste, dass mittlerweile selbst die Generäle bemerkt hatten, dass etwas mit ihrer Herrin ganz und gar nicht stimmte. Allerdings wagte sie es nicht die Augen von Dylana abzuwenden, deren Kopf sich nunmehr – wie ein sich langsam einschwingendes Uhrpendel - hin und her bewegte. Im Raum war es still, stiller noch als der Tod, bis ein leises Summen die Stille unvermittelt durchbrach:

Grün, grün, grün,
sind alle deine Kleider
Grün, grün, grün,
ist alles was ich mag.
Darum lieb ich, alles was so grün ist,
weil mein Schatz vom Grüne Walle ist.
Grün, grün, grün …


Kriemhild brauchte einen Moment, bis sie Dylanas leise gesungenen Worte verstand, doch dann traf sie die Erkenntnis mit ganzer Wucht: Sophos hatte es auf den Grünen Wall abgesehen. Es war das einzige Land der drei Anrainerstaaten von Dylanas Reich, das sich nur mit seinen eigenen Ländern eine Landesgrenze teilte und damit nach gewonnener Schlacht ihm und nicht Hubertus zufallen würde. Ja, er musste ein Auge auf den Grünen Wall geworfen haben oder hatte es zumindest, bis der Unfall der Dimensionshexe ihn vorerst in Richtung Mittland gelenkt hatte. Die Frage war nun jedoch, was Dylana in Sophos‘ Abwesenheit aus dessen Botschaft machen würde. Sie brauchte nicht lange auf die Antwort zu warten, da in just diesem Augenblick das verträumte Summen abbrach und ihre Herrin unter lautem Aufmerksamkeit heischenden Getöse des Wassers um sie herum das Wort ergriff.

„Meine geliebten Untertanen, verehrte Waffenbrüder, die großen Wahrsager aus den Silberbergen haben uns einmal mehr mit einer ihrer zukunftsweisenden Vorhersage gesegnet. Im nächsten Jahr soll die Farbe Grün uns Glück bringen.“ Sie blickte sich um, so als erwartete sie ernsthaft, dass ihre „Waffenbrüder“ diese Nachricht ebenso begeistern würde wie sie selbst. „Nun denn …“ Die Fingerspitzen ihrer beiden Zeigefinger tippten in stiller Vorfreude unablässig gegeneinander. „General Giselher, du hattest gerade das Wort, also sage mir, wie kann die Farbe Grün uns in unserem anstehenden Kampf weiterhelfen?“

Selbst die Sommersprossen auf Giselhers mehlwurmweißem Gesicht schienen zu verblassen, während er um eine Antwort rang. „Ähm…eh…“ Hilflos blickte er auf seine Karte, bevor er wie ferngesteuert auf den Fluss deutete, bei dem sie die längste Strecke im Feindesland zurücklegen würden müssen.

„Aber natürlich, die Vorhersehung will, dass wir den in der Karte grün gekennzeichneten Nordfluss nehmen. Sehr gut mitgedacht, Giselher, wirklich sehr gut“, lobte Dylana aufgeregt. „Weitere Vorschläge?“

„Man könnte das Schloss grün anstreichen“, schlug Sheth mit einer fast schon grotesk anmutenden und doch unverkennbar scheinheiligen Begeisterung vor.

„Oh, ja, oh ja, fabelhaft, fabelhaft“, frohlockte ihre Herrin und rutschte auf ihrem Thron hin und her. „Am besten fangen wir gleich mit dem Thronsaal hier oben an. Wenn mich jemand sucht, ich bin unten im Ersten Keller und werde meine Supersoldaten mit … hmh… mit Chlorophyll versehen.“ Kaum dass die Herrin ihre Worte ausgesprochen hatte, wurde das Schloss auch schon sanft in die Höhe gehoben, während Dylana - das Wasser aus dem Zylinder unter sich wegdrückend - in der Tiefe verschwand.

Langsam atmete Kriemhild aus. Sie hoffte insbrünstig, dass das wirklich schon alles gewesen war und ihre Herrin nicht vielleicht doch noch beschließen würde, neben dem Krieg gegen das Mittland einen weiteren mit dem Grünen Wall zu beginnen.

„Da hatten wir wohl Glück, oder?“, sagte Sheth neben ihr erleichtert.

Stillschweigend ließ Kriemhild ihren Blick über den Fußboden wandern, auf dem über den ganzen Raum hinweg rote Blutspritzer verteilt waren. „Das wird Greta sicherlich anders sehen.“ Sie schaute auf und blickte direkt in Sheths Augen, die jedoch nicht wie üblich grün, sondern kohlrabenschwarz im Licht schimmerten. „Wie soll ich einer Mutter erklären, dass ihr Sohn tot ist und noch nicht einmal mehr ein Leichnam existiert, an dem sie trauern kann?“

„Ich wünschte wirklich, ich könnte dir darauf eine Antwort geben.“

Kriemhild nickte nur nachdenklich, straffte dann jedoch die Schultern. Je eher sie losging, desto geringer war die Wahrscheinlichkeit, dass die Köchin es von jemand anderem, weniger mitfühlenden erfahren würde. Ihre Schritte waren fest, obwohl sie sich innerlich wie eine gebückte, alte Frau fühlte. Ja, sie würde Greta die Nachricht selbst überbringen, die Hiobsbotschaft, dass ihr Sohn wegen einer Packung Plätzchen gestorben war, die zu Unrecht den Namen Glückskekse trugen.

---

„Warum tut Hubertus das?“

Überrascht blickte Kriemhild von den Unterlagen auf und wandte sich Nurit zu, die schon eine ganze Zeit lang gedankenversunken am Fenster gestanden und vor sich hin gegrübelt hatte.

„Warum tut Hubertus was?“

„Gegen Mathilda gehen.“

Kriemhild zögerte einen Moment lang. Eigentlich hatte sie keine Ahnung, wieso sie Hubertus‘ verbohrten Ehrenkodex verteidigen sollte, wo sie ihn doch selbst in Frage stellte. Doch dann erwiderte sie möglichst ruhig: „Er hat Dylana die Treue geschworen, und sie hat es ihm befohlen.“

„Das ist nicht gerecht. Das ist nicht gut“, entgegnete Nurit sichtlich aufgebracht und stieß sich vom Fenstersims ab, um unruhig auf und ab zu schreiten. „Die Dimensionshexe ist eine anständige Frau. Ich habe sie selbst kennen gelernt, als ich in die andere Welt gereist bin. Und – abgesehen einmal von ihrem verrückten Entschluss, die Herrschaft über das Mittland auszuschlagen und lieber in dieser anderen Welt leben zu wollen - kann man sie doch als eine durch und durch vernünftige Person bezeichnen. Nicht wie Dylana.“

„Hast du mich deswegen aufgesucht? Um mich für Hubertus‘ Entscheidung zur Rechenschaft zu ziehen?“ fragte Kriemhild. Eigentlich mochte sie Nurit von Westbucht, teilten sie doch beide dieselbe Abneigung gegen Sophos. Allerdings hatte die junge Generalin die unschöne Angewohnheit, Hubertus hin und wieder auf eine Stufe mit ihrem eigenen verhassten Oberbefehlshaber zu stellen. Eine Schmähung, die Kriemhild jedoch nicht hinnehmen mochte.

„Es geht mir doch nicht darum, irgendjemanden zur Rechenschaft zu ziehen. Aber es will mir nun einmal einfach nicht in den Kopf, dass ein durch und durch ehrenhafter Magier gegen einen anderen kämpft und das nur aufgrund des Befehls einer Wahnsinnigen.“ Abrupt blieb Nurit stehen und legte den Kopf leicht zur Seite. Fast schien es so, als würde sie angestrengt lauschen, dann wandten sich ihre ernsten bernsteinfarbenen Augen wieder Kriemhild zu. „Das Raum-Zeit-Kontinuum hat sich bewegt.“

Kriemhild starrte sie an: „Das kann nicht sein. Sie können unmöglich jetzt schon zurückkehren.“

„Ich würde behaupten, ich bin durchaus in der Lage zu erkennen, wenn jemand in meiner Nähe eine große Menge Erdmagie verwendet“, erklärte Nurit mit einer nicht ganz unerheblichen Menge Selbstgefälligkeit in der Stimme und schickte sich an den Raum zu verlassen.

Für einen Moment verharrte Kriemhild vor ihrem Schreibtisch, dann rappelte sie sich aus ihrem Schneidersitz auf die Beine, um ihrer Freundin zu folgen. Nurit war die mächtigste Zweistufler-Erdmimage, die Kriemhild kannte, und wenn sie eine Änderung ihrer Magieart wahrnahm, dann hatte diese auch stattgefunden. Die Frage war nur, warum Hubertus und Sophos bereits hier und noch dazu via Raumsprung gereist waren? Es könnte einerseits bedeuten, dass Hubertus genug von Sophos‘ Trödelei hatte, andererseits allerdings auch, dass ihr Plan, die Dimensionshexe zu überwältigen fehlgeschlagen war. Obwohl ihr die erste der beiden Varianten die liebere war, ging sie - wie eigentlich jeder der sein Leben unter Dylanas Herrschaft fristete - instinktiv vom Schlimmsten aus: Hubertus tot und von der Dimensionshexe als abschreckendes Beispiel in seine Heimat zurückgeschickt. Bemüht, sich nichts von ihrer Sorge anmerken zu lassen, drückte Kriemhild den Rücken durch, ehe sie die letzte Tür passierend ins Freie trat.

Es graupelte, wie es der Niederschlag an der Grenze von Theodo zur Eiswüste meistens tat. Der Frühling lag zwar bereits an manchen Tagen zum Greifen nah in der Luft, war allerdings im Moment noch zu schwach, um den Winter gänzlich zu vertreiben.
Der Schnee unter Kriemhilds Stiefeln knirschte leise, als sie zusammen mit Nurit an den Reihen der roten Zeltlager entlang in Richtung Südtor schritt. Ein stetig zunehmendes Raunen wurde vom Wind zu ihnen herrüber getragen und schien auch das Interesse der entlang des Weges lagernden Magier zu erwecken, die neugierig ihre Köpfe aus den Zelten steckten. Das Flüstern nahm zu, bis es schließlich sogar bis zu ihnen weitergetragen wurde: „Hubertus und Sophos sind zurück … Die Dimensionshexe wurde besiegt.“

Kriemhild atmete einmal tief ein und aus. Hubertus lebte. Er lebte! Sie warf Nurit ein kurzes Lächeln zu, welches diese - in ihre eigenen Gedanken vertieft - jedoch nicht bemerkte. Aber das konnte Kriemhild in diesem Augenblick, in dem alle Anspannung der vergangen letzten Woche endlich von ihr abfielen, nicht weniger kümmern. Wichtig war nur Hubertus, ihr Geliebter.

Die Stimmen um sie herum wurden lauter und lauter, bis sich im Schneegestöber vor ihnen ein großer Pulk Menschen von den nur durch Fackeln erleuchteten Zeltwänden abhob. Zuerst noch etwas unscharf, dann immer deutlicher, erkannte sie Hubertus und Sophos, die den entgegenkommenden Tross anführten.

Während Kriemhild ihrem Gefährten mit festen Schritten entgegen ging, nahm sie ihn besorgt in Augenschein. Hubertus war durchnässt, schmutzig und unrasiert, was allerdings nicht ungewöhnlich für ihn war. Auch konnte er scheinbar ohne größere Anstrengung eine Frau über der Schulter tragen und hatte zudem erst vor kurzem seine dritte Stufe eingesetzt. Auf den ersten, zweiten und dritten Blick wirkte er somit tatsächlich unversehrt. Sie schenkte ihm ein letztes fragendes Lächeln, als sie sich ihm anschloss, welches er mit einem leichten Kopfnicken erwiderte.

Sophos‘ und Nurits Begegnung fiel indes weit weniger einvernehmlich aus. „Obwohl es mir das Herz erwärmt, dass du hinaus in die Kälte gekommen bist, um mich zu begrüßen, wundere ich mich doch, dich hier zu sehen, Nurit. Solltest du nicht in Westbucht sein und….“

„Dylana hat uns Generäle vorgestern zusammengerufen, daher bin ich hier“, erwiderte Nurit und warf Sophos einen kühlen Blick zu, den dieser jedoch lediglich mit einem Lachen quittierte. „Dann hat sie sich also mal wieder gelangweilt. Ich hoffe doch, ihr konntet sie gut unterhalten?“

Kriemhild spürte, wie ihre Ober-und Unterkiefer unwillkürlich gegeneinander mahlten. „Oh, sie hat sich wirklich sehr gut amüsiert“, entgegnete sie mit sarkastischer Freundlichkeit, bevor sie kalt hinzufügte: „Wenn man denn das Töten von mehr als einem Dutzend Menschen amüsant nennen kann.“

Sophos‘ linke Augenbraue schoss fragend in die Höhe. „Was ist mit den Keksen gewesen, die sie ruhig stellen sollten?“

„Aufgebraucht!“ Die Kälte in Nurits Stimme ließ selbst den Schneefall wie einen warmen Sommerregen wirken.

„So etwas darf eigentlich nicht passieren“, erwiderte Sophos bekümmert, bevor er seufzend ergänzte. „Ich sollte wohl mal ein ernstes Wörtchen mit Sheth reden, wenn er seine Pflichten so vernachlässigt.“

„Er hat seine Aufgaben niemals vernachlässigt“, zischte Kriemhild, der ganzen unterdrückten Anspannung und wütenden Hilflosigkeit der letzten Tage endlich Luft machend. „Außerdem war es nicht er, der mehr als eine Woche damit zugebracht hat, sinnlos den Kontinent zu durchqueren. Und das nur, weil er zu feige ist, durch das Raum-Zeit-Kontinuum zu gehen. Wenn du nicht …“

„Das Raum-Zeit-Kontinuum stand niemals wirklich zur Debatte“, warf Hubertus beruhigend ein. „Mathilda hätte es sofort gespürt, wenn ich durch die Dimensionen gereist wäre und fliehen können.“

Kriemhild knirschte einmal mehr mit den Zähnen. Sie hasste es, wenn Hubertus sich auf Sophos‘ Seite stellte, geschweige denn sein Verhalten auch noch rational zu erklären versuchte. Aber so leicht gab sie nicht auf. „Ich verstehe dennoch nicht, warum er dich überhaupt begleiten musste? Wollte er dir dabei zuschauen, wie du die Dimensionshexe besiegst, oder was?“

„Einer musste einfach darauf achten, dass der gute Hubertus sich an den Zeitplan hielt. Obwohl er ein Erdmimage ist und es eigentlich besser wissen sollte, beweist er überraschend wenig Zeitgefühl, sobald es um Pünktlichkeit geht“, erwiderte Sophos und zwinkerte ihr verschwörerisch zu.

„Zudem habe nicht ich Mathilda besiegt, sondern Sophos.“

Kriemhild wandte sich Hubertus zu, in der Hoffnung, dass er nur einen Scherz machen würde. Leider war dieser bei aller Ehrenhaftigkeit noch nie ein besonders witziger Zeitgenosse gewesen. „Aber … aber das ist nicht möglich … wie?“

„Er hat sich von ihr als Geisel nehmen lassen und sie dann mit einem Schlag mit seinen vergifteten Ohrringen betäubt.“

„Er hat eine der großen Vier besiegt?“ Jedes einzelne der hervorgewürgten Worte schien sie innerlich zu ersticken.

„Nun tu doch nicht so, als ob dich das überraschen würde, kleine Kriemhild“, lachte Sophos. Ohne jeden Zweifel hätte er ihr durchs Haar gewuschelt, wenn er nicht einen Mittländer über der Schulter getragen hätte. „Ich bin immerhin der Oberbefehlshaber zweier Länder … und das nicht nur aufgrund meines bezaubernden Lächelns.“

Kriemhild blickte ihn grimmig an. Nein, er war wahrhaftig nicht nur aufgrund seines Lächelns so mächtig geworden, sondern vielmehr deswegen, weil er seit mehreren Jahren das Bett seiner Herrin teilte.

Sophos‘ zuvor noch freundlicher Blick wurde unverhohlen spöttisch, so als hätte er ihre Gedanken gelesen, allerdings sagte er nichts, da sie in just diesem Moment das Schloss erreichten und es - eine breite Planke überquerend - betraten. Die Magier, die sie bislang eskortiert hatten, blieben hinter ihnen zurück, während sie dem Gang folgten, der sie zu Dylanas Thronsaal führte. Wie nicht anders zu erwarten, hatte sie bereits das Gros der Generäle in Dylanas Thronsaal eingefunden, um ihre beiden siegreichen Befehlshaber in Empfang zu nehmen.

Insgeheim beobachtete Kriemhild Sophos‘ Reaktion, als sie den Raum betraten, der von oben bis unten in grünen Farben schillerte, allerdings blieb sein Gesicht ausdruckslos. Hubertus indes konnte seine Irritation nicht verbergen: „Was soll das?“

„Sophos wollte den Grünen Wall angreifen und hat deswegen Dylanas Weissagungskekse manipuliert“, erklärte Kriemhild, wobei sie Sophos immer noch nicht aus den Augen ließ.

„Eigentlich hatte ich nur vor, Dylana von ihren Supersoldaten-Plänen abzulenken und sie etwas mehr für Pflanzen, als denn Menschenexperimente zu begeistern“, flüsterte Sophos ihnen leise zu, bevor er sich seiner Herrin zuwandte, die in diesem Augenblick von ihrem Lieblingsfiskus - der zusammen mit einer ganzer Reihe anderer Artgenossen in Schalen verteilt auf dem Wasser schwamm - aufblickte. „Sophos.“ Ein Lächeln erhellte ihr Gesicht, was bei jeder anderen Großmutter nett gewirkt hätte, bei ihrer Herrin allerdings, im Zusammenhang mit dem darauf folgenden Satz, einfach nur widerlich wirkte. „Wo bist du denn solange gewesen, du unartiger Junge?“

„Ich musste weit reisen, meine Liebe, aber ich habe dir ein Geschenk mitgebracht.“

„Ein Geschenk? Was ist es? Zeig es mir!“, verlangte Dylana und rutschte aufgeregt wie ein Kind auf ihrem Thron hin und her.

„Die Dimensionshexe“, erwiderte Sophos leise lächelnd.

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Sonntag, 12. Februar 2012, 13:28

Kapitel 11

Teil 3


„Mathilda?“ Dylana richtete sich kerzengerade auf. Fast schien es so, als hätte sie von einem Moment zum anderen jedwede Krankheit ihres Geistes beiseite gewischt, während die Herrin aus vergangenen Zeiten hervortrat. „Wo ist sie?“

„Hubertus trägt sie.“

„Unsinn! Was da bei Hubertus über der Schulter hängt, ist eine alte Frau. Mathilda hingegen ist jung. Jung, unverfroren und so dumm, wie es nur eine Rebellin sein kann.“

„Verzeiht mir, Herrin. Aber es ist tatsächlich Mathilda. Und die Rebellion… die Rebellion ist bereits 39 Jahre her“, wagte es Cynrig, einer der ältesten Generäle, klarzustellen, wobei er sich schwer auf seinen Gehstock stützte.

„39 Jahre sagst du?“ Nachdenklich betrachtete Dylana sein vom Alter gezeichnetes Gesicht, bevor sie sich majestätisch in ihrem Sitz aufrichtete und befahl. „Nun, dann bringt diese Frau zu mir, damit ich mich selbst von der Richtigkeit ihrer Identität überzeugen kann!“

Wortlos trat Hubertus an das Wasserbecken und ließ den Körper der grauhaarigen, korpulenten Frau, die er getragen hatte, vorsichtig in das kalte Nass gleiten. Eine Zeit lang trieb sie bewegungslos auf der Oberfläche, während Dylana den Kopf nachdenklich von links nach rechts legte, dann lachte sie unvermittelt. „Ohne Zweifel, das ist Mathilda.“

Einmal mehr betrachtete Dylana die Frau zu ihren Füßen, konzentrierte sich kurz, ehe sie sich sichtlich zufrieden in ihren Thron zurücklehnte. Ein lautes Platschen hallte von den hohen Wänden wider, gefolgt von einem hektischen Luftschnappen, als sich die Dimensionshexe unvermittelt bewegte. Sie ruderte unter Dylanas belustigten Blicken wild mit den Armen und ging ein, zweimal unter, bevor sie es schaffte sich zu fangen und zu schwimmen. Ihre Augen irrten durch den Raum und fanden schließlich die ihrer ehemaligen Herrin, woraufhin sie einmal mehr unterzugehen drohte. Doch augenscheinlich hatte Dylana genug gesehen. Denn die Wasseroberfläche begann sich unvermittelt zu verformen, bildete menschengroße, feingliedrige Finger, die aus dem Gewässer hervorschossen und die Arme der Dimensionshexe ergriffen, um diese halb aus dem Becken zu heben.

Ein, zwei Sekunden versuchte Mathilda sich noch zu wehren, doch dann fügte sie sich in ihr Schicksal. Aber obwohl sie gefangen war, glühte von einem Moment zum nächsten ein Feuer in ihren Augen auf. Ein Feuer, das dort vermutlich schon vor gut vierzig Jahren entbrannt war, als sie eine Rebellion aus dem Erdboden gestampfte hatte, die Dylanas ganzes Reich erschüttern sollte und die Herrin sechs ihrer acht damaligen Länder gekostet hatte. „Dylana.“

Die Herrin im See lächelte: „Mathilda von Feuerberg. So sehen wir uns also wieder, und das nach all den Jahren. Wer hätte das wohl gedacht? “

„Ich für meinen Teil hätte auch sehr gut darauf verzichten können“, erwiderte Mathilda mit einer Gelassenheit, die Kriemhild nur noch bewundern konnte. Die Dimensionshexe musste wissen, dass ihre Chance, hier lebend und ohne Folter rauszukommen, gleich Null war, dennoch bot sie Dylana die Stirn.

„Das kann ich mir vorstellen. Und doch hättest du wissen müssen, dass es eines Tages dazu kommt. Du hast vermutlich gedacht, dass die Zeit dir helfen wird, mich endgültig loszuwerden. Aber du vergisst, ich bin die Herrin über Leben und Tod. Deine Herrin! Die Frau, der du die Treue geschworen hast. Die Frau, die du verraten hast.“

„Verrat?“ Mathilda schüttelte den Kopf. „Es liegt nichts Verräterisches darin, Tyrannei und Wahnsinn die Stirn zu bieten!“

„Tyrannei? Wahnsinn? Ist es das, was du dir einredest, um deine Ehrlosigkeit, deinen Betrug zu beschönigen? Ich habe dich zu einem meiner Generäle gemacht, habe dir sogar einer meiner Hauptstädte anvertraut und was ist der Dank dafür? Untreu bist du geworden, kaum dass du deine dritte Stufe erreicht hattest. Und als wäre das nicht genug, hast du auch noch andere mit hineingezogen!“

„Sie haben sich mir freiwillig angeschlossen, weil sie dich und dein krankes Gehirn nicht mehr ertragen konnten!“

„Mir jetzt, in dieser Situation, zu widersprechen zeigt nur, dass du zwar jede Menge Jahre älter, aber keinen Deut klüger geworden bist“, unterbrach Dylana sie mit einer wegwerfenden Handbewegung. „Die Fakten sind so klar wie das Wasser zu meinen Füßen. Sechs Länder hast du mir genommen, als ich am schwächsten war. Sechs! Nur zwei konnte ich halten, zwei weitere zurückerobern. Aber sei‘s drum, noch habe ich alle Zeit der Welt zurückzuholen, was mir gehört.“

„Mein Bruder, John, Sakura, Gail, Olaf und Briseis werden sich dir niemals ergeben!“

Dylana schnaubte abfällig. „ Wer ist schon John? Sakura? Gail? Sie gehören nicht zu den Großen Vier. Ebenso wenig dein Bruder, der, obwohl er sowohl das Wasser als auch die Erde in der zweiten Stufe zu beherrschen vermag, nicht viel mehr ist als ein simpler Zweitstufler. Ein seltenes Exemplar mit seiner Doppelbegabung, zweifelsohne, aber definitiv zu schwach, um es mit mir aufzunehmen. Und was Olaf angeht, so hat er den Titel „Einer der großen Vier“ doch ohnehin nur aus Mitleid bekommen. Denn lediglich einen Drittstufler Mimage in einem lächerlichen Zweikampf zu besiegen, macht einen – zumindest in meinen Augen - noch lange nicht groß. Und was Briseis betrifft …“ Dylanas Kopf ruckte unvermittelt, so als hätte sie keine Kontrolle mehr über ihn. Sie murmelte einige unverständliche Worte vor sich hin, ehe sie unvermittelt Sophos fixierte. „Was hast du mir denn da mitgebracht, mein Lieber?“, fragte sie und deutete mit einem ihrer dicken Finger auf den in Gelb gekleideten Mann, der nach wie vor über seiner Schulter hing.

Man musste Sophos anerkennen, dass er noch nicht einmal zuckte, als seine Herrin, zu ihrem alten, vergesslichen Selbst zurückkehrend, unvermittelt das Thema wechselte. „Einen Mittländer. Ein weiteres Geschenk für dich, meine Liebe.“

„Du hast mich. Lass ihn gehen. Er hat nichts mit unseren Differenzen zu tun“, verlangte Mathilda, wurde jedoch von Dylana komplett ignoriert. Denn ihre Herrin war bereits viel zu sehr damit beschäftigt den Mittländer aus seinem Schlaf zu wecken. Keine Minute später wachte auch er unter lautem Geplatsche und hektischem Atemholen aus seiner Betäubung auf.

„Lass ihn in Ruhe!“ Zum ersten Mal während des Gespräches der beiden Drittstufler hatte Kriemhild das Gefühl, dass Mathilda die Selbstbeherrschung verlor. Sie hörte es an der schrillen Stimme, erblickte es in ihren Augen, die panisch hin und her huschten, als Dylana ihren Landsmann mit ihren wässrigen Fingern in die Höhe hob, und roch es in der Luft, die mit Angst getränkt zu sein schien. Wer auch immer dieser Mittländer war, sein Leben zählte für eine mächtige Frau wie die Dimensionshexe mehr als ihr eigenes. Vielleicht ihr Sohn? Ihr Geliebter? Ein überaus geschätzter Freund? Wer auch immer er war, er blinzelte sich das Wasser aus den Augen und sah sich direkt mit Dylana konfrontiert. Diese musterte ihn interessiert und lächelte ihn mit einem mal so strahlend an, als würde sie in ihm einen guten, alten Freund wiedererkennen … bevor sie ihm die Augen herausriss. Er schrie kurz auf, sackte dann jedoch in sich zusammen, während Dylanas lange, gierige Wasserfinger die Beute zu ihrem Thron trugen.

Kriemhild fühlte, wie die Magensäure sich langsam, aber sich ihren Weg die Speiseröhre hinauf bahnte und schluckte mehrmals hart, um diese zurückzuhalten. Ihr Blick suchte Mathilda, die jedoch den Kopf gesenkt hatte und sichtlich um Fassung rang.

Als die Finger Dylanas Thron erreicht hatten, nahm sie die Augen des Mittländers von ihnen entgegen und betrachtete sie aufmerksam, bevor sie einmal mehr zu summen begann und andächtig über die Augäpfel strich. „Grün, grün, grün…“

Eine Zeit lang wagte es keiner etwas zu sagen. Selbst Hubertus schwieg, obwohl seine Miene nicht düsterer hätte sein können. Letztendlich war es die Dimensionshexe, die immer noch schwer atmend das Wort ergriff: „Hör auf!“

Dylanas Summen verstummte, als sie ruckartig aufblickte. Sie erstarrte, als sehe sie Mathilda heute zum ersten Mal. „Du!“ Ihr Gesicht verformte sich zu einer grotesken Maske aus Hass und Wahnsinn. „Du!“

Mathilda erwiderte ihren Blick und richtete sich, so gut es das sie umschließende Wasser zuließ, zu ihrer vollen Größe auf. In diesem Moment erhob sich auch Dylana von ihrem Thorn, ohne sich darum zu kümmern, dass die Augen des Mittländers von ihrem Schoss ins Wasser fielen. Schwerfällig schlurfte sie auf Mathilda zu, bis nur noch einige wenige Zentimeter die beiden trennten. „Bereust du es?“

„Niemals!“

„Gut. Ich hätte dir ohnehin nicht verziehen.“ Kaum dass Dylana ihren Satz beendete hatte, wurde Mathilda unaufhaltsam nach unten gezogen. Noch immer hoch aufgerichtet, das alte Feuer in ihrem Blick ein letztes Mal entfacht, versank ihr Körper im Wasser. Und Kriemhild wusste, dass sie sie wohl nie wiedersehen würde. Die Dimensionshexe würde einen Platz in der Trophäensammlung ihrer Herrin einnehmen, wie es schon so viele andere arme Geschöpfe getan hatten und noch tun würden.

Kriemhilds Blick fiel auf Hubertus, dessen Hände zu Fäusten geballt an seiner Seite herabhingen. Er war unzufrieden, aber wie immer tat er nichts, sondern hielt stillschweigend an seinem Schwur fest. Er schaute seiner Herrin noch eine Zeit lang dabei zu, wie sie zärtlich ihre Pflanze streichelte und dabei unablässig auf diese einredete, sie für ihre kräftige, grüne Farbe lobte, während die Auge des Mittländers langsam in der Tiefe des Beckens versanken. Als immer mehr erkennbar wurde, dass Dylana fürs erste beschäftigt war, wandte er sich schließlich zum Gehen.

Schweigend folgte Kriemhild ihm und warf ihrem Geliebten von Zeit zu Zeit einen halb besorgten, halb anklagenden Seitenblick zu. Sie hatten schon einen guten Teil des Ganges hinter sich gelassen, als sie nicht mehr länger an sich halten konnte. „Und wie gefällt dir nun das Ergebnis deines Schwurs? Wenn du nur …“

„Planst du etwa schon wieder eine Revolution im Schloss deiner Herrin und das, nachdem du eben erst gesehen hast, was mit der letzten Rebellin passiert ist?“, erklang unvermittelt Sophos‘ Stimme hinter ihr.

Augenblicklich fuhr Kriemhild zu ihm herum. „Sag mal, hast du eigentlich nichts Besseres zu tun, als uns andauernd zu verfolgen?“

„Ich habe kriegsrelevante Dinge mit Hubertus zu besprechen“, erwiderte Sophos schulterzuckend. „Und wie ich aus vertrauter Quelle weiß, haben wir mit unserer Reise schon viel zu viel Zeit vertrödelt.“

Kriemhild fletschte unwillkürlich die Zähne. Ihr Leben könnte so viel einfacher und ruhiger verlaufen, wenn sie ihn nur irgendwie loswerden würde.

„Ich befürchte, dass bereits in kürzester Zeit einmal mehr Magier zum Eisernen Rücken geschickt werden.“

Sophos legte auf Hubertus Worte hin nachdenklich den Kopf zur Seite. Dann lächelte er. „Das glaube ich auch.“

Irritiert wanderte Kriemhilds Blick von einem zu andern. „Wovon redet ihr?“

„Wir sprechen von einem Anderweltler, dem wir beim Dimensionshexenhaus begegnet sind. Ein Junge aus einer anderen Welt … und mit grünen Haaren.“

Mehr brauchte Hubertus nicht zu sagen. Sobald Dylana von dem Jungen aus der Fremde Wind bekäme, würde sie alles daran setzen ihn zu bekommen, ob nun als grüner Glücksbringer für den bevorstehenden Krieg oder als Teil ihrer Trophäensammlung. „Könnte Sophos nicht einfach eine neue Botschaft verfassen, um die Alte von ihrem Grünfimmel abzulenken?“

„Natürlich könnte ich das“, erwiderte Sophos, während er spielerisch an einem seiner Ohrringe zupfte. „Allerdings würde das Leute zu der Behauptung verleiten, ich würde unsere Herrin manipulieren oder gar zu einem Krieg ermuntern wollen. Und solche Verleumdungen erträgt mein sensibles Herz einfach nicht.“

Kriemhild starrte ihn einen Moment lang an, ehe sie sich erschöpft über die von plötzlichen Kopfschmerzen geplagte Stirn fuhr. Wenn Sophos seine Meinung nicht änderte, dann würde ihre Herrin den Anderweltler haben wollen, sobald sie auch nur von seiner Existenz und den grünen Haaren erfuhr. Die Frage war dabei nicht ob oder wie sie davon Wind bekäme, sondern lediglich wann.

Mein Abscheu wird durch Euch vermehrt.
O glücklich der, den Ihr belehrt!

Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »Plumbum« (19. Februar 2012, 12:16)


Glinda Arduenna

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Montag, 13. Februar 2012, 23:11

Hi Rina!

Du musst dich gar nicht bei mir bedanken, ich lese deine Geschichte wirklich wahnsinnig gerne! Ich kann da immer wieder in deine Welt eintauchen und meine vergessen...
Du musst dich auch nicht schlecht fühlen, wenn du es lange nicht schaffst zu schreiben, ich weiß genau, wie blöd eine Schreibblockade ist und dass nichts schlimmer ist, als sich den Druck zu machen, weiter schreiben zu müssen.
Lass dir ruhig Zeit! --knuddel--

Die Karte ist jetzt super! --thumbs-up--

Nun aber zur Sache! *Hände reib*
Zuerst will ich mal anmerken, dass mir dein Kapitel sehr gut gefällt! Ich finde auch nicht, dass der Fluss so rausgenommen ist. Ich bin jedenfalls wieder total mitgespült worden.
Der Teil mit dem "Grün, grün, grün"-Gesang von Dylana hat mir eiskalte Schauer über den Rücken laufen lassen, weil ich echt Angst hatte, was sie nun wieder verrücktes vorhat. Supersoldaten mit Chlorophyll?! Du hast vielleicht Ideen... :D
Hubertus und seinen Ehrenkodex kann ich auch nicht verstehen. Dass er Dylana so blind folgt, obwohl er sich leicht gegen sie auflehnen könnte...
Mathildas Ruhe und Mut bewundere ich.
Sophos ist so ein Unsympath! Seine Scheinheiligkeit ist es, die ich am schlimmsten finde. Nun will er also Felix haben... Mal sehen, ob er ihn auch kriegt.
Ich wollte mal ein bisschen herausarbeiten, dass ich deine Charakterzeichnung ganz toll finde! Du schaffst total unterschiedliche und vielschichtige Charaktere - bei einigen weiß ich immer noch nicht genau, woran ich bin (und das ist auch gut so, genau das macht die Sache spannend).

Es war schön, wieder was von dir zu lesen und ich freue mich schon auf das nächste Kapitel, aber mach dir bitte keinen Stress, sondern geh es in Ruhe an. Du schaffst das schon! --knuddel--

Deine Glinda
Meine neue Fanfiction (Achtung Off Topic!):
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60

Samstag, 18. Februar 2012, 12:55

Mir fällt gerade auf, dass ich noch gar nichts zu deiner Karte gesagt habe. Die finde ich nämlich ganz toll. Ich mag es, wenn Geschichten mit einer Karte ausgestattet sind, so dass man sich die Wege und Entfernungen usw. besser veranschaulichen kann.

Zu den Charakteren hat Glinda ja schon eine Menge gesagt, ich finde es jedenfalls erstaunlich, dass offenbar alle in Dylanas Umgebung, einschließlich der Generäle, Angst vor ihr haben und ihnen auch bewusst ist, dass sie wahnsinnig ist. Trotzdem lassen sie sich von ihr herumkommandieren und scheinen gar nicht auf die Idee zu kommen, dass sie sich alle gemeinsam gegen sie auflehnen könnten.
Gibt es da vielleicht zu viel Misstrauen und Rivalität untereinander, sonst dürfte ihre vereinte Magie es doch durchaus mit der ihren aufnehmen können...
Jedenfalls scheint es mir, Dylana hat an Mathilda gerade zur rechten Zeit ein Exempel statuiert, um alle von einer Rebellion abzuhalten. Das alles war ziemlich heftig, vor allem das mit den Augen.
Diese Beiläufigkeit, mit der alle wieder zur Tagesordnung übergegangen sind, nachdem einer von ihnen getötet wurde, hat mich ziemlich erschreckt.
Ich bin gespannt, ob das Feuerzeug aus unserer Welt noch einmal auftaucht - und natürlich, was aus Felix wird und welche Nachrichten er auif seinem Handy hat... ;)
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Viel Spaß beim Lesen!