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Plumbum

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Montag, 25. Juli 2011, 21:59

Kapitel 4: Gegen den Wind Teil 2

Kapitel 4: Gegen den Wind

Teil 2


Es war das Klicken, das ihn ins Bewusstsein zurückholte. Es war gleichmäßig, monoton und störend. Langsam öffnete Felix die Augen und blinzelte, ehe er einmal mehr in den abendlichen Himmel über sich blickte.

„Dann bist du also doch noch wach geworden.“

Felix‘ Blick schoss regelrecht in die Richtung, aus der die ruhige Stimme gekommen war. Sie gehörte einer alten, schwarz gekleideten Frau, deren Oberkörper ungeachtet ihres Alters nur mit einem leichten Hemdchen bedeckt war, während ihre Beine ironischerweise von einer dicken Decke umschlungen waren. Sie saß strickend, wie so manche andere Großmutter es auch getan hätte, in ihrem Schaukelstuhl. Doch dieser stand im Unterschied zu denen einer Standardoma nicht in einem mit altem Kitsch vollgestellten Wohnzimmer sondern mitten auf dem Dach eines hohen Gebäudes.

„Und du hast dir wirklich redlich Mühe gegeben, meinen Leuten das Leben so schwer wie möglich zu machen.“ Sie hatte noch nicht einmal in seine Richtung geblickt, als sie ihn angesprochen hatte, sondern ihren kahlgeschorenen Kopf gesenkt und ihre Augen auf ihr Strickzeug gerichtet gehalten. Ihre Nadeln klickten unaufhörlich, während der kalte Wind ihr wie ein kleines Hündchen um die Beine tollte.

Langsam und voller Misstrauen setzte Felix sich auf. „Wer sind Sie?“

„Du weißt, wer ich bin. Genauso wie ich weiß, wer du bist.“ Sie wendete ihr Strickzeug. „Oder, Felix?“

Felix schluckte, ehe er den wohl unvermeidlichen Namen hervorpresste. „Briseis.“

Endlich legte die Frau ihr Strickzeug beiseite und schenkte ihm ihre ganze Aufmerksamkeit. „Briseis, die Herrscherin von Brise, die Herrin vom Eisernen Rücken. Ich habe viele Namen.“

„Und was wollen Sie von mir?“

„Dir Antworten auf deine Fragen geben.“ Während sie sprach, machte sie sich noch nicht einmal die Mühe ihm in die Augen zu sehen. Stattdessen fokussierte sie seine Stirn. Sie starrte sie an, stierte regelrecht ohne zu blinzeln oder ihre Augen von ihr fortzubewegen.

„Was wissen Sie schon von den Fragen, die mich beschäftigen?“ In Felix‘ Ton schwang neben der trotzigen Aufforderung auch Angst mit. Seinen Entführer hatte er gefürchtet, dessen Herrin jedoch war einfach nur unheimlich mit ihrer Art und Weise ihn anzusehen.

„Alles.“ Ihre Stimme verriet nicht den leisesten Hauch eines Zweifels. Felix schauderte. Wer oder was war diese Frau?

Briseis lächelte nachsichtig und erwiderte, beinahe so als hätte sie seine Gedanken gelesen: „Ich denke, das ‚Wer ich bin‘ können wir immer noch diskutieren, sobald wir das ‚Warum du hier bist‘ erörtert haben.“ Sie machte eine kurze Pause, so als wolle sie auf seine Erwiderung warten, doch als er schwieg, fuhr sie fort: „Aber zu allererst hier die Antwort auf deine wohl wichtigste Frage: Du wirst wieder zurück nach Hause kommen.“

Felix starrte sie einen Augenblick an wie ein vom Licht geblendeter Fuchs. „Ich darf zurück?“ brachte er schließlich stotternd hervor.

„Natürlich. Allerdings wird es eine, vielleicht auch zwei Wochen dauern.“

Felix‘ Freude, die so plötzlich und unerwartet in ihm aufgewallt war, erstarb ebenso schnell wieder. Er hatte das ungute Gefühl, einmal mehr auf das Spiel von Briseis und ihren Leuten hereingefallen zu sein. „Warum?“

„Dein Warum hängt letztendlich damit zusammen, wo du dich hier befindest.“ Sie lehnte sich wieder in ihren Schaukelstuhl zurück, nahm ihr Strickzeug auf und wickelte sich die Fäden um die Finger. „Meine Welt, Felix, ist nicht deine Welt. Du befindest dich hier in einer ganz anderen Dimension als diejenige, welche du deine Heimat nennst.“

Felix starrte sie an, alle Angst, alle Furcht war in diesem Augenblick wie weggewischt. Waren denn alle Leute hier verrückt geworden? „Was zum Teufel…?“

Briseis schaute von ihrem Strickzeug auf. Sie hatte einmal mehr ihren Hannibal-Lecter-Blick aufgesetzt, doch dieses Mal fixierte sie nicht seine Stirn, sondern seine Augen. Er erwiderte ihren Blick wie paralysiert. Wie hatte er nur so dumm sein können, so verfahren in seiner eigenen Vorstellungskraft, dass er nicht bereit gewesen war die Komplexität der verschiedenen Welten zu erkennen. Diese Welt war anders als seine Heimatwelt und das einzige, was sie miteinander verband, war das Raum-Zeit-Kontinuum.

Briseis lächelte leicht, ehe sie, ihn nicht aus den Augen lassend, fortfuhr: „Einer meiner Leute, dein Entführer, wie du ihn nennst, hat durch ein unbedachtes und extrem unvorsichtiges Vorgehen einen Teil des Raum-Zeit-Kontinuums beschädigt, welches nun durch die Mimage des Raum-Zeit-Kontinuums wieder repariert werden muss. Sobald sie damit fertig ist, kannst du zurück in deine eigene Welt. Bis dahin, sieh‘ dich bitte als meinen Gast an.“

Felix nickte verstehend. Irgendwie fühlte er sich komisch. Sein Gehirn schien wie in Watte gepackt und doch hatte er das ungute Gefühl, dass etwas nicht stimmte. Es war einfach da, existierte irgendwo in den nebulösen Windungen seines Gehirns, ohne dass er genau sagen konnte, was nicht in Ordnung war. Doch das Gefühl des Vermissens verschwand vollständig, als Briseis einmal mehr das Wort ergriff: „Dein Entführer, Heros, wird sich bis du zurück kannst, um dich kümmern. Er fühlt sich schlecht wegen des Vorfalls und will seine Schuld begleichen, indem er dich sicher zurück nach Hause eskortiert. Oder, Heros?“ Mit diesen Worten wandte sie sich jemandem zu, der hinter Felix stand.

Mit ihrem Blick wich auch die Starre aus seinem Körper. Er fuhr zu dem anderen herum und wich unwillkürlich ein paar Schritte zurück. Sein Gegenüber überragte ihn um Haupteslänge und sah mit seiner gefährlichen Zwillingsnarbe auf der Stirn und der blauen Nase wie ein überdimensionaler Waschbär aus. Ein gefährlicher Waschbär.

„Natürlich.“

Hastig rappelte sich Felix, seinen vielen blauen Flecken trotzend, auf die Beine. „Ich will aber nicht, dass er sich um mich kümmert. Er hat mich immerhin mit einer Flasche bedroht.“

„Und du hast mich gebissen“, erwiderte sein Entführer gelassen, so als wären sie damit quitt.

„Du hast mich verbrannt!“

Sein Gegenüber warf einen kurzen Blick auf seinen Unterarm, auf dem eine schwache verätzte Stelle zu erkennen war, bevor er erwiderte: „Dafür hast du mir fast die Nase gebrochen und mir eine Narbe zugefügt.“ Während er sprach, deutete er anklagend auf seine Wunde.

„Und du hast…“

„Genug“, unterbrach Briseis ihren Disput. „Heros wird sich um dich kümmern! Keine Widerrede.“

„Aber…“

Briseis‘ Blick, den sie ihm zuwarf, brachte ihn unwillkürlich zum Schweigen. Sie schloss für einen Moment die Augen, ehe sie an Felix gewandt sagte: „Es ist sehr wichtig, dass niemand davon Wind bekommt, dass die Mimage des Raum-Zeit-Kontinuums zur Zeit anderweitig verhindert ist. Sehr wichtig.“

Felix nickte erneut. Ein bei weitem kräftigeres Nicken als das Mal zuvor.

„Gut.“ Briseis wandte sich wieder ihrem Strickzeug zu. Anscheinend waren sie damit entlassen worden.

„Was ist das, eine Mimage.“ Felix wusste selbst nicht einmal, warum er diese Frage überhaupt stellte, da er dadurch einmal mehr ihren unheimlichen Blick auf sich zog.

Briseis schien einen Augenblick lang fast schon überrascht zu sein, doch dann lächelte sie leicht. Es war vermutlich das erste echte Lächeln, das er bei ihr sah. Ein Lächeln, welches dieses Mal nicht nur ihre Lippen berührte, sondern auch ihre Augen erreichte. „Mimage steht für ‚Mitglieder der Magischen Gesellschaft der Elemente‘. Wir sind Magier, die unsere Magie aus einem der vier Elemente schöpfen.“

Elementmagier, natürlich, was auch sonst. Felix wusste gar nicht, warum er überhaupt eine so dumme Frage gestellt hatte.

Das erneute Klappern von Briseis‘ Stricknadeln durchschnitt die Luft.

„Komm“, sagte Heros leise und bedeutete Felix, ihm zu folgen.

Felix zögerte kurz, doch da Briseis ihn nicht weiter beachtete, folgte er dem anderen langsam, als dieser zielstrebig auf eine Falltür zuging, die in das Dach eingelassen war. Heros zog die Tür auf, stieg die Treppe hinab und strebte dann zielsicher einige Gänge entlang, nur um kurze Zeit später bereits eine langen Wendeltreppe hinunterzusteigen. Felix folgte ihm eine ganze Zeit lang schweigend. Seine Muskeln und Knochen schmerzten ob der ungewohnten Belastung der letzten Tage und der von seinen diversen Stürzen herrührenden blauen Flecken. Seine Erschöpfung zeichnete sich unterdessen von Minute zu Minute mehr ab, bis er letztendlich irgendwo auf halbem Wege anhielt, um zu verschnaufen.

Heros ging ein paar Stufen weiter, ehe er sich zu ihm umdrehte und ihn abwartend musterte. „Was ist los?“

Felix erwiderte die abschätzenden Blicke. Heros war groß, während er selbst klein war. Hatte schwarze Haare, wo er seine eigenen grün gefärbt hatte und agierte gefährlich, wo Felix sich eher feige zurückgezogen hätte. Aber nun war er Briseis‘ Gast - was immer das auch bedeutete - und er würde sich sicherlich nicht die Blöße geben, einmal mehr vor ihm zurückzuschrecken oder ihm gar einzugestehen, dass er kurz ausruhen musste. Nicht ihm. Stattdessen fragte er: „Was für eine Art Elementmagier ist Briseis?“

Augenscheinlich hatte er wieder etwas Dummes gesagt, da Heros leise zu lachen begann. „Sie ist ein Windmagier der dritten Stufe. Wie sonst wäre es wohl möglich, dass du von einem Moment zum anderen meine Sprache sprichst?“

Felix hätte sich selbst dafür in den Hintern beißen können, dass ihm das mit dem Verstehen der fremden Sprache nicht vorher aufgefallen war. „Also ist das ihre Art der Magie, sie kann dafür sorgen, dass jemand aus der anderen Welt mit euch kommunizieren kann.“

Heros schnaufte: „Andere Sprachen verstehen kann auch schon ein mittelmäßig begabter Zweitstufler Windmimage. Als Windmimage der dritten Stufe hat sie jedoch die Macht, alles was in dem Gehirn ihres Gegenüber vorgeht, zu lesen und zu verändern, wie sie es unter anderem wohl auch mit deinem Sprachzentrum gemacht hat.“

Kein Wunder, dass sie ihm so unheimlich vorgekommen war. „Heißt das etwa, sie kann mein Gehirn manipulieren?“

Heros nickte.

Felix schluckte. „Sie kann damit machen, was sie will?“

„Glaubst du ernsthaft, du hättest sonst einfach akzeptiert, dass du dich in einer anderen Welt befindest, wo es Magier gibt, die in der Lage sind durch die Dimensionen zu reisen?“

Felix‘ Rücken glitt an der kalten Steinwand der Wendeltreppe entlang, als er der plötzlichen Schwäche seiner Beine nachgab und sich auf eine der Stufen sinken ließ. „Sie kann wirklich alles mit meinem Gehirn machen?“ fragte er einmal mehr.

„Alles. Sie ist immerhin Briseis, die Herrin über Gedanken und Gefühle.“

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Donnerstag, 28. Juli 2011, 21:59

So, nun bin ich endlich mal dazu gekommen, deine Geschichte nochmal von Anfang an zu lesen. Sie ist sehr spannend und interessant geschrieben, vor allem die sehr bildhaften Beschreibungen finde ich sehr gut gelungen. Eine teilweise sehr ungewöhnliche Wortwahl lässt immer wieder aufmerken.
Einige Rechtschreib- und Grammatikfehler sind noch drin, wenn du willst, mache ich dir noch eine Korrektur, dazu brauche ich aber ein bisschen länger.
Jedenfalls werde ich diese Geschichte auf jeden Fall weiter verfolgen. Die Sicht der verschiedenen Personen ist eine gute Idee, das hatte ich dir ja schon mal geschrieben. Es sind viele erfrischende gute Ideen drin, allein die Vorstellung einer im Hemd dasitzenden Magierin, die ihre Beine mit einer dicken Decke umwickelt hat - und das Ganze auf dem Dach -... das hat was. Felix in der fremden Welt und seine Flucht und sein Unverständnis ist auch sehr gut dargestellt. Man kann richtig mit Heros mitfühlen - er kann eigentlich gar nichts dafür - und hat nun den Ärger am Hacken.
Ich bin schon gespannt, wie du die andere Seite weiter gestaltest, die Figuren versprechen auf jeden Fall viel. Eine Menge Möglichkeiten tun sich da auf - es bleibt spannend.
Ich wünsche dir noch viele gute Ideen und Spaß beim Weiterschreiben.
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Donnerstag, 28. Juli 2011, 23:01

Hey Grit,

vielen lieben Dank für deinen Kommentar. Es freut mich natürlich sehr, dass dir die Geschichte bist dato gefallen hat. =)

Wenn du möchtest und die Zeit dafür findest, kannst du die Kapitel gerne noch Korrektur lesen, wobei ich auch noch gerne wüsste, was du mit "ungewöhnlicher Wortwahl" meinst.

Da du die verschiedenen Point of View Charaktere für eine gute Idee hältst, kann ich dir jetzt ja ruhig schon mal verraten, dass ich im nächsten Kapitel meinen vierten und letzten POV Charakter vorstellen werden. Ich bin schon gespannt was du von ihr halten wirst. ;)

Viele liebe Grüße

Plumbum

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Freitag, 29. Juli 2011, 10:20

Mit ungewöhnlicher Wortwahl meine ich solche Vergleiche wie mit einem überdimensionalen Waschbären, den Hannibal-Lecter-Blick,
ein vom Licht geblendeter Fuchs, während der kalte Wind ihr wie ein kleines Hündchen, um die Beine tollte, beißend hellen Sonnenstrahlen ( wo man doch immer nur "gleißend" im Kopf hat ), solche Sachen halt, die lassen einen immer wieder besonders aufmerksam werden.

Noch eine Frage am Rande - beim 2. Lesen komme ich vielleicht noch selber drauf - Felix wird mal als blond beschrieben, mal als grünhaarig - ist das ein Dimensionsproblem?
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Freitag, 29. Juli 2011, 10:40

Zitat

Original von grit
Mit ungewöhnlicher Wortwahl meine ich solche Vergleiche wie mit einem überdimensionalen Waschbären, den Hannibal-Lecter-Blick,
ein vom Licht geblendeter Fuchs, während der kalte Wind ihr wie ein kleines Hündchen, um die Beine tollte, beißend hellen Sonnenstrahlen ( wo man doch immer nur "gleißend" im Kopf hat ), solche Sachen halt, die lassen einen immer wieder besonders aufmerksam werden.

Ah, okay, danke.

Zitat

Noch eine Frage am Rande - beim 2. Lesen komme ich vielleicht noch selber drauf - Felix wird mal als blond beschrieben, mal als grünhaarig - ist das ein Dimensionsproblem?

Felix ist von Natur aus blond, wie seine Mutter, hat sich jedoch momentan -in einem Anflug von cool sein wollen- die Haare grün gefärbt. Es ist also weniger ein Dimensionsproblem, sondern eher ein...ähm... hormonelles. ;) :D Oder habe ich ihn sonst noch irgendwo Ausversehen als blond beschrieben?

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Freitag, 29. Juli 2011, 11:14

"Heros war groß, während er selbst klein war. Hatte schwarze Haare, wo er selbst von Natur aus blond war, und agierte gefährlich, wo Felix sich eher feige zurückgezogen hätte."

Ich glaube, es war diese Stelle, die mich etwas irritiert hatte... aber klar - grüne Farbe... ;)
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Dienstag, 2. August 2011, 10:01

Kapitel 5: Odine Teil 1

Kapitel 5: Odine

Teil 1


Es war ein wirklich wunderschöner, mit reichlich Sonnenstrahlen gesegneter Tag, wie es viele im ‚Land der Fälle‘ gab. Odines Make-up saß perfekt und harmonierte, wie sollte es auch anders sein, wunderbar mit ihrer Kleidung, während sie wie so oft geduldig dem Wortschwall ihrer kleinen Schwester lauschte: „Ich find das jetzt echt scheiße von dir, Odine. Wie kannst du von einem Moment auf den anderen sagen, du hättest keine Zeit? Du hast versprochen mir zu helfen.“ Thora fuchtelte aufgeregt mit einem großen Schneebesen vor Odines Gesicht herum, bevor sie damit anklagend in ihre Richtung deutete. „Auf dich kann man sich echt gar nicht verlassen. Was ist es jetzt wieder? Erik? Party? Oder doch Shoppen? Das ist echt scheiße von dir…und oberflächlich und…“

„Scheiße hatten wir schon“, unterbrach Odine ihre kleine Schwester betont freundlich.

Thoras Gesicht rötete sich bei ihren Worten vor Wut, wodurch es sich nun nur noch um ein oder zwei Nuancen von ihren ebenso roten Haaren unterschied. „Boah, Odine du bist wirklich obe…schei… doof.“ Während Thora sprach, griffen ihre mit Schokoladenkuchenteig befleckten Hände in ihre langen lockigen Haare und zerrten daran. Eine Geste, die sie immer dann machte, wenn sie wütend wurde und die ihr eines Tages jede Menge kleiner kahler Stellen auf dem Kopf einbringen würde. „Richtig doof.“ Ihre Hände verharrten in ihrer Position, als sie Odines leichtes Lächeln bemerkte. Ihre himmelblauen Augen verformten sich zu engen Schlitzen. „Was gibst da zu grinsen?“

Odine legte den Kopf leicht schräg und musterte ihre Schwester ebenso nachdenklich wie abwägend, ehe sie erklärte: „Ich habe mir nur gerade überlegt, wie sehr deine Haare mit deinem geröteten Gesicht disharmonieren. Du solltest vielleicht eine anderes Gesichtscreme verwenden. Ich hab‘ da …“

„Ich brauch dein scheiß Kosmetikzeug nicht.“

„Schade“, erwiderte Odine, während sie ihre langen, übereinander geschlagenen Beine entwirrte, um sich von ihrem Platz am Küchentisch zu erheben. „Du könntest wirklich hübsch sein, wenn du versuchen würdest etwas mehr aus dir zu machen.“

„Ich will nicht hübsch sein.“ Einmal mehr führte Thora ihren Schneebesentanz auf. „Ich will einfach nur diesen verdammten Scheißkuchen für Mamas Rückkehr fertig machen. Und ich will, dass du mir dabei hilfst.“

Odines Mundwinkel begannen einmal mehr zu zucken. Ihre Schwester war wahrhaftig das, was man allgemein hin wohl als Wildfang bezeichnen mochte. Eine Mischung aus sechszehnjährigem Mädchen, das das Erwachsenwerden noch nicht akzeptiert hatte, und Junge, der sich lieber mit seinesgleichen raufen wollte. Bevor ihre Schwester noch auf die wirklich dumme Idee kam, ihre Gewaltgelüste an ihr auszulassen, stand sie vom Tisch auf und schickte sich an, die Küche zu verlassen.

Allerdings hatte sie die Rechnung ohne ihre Schwester gemacht, die entgegen ihrer sonstigen eher geringen Aufmerksamkeitsspanne heute das taktische Manöver vollbrachte und sich direkt zwischen ihr und der Tür platzierte. „Du bleibst schön hier.“

Odine setzte ihr diplomatischstes Lächeln auf. „Ich kann dir wirklich nicht helfen, Thora. Olaf hat mich zu sich gerufen.“

„Olaf - oder dieser verzogene Scheißkerl, den du Freund nennst?“

„Was willst du damit sagen?“

„Dass das vermutlich nur wieder ein abgekartetes Scheißspiel ist, das du und dieses verwöhnte Balg initiiert haben, damit du mich hier mit der ganzen Scheißarbeit alleine lassen und Shoppen gehen kannst.“ Anklagend verschränkte Thora die Arme vor ihrer doch recht üppig ausgestatteten Brust.

Odine fühlte den leichten Anflug eines schlechten Gewissens in sich aufwallen, den sie jedoch aufgrund jahrelanger Erfahrung schnellsten wieder bei Seite zu schieben vermochte. Auch wenn es ursprünglich wirklich mal ein Plan von ihr und Erik gewesen war, sie unter irgendeinem Vorwand von daheim - besser gesagt, von einer nervigen eineinhalb Jahre jüngeren Schwester - loszueisen, hätte sie es doch niemals gewagt, Olaf in die ganze Sache mit hineinzuziehen. Erik mochte ja keine Probleme damit haben, seinen Großvater nach Strich und Faden auszunutzen, Odine und so ziemlich jeder andere im ‚Land der Fälle‘ würde sich jedoch tunlichst davor hüten, dieses zu tun. „Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass ich unseren Herrn einspannen würde, nur um mit Erik einkaufen zu gehen.“

„Du vielleicht nicht, Erik schon.“

Odine blinzelte. Kurz überlegte sie, ob er nicht doch hinter der Botschaft stecken könnte. Aber eigentlich war es so oder so egal, da sie die Antwort ohnehin nur dann erhalten würde, wenn sie Olafs Ruf nachkam. Sie versuchte es dieses Mal mit ihrem entschuldigenden Lächeln, als sie erklärte: „Ich muss jetzt wirklich gehen. Versuch, nicht die ganze Küche in ein Schlachtfeld zu verwandeln, ja?“ Entschlossen versuchte sie sich unterdessen an Thora vorbeizuschieben, welche sie jedoch am Ärmel ihrer Jacke zurückhielt.

Odines Blick schweifte von der mit Schokoladenkuchenteig befleckten Hand ihrer Schwester zu dem Ärmel ihrer neuen Jacke aus der Silberberge-A-Kollektion, für die sie fast ein halbes Jahr gespart hatte. Ihr immerwährendes Grinsen erstarb und ihre Augenbrauen zogen sich unheildrohend zusammen. „Nimm sofort deine Dreckfinger von meiner SAK-Jacke, oder ich werde dir zeigen, was es heißt, wenn ich wirklich scheiße drauf bin!“

Als ihre Schwester nicht sofort reagierte, packte Odine diese schlichtweg am Handgelenk, wobei sich ihre langen, stahlblauen Fingernägel in deren Fleisch gruben. Es dauerte keine zehn Sekunden, bis Thora die Hoffnungslosigkeit ihres Unterfangens endlich erkannte und ihre Jacke losließ. Odines Blick wanderte unverzüglich zu den unübersehbaren Flecken auf ihrem Ärmel, woraufhin sich ihre sonst so vollen Lippen zu einem dünnen Strich verzogen.

„Tschuldige“, murmelte Thora kleinlaut, die sie wohl zu gut kannte, um die Vorboten des fünften apokalyptischen Reiters, in Form ihrer großen Schwester, nicht herannahen zu sehen.

Odine hob an etwas zu sagen, hielt sich allerdings in letzter Sekunde zurück. Alles was sie jetzt sagen könnte, würde Thora verletzen und somit im Umkehrschluss dafür sorgen, dass sie selbst sich, sobald sie sich wieder abgeregt hatte, schlecht fühlen würde. Es wäre im Endeffekt nichts anderes, als würde sie einen kleinen, unbeholfenen Babyhund treten, und so etwas machte man einfach nicht. Zumindest nicht in ihrer Familie.

„Ich werde jetzt gehen“, sagte sie entschieden und verließ hoch erhobenen Hauptes die Küche. Im Wohnzimmer zog sie ihre Jacke aus und legte sie sich sorgfältig über die Armlehne eines Sessels, um sie später zu reinigen. Es war eine wahre Schande, was Thora ihrer Lieblingsjacke angetan hatte. Wie konnte man nur so tollpatschig sein? Noch während sie innerlich den Kopf schüttelte, ergriff sie einen anderen Überwurf und machte sich auf den Weg zu Olaf.

Sie wohnte im zweiten der fünf Mittleren Bezirke, was einen gut halbstündigen Fußmarsch zu der Residenz ihres Herrschers bedeutete. Odine liebte diese Fußmärsche, das Flanieren vorbei an den einfachen steinernen Wohnhäusern ihrer Nachbarn hin zu den Prachtbauten der Mächtigen, die im Inneren Bezirk lagen. Genau dort, wo sich auch die meisten ihrer Lieblingsgeschäfte befanden: Die Silberbergs-A-Kollektion, das Eismeers-Pelz-Centre und die Sieben-Fälle-Schmuck-Galerie. Als sie an letzterer vorbeiging, winkte ihr Ole, einer der hilfsbereiten Goldschmiede, durch das Fenster zu. Odine erwiderte den Gruß kurz, bevor sie - sehr zu Oles Enttäuschung - jäh nach links abbog und einer langen Seitengasse folgte, die in den großen Versammlungsplatz mündete. Während sich hinter ihr die reich verzierten Häuser der vier Generäle und weiterer hoher Würdenträger erhoben, befand sich quer über den Platz gelegen der große Heilwasserfall.

Als sie auf eine der in den Felsen gearbeiteten, breiten und mit einer Glaskuppel überdachten Steintreppe zustrebte, betrachtete sie die lachenden Leute und die schreienden Kinder und Säuglinge, die sich rund um und unter dem Wasserfall tummelten. Ihr Blick fiel auf Freya, die ihre erst kürzlich geborene, laut protestierende Tochter unter dem Wasserfall hin und her schwenkte, ungeachtet der Tatsache, dass dabei ihr ohnehin schon nicht als attraktiv geltendes mausgraues, strähniges Haar nass wurde. Als sie den Fuß der Treppe erreicht und den Gang betreten hatte, erstarb das Lachen und Schreien um sie herum und wurde von dem Prasseln der Wassertropfen ersetzt. Die ganze Zeit, während sie die Treppen passierte, lauschte sie dem stetigen Klopfen des Wassers an den Glaswänden. Normalerweise liebte Odine dieses Geräusch, doch heute schien es ihr, als wollte es sie zur Eile ermahnen. Unwillkürlich beschleunigte sie ihren Schritt, als sie die letzte Stufe erreicht hatte und wieder in die Sonne hinaustrat.

Der Kristallpalast glitzerte und glänzte mit dem ihn umgebenden See um die Wette. Nicht zum ersten Mal beneidete Odine Erik um sein Zuhause. Reichtum war eine Sache, Stil eine ganz andere, aber hier traf beides zusammen. Lediglich die einfachen Steinstatuen der Frauen, die sich links und rechts entlang des Stegs bis hin zum eigentlichen Eingangstor erstreckten, störten die fast schon surreal perfekte Harmonie des Ganzen.

„Grüß dich, Odine“, begrüßte sie der muskulöse Wächter, der zu einer der beiden gläsernen Eingangstüren stationiert war.

„Hallo Einar. Ich habe eben Freya mit eurem jüngsten Familienmitglied gesehen. Herzlichen Glückwunsch.“ Ohne jedwede Scheu umarmte Odine den großen Mann und drückte ihm ein Küsschen auf die stoppelige Wange.

„Danke, Odine, danke. Endlich eine Tochter. Nicht, dass ich mich über einen sechsten Buben nicht genauso gefreut hätte. Aber die Kleine kommt ganz nach ihrer Mutter. Die Augen, die Haare. Ein bildhübsches Mädchen ist sie, meine Björa.“

„Dann wird sie später wohl oder übel allen Männern den Kopf verdrehen. Vielleicht ja auch Erik.“ Odine zwinkerte ihm spielerisch zu.

„Bloß nicht, bloß nicht“, winkte Einar fast schon panisch ab. „Vielleicht bekommt sie ja doch meine Knollennase. Meine Schwester meinte da einige typische familienspezifische Anzeichen erkannt zu haben.“

Odine lachte. „Egal, ob Knollennase oder nicht. Mit dir als Vater wird sie so oder so ein ganz klasse Mädchen.“

„Das ist sehr nett von dir, Odine“, erwiderte Einar gerührt. Dann räusperte er sich geschäftig: „Du solltest dich jetzt aber besser sputen, bevor Olaf noch ungeduldig wird.“

„Das ist er doch immer“, entgegnete Odine gut gelaunt, verabschiedete sich dann aber doch.

Sie folgte dem langen Glasgang, in dessen Wände feine Verzierungen eingearbeitet worden waren, die die idealisierte Geschichte von Olafs großem Krieg gegen das ‚Land der großen Ebene‘ erzählten. Wobei das Ende der Geschichte gleichsam auch den Eingang zu Olafs Arbeitszimmer markierte. Die Tür stand offen, wie sie es immer tat, so dass sie sehen konnte, wie Olaf in seinem Wasserbecken ungeduldig hin und her tigerte.

„Da seid ihr ja endlich!“ wurde sie, kaum dass sie den Saal betreten hatte, auch schon von seiner dröhnenden lauten Stimme begrüßt, während er ganz ungeniert versuchte, an ihr vorbeizuschielen. Fast so, als erwartete er ernsthaft, dass ihr schlanker Körper Eriks wesentlich muskulöseren und zudem um einiges größeren, verdecken würde. Als er die Hoffnungslosigkeit dieses Unterfangens festgestellt hatte, bellte er laut. „Wo ist Erik?“

„Vermutlich ist er wie immer zu spät“, antwortete Marit trocken, die sich auf dem Rand des Beckens niedergelassen hatte, um ein Buch zu lesen. „Kein Wunder in Anbetracht der Tatsache, dass du ihn nie für seine Verspätungen zur Rechenschaft ziehst.“

„Er hatte bislang immer einen guten Grund“, entgegnete Olaf von den Fällen, der Herr über Leben und Tod, trotzig wie ein kleines Kind.

Marit schnaubte. „Wenn man denn Einkaufen, Elchrennen oder simples Techtelmechtel als gute Gründe ansieht. Gib es doch wenigstens zu, Vater. Du verwöhnst ihn nach Strich und Faden und wunderst dich dann auch noch, warum er dir auf der Nase herumtanzt.“

„Ich verwöhne ihn ja gar nicht, deine Mutter ist die Schuldige. Sie…“

„Ach, hör doch auf“, unterbrach Marit ihn rüde. „Ihr beiden mit eurem dämlichen Wettstreit um Eriks Gunst. Bei euch ist einer doch schlimmer als der andere.“

Mein Abscheu wird durch Euch vermehrt.
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Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von »Plumbum« (5. September 2011, 22:11)


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Dienstag, 2. August 2011, 10:03

Kapitel 5: Odine Teil 2

Kapitel 5: Odine

Teil 2



Während sich Olaf und Marit wütend anfunkelten, war die vierte Person im Raum unbemerkt an Odine herangetreten.

„Und, alles in Ordnung daheim?“ Leifs Stimme klang ruhig und gelassen, so wie der Ton eines Menschen einfach klingen musste, der sein halbes Leben damit verbracht hatte, diversen Streitigkeiten zwischen Tochter und Vater beizuwohnen.

Odine schenkte ihrem Onkel ein humorvolles Lächeln verbunden mit einem kurzen Schulterzucken. „Thora hat gestern versucht, einen Kuchen für Mamas Rückkehr zu backen und….“

Leifs Lachen unterbrach sie: „Die Kleine scheint ja doch noch ihre feminine Seite zu entdecken. Wenn meine Schwester jetzt auch noch…“

„Sie hat die halbe Küche dabei verwüstet, und das Ergebnis war…“, Odine schüttelte sich unwillkürlich, „…bar jeder Vorstellung. Ich habe den ganzen Abend und die Hälfte des Morgens damit zugebracht, ihr Durcheinander zu beseitigen. Und gerade in diesem Augenblick versucht sie es erneut.“

„Na, wenigstens zeigt sie Durchhaltevermögen“, erwiderte Leif gut gelaunt.

„Und ich kann hinterher den ganzen Dreck wieder wegmachen.“

„Das kann sie doch auch allein, Odine. Thora ist immerhin kein kleines Kind mehr.“

„Aber sie…“, begann Odine, als Leif sie jäh unterbrach: „Du hast einen Putzfimmel, Mädchen. Also schieb das nicht auf deine Schwester.“

„Ich habe keinen Putzfimmel. Ich mag es nur einfach gerne sauber… und ordentlich! Thora kann das einfach noch nicht.“ Leifs Blick verriet ihr, dass er anderer Meinung war, allerdings bekam er nicht die Gelegenheit, dieses auch zu äußern, da in just diesem Augenblick Erik beschloss, seine mittlerweile chronische Unpünktlichkeit mit seinem Erscheinen zu krönen.

Sein Haar war gerade soweit zerzaust, dass es noch als cool durchgehen konnte, während er - seinen langen blauen Kaninchenfellmantels hinter sich her wehend - durch den Raum schlenderte, um seinen Großvater und seine Mutter zu begrüßen. Olaf umfing seinen Enkel in einer bärenmäßigen Umarmung, die so manch anderem wohl das Rückgrat gebrochen hätte, aber Erik erwiderte diese nur ebenso heftig.

„Wo hast du denn gesteckt, Bürschchen?“ dröhnte Olaf, kaum dass er ihn wieder losgelassen hatte.

„Ich war trainieren, damit ich beim großen Elchrennen zu Ehren deines sechzigsten Geburtstags keine Schande über dich bringe“, antwortete Erik nonchalant.

„Das ist mein Junge.“ Olafs Brust schwoll vor Stolz regelrecht an.

„Nach Strich und Faden verwöhnt“, murmelte Marit laut vor sich hin, was Olaf jedoch ignorierte. „Und was für eine Zeit hast du geschafft?“

Erik hob an etwas zu erwidern, wurde jedoch davon abgehalten, da seine Mutter beschloss sich einmal mehr einzumischen. „Ich unterbreche ja wirklich nur zu ungerne eure unglaublich wichtige Unterhaltung, aber könnten wir nicht zuerst über den eigentlichen Grund unseres Hierseins reden. Du meintest, es wäre wichtig, Vater, bevor du abgelenkt wurdest. Mal wieder!“

Olaf warf seinem Enkel einen entschuldigenden Blick zu, den dieser mit einem akzeptierenden Nicken quittierte, ehe er in Richtung der Wand hinter Odine sagte: „Du Busch, komm her.“

Als Odine sich umwandte, erblickte sie eine Frau, deren braune langen Korkenzieherlocken in allen Richtungen abstanden und dringend eines Haarschnitts bedurften, von ihren dreckigen Fingernägeln ganz zu schweigen. „Mein Name ist Beena“, erwiderte die Frau stolz, „ und ich bin kein einfacher Busch, ich bin eine Zwergholunder.“

„Ja, ja, ja, ja, dann halt ein Zwergbusch“, winkte Olaf ungeduldig ab. „Und jetzt komm einfach her, Beena, und erzähl, was du gehört hast.“

Beena musterte ihn einen Augenblick lang argwöhnisch, so als befürchtete sie, er würde sich über sie lustig machen, kam dann jedoch Olafs Befehl nach. „Mein Name ist Beena und ich lebe und spioniere zusammen mit meiner Zwillingsschwester Meena an der Zweigstelle der Mimage des Raum-Zeit-Kontinuums beim Eisernen Rücken. Vor gut drei Tagen haben wir belauscht, dass einer der Leute von Briseis vom Eisernen Rücken die Erdmimage bei einer Routinereise aus Versehen so schwer verwundet haben soll, dass sie momentan nicht mehr in der Lage ist, ihre dritte Stufe zu verwenden und mehr oder weniger in einer der anderen Welten festsitzt.“

„Wer weiß alles darüber Bescheid?“ fragte Marit, der die Sorge deutlich von der Stirn abzulesen war.

„Wir, Briseis vom Eisernen Rücken und Friedrich vom Mittland mit Sicherheit. Aber wo wir spionieren können, können es andere ebenso. Ich habe schon mal einen der Schattenwandler von der Herrin der großen Ebene dort herumschnüffeln sehen, und wenn die Gerüchte stimmen, ist Artemis vom Käfig, der unweit des Dimensionshexenhauses liegt, Briseis weit weniger treu ergeben, als es für den Eisernen Rücken wünschenswert wäre.“

„Ich mag die alte Gedankenspielerin auch nicht“, brummte Olaf, der wieder begonnen hatte unruhig in seinem Wasserbecken auf und ab zu wandern.

„Ich mache mir weniger Sorgen darüber, dass Briseis und Gail, geschweige denn Friedrich, diese Situation zu ihren Gunsten nutzen werden“, sagte Marit, den Kopf nachdenklich auf ihre gefalteten Hände gestützt. „Aber Dylana ist auf dem Vormarsch. Wenn sie von Mathildas Abwesenheit Wind bekommt und das Mittland auch noch übernimmt, hat sie die Hälfte aller Länder eingenommen.“

„In dem Schneckentempo, mit dem sie sich vorwärts bewegt, ruhen wir schon alle zwei Meter tief unter der Erde, ehe sie die Grenzen zum Mittland überhaupt erreicht hat.“

Odine bezweifelte stark, dass Olaf Recht haben und Dylana ihn überleben würde. Sie mochte zwar eine der wohl mächtigsten Wassermimages aller Zeiten sein, allerdings war sie nichts desto trotz über fünfzig Jahre älter als er, und selbst sie würde irgendwann sterben.

„Wir sollten dennoch vorsichtshalber prüfen, was dort vor sich geht“, forderte Marit, die Stimme der Vernunft.

„Das wären dann zwei Missionen, die eine zu Mathildas Hauptsitz im Mittland, die andere zu ihrem Zweitsitz“, schlug Leif vor.

„Ignoriert mich ruhig. Ich bin ja nur euer Herr“, knurrte Olaf griesgrämig ob der Nichtbeachtung.

„Hast du eine bessere Idee, Vater?“ Marit warf ihm einen fragenden Blick zu, doch als Olaf nur missmutig schwieg, fuhr sie fort: „Dann wäre das ja geklärt. Ich würde sagen, Leif und ich fliegen der Einfachheit halber ins Mittland, während Odine und Erik unterdessen zur Zweigstelle reiten. Was dagegen, Herr Olaf von den Fällen?“ Sie blickte ihren Vater provozierend an, welcher ihr nach einigen Sekunden mit gesenktem Kopf, einer wegwerfenden Handbewegung und einem gemurrten „Von mir aus“ zustimmte.

„Gut.“ Mit einem lauten Klappen schlug Marit ihr Buch zu und erhob sich.

„Tut mir wahnsinnig Leid, aber ich kann nicht“, erklang in diesem Augenblick Eriks Stimme zu ihrer Rechten.

Olaf hob den Kopf, während Marit lediglich eine Augenbraue hochzog. „Du kannst was nicht?“

„Auf eine Mission gehen. Ich muss mit Kuddel und Muddel für das alljährliche Wasserfall-Rennen trainieren.“ Odine musste ein Grinsen unterdrücken. Irgendwie wirkte Erik kein bisschen so, als würde es ihm Leid tun.

„Zudem muss ich mich auch noch um Tinka und Bell kümmern.“

„Hat deine Großmutter dir etwa noch mehr Rennelche geschenkt?“ In Olaf Stimme klang eindeutiges Misstrauen und die Frage mit, ob seine Frau in dem Kampf um Eriks Gunst und ohne sein Wissen einen entscheidenden Vorteil erreicht hatte.

„Tinka und Bell sind Eriks momentane Geliebte“, erklärte Odine hilfsbereit.

„Zwei Geliebte?“ Olaf schien kaum in der Lage zu sein, seinen begeisterten Stolz in Worte zu fassen, aber letztendlich gelang es ihm doch noch. „Du bist ganz wie dein Opa.“

„Na hoffentlich werden seine Geliebten nicht auch in Stein verwandelt und verunstalten das Ambiente noch mehr, als es eh schon verunziert ist.“

Olaf warf Marit bei diesen Worten ein strengen Blick zu, ehe er an Erik gewandt fragte: „Ich hoffe doch sehr, die beiden sind hübsch genug, um mir wunderschöne Urenkel zu gebären?“

Irgendwie zweifelte Odine daran, dass Olafs Wunsch nach wunderschönen Urenkeln in naher Zukunft in Erfüllung gehen würde. Zum einen weil gerade Erik niemand war, der sich so leicht an jemanden binden würde, zum anderen weil sowohl Tinka als auch Bell nicht nur strohdumm waren, sondern zudem auch noch über strohiges schlecht blondiertes Haar und Ansätze zu einem dicken Hintern verfügten.

„Sie sind ganz in Ordnung, und keine von ihnen hat auch nur annähernd einen so dicken Hintern, wie Odine ihn hat.“ Odines Blick durchbohrten ihn förmlich, woraufhin Erik ihr jedoch lediglich zuzwinkerte. „Stimmt doch, Odine. Wenn du nicht permanent darauf achten würdest, ihn eingezogen zu halten, würde er bald schon richtig übel herunterhängen.“

Thora hatte recht. Manchmal benahm sich Erik wirklich wie ein verzogenes Balg.

„Jetzt reichst aber, Erik“, mischte sich Marit entschieden ein. „Ich weiß gar nicht, woher du ein so schlechtes Benehmen hast, na gut, ich weiß es schon.“ Sie warf Olaf einen anklagenden Blick zu. „Wie dem auch sei…Du, mein lieber Sohn, wirst deine Pflichten gegenüber deinem Lande und deinem Herrn erfüllen und brav auf die Mission gehen, die dir aufgetragen worden ist. Mir ist es egal ob Kuddel oder Muddel oder Tinka oder Bell auf dich warten, dein Land geht vor!“

„Aber das Rennen…“

„Dein Land geht vor!“

„Opa“, wandte sich Erik daraufhin bittend an Olaf, doch dieser wedelte nur abwehrend mit den Armen. „Haltet mich da raus. Wie es mir scheint, ist heute mal wieder einer dieser verdammten Tage, an denen ich weder in meinem eigenen Haus noch in meinem eigenen Land etwas zu sagen habe. Also lasst mich doch einfach in Ruhe.“ Mit diesen Worten verschränkte er die Arme vor die Brust und ließ sich von dem Wasser zu seinen Füßen in die Mitte des Beckens treiben. Ein unmissverständliches Zeichen dafür, dass das Gespräch beendet war.

Erik murrte immer noch leise vor sich hin, als Odine neben ihn trat. Eigentlich hätte sie noch wütend sein müssen ob der Sache mit ihrem Hintern, da sie sich aber sicher war, dass er perfekt war, gerade so, wie die Natur ihn geschaffen hatte, überwand sie ihren Ärger mit Leichtigkeit. Sie stupste Erik sachte von der Seite an: „Hast du Lust, zur Sieben-Fälle-Schmuck-Galerie zu gehen. Ole scheint heute eine neue Lieferung bekommen zu haben.“

Erik hob den Kopf, wie ein Tier, was soeben die Witterung seiner Lieblingsbeute aufgenommen hatte. „Klar.“

Während sie friedlich vereint den Raum verließen, um einmal mehr eine Einkaufsorgie zu feiern, schweiften Odines Gedanken zurück zu ihrer kleinen chaotischen Schwester, die zu diesem Zeitpunkt vermutlich schon die halbe Küche mit Schokoladenteig verkleistert hatte. Sie überlegte einen Augenblick, bevor sie Erik leise fragte: „Denkst du, dass ich oberflächlich bin?“

Erik blickte sie einen Augenblick überrascht an, bevor er erwiderte: „ Ja, aber nur ein kleines bisschen.“

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Montag, 22. August 2011, 18:43

Kapitel 6: Mimage und Nero

Teil 1


Jeder im Land des Eisernen Rückens trug schwarz. Jeder. Angefangen von den ganz kleinen Kindern, die im Lichte der hereinbrechenden Abenddämmerung über den Vorplatz von Briseis‘ Turm tollten, bis hin zu den Alten und Gebrechlichen, die diese Strecke nur noch unter weit größerer Anstrengung und Mühe zurücklegen konnten. Fast schien es so, als würde das Land kollektiv Trauer tragen, sofern es denn nicht einem etwas eigenwilligen Zweig der Gothik-Szene angehörte. Einem Zweig, der neben dem Tragen der Farbe Schwarz beinhaltete, dass man sich entweder den Kopf kahl scheren musste und unabhängig von Alter und Geschlecht sich möglichst nur leicht bekleidete oder aber barfuß und möglichst schmutzig herumlief. Die einzige auch für den Winter geeignete Alternative schien es indes zu sein, besonders skurril geschnittene Kleidung zu tragen. Augenscheinlich wurde nichts in dieser Welt als schlimmer erachtet, als gewöhnlich auszusehen.

Als ob die wenigen Menschen, die Felix auf dem Platz zu Gesicht bekam, nicht schon eigenartig genug gewirkt hätten, waren die Häuser, welche in einem respektvollen Abstand einen Kreis um den schwarzen Turm ihrer Herrin bildeten, einfach nur noch bizarr zu nennen. Sie leuchteten. Sie leuchteten wirklich! Nicht so wie die Häuser bei ihm daheim, wo sich nur hier und dort ein Lichtstrahl durch ein offenes Fenster auf die Straße verirrte, nein, sie schienen vielmehr in ihrer Gänze zu erstrahlen. Ein Strahlen, das tief im Inneren des jeweiligen Hauses zu beginnen schien, ehe es sich seinen Weg zu den Außenwänden suchte, diese in ein lavaähnlich glühendes schwarzes Gestein verwandelte, nur um dann die Straße in ein orangefarbenenes Licht zu tauchen. Alles in allem wirkten die Gebäude dadurch wie übergroße, mit reichlich Verzierung geschmückte Lampen, die weder Ecken noch Kanten besaßen, sondern glatt und ebenmäßig geformt waren. Felix musste an sich halten, um nicht seine Finger über eine der Wände gleiten zu lassen. Hastig schob er seine Hände in die Tasche seiner Jacke, während er an den Gebäuden vorbei Heros folgend die Hauptstraße hinunterschlenderte.

Je weiter er sich von Briseis‘ Turm entfernte, umso menschenleerer wurden die Straßen. Nur hier und dort erblickte er noch die ein oder andere Glatze oder ein Paar unbedeckter dreckiger Füße. Er musterte die wenige Männer und Frauen, die er sah, unverhohlen und diese erwiderten seine Blicke ebenso interessiert. Felix wusste, dass er mit seiner blauen Jeans und seiner roten Sportjacke inmitten der Schwarz liebenden Exoten wie ein Paradiesvogel wirken musste.

Auch Heros war die gegenseitige Musterung nicht entgangen, da er unvermittelt brummte: „Deine Kleidung und deine Haare sind zu auffällig dafür, dass du eigentlich nicht auffallen sollst. Sobald wir bei mir daheim sind, bekommst du einige Sachen in unserer Landesfarbe.“ Er musterte Felix abschätzend. „Am besten rasieren wir dir auch die Haare ab. Die Farbe ist bei weitem zu Aufsehen erregend für unsere Zwecke.“

„Meine Haare bleiben, wo sie sind“, erwiderte Felix entschieden. Er mochte gar nicht daran denken, wie sein Vater reagieren würde, wenn er in einigen Tagen mit einer Glatze und der Erklärung, er hätte aufgrund eines kaputtes Raum-Zeit-Kontinuums in einer anderen Dimension festgesessen, vor der Haustür stehen würde. Natürlich würde die Freude über seine sichere Heimkehr alles andere überstrahlen. Aber nach der Freude würden nur allzu schnell viel zu viele Fragen auftauchen und es wäre bedeutend leichter, diese mit allen Haaren auf dem Kopf zu beantworten, als ohne.

„Das Haar kommt ab!“

„Wenn du das machst, gehe ich zu Briseis. Sie wird garantiert nicht erfreut sein zu hören, wie mies du ihren Gast behandelst.“

Heros runzelte irritiert die Stirn, gab dann seinen Wünschen jedoch nach. „Dann musst du eben eine Mütze tragen.“ Anscheinend hatte er keine Lust weiter zu diskutieren.

Felix bemühte sich nicht einmal, ein triumphierendes Grinsen zu unterdrücken. Er mochte dem anderen vielleicht körperlich unterlegen sein, aber solange das Damoklesschwert Briseis über Heros‘ Kopf schwebte, würde er sich bei ihm durchsetzen können. „Und ich will auch nicht bei dir daheim untergebracht werden, besorg mir ein…“ Felix versuchte verzweifelt, einen passenden Namen für das Wort „Hotel“ in der fremden Sprache zu finden, doch es gab keins. „Besorg mir irgendwo anders ein Zimmer.“

„Nein!“ entgegnete Heros entschieden.

„Ich bin Briseis‘ Gast und…“

„Das Ganze hier hat mit Gastfreundschaft nichts, aber auch wirklich gar nichts zu tun. Du sollst einfach nur so wenig wie irgend möglich auffallen. Aber in einer Gaststätte wirst du, ein Anderweltler, eben genau dieses tun und das ist mit Sicherheit das letzte, was Briseis will.“

Felix legte ob dieser Antwort die Stirn in Falten, erwiderte allerdings nichts, sondern trottete stattdessen wieder schweigend hinter Heros her. Nach und nach begannen sich die Häuser entlang des Weges zu verändern. Es war ein schleichender Prozess. Zuerst war es die imposante Größe, die abnahm, dann die Anzahl an Verzierungen und schlussendlich wich der zuvor noch wunderbar lavagleich glühende Stein einem einfachen bräunlichen, dessen Wände zwar heller, dafür allerdings in einem unregelmäßigen, schmutzig wirkenden Weiß leuchteten. An einem dieser einstöckigen braunweißen Steinhäuser hielt Heros schließlich an. „Das wird dein Heim für die nächsten Tage sein.“ Noch während er sprach, zog er einen Schlüssel hervor, öffnete die Tür und trat ein. Zögernd folgte Felix ihm.

Er betrat einen langen Flur, dessen Wände dasselbe Licht absonderten wie die Außenfassade. Heros schien dieses nicht weiter ungewöhnlich zu finden, da er unbeirrt seine Jacke an einem Kleiderständer aufhängte, ehe er laut in den leeren Flur sagte: „Ich bin wieder da.“

Einen Augenblick lang blieb es still, doch dann hörte Felix ein Fußgetrappel, und kurze Zeit später lugte ein kleiner, schwarzhaariger Kinderkopf um die erste Türöffnung. Große, neugierige Kinderaugen musterten ihn einen Moment lang misstrauisch, bevor der Knabe seinen Beobachtungsposten verließ und auf sie zu tapste. Unter seinen rechten Arm hatte er eine - wie konnte es auch anders sein - schwarze, wenn auch arg mitgenommene Stoffkatze geklemmt, während er in seiner linken Hand ein angebissenes Stück Brot hielt. Er blieb direkt vor Heros stehen, blickte zu ihm auf, ehe er auffordernd „Arm“, sagte.

Heros lachte leise, beugte sich dann allerdings herab, um dem Wunsch des Jungen nachzukommen. Als er sich wieder aufrichtete, befand sich der Kleine direkt auf Augenhöhe mit Felix. Neugierde war in seinen Augen zu erkennen, von denen das eine braun und das andere grün war. „Katze?“ fragte der Bursche.

Heros grinste amüsiert. „Nein, Tamilo. Das ist Felix, unser Gast.“

Der kleine Junge legte den Kopf zur Seite, verharrte einen Augenblick lang in dieser Position, schien dann jedoch zu Felix‘ Gunsten entschieden zu haben, da er ihm auf einmal anbietend sein Brot hinhielt: „Essen?“

Felix wusste nicht genau, wie er darauf reagieren sollte, als eine weibliche Stimme aus dem Raum erklang, den Tamilo erst vor kurzem verlassen hatte. „Kommst du nun endlich oder bist du etwa am Boden festgewachsen?“

Heros verdrehte genervt die Augen, ging dann jedoch entschlossen auf die Türöffnung zu und betrat den Raum. Felix folgte ihm langsam, blieb allerdings unter dem Türbogen stehen. Das Zimmer war groß und weitläufig. Direkt an der der Tür gegenüberliegenden Wand befand sich eine Art Herd, nebst Spüle und Vorbereitungsfläche, sowie einige Vorratsschränke. Alle Möbel waren aus demselben Stein gefertigt worden, aus dem auch das Haus bestand und schienen nahtlos mit diesem verschmolzen zu sein. An einem dieser Möbel, einem kniehohen Esstisch, der seinen Platz inmitten der Küche gefunden hatte, saßen zwei Menschen. Ein Mädchen und ein Mann.

„Na, was hast du denn diesmal wieder gemacht, um deinen Auftrag zu vermasseln?“ fragte das etwa zehnjährige Mädchen, das auf dem Boden vor dem Tisch hockte und eifrig etwas auf ihren Block schrieb, ohne aufzublicken.

„Ich habe gar nichts gemacht“, erwiderte Heros empört, doch als das Mädchen, den Kopf immer noch über ihre Arbeit gesenkt, nur skeptisch die Augenbrauen hochzog, hakte er misstrauisch nach: „Okay. Wer hat es dir verraten? Sag’s mir, Sybilla!“

„Du hast also tatsächlich mal wieder Mist gebaut.“ Die Stimme des Mädchens triefte förmlich vor Befriedigung über die Richtigkeit ihrer Vermutung. „Nicht, dass mich das überraschen würde, also… was war es diesmal?“

„Nichts.“

„Ach komm schon, Heros, es ist ja nicht so, als ob uns noch irgendetwas schockieren würde, also was…“ Sie legte ihren Stift beiseite und blickte auf. Ihre Augen weiteten sich vor Überraschung. „Wer ist das?“

„Ein Gast.“

„Ein Gast?“ hakte nun auch der Mann nach, der zusammen mit Sybilla am Tisch saß.

„Ja, ein Gast. Briseis‘ Gast, um genau zu sein. Sie will, dass ich mich um ihn kümmere.“ Irgendwie konnte sich Felix des Eindrucks nicht erwehren, dass Heros versuchte, die Frage als unwichtig abzutun.

„Du?“

„Ja, ich“, erwiderte Heros, wobei eindeutig ein nicht unerhebliches Maß an Trotz in seiner Antwort mitklang.

„Warum du?“ Sybillas Stirn kräuselte sich vor Skepsis. „Was ist mit Helena?“

„Helena hat jemanden in der anderen Welt kennengelernt und beschlossen dort zu bleiben.“

Das Mädchen schwieg einen kurzen Augenblick lang, atmete übertrieben tief ein und aus, ehe sie ungläubig fragte: „Du hast schon wieder einen Partner verloren?“

Heros Gesicht lief puterrot an, und er versteifte sich unwillkürlich. „Ich habe sie nicht…“ Er suchte nach den passenden Worten, allerdings ohne Erfolg, „…verloren! Sie hat einfach beschlossen, nicht zurückzukommen.“

„Ach, Heros“, seufzte der Mann und fuhr sich mit der Hand durch sein dunkles Haar. „Du weißt…“

„Vater, bitte“, unterbrach Heros ihn, allerdings ohne Erfolg, da dieser bereits fortfuhr: „… du weißt schon, dass irgendwann die Leute aufgrund deiner miesen Statistik nicht mehr mit dir zusammenarbeiten wollen.“

„Du tust ja gerade so, als ob ich das mit Absicht machen würde“, entrüstete sich Heros.

„Naja, es gibt da vermutlich den ein oder anderen, der das anders sehen würde: Esra, Ikarus, Helena…“

„Es reicht langsam, Sybilla“, ergriff Heros‘ Vater unerwarteter Weise für seinen Sohn Partei, woraufhin Sybilla schmollend die Lippen schürzte. „Was soll unser Gast denn von uns denken?“ Er erhob sich von seinem Sitzkissen, durchquerte den Raum und streckte Felix die Hand entgegen, um die seine herzlich zu schütteln. „Ich bin Phobos, Heros‘ Vater. Es ist uns eine Ehre, einen von Briseis‘ Gästen in unserem Haus willkommen zu heißen.“ Felix setzte gerade dazu an, sich etwas zu entspannen, als Heros‘ Vater leise murmelnd ergänzte: „Wenn ich auch nicht ganz verstehe, warum ausgerechnet jemand so unzuverlässiges wie Heros dich betreuen soll?“

Mit diesen Worten warf er seinem Sohn einen auffordernden Blick zu, welcher allerdings ablehnend den Kopf schüttelte. „Tut mir Leid, aber ich kann es nicht sagen.“

„Kannst du nicht, oder willst du nicht?“ mischte sich Heros‘ kleine bösartige Schwester auf ein Neues ein.

Heros ignorierte sie jedoch einfach und schenkte seinem Vater einen bedeutungsschweren Blick. „Ich kann es wirklich nicht.“

„Briseis?“

Heros nickte, woraufhin sein Vater in Gedanken versunken vor sich hinstarrte. Seine Gesichtszüge wirkten angespannt, so als kämpfte er innerlich einen Kampf aus, während seine beiden ältesten Kinder, obgleich sie sich noch vor wenigen Sekunden wie Katze und Hund verhalten hatten, einträchtig schweigend warteten. Mehrere Minuten lang blieb der Raum in dieser Stille versunken, doch dann erhob sich Phobos abrupt: „Zeit zum Essen.“

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Montag, 22. August 2011, 18:46

Kapitel 6: Mimage und Nero

Teil 2


Als Felix am nächsten Morgen erwachte, fühlte er sich wie gerädert. Sein Bett war nicht nur wie alles andere in dem Haus auch aus Stein geformt, sondern hatte sich trotz Matratze und Kissen auch so angefühlt. Mühsam kämpfte er sich aus den Federn und streckte sich. Das morgendliche Licht, das durch das Fenster in den Raum fiel, bestätigte seinen Eindruck vom Vorabend, dass es sich bei dem Zimmer um ein reines Schlafzimmer handelte, da lediglich zwei Betten und zwei Kleiderschränke in dem Raum untergebracht worden waren.

Felix warf einen Blick auf das andere Bett, in dem Heros sich zusammengerollt hatte und immer noch tief und fest schlief. Er zögerte kurz, beschloss dann jedoch, dass er keine Lust hatte, noch unnötig länger in dem unbequemen Bett zu verharren. Rasch zog er sich seine Schuhe an, bevor er die Tür öffnete und auf den Flur hinaustrat. Er lauschte und schritt dann, als er Geräusche aus der Küche vernahm, zielstrebig auf diese zu, nur um sodann im Türrahmen einmal mehr innezuhalten.

„Guten Morgen, Felix“, begrüßte ihn Heros‘ Vater freundlich, der, während Tamilo zu seinen Füßen spielte, in ein paar Akten geblättert hatte „Möchtest du zuerst frühstücken oder willst du dich erst einmal frisch machen?“

Felix blickte an sich herunter. Seine Kleider saßen schlecht und starrten vor Dreck - was in Anbetracht der Tatsache, dass er sie zwei Tage nicht gewechselt und zudem in ihnen geschlafen hatte, nicht wirklich verwunderlich war. Allerdings hatte er nichts zum Wechseln dabei. Hilflos zuckte er mit den Schultern.

„Ich habe ein paar von Heros‘ alten Sachen zusammengesucht, die dir passen sollten.“ Ohne Felix‘ Antwort abzuwarten, erhob sich Phobos von seinem Platz, um ihm die angebotene Kleidung zu holen und ließ Felix mit dem kleinen Tamilo allein zurück. Wie bereits am Vorabend musterte der Kleine ihn weit mehr interessiert als ängstlich. Seine unterschiedlichen Augen, die denen seines Vaters so ähnlich waren, fixierten ihn, als er aufstand und - seine geliebte Stoffkatze unter dem Arm geklemmt - vor ihm stehen blieb.

Er deutete mit dem Finger auf ihn. „Felix.“ Dann zeigte er auf sein Stofftier. „Katze.“ Und schlussendlich wanderte sein Finger zu ihm selbst. „Tamilo.“

Felix lachte, ließ sich vor dem Jungen in die Hocke sinken und begann sich mit ihm zu unterhalten. Er mochte kleine Kinder, er hatte sich eigentlich schon immer gut mit ihnen verstanden. Während seine Freunde sich häufig über ihre nervigen kleinen Geschwister beschwert hatten, hatte er selbst nie dieses Problem mit Rike gehabt. Das Gegenteil war eher der Fall gewesen. Er war stolz darauf, ein großer Bruder zu sein und seiner kleinen Schwester da zu helfen, wo gerade Not am Mann war.

„Na, Tamilo, hast du einen neuen, kleinen Freund gefunden?“ fragte Phobos leise lächelnd, als er mit ein paar Kleidungsstücken zurückkehrte.

„Kleiner Freund“, wiederholte Tamilo begeistert, was Felix mit einem gequälten Lächeln quittierte. Er war etwas empfindlich, was seine Körpermaße anging.

„Aber dein Freund muss jetzt erst mal duschen gehen. Er stinkt!“ erklärte Phobos wie selbstverständlich und drückte dem etwas perplexen Felix die Kleidung in die Hand, ehe er sich, als wäre nichts gewesen, wieder seinen Unterlagen zuwandte. Felix verharrte einen Augenblick lang fassungslos in dieser Position, wandte sich dann allerdings ab, um das Badezimmer aufzusuchen.

„Und lass deine dreckigen Sachen bitte gleich im Bad, ich bringe sie dann später in die Wäscherei“, rief Phobos ihm hinterher, als er gerade die Tür des Badezimmers hinter sich schließen wollte. „Das ist die einzige Möglichkeit, dieses widerliche Erbrochene und die Blutflecken noch raus zu bekommen.“

Felix‘ Gesicht rötete sich vor Scham und Ärger. Was war mit Heros‘ Vater los? Warum musste er ihm zuerst ein nettes Angebot machen, nur um dann zu versuchen, ihn mit einem gezielten Nachsatz in Verlegenheit zu bringen? Wütend zog er seinen Pullover aus und warf ihn in die Ecke. Warum gab es nicht eine einzige Person in diesem Land, die einfach nur mal nett zu ihm sein konnte, oder wenigstens Mitleid mit ihm und seiner verfahrenden Situation hatte. Stattdessen drohte Heros ihm an, seine Haare abzurasieren, Sybilla schien nichts mehr zu interessieren als ihre ständige Besserwisserei, Phobos streute bewusst oder unbewusst Salz in seine Wunden, indem er über seine Körpergröße und seinen Geruch herzog und Briseis…Briseis war einfach nur unheimlich in ihrer ganzen Art und Weise.

Frustriert über seine missliche Lage entledigte er sich seiner Jeans, knüllte sie zusammen und schleuderte sie in die Ecke, woraufhin der in eben an diesem Platz stehende Besen mit einem lauten Scheppern zu Boden fiel. Einen Moment lang war es still, doch dann vernahm Felix ein leises Klopfen an der Tür. „Alles in Ordnung da drin?“

„Alles Okay, ich habe nur aus Versehen den Besen umgestoßen“, versuchte Felix Phobos zu beruhigen und beeilte sich den Feger rasch wieder aufzustellen.

„Dann ist es ja gut.“

Felix wartete, bis er Phobos‘ davon schreitende Schritte hörte, ehe er auch den Rest seiner Kleidung auszog. Er wollte gerade in die Dusche steigen, als er den Verband an seinem linken Oberarm bemerkte. Vorsichtig entfernte er die Bandage und betrachtete nachdenklich die bereits mit Schorf bedeckte Wunde, die sich nur wenige Millimeter unterhalb der Stelle befand, wo er sich den Namen Nicole hatte eintätowieren lassen. Merkwürdigerweise konnte er sich nicht einmal daran erinnern, wann er sich diese Verletzung zugezogen hatte – geschweige denn, ob er sich nun beim Kampf mit Heros oder bei seiner Flucht durch den Wald verletzt hatte. Aber da die Wunde bereits am Abheilen war, war es ohnehin egal.

Rasch trat er in die Dusche. Das Wasser, das mitten aus der Decke kam, war - für Felix‘ Temperaturempfinden – eiskalt, und so beeilte er sich, die ganze Prozedur möglichst schnell hinter sich zu bringen.

Seine Zähne klapperten laut, als er die Dusche verließ, so dass er sich beeilte, in Heros‘ alte Kleidung zu schlüpfen. Er hatte gerade den Gürtel des kimonoartigen Mantels um seine Taille geschlungen, als vor der Tür ein Tumult losbrach. Felix zögerte kurz, doch dann konnte er einfach nicht widerstehen. Er öffnete die Tür einen Spalt breit und spähte durch die entstandene Lücke hindurch in den Flur hinaus. Doch was er sah, ließ ihm förmlich das Blut in den Adern gefrieren. Es war, als wäre sein Alptraum vom Vortag plötzlich zum Leben erwacht. Nur dass es sich nicht um ein Riesenkaninchen handelte, sondern um eine anderthalb Zentner schwere, schwarze Monsterkatze und dass dieses Mal nicht er der Verfolgte war, sondern Tamilo.


Felix erbleichte. Wo war Heros, wo Phobos, warum half denn niemand dem Kleinen, der um sein Leben rannte und aus Leibeskräften schrie. Wo waren sie? Warum hörten sie nichts? Verdammt noch mal, war denn keiner hier, der dem Jungen zu Hilfe eilen konnte? Felix‘ Beine, die sekundenlang wie festgefroren am Boden geklebt hatten, wichen plötzlich wie von selbst einige Schritte zurück.

Nein.

Nein!

Er konnte Tamilo nicht helfen. Er war doch selbst kaum mehr als ein Kind. Er konnte nicht…Bilder stiegen in ihm auf. Erinnerungsfetzen, in denen der Junge ihm seine Stoffkatze vorgestellt und ihn auf seine ureigene kindliche Art und Weise in seinen Freundeskreis aufgenommen hatte. Felix ließ den Kopf gegen die kühle, mit Wasser benetzte gläserne Duschwand sinken. Verdammt noch mal! Er ergriff den Besen, riss die Tür auf und schnappte sich den gerade vorbeilaufenden Tamilo am Arm, um ihn hinter sich ins Badezimmer zu schieben, während er mit dem steinernen Besenstiel nach der Monsterkatze schlug. Diese wich dem einen Schlag aus, sprang beim zweiten ein Stück zurück und verwandelte sich, als Felix zum dritten Schlag ansetzte, in einen ziemlich wütenden Heros. „Sag mal, spinnst du, oder was soll das?“

Laut polternd fiel der Besen zu Boden, als Felix‘ zitternde Hand anklagend in Heros‘ Richtung deutete. „Ka…Ka…Ka… Ka…. Katze.“

„Ja, ich kann mich in eine Katze verwandeln, na und? Das ist doch nun wahrhaftig kein Grund, mich erschlagen zu wollen, oder?“ fauchte Heros ärgerlich ohne sich um seine Nacktheit zu kümmern.

„Ka…Ka…. Katze!“

Heros‘ Stirn legte sich in Falten, als er prüfend den Kopf zur Seite beugte. „Sag mal, ist alles in Ordnung mit dir? Du wirkst ein bisschen… durcheinander?“ In seiner Stimme klang nun eindeutig Unsicherheit mit.

„Ka..ka, ka, ka, ka…“

„Ja, ich weiß, Katze!“ Heros nickte bekräftigend, ehe er ihm hilfsbereit unter die Arme griff und ihn in die Küche führte, um ihn dort auf eines der Sitzkissen zu drücken.

Langsam, aber stetig, wich der dichte Nebel der Verständnislosigkeit aus Felix‘ Gehirn. Er fixierte Heros, der sich auf das Sitzkissen ihm direkt gegenüber hatte sinken lassen, mit einem starren, bohrenden Blick, der Briseis vor Neid hätte erblassen lassen, als er mit brüchiger Stimme das Offensichtliche feststellte: „Du bist eine Katze.“

„Ich kann mich in eine Katze verwandeln“, verbesserte Heros ihn mit einer fast schon widerwärtig beruhigenden Stimme.

„Aber Katze ist kein Element.“ Felix zögerte kurz. „Oder?“

„Natürlich gehören Katzen nicht zu den vier Elementen, was redest du da?“ Heros’ Stimme klang nun wieder etwas ungeduldiger, normaler.

„Aber Briseis hat gesagt, die Magier hier sind Elementmagier und da habe ich gedacht…“ An dieser Stelle stockte Felix.

Heros schnaubte abfällig. „Das ist wieder mal typisch.“ Er atmete tief durch, so als bereitete er sich innerlich auf ein anstrengendes Gespräch vor. „Mimage sind Elementmagier. Sie können eine Affinität zu Feuer, Wasser, Erde und Luft besitzen. Aber ich bin kein Mimage, sondern ein Nero. In diesem Fall ein Nero, der sich in eine Katze verwandeln kann. Es gibt viele von uns, die Gestaltenwandlern sind, andere Neros können hervorragend hören oder sehen oder riechen, und wieder andere sind in der Lage, ihren Körper so zu verändern, dass sie zum Beispiel zweidimensional werden. Der Hauptunterschied zwischen uns und den Mimages ist, dass wir Neros unsere Magie auf unseren eigenen Körper anwenden, während die Mimage ihr jeweiliges Element benötigen, weil sie mit diesem ja auch arbeiten müssen. Ist doch ganz logisch, oder?“

Felix schwirrte der Kopf. Das watteweiche Gefühl, das seit dem Gespräch mit Briseis sein Gehirn in einem warmen schützenden Kokon gehalten hatte, verflüchtigte sich zunehmend. Er wusste zwar immer noch, dass diese Welt, diese fremde Welt, real war, dass ihre Menschen real existierten und dass es so etwas wie Magie gab, und doch war Heros‘ Erklärung weit weniger einleuchtend gewesen als Briseis‘. Es war zum Verrücktwerden. Sein Kopf glaubte an Mimage, die er noch nie zuvor gesehen hatte, und doch stellte er zur gleichen Zeit die Existenz von Neros in Frage und das, obwohl er einen solchen soeben mit eigenen Augen erblickt hatte. Seine Gedanken schwirrten ungeordnet in seinem Kopf hin und her. Er zweifelte an der Richtigkeit dieser Welt und konnte doch nicht gänzlich zweifeln.

Er spürte Heros‘ nachdenklich musterende Augen einmal mehr auf sich, bemerkte wie dieser irgendwann unruhig wurde, nur um sich dann mit einem „Ich muss mir nur schnell etwas anziehen, bin gleich wieder zurück“ verabschiedete und mit Tamilo im Schlepptau die Küche verließ. Er war allein. Sein Blick glitt unkontrolliert durch den Raum, blieb kurz auf einem Zettel haften, der Heros mitteilte, dass sein Vater weg musste, um Ariadne vom Schulausflug abzuholen, nur um dann am Fenster zu verharren.

Langsam erhob er sich von seinem Sitzplatz und trat näher an dieses heran. Während die Straßen am Abend zuvor noch menschenleer gewesen waren, schienen sie im Lichte des Tages beinahe vor Leben zu ersticken. Schwere, ächzende, von Rentieren gezogene Gefährte, bahnten sich ihren Weg unter lautem Hufgetrappel durch die Straßen. Vorbei an Heros‘ Landsleuten und einigen Fremden, die mit ihrer weniger deprimierenden blauen, weißen und grünen Kleidung aus der Menge herausstachen wie bunte Farbtupfer.

Sein Blick fiel unwillkürlich auf einen Mann, der sich an eine Art doppelseitige Sackkarre lehnte, welche auf der einen Seite über eine große Tragfläche verfügte und auf der anderen Seite – der Seite, an der sich auch die Griffe befanden- eine kleinere Tragfläche in Form einer Box hatte. Das Ganze wäre vermutlich nichts AAußergewöhnliches gewesen, wenn er dabei nicht samt Karren gut drei Meter über dem Boden geschwebt hätte, um sich besser mit einer Frau, die gerade an der Fassade eines Hauses arbeitete, unterhalten zu können. Es waren Magier! Natürlich waren es Magier, aber…aber sie waren echt, ihre Magie war echt. Nicht die Art von Zauberei, die darin bestand, mit einer großen, dramatischen Geste ein Kaninchen aus dem Hut zu zaubern, um damit den Beifall irgendeines Publikums zu erhalten, sondern anders.

Er blickte sich um in der Erwartung, dass auch andere Leute auf das Außergewöhnliche, das gerade direkt über ihren Köpfen stattfand, aufmerksam geworden waren. Doch die geschäftig hin und her eilenden Menschen auf den Straßen hätten nicht uninteressierter sein können. Fast schien es Felix so, als ob dieses Schauspiel für sie Normalität wäre, als ob Magie für sie zum Alltag gehören würde und jegliche Faszination, jedweden Zauber verloren hatte.

Er verfolgte von seinem Beobachtungsposten aus, wie der Mann mit der Sackkarre diese plötzlich zurücksteuerte, nur um sodann mit einer wahnsinnigen Geschwindigkeit über die Köpfe der Menschen hinweg die Straße hinunter zu rasen. Dabei hätte er fast einen seiner etwas höher gewachsenen Landsleute erwischt, der seinen Unmut dadurch zum Ausdruck brachte, indem er seinen rechten Arm in einen riesigen Hammer verwandelte und diesen in einer Drohgebärde über den Kopf hob.

Schon zum zweiten Mal an diesem Morgen spürte Felix, wie ihm die Knie weich wurden und seine Gedanken ins Chaos drifteten. Er hörte nicht einmal, wie die Eingangstür sich öffnete und wieder schloss und nahm nur am Rande wahr, wie Heros‘ Vater mit Sybilla und einem weiteren, etwas kleineren Mädchen zusammen den Raum betrat.

„Das ist Ariadne, meine Jüngste. Sie …“ Phobos stockte, als er in Felix‘ blasses Gesicht mit den weit aufgerissenen blauen Augen blickte. „Ist alles in Ordnung mit dir? Du siehst scheiße aus.“

Felix konnte nicht anders, sondern deutete nur anklagend auf die Straße, worauf Heros‘ Vater neben ihn trat, um ebenfalls einen Blick auf diese zu werfen.

„Also ich sehe nichts Felix, was meinst du denn?“

Erneute zeigte Felix mit zitternder Hand auf die Straße.

„Och nee, bitte nicht schon wieder“, erklang in diesem Augenblick nun auch Heros‘ verzweifelte Stimme hinter ihm. „Das hatten wir doch schon.“

„Ich glaub‘, du hast ihn kaputtgemacht“, piepste Ariadne.

„Ich habe ihn nicht…“, begann Heros laut, ehe er nach einem Blick in Felix‘ Richtung seine Stimme mäßigend fortfuhr: „… nicht kaputtgemacht. Briseis hat einfach nur vergessen, ihn mit der Hälfte der Weltbevölkerung vertraut zu machen. Mit Mimages in ihrer ersten, zweiten und dritten Stufe kommt er super klar, sie können in eine andere Dimension befördern, ihn heilen, sein Gehirn manipulieren… aber er sobald er einen Nero auch nur von weiten sieht, wird er komisch.“

„Was hast du gemacht, Heros?“

„Ich habe mit Tamilo fangen gespielt, wie wir es immer machen“, erklärte Heros kleinlaut. „Und er hat mich wohl für eine echte Katze gehalten und aufgrund seiner schlechten Erfahrung mit Riesenkaninchen…“ Heros zuckte mit den Schultern.

„Ach, Heros.“ Phobos atmete tief ein und aus, so als wäre es nicht das erste Mal, dass er die Missgeschicke seines Kindes wieder bereinigen musste. „Es ist ja nicht so, als ob du das missratenste Kind dieser Familie wärst, obwohl du dir manchmal redlich Mühe gibst…“

„Deimos bitte…“ fiel ihm Sybilla unvermutet ins Wort. „Wir sollten uns nun wirklich, um Briseis‘ Gast kümmern, bevor noch Oma oder ein anderer unserer Verwandten vorbeikommt und ihn für immer traumatisiert.“

„Du hast vermutlich recht. Bringt ihn am besten erst mal da weg und haltet ihn von den Fenstern fern. Ich gehe derweil zum Auge, um das Ganze zu klären.“

Felix bemerkte nur am Rande, wie Heros ihm einmal mehr unter die Arme griff und zum Küchentisch führte, während die ehemals heile Welt in seinem Kopf im Chaos versank.

Mein Abscheu wird durch Euch vermehrt.
O glücklich der, den Ihr belehrt!

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Dienstag, 30. August 2011, 17:59

Kapitel 7: Der Geruch von Schwefel

Teil 1


„Wie man hört, hast du schon wieder einen Partner verloren.“

Heros musste an sich halten, um seine Augen nicht im stillen Stoßgebet gen Decke zu richten. Er hatte diesen „Witz“ von Anfang an nicht lustig gefunden, und die Tatsache, dass er ihn mittlerweile zum achtunddreißigsten Mal an diesem Abend verkrampft lächelnd über sich ergehen lassen musste, machte es auch nicht besser. Aber was sollte er tun? Er brauchte diesen Nebenjob in der Gaststätte nun einmal, da sein Missionsgehalt bei weitem nicht ausreichte, um seine Lebenshaltungskosten zu decken.

„Wie hast du’s denn diesmal verbockt?“ Die Dreistigkeit des Mannes, oder wohl besser gesagt, der verzweifelte Versuch, eine der Damen an seinem Tisch mit seinem geschmacklosen Scherz für sich zu gewinnen, kannte keine Grenzen

„Helena hat sich verliebt und wollte lieber in der anderen Welt bleiben“, erwiderte Heros, während er mit gesenktem Blick die leeren Gläser vom Tisch abräumte. Er beeilte sich, doch war er leider nicht schnell genug

„Desertieren nennt man so was und nichts andres.“ Die alkoholgefärbten Wangen des Mannes plusterten sich vor übertriebener Empörung auf. „Am besten sollte man sie, nein, ihre ganze Familie hinrichten lassen. Nichts Besseres verdient dieses Verräterpack!“

„Ach, halt doch endlich die Klappe, Phokos! Du und deine ewige Hetzerei“, unterbrach ihn eine der Frauen ärgerlich. „Und lass im Namen der Götter den armen Heros in Ruhe. Er macht hier schließlich nur seine Arbeit. Du musst nicht immer…“

So unauffällig wie möglich zog Heros sich in diesem Moment zurück und bahnte sich seinen Weg in Richtung Theke. Dionysos, der Besitzer der Schenke, blickte nicht einmal auf, als er die leeren Gläser auf die Spüle stellte, sondern schüttelte nur missbilligend den Kopf. Nicht zum ersten Mal an diesem Abend. Heros wusste, dass der Wirt nie etwas gegen seine Gäste sagen würde, was allerdings eher daran lag, dass jedes Wort aus seinem Mund das Trommelfell seines Gegenübers sofort zum Platzen bringen würde, als daran, dass er ihr grenzwertiges Verhalten gegenüber seinem Angestellten in Ordnung fand.

Heros war unterdessen einfach nur erleichtert, seine Schicht - inklusive Spießrutenlauf - für diesen Abend endlich beenden zu können. Er gab seinem Chef ein kurzes Zeichen und übergab seine Geldbörse Kassandra, die für die nächste Schicht eingeteilt worden war. „Mach‘ dir nichts draus, Heros. Sie sind betrunken“, versuchte diese ihn aufzumuntern, ehe sie sich ein Tablett voller Gläser schnappte und auf den nächsten Tisch zusteuerte.

Heros schaute ihren sanft hin und her schwingenden Hüften einen Augenblick lang versonnen nach, wurde dann jedoch durch das laut vernehmbare Räuspern seines Chefs in die Realität zurückgeholt. Er hob in einer unschuldigen Geste die Hände, um Dionysos zu bedeuten, dass er nicht einmal im Traum daran denken würde, seiner ältesten Tochter nachzustellen, bevor er sich so schnell wie möglich seiner Schürze entledigte, diese in einen der dafür bereitstehenden Wäschekörbe unter der Theke warf und ein weiteres Mal den Rückzug antrat.

Eigentlich würde er im Moment nichts lieber tun, als einfach nur nach Hause zu gehen, sich in seinem Bett zusammen zu kringeln und zu schlafen. Allerdings konnte er den Gastraum nicht einfach verlassen, da seine Freunde ihn schon am frühen Nachmittag abgefangen hatten, um ihm unmissverständlich klar zu machen, was sie von seiner Heimlichtuerei hielten.

Gut, er war ihnen wirklich in den vier Tagen, die seit seiner Rückkehr verstrichen waren, aus dem Weg gegangen. Aber wie sollte er ihnen auch erklären, dass er ihnen eben nichts erzählen durfte? Er konnte ihnen aufgrund von Briseis‘ Manipulation nichts über den Unfall der Dimensionshexe berichten und über Felix, der in den vergangenen Tagen nichts anderes gemacht hatte, außer zu essen und zu schlafen, wollte er nicht reden.

Die ganze Situation war einfach zu kompliziert und Felix selbst nicht minder. Zwar hatte Briseis letztendlich doch noch mit einer weiteren Manipulation dafür gesorgt, dass er sich mit der ganzen Magie – einschließlich die der Neros - um ihn herum abfand, aber der vorangegangene Schock hatte seiner Neugierde, was diese Welt anbelangte, einen argen Dämpfer versetzt. Sein gesamter Tagesinhalt schien seitdem nur noch darin zu bestehen, auf der Fensterbank sitzend auf die Straße hinauszuschauen, dabei mit diesem komischen rechteckigen Ding - seinem sogenannten Handy - zu spielen, und auf die Rückkehr in seine Heimatwelt zu warten.

Heros konnte nicht genau sagen, was er eigentlich erwartet hatte, aber irgendwie deprimierte ihn dieses Verhalten. Ja, er hatte einen Fehler gemacht, als er den Jungen als Geisel genommen hatte, aber es tat ihm ja auch wirklich leid. Er hatte sich dafür sogar bei Felix entschuldigt, aber dieser hatte seine Bitte um Verzeihung lediglich mit einem Schulterzucken abgetan.

Heros verstand nicht, wie ein Mensch so unversöhnlich sein konnte. War er etwa nachtragend gewesen ob der Kratzer, die Felix ihm zugefügt hatte? Nein, er selbst hatte alles stillschweigend hingenommen: Die Verletzung an der Stirn, die entzündete Bisswunde am Arm, wegen der er sogar einen Heiler hatte aufsuchen müssen, und nicht zu vergessen die Tatsache, dass Felix ihn mit dem steinernen Besenstiel hätte umbringen können. Also warum konnte er ihm dann nicht auch verzeihen, zumal er körperlich mehr oder weniger unversehrt war und alsbald wieder in seine Heimatwelt zurückreisen würde?

Vermutlich war er, Heros, schlichtweg dumm, weil er sich die ganze Sache so zu Herzen nahm. Über sich selbst innerlich den Kopf schüttelnd, machte er sich auf den Weg zu einem der hinteren Tische, an dem sich seine Freunde in großer Runde versammelt und seine Bewegungen in den letzten paar Minuten nicht aus den Augen gelassen hatten.

„So, so, der verlorene Sohn kehrt also doch noch zurück“, wurde er lautstark begrüßt, als er an ihrem Tisch angekommen war. Ohne viel Aufhebens zu machen rutschte die Gruppe auf der kreisrunden Sitzbank zusammen, um einen weiteren Platz zu schaffen, auf den sich Heros sinken ließ. Keine Sekunde später hatte er wie alle anderen auch ein Kräuterbier vor sich stehen und die neugierigen Blicke seiner Freunde auf sich gerichtet.

„Wie läuft‘s bei der Arbeit, Ikarus?“, versuchte er die Aufmerksamkeit von sich weg auf seinen ehemaligen Partner und besten Freund zu lenken, was dieser mit einem nachsichtigen Kopfschütteln quittierte. „Du brauchst gar nicht erst zu versuchen von dir abzulenken.“ Beim Sprechen entblößte er eine Reihe schneeweißer Zähne, die im Lichte des Gastraums ebenso strahlten wie seine perfekt polierte Glatze. „Und nun erzähl schon.“

Heros nahm einen tiefen Schluck aus seinem Krug. „Da gibt‘s eigentlich nicht viel zu erzählen. Helena hat mich sitzen lassen, und ich bin allein zurückgekommen.“

„Vergiss doch mal Helena. Was ist mit dem Jungen? Dem Anderweltler? Stimmt es wirklich, dass er grüne Haare hat und den ganzen Tag am Fenster hockt?“

Heros hätte sich in den Hintern beißen können, dass er Felix nicht doch eine Glatze verpasst hatte, obwohl das vermutlich auch nichts genutzt hätte. Die Stadt hatte ihre Augen und Ohren überall, hörte jeden, sah alles und deckte den Rest mit Gerüchten ab. Aber solange wenigstens das Geheimnis um die Verletzung der Dimensionshexe auch ein solches blieb, bewegte er sich noch im grünen Bereich. Das hoffte er zumindest.

„Leute, ich darf euch wirklich nichts darüber sagen.“

„Also stimmt es tatsächlich.“ Evangelos‘ lautes Organ wäre vermutlich bis in den letzten Winkel des Gastraums vorgedrungen, wenn Heros nicht noch in einer letzten warnenden Geste den Zeigefinger zum Mund gehoben hätte, woraufhin sein Freund nun deutlich leiser, wenn auch nicht minder aufgeregt flüsterte: „Es stimmt! Bei dir wohnt tatsächlich ein Anderweltler.“

Da es sowieso zwecklos war, die ganze Sache jetzt noch vor seinen Freunden zu leugnen, nickte er leicht.

„Das ist… das ist ja Wahnsinn! Wie ist er denn so?“

Heros fielen jede Menge Wörter ein, um Felix zu beschreiben, angefangen von anstrengend, über undankbar und unversöhnlich, bis hin zu schlichtweg zermürbend. „Überfordert.“

„Überfordert?“ hakte Hippolyta nach, während sie, auffällig um Unauffälligkeit bemüht, versuchte ihren Brustpanzer geradezurücken.

„Seine Heimatwelt und die unsere sind total verschieden. Sie haben keine Magie, sodass ihm das Ganze hier einfach zu viel ist.“

„Moment mal, wie können sie keine Magie haben? Wie heilen sie ihre Leute? Wie transportieren sie ihre Sachen? Wie, verdammt nochmal, kommunizieren sie miteinander?“

„Ähm… Sie habe da etwas…“ Heros kratze sich nachdenklich die Stirn. „Technologie… glaube ich.“

„Und was ist das, Technologie?“

Er blickte verunsichert von einem seiner Freunde zum nächsten. „Keine Ahnung?“

Ikarus ließ seinen Kopf mit einem lauten Krachen auf dem Tisch fallen, ehe er Heros einen teils fassungslosen, teils vorwurfsvollen Blick zuwarf. „Mensch Heros, du warst in einer der anderen Dimensionen, etwas wovon die meisten von uns nicht einmal zu träumen wagen, und du hast noch nicht mal versucht, etwas über diese Welt in Erfahrung zu bringen?“

Oh, er hatte sogar jede Menge über diese Welt in Erfahrung gebracht. Zum Beispiel, dass es unklug war, sich als Fünfzehnjähriger über zwei Tage hinweg allein in einem Park herumzutreiben, da dieses früher oder später dafür sorgte, dass Ordnungshüter kamen, die einen dann mit in ihre Wachstube nahmen und nach komischen fremdländischen Worten wie „Ausweis“ und „Alter“ fragten. Oder aber, dass diese Ordnungshüter etwas nachtragend waren, wenn man sie überwältigte, um zu fliehen, weil man sich rechtzeitig an einem bestimmten Ort befinden musste. Sogar so nachtragend, dass sie einen bis in den Park verfolgten und erst dann wieder gingen, wenn man sich eine Geisel nahm. Aber darüber durfte er ja nicht reden. „Ich hatte einen Auftrag zu erfüllen.“

„Und der war, den Jungen mit hierher zu bringen.“ Evanglos hatte wie immer eins und eins zusammengezählt und war - wie üblich - auf das falsche Ergebnis gekommen. „Mein Gott, dass die alte Briseis das wirklich gegenüber der Dimensionshexe durchzusetzen konnte, ich kann’s nicht glauben. Was hat sie denn dazu gesagt? Die Dimensionshexe, meine ich.“

Heros‘ gesamter Körper verkrampfte sich vor innerer Anspannung.

„Heros“, erklang in diesem Augenblick eine herrische Frauenstimme hinter ihm. „Ich muss mit dir reden. Sofort!“

Er brauchte sich nicht einmal umzudrehen, um zu wissen, zu wem diese rauchige Stimme gehörte, die aus den Tiefen der Unterwelt zu kommen schien. Allerdings war er ihrer Besitzerin im Moment unendlich dankbar, dass sie sich just in diesem Moment dazu entschlossen hatte, mit ihm sprechen zu wollen.

„Was soll das werden, Esra? Du siehst doch, dass er gerade anderweitig beschäftigt ist. Also verzieh dich, und lass uns in Ruhe!“ Ikarus‘ Augen hatten sich zu kleinen, schmalen Schlitzen zusammengezogen.

„Ist schon in Ordnung.“ Beruhigend legte Heros seine Hand auf den Arm seines Freundes und erhob sich von seinem Platz, um dem Mädchen nach draußen zu folgen. „Wenn Esra mit mir reden will, dann reden wir halt.“

„Wenn sie ihm auch nur ein Haar krümmt, bekommt sie es mit mir zu tun“, drohte Ikarus ihr indes leise hinterher, allerdings nicht lautlos genug, um Esras scharfen Ohren zu entgehen.

„Ich werde mich in nächster Zeit vor Krüppeln, die mir mit ihren Gehstöcken ein Bein stellen wollen, in Acht nehmen. Vielen Dank für die Warnung.“

„Das war primitiv und gemein“, brummte Heros, kaum dass die Tür des Schankraumes hinter ihnen ins Schloss gefallen war.

„Das sagt gerade der Richtige“, erwiderte Esra sichtlich genervt und nicht minder schlecht gelaunt, während sie entschlossenen Schrittes die Straße entlang ging.
Heros seufzte. „Spuck schon aus, was du zu sagen hast. Du bist doch nicht etwa zu mir gekommen, um dich mit mir über alte Zeiten zu unterhalten, oder?“

Er hatte sie damit eigentlich nur von ihrem Groll ablenken wollen, damit allerdings – ohne es zu wissen – genau das Gegenteil bewirkt. „Nein, bin ich nicht. Ich bin deswegen hier, weil du mit deiner unglaublichen Idiotie dafür gesorgt hast, dass Briseis meinem Gehirn einen kurzen Besuch abgestattet hat, damit ich dich da raushole, bevor du dich – wie ja eigentlich immer – um Kopf und Kragen redest. Vielen Dank übrigens dafür.“

„Ist nicht nett, wenn sie so im Gehirn von einem herumstochert, oder“, murmelte Heros zerknirscht.

„Ich kann mir kaum etwas Schöneres vorstellen.“ Ihre Antwort triefte förmlich vor Sarkasmus. „Ach nein, warte, da war doch noch was?“ Sie legte gespielt überlegend ihren Kopf in den Nacken, bevor sie ihn mit blitzenden Augen fokussierte. „Jetzt fällt es mir wieder ein. Gehirnmanipuliert UND auf die dritten Mission in Folge geschickt zu werden, weil du wie immer nicht in der Lage bis, die deinen vernünftig zu regeln. Damit steht der heutige Tag nun definitiv in den Top Ten meiner beschissensten Tage.“

Heros blickte sie überrascht an. „Eine Mission?“

„Schönen Gruß von Briseis, wir sollen deinen Gast zurück zum Rufer an der Sieben-Wege-Spinne bringen und dort auf weitere Anweisungen warten.“

„Dann ist die D…“

„Halt‘ die Klappe, Heros. Bring ihn einfach nur zum Waldrufer.“

Einen Moment lang hatte er das ungute Gefühl, dass eben nicht Esra selbst, sondern die Herrin vom Eisernen Rücken aus ihr gesprochen hatte. Langsam nickte er. „Natürlich.“

„Gut, wir brechen dann im Morgengrauen auf und Heros…“ Esras Stimme schien nun förmlich vor unterdrückter Wut überzukochen. „Wenn die Alte wegen dir auch nur noch ein einziges Mal in mein Gehirn eindringt, schneide ich dir den Körperteil ab, mit dem du denkst, und damit meine ich nicht deinen Kopf.“

Mit diesen Worten schritt sie davon, während Heros - wie bei eigentlich jedem Gespräch mit Esra - das ungute Gefühl beschlich, dass - auch wenn sie den Schauplatz des Geschehens bereits verlassen hatte - immer noch ein leichter Schwefelgeruch in der Luft hing.

Mein Abscheu wird durch Euch vermehrt.
O glücklich der, den Ihr belehrt!

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Dienstag, 30. August 2011, 18:03

Der Geruch von Schwefel

Teil 2


Genauso genervt und übel gelaunt wie am Abend zuvor, traf Heros Esra auch am nächsten Morgen an. Nur mit dem Unterschied, dass sie dieses Mal nicht allein war. Maya, Esras Missionspartnerin und der wohl einzige Mensch im Lande, den Esras Launen nicht weiter zu stören schienen, stand mit einem schweren Rucksack beladen neben ihr.

„Hallo Heros, wir haben uns wirklich lange nicht mehr gesehen. Schöner Tag heute um auf Mission zu gehen, findest du nicht?“ Mayas schier unerschöpfliche gute Laune strömte förmlich aus jeder Pore ihrer Körpers und sorgte dafür, dass Heros sich bereits erschöpft fühlte, noch bevor die Mission überhaupt begonnen hatte. „Wo ist denn unser wichtiger Passagier?“

Immer noch müde ob der frühen Uhrzeit trat Heros gähnend beiseite und bedeutete den beiden Mädchen, ihm in die Küche zu folgen.

Felix saß in einen von Heros‘ alten abgetragenen Mäntel und Mütze gehüllt abreisebereit an seinem Lieblingsplatz. Doch als die beiden Mädchen zusammen mit Heros den Raum betraten, sprang er auf und griff – so als könne er es kaum erwarten, von hier wegzukommen - nach einer Tasche, in der er seine wenigen Habseligkeiten verstaut hatte. „Geht’s los?“

„Was hast du getan, Heros? Der Kleine scheint es ja kaum erwarten zu können, dich zu verlassen.“

Felix, der sich bereits mitten in der Vorwärtsbewegung befand, warf Esra einen wütenden Blick zu, den diese jedoch lediglich mit einer leicht erhobenen Augenbraue zur Kenntnis nahm.

„Hallo, du bist sicherlich Felix, der berühmt-berüchtigte Anderweltler. Ich bin Maya und darf dich zum Waldrufer eskortieren“, sprang Maya in diesem Augenblick in die Bresche und schnappte sich Felix‘ Finger.

Dieser beobachtete einen Moment lang verblüfft, wie Maya seine Hand in ihrer üblichen übermotivierten Art auf und ab bewegte, ehe es ihm gelang, ein kurzes „Hi“ zwischen den Lippen hervor zu pressen.

„Also, du brauchst dir überhaupt keine Gedanken um deine Sicherheit zu machen“, fuhr Maya in diesem Moment auch schon gut gelaunt fort, „Esra und ich haben schon viel schwerere Missionen absolviert. Erst vor kurzem mussten wir eine Kiste mit feinstem Holzbesteck ins Mittland bringen und haben dabei vier Angriffe zurückgeschlagen. Vier! Nicht wahr, Esra?“

„Ich wünschte wirklich, ich könnte diesen Alptraum von einer Mission vergessen, aber solange ich dich, mein kleines Erinnermich, an meiner Seite habe, wird es mich wohl oder übel weiter Nacht um Nacht um den Schlaf brin….“

„Muss ich mir etwa Gedanken um meine Sicherheit machen?“, unterbrach Felix sie in diesem Moment. Er wirkte beunruhigt. Alarmiert. Verschreckt, wie jemand, der durch Mayas Worte aus der utopischen Illusion gerissen worden war, dass auf den Straßen außerhalb der Stadt Recht und Ordnung herrschen würden.

„Die vier Missionstoten, die laut Statistik pro Woche anfallen, wurden für diese Woche schon verzeichnet, von daher werden wir das Ganze vermutlich überleben, wenn auch vielleicht einer von uns zwischendurch verloren gehen wird.“

Heros spüre, wie Esras spöttischer Blick ihn bei diesen Worten fixierte. Es hätte ihn gewundert, wenn sie nicht in diese Kerbe geschlagen hätte, allerdings galt es nun erst einmal Felix zu beruhigen, dessen Nase von einer ungesunden Blässe belagert wurde. „Du brauchst dir keine Gedanken zu machen, Felix. Das Ganze ist eine reine Routinemission.“

„Ihr entführt also öfters mal Menschen aus anderen Dimensionen?“ Blanke Fassungslosigkeit schwang in Felix‘ Worten mit.

Heros schloss für einen kurzen Moment resigniert die Augen. „Natürlich nicht. Das mit dir war ein Versehen.“

„Du kannst dich wirklich glücklich schätzen, Kleiner. Heros bringt nicht oft Jungen mit nach Hause, bei Mädchen ist er da allerdings weniger wählerisch.“

Glücklicherweise hatte Heros im Laufe des vergangenen Jahres vergessen, wie anstrengend Esra sein konnte und er wünschte sich im Moment nichts sehnlicher, als dass sie verschwinden und dieses angenehme Vergessen zurückkehren würde. „Du brauchst dir wirklich keine Gedanken zu machen“, versuchte er den immer noch besorgt aussehenden Felix auf ein Neues zu beruhigen, „Die Strecke zum Waldrufer ist eine viel genutzte Straße.“

„Und es verhält sich ja nicht so, dass wir irgendetwas Wertvolles transportieren würden“, ergänzte Esra in ihrer gewohnt charmanten Art.

Heros fuhr zu ihr herum und warf ihr einen strafenden Blick zu, den sie jedoch lediglich mit einem Schulterzucken quittierte. „Widerleg mich, wenn ich falsch liege. Aber ganz im Ernst, wer im Namen der Götter würde den“, sie deutete auf Felix, „freiwillig mitnehmen wollen?“ Sie legte eine Kunstpause ein. „Außer dir natürlich.“

„Lass es gut sein, Esra“, sagte Maya in diesem Moment ruhig, und zur Heros’ grenzenloser Überraschung befolgte Esra den Wunsch ihrer Partnerin ohne weiteres Murren. „Gut, gut!“ Wieder zu ihrem alten, überdrehten Selbst zurückgekehrt, rieb Maya sich in übertriebener Vorfreude die Hände. „Dann mal los. Schließlich liegt vor uns ein wunderschöner Tag, mit viel Sonnenschein und einer wunderbaren Mission.“

„Moment Mal“, unterbrach Felix ihre Euphorie misstrauisch. „ Im Ernst, wie gefährlich ist die Reise zu diesem Waldrufer?“

„Du bist absolut sicher“, beteuerte Heros, doch Felix‘ Blick verriet ihm, dass er seiner Versicherung keinen Glauben schenkte.

„Du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Heros, Esra und ich sind ja da, um dich zu beschützen. Zudem hat Briseis uns eine Rentierkutsche bereitgestellt, so dass wir im Nullkommanichts beim Waldrufer sein werden.“ Ermutigend tätschelte Maya Felix‘ Arm, der allerdings auch diese Nachricht eher mit gemischten Gefühlen zu hören schien. „Eine Rentierkutsche?“

„Bist du eigentlich immer nur am Meckern?“ zischte ausgerechnet Esra, die Königin aller Ziegen, nun wieder sichtlich genervt.

„Das sagt gerade die Richtige“, erwiderte Felix trotzig und unwissend worauf er sich soeben eingelassen hatte.

Esras Augen verformten sich zu kleinen, bedrohlichen Schlitzen, so als müsse sie genau abpassen, wie sie Felix am besten in fein säuberliche Stücke schneiden konnte.

„Wir sollten jetzt wirklich losgehen.“ Ohne die Antwort der anderen abzuwarten packte Heros Felix am Arm und zog ihn mit sich aus der Küche und durch den angrenzenden Flur aus dem Haus. Er musste sich noch nicht einmal umblicken, um zu wissen, dass Maya ihm bereits hastig folgte, während Esras Blicke ihn von hinten zu erdolchen schienen. Er kannte diese okularen Mordversuche nur allzu gut. Leider.

Felix immer noch dicht an seiner Seite, ging er eilig die Straßen entlang. Der Wind hatte in der Nacht aufgefrischt und wehte ihm kräftig ins Gesicht, während er immer weiter der Außenmauer der Stadt entgegen strebte, in deren unmittelbarer Nähe die Rentier- und Elchställe lagen.

„Ich kümmere mich um die Kutsche, wartet hier“, befahl Esra, kaum dass sie den ersten dieser Ställe erreicht hatten und stapfte ohne auf eine Antwort zu warten davon.

„Ist die eigentlich immer so?“, fragte Felix, kaum dass sie aus seinem Blickfeld verschwunden war.

„Ach, sie ist halt manchmal ein bisschen schlecht gelaunt, besonders, wenn sie morgens früh raus muss“, erwiderte Maya mit einer fröhlichen Gelassenheit in der Stimme, während Heros sich bemühte, ein abfälliges Schnauben zu unterdrücken. „Am besten ignorierst du sie einfach, wenn sie so brummig ist. Mit ihr zu streiten nutzt sowieso nichts, glaub‘ mir, ich spreche da aus Erfahrung.“

Heros bezweifelte stark, dass dieses Vorgehen Esra wirklich stoppen konnte, zumindest war es ihm seinerzeit nie gelungen, ihre bissigen Kommentare unerwidert zu lassen. Aber solange dieses Verfahren Esra und Felix davon abhielt, sich gegenseitig an die Gurgel zu gehen, konnte es ihm nur recht sein.

Allerdings sah Felix nicht wirklich so aus, als wäre er bereit, Esras Schmähreden einfach stillschweigend über sich ergehen zu lassen, obwohl er Maya gerade nachdenklich zunickte.

Maya strahlte. „Schön, dann werden wir uns hoffentlich alle gut verstehen.“

Felix nickte einmal mehr, ehe er unvermittelt fragte: „Was hast du mit deiner Haut gemacht?“

Heros erstarrte, während Mayas fröhliches Lächeln der Irritation wich. Sie versuchte zwar erneut zu grinsen, allerdings gelang ihr dies nicht wirklich. „Nichts, warum fragst du?“

„Du bist so….grünstichig.“

Maya warf Heros einen hilflosen Blick zu, so als erwartete sie ernsthaft, dass er die Sache für sie klären könnte. „Das ist Mayas normaler Hautton“, bemühte er sich die Situation zu überspielen.

„Grün? Warum grün?“

Heros setzte an, etwas zu erwidern, als Maya jedoch abwinkte. Sie schluckte schwer. „Ich…“, Sie stockte kurz, ehe sie tapfer, wenn auch auf das höchste unangenehm berührt, fortfuhr. „… Ich bin wie eine Pflanze und betreibe Photosynthese. Ich hole mir meine Energie direkt aus den Sonnenstrahlen, die meine Haut absorbieren.“

„Also bist du ein Nero?“ stellte Felix ungerührt fest. „Und deine Neromacht ist so eine Art Photosynthese.“ Er wartete noch nicht mal Mayas Nicken ab, sondern fragte stattdessen weiter: „Und was ist Esra?“

„Dein Henker, wenn du nicht augenblicklich still bist!“ Ohne dass einer von ihnen es bemerkt hatte, war Esra in diesem Augenblick zurückgekommen.

„Esra…“ begann Heros, doch sie unterbrach ihn schlichtweg: „Nein, Heros. Das ist meine Mission, meine Verantwortung, also halte dich da raus. Wenn er sich mit mir anlegen will, dann soll er es ruhig versuchen.“

„Aber…“

„Ich bin Briseis Gast und…“ Felix stockte, als Esras Zeigefinger nur wenige Millimeter vor seiner Nase zum Halten kam. „Es interessiert mich, ehrlich gesagt, einen Scheißdreck, wer du bist, denn letztendlich bereitest du mir nichts als Ärger, Arbeit und unnötige Mühe, und genau wie so jemanden werde ich dich behandeln. Gewöhn‘ dich besser daran!“

„Du hast mir gar nichts zu sagen!“ Felix verschränkte trotzig die Arme vor der Brust.

Esra lachte. Ein kurzes unerfreutes Lachen, das, kaum dass es ihre Lippen verließ, auch schon wieder erstarb. „Ich bin die Missionsführerin, und wenn ich will, kann ich dir das Leben in den nächsten Tagen zur Hölle machen, verlass dich drauf.“ Sie trat ein Stück zur Seite, um der herannahenden Kutsche Platz zu machen, die unmittelbar neben ihr stehen blieb. „Fangen wir doch gleich damit an. Du kannst entweder freiwillig aufsteigen, oder ich werde einen der freundlichen Knechte bitten müssen, dich zu fesseln und du wirst auf dem Boden deinen Platz finden. Deine Entscheidung.“

Heros ließ Felix nicht aus den Augen, als dieser kurz zögerte, dann allerdings mit einem hasserfüllten Blick in Esras Richtung in die Kutsche stieg. Er kannte diesen Blick nur zu gut aus eigener leidvoller Erfahrung: Ein taktischer Rückzug, aber keine wirklich aufgegebene Schlacht. Der Krieg zwischen den beiden hatte gerade erst begonnen.

---

Leider sollte sich seine Vorahnung schneller bewahrheiten, als es wünschenswert gewesen wäre, so dass die in unterkühlter Stille stattfindende Kutschfahrt die einzige Ruhepause darstellte, die Heros in den nächsten drei Tagen vergönnt war.

Zunächst war Felix wütend gewesen, dass sie nicht sofort von dem Rufer an der Wegspinne aus weiter zur Dimensionshexe reisten, sondern sich stattdessen gemäß Briseis‘ Anweisungen in der Gaststätte einquartierten. Als sich diese Wut im Laufe des zweiten Tages dann allmählich zu einem Schmollen abgeschwächt hatte, war Esra ärgerlich geworden, weil ihr Felix‘ „nervtötender Gesichtsausdruck“ die Laune verhagelte. Wobei das wiederum dazu geführt hatte, dass Felix einmal mehr den tief in ihm vergrabenden Groll hervorholte und begann, Esra bis aufs Äußerste zu beschimpfen und damit endete, dass die beiden ihrer Lieblingsbeschäftigung nachgingen und sich gegenseitig mit ihren Blicken zu erdolchen versuchten.

Maya hatte – unter dem Vorwand trainieren zu müssen - den Raum schon vor längerer Zeit verlassen, und Heros war nur allzu dankbar, als er selbst sich ebenfalls von den beiden Streithähnen und der mit ihnen einhergehende Wolke der schlechten Laune zurückziehen konnte. Natürlich erst, nachdem er sichergegangen war, dass sich keine spitzen Gegengenstände, abgesehen von Esras Zunge und Felix Zähnen, in der unmittelbaren Nähe der beiden befanden.

Der Wind war in den vergangenen Tagen immer stärker geworden und riss ihm beinahe die Tür aus der Hand, als er den Gastraum verließ. Instinktiv wickelte er sich seinen Umhang etwas fester um die Schultern, ehe er sich - dicht an die Wand des Gastraums und Ruferturms gedrückt - in Richtung Stallung schob.

„Hallo Heros“, erklang eine vertraute Stimme hinter ihm, als er gerade die freie Stelle zwischen Hauptgebäude und Ställen passieren wollte. Er wandte sich um und sah sich niemand anderem als Aiolos gegenüber, der sich direkt neben der Tür zur Ruferstube auf dem Boden niedergelassen hatte. „Hey.“

„Wie ich sehe, hast du deinen kleinen, grünhaarigen Jungen gefunden, und er spricht jetzt sogar unsere Sprache.“

„Ich wünschte, ich könnte es wieder rückgängig machen, damals war er wenigstens noch ruhig.“ Ein Blick in Aiolos‘ Gesicht verriet ihm, dass er diesen Gedanken soeben laut ausgesprochen hatte. „Äh… ich meine natürlich nicht...“ Heros stockte, da Aiolos‘ Mundwinkel zu zucken begonnen hatten, doch als er einmal mehr zu ihm herabblickte, war das Zucken verschwunden.

„Dann sollte ich mich wohl bei dir für die Ruhestörung entschuldigen“, sagte Aiolos unvermittelt. „Denn schließlich war es seinerzeit meine Idee, die Bewohner vom Käfig zu alarmieren und nach dem Anderweltler suchen zu lassen.“

„Du warst das? Aber wieso…woher…?“

„Na ja, es gibt nicht viele Menschen auf dieser Welt, eigentlich keinen, der nicht unsere Sprache spricht. Der Junge musste so gesehen einfach aus einer der anderen Welten kommen, und da der Riesenwald nicht unbedingt der sicherste Ort für einen Anderweltler ist, habe ich mir einfach mal erlaubt, mich mit Artemis vom Käfig in Verbindung zu setzen. Sie hat mir ohnehin noch einen Gefallen geschuldet, von daher…“ Er zuckte gleichmütig mit den Schultern.

Heros schluckte. Er musste jetzt irgendetwas sagen, irgendetwas. „Entschuldige dass… ich meine, es tut mir Leid, dass ich damals nicht direkt gesagt habe, was Sache ist.“

„Das braucht dir nicht Leid zu tun.“

„Es war dumm!“

„Nein“, entgegnete Aiolos entschieden. „Es war vorsichtig! Und richtig!“

Heros senkte den Kopf. Er wusste nicht, was er sagen sollte. Wenn Aiolos damals nicht so gehandelt hätte, wäre Felix jetzt vermutlich tot. „Danke.“ Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern gewesen.

Aiolos erhob sich aus seiner sitzenden Position und streckte sich kurz. „Nichts zu danken. Schließlich habe ich mir vorgenommen, jeden Tag eine gute Tat zu verüben.“ Er machte Anstalten, in die Ruferstube zu gehen, hielt jedoch im letzten Moment inne. „Ach, und Heros, da ich meine gute Tat für diesen Tag noch nicht begangen habe, verrate ich dir, dass die kleine Eos vom Gutshof drüben sich schon das ein oder andere Mal nach dir erkundigt hat.“

Heros hatte noch nicht einmal die Chance etwas zu antworten, da - bevor er überhaupt reagieren konnte - Aiolos bereits in die Ruferstube entschwunden war. Eine Zeit lang verharrte er stillschweigend, während der Wind um ihn herum weiter tobte. Bei diesem Wetter würden sie ohnehin nicht in Richtung Dimensionshexenhaus aufbrechen können und vor die Wahl gestellt, den Abend in netter Gesellschaft verbringen zu können oder einmal mehr einer Auseinandersetzung von Esra und Felix beizuwohnen, fiel ihm die Entscheidung auch nicht wirklich schwer.

Einmal mehr schlang Heros seinen Umhang eng um sich, ehe er den immer wiederkehrenden Frühjahrswinden trotzend in Richtung Gutshof ging.

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33

Dienstag, 30. August 2011, 18:11

Kapitel 7: Der Geruch von Schwefel

Teil 3


Der Wind, der am Vorabend übers Land gezogen war, war nichts im Vergleich zu den Böen, die ihn am nächsten Morgen dazu veranlassten, den Weg vom Gutshof zum Waldrufer so geschwind wie eben möglich zurückzulegen. Er wollte sich gerade in das schützende Gasthaus retten, als er von Esra abgefangen wurde, die unter einem der Vordächer auf ihn gewartet zu haben schien. „Es ist zehn Uhr, Heros. Zehn!“ schrie sie ihn aufgebracht an und übertönte dabei sogar noch das Heulen des Windes. „Wo warst du?“

„Bei Eos“, entgegnete Heros schlicht.

Esra starrte ihn einen Augenblick lang fassungslos an, bevor sie angewidert den Kopf schüttelte. „Du bist doch echt das Letzte. Während ich mich hier um den Kleinen, deinen Gast wohlgemerkt, kümmern muss, treibst du dich mit irgendeinem Mädchen im Heu herum.“

„Habt ihr euch etwa schon wieder gestritten?“

„Er hat wie immer rumgemeckert und ich habe lediglich darauf reagiert.“

„Also habt ihr euch gestritten“, kombinierte Heros ruhig. Es war nicht zu glauben, welch positive, entspannende Wirkung die letzte Nacht auf ihn gehabt hatte. „Wo ist er jetzt?“

Esra winkte ab. „Keine Ahnung, in seinem Zimmer und im Gastraum war er heute Morgen jedenfalls nicht, aber das scheint ja an diesem Morgen nichts Besonderes zu sein.“

„Wieso ist er nicht in der Gaststube? Seit wir hier sind, war er die ganze Zeit dort, sofern er nicht im Bett lag und geschlafen hat?“

Ihre Antwort war nur ein kurzes Schulterzucken.

Die Entspannung wich zunehmend aus Heros‘ Körper. „Esra, wo ist Felix?“ Er würde sich nur zu gerne einreden, dass er nur deswegen so laut sprach, um den Wind zu übertönen, aber das war nicht der Fall.

Leider schien seine Lautstärke Esra regelrecht dazu herauszufordern, das Volumen ihrer eigenen Stimme auszureizen. „Ich hab doch gesagt, ich weiß es nicht!“

„Wann hast du ihn das letzte Mal gesehen?“

„Gestern Abend, als er rumgesponnen hat und meinte, ich wäre eine doofe, alte, verbitterte Ziege, deren einzige Freude im Leben es wäre, andere zu verletzen. Dann hat er noch gemeint, er hätte keinen Bock mehr auf meine Gesellschaft, und dass er, weil wir sowieso nur rumsitzen würden, alleine zur Dimensionshexe gehen würde. Naja, wenigstens hat er sich dann schmollend in sein kleines Kämmerlein verzogen und mich in Ruhe gelassen.“

Heros‘ zuvor noch aufgewühltes Inneres wurde plötzlich ganz ruhig, so als stünde es mitten im Auge eines Tornados. „War seine Kleidung heute Morgen noch im Zimmer?“

„Dein alter Kimono und deine Mütze lagen auf dem Bett, wenn ich mich recht entsinne.“

„Das bedeutet, er hat seine andere Kleidung wieder angezogen, die aus seiner Heimatwelt.“

Esras Augen weiteten sich. „Du glaubst doch nicht wirklich…“

Heros nickte

„Das ist doch…Niemand ist so bescheuert, bei Anbruch der Nacht und dem Wind den Riesenwald zu durchqueren, noch nicht einmal du wärst so dumm.“

Heros warf ihr einen bedeutungsschweren Blick zu.

„Du meinst nicht wirklich, dass er…“ Heros nickte, woraufhin Esra tief Luft holte. „Verdammte Scheiße!“ Sie begann unruhig auf und ab zu tigern. „Wie kann man nur so dumm sein? So ignorant? So unvorsichtig. So…so… Woher hätte ich denn wissen sollen, dass er tatsächlich so bescheuert ist?“ Sie blieb stehen, atmete tief durch, bevor ihr Blick Heros fixierte. „Und was sollen wir jetzt tun?“

„Briseis verständigen und auf Anweisung warten.“ Heros zuckte hilflos mit den Schultern.

„Bis du wahnsinnig?“ fauchte Esra und nahm ihre Wanderung wieder auf. „Sie wird uns beide nur noch Drecksarbeit erledigen lassen, wenn sie hört, dass wir ihren Gast verloren haben.“ Unvermittelt blieb sie direkt vor Heros stehen. „Wir gehen ihm selbst hinterher und holen ihn zurück.“

„Er hat mehr als einen halben Tag Vorsprung!“

„Dann sollten wir uns besser beeilen. Warte hier, während ich Maya hole!“ Ohne seine Antwort abzuwarten, hastete Esra davon.

Heros blieb allein zurück und warf erneut einen Blick zum wolkenverhangenen Himmel hinauf, der von Minute zu Minute dunkler zu werden schien. Der Wind hatte mittlerweile eine Stärke erreicht, die die der vorangegangenen Winde dieses Jahres bei weitem in den Schatten stellte. Starke Frühjahrswinde waren nichts Besonderes im Eisernen Rücken, und doch breitete sich ein komisches Gefühl in Heros‘ Magengegend aus, fast so, als ob dieser Wind, der Vorbote für etwas anderes wäre.

Nachdenklich legte er seinen Kopf in den Nacken, um die wild über den Himmel hinziehenden Wolkenformationen etwas genauer zu betrachten, während die ersten Regentropfen auf sein Gesicht trafen. Er war kein Seher, keiner der nebulösen Gestalten aus den Silberbergen, die behaupteten, die Zukunft zu kennen. Aber die Anzeichen waren selbst für ihn unmissverständlich: Ein Sturm zog auf.

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Montag, 5. September 2011, 20:34

Kapitel 8: Im Hexenhaus Teil 1

Kapitel 8: Im Hexenhaus

Teil 1


Er hatte einen Fehler gemacht. Einen großen Fehler, auch wenn es ihm schwerfiel sich dies einzugestehen. Felix wusste selbst nicht, welcher Teufel ihn geritten hatte, als er seine Habseligkeiten gepackt und in den Sturm hinausgegangen war, um sich ganz allein auf den Weg zum Haus der Dimensionshexe zu machen. Aber er war einfach so wütend gewesen. Wütend auf Heros – seinen sogenannten Ansprechpartner - der sich sang- und klanglos aus dem Staub gemacht hatte. Wütend auf Maya, die einerseits sagte, man solle Esras Gemeinheiten einfach überhören, andererseits aber, kaum dass ihre Partnerin mit eben diesen Bosheiten um sich warf, die Flucht ergriff. Und wütend auf Esra, die es sich zu einer Lebensaufgabe gemacht zu haben schien, jeden Menschen in ihrer Nähe zu beleidigen, zu diffamieren und zur Weißglut zu bringen.

Nein, eigentlich bereute er es nicht, die Gaststätte und seine unzuverlässigen Begleiter hinter sich gelassen zu haben, sondern lediglich, es bei diesem Wetter und bei Anbruch der Dunkelheit getan zu haben. Leider waren ihm gerade diese beiden Aspekte seiner Abreise allerdings erst zu einem Zeitpunkt bewusst geworden, als er schon ein gutes Stück Wegstrecke im Riesenwald zurückgelegt hatte. Er war ein Idiot, anders konnte man es wohl nicht sagen. Er hatte zwar nicht viel über diese fremde Welt gelernt, wollte es auch gar nicht, aber selbst er wusste mittlerweile, dass nur ein Wahnsinniger versuchen würde nachts den Riesenwald zu durchqueren. Und doch strebte er eben genau dieses Ziel bereits zum zweiten Mal innerhalb einer Woche an. Ja, er war ein Idiot, aber er war definitiv nicht lebensmüde. Wenn er aus seiner Erfahrung mit dem Riesenkaninchen eines gelernt hatte, dann, dass er es tunlichst vermeiden wollte, ihm noch ein weiteres Mal über den Weg zu laufen. Und die beste und einzige Methode, die ihm momentan einfiel, um ein eben solches Zusammentreffen zu unterbinden, war es, auf einen möglichst dicken, im Sturm nur ganz leicht hin und her schwankenden Baum zu klettern und zu hoffen, dass dieser den Böen standhalten würde.

Felix brauchte zwei Anläufe, ehe es ihm gelang, einen der unteren Äste des Riesenbaumes zu erreichen und sich an diesem hochzuziehen. Er überlegte kurz, ob ihm diese Höhe ausreichen würde, entschloss sich dann aber doch vorsichtshalber noch etwas weiter hinaufzuklettern. Er hatte Glück im Unglück, da der Ast, auf dem er sich schließlich niederließ, gut und gerne selbst ein normal gewachsener Baum hätte sein können und relativ stabil wirkte. Von seinem erhöhten Platz aus hatte Felix eine gute Sicht auf den Weg, der sich schier endlos lang durch den Wald schlängelte, und konnte ebenfalls das Unterholz zur rechten und linken des Pfades im Auge behalten für den Fall, dass das Riesenkaninchen herannahen würde. Er lauschte angestrengt. Doch das einzige Geräusch, das er vernahm, war der Wind, der durch die Bäume und das Unterholz rauschte. Es war monoton und gleichmäßig und ermüdete ihn zunehmend.

Er musste eingenickt sein, kurz, wirklich nur eine Sekunde, da das Nächste, was er bewusst wahrnahm, ihm suggerierte, dass er soeben vom Baum zu rutschen drohte. Hastig hielt er sich an seinem Ast fest und rückte sich wieder in eine etwas zentralere Position zurück. Er musste aufmerksam sein, immer wachsam! Seine Augen glitten in der verzweifelten Suche nach etwas, das ihn wachhalten konnte, über den Erdboden. Aber da war nichts. Kein Abdruck einer Pfote, kein Büschel ausgerissenen Fells, einfach nur Äste, Moos und Erde.

Nachdenklich runzelte Felix die Stirn. Er wusste, dass normale Kaninchen nicht klettern konnten, vermochte allerdings nicht zu sagen, ob diese Regel auch für Riesenkaninchen galt. Allein der Gedanke hier oben auf den Baum zu sitzen und beobachten zu müssen wie ein Riesenkaninchen eben jenen erklomm, sorgte dafür, dass ihm ein eiskalter Schauer den Rücken hinunterlief. Und was war eigentlich mit den anderen Tieren des Waldes? Wo Riesenkaninchen existierten, würde es auch Riesenrehe, Riesenfüchse, Riesenwölfe und bei seinem Glück sogar Rieseneichhörnchen geben. Felix erschauerte unwillkürlich. Eventuell sollte er doch besser versuchen einzuschlafen, um sein Gehirn davon abzuhalten sich neue Schauergeschichten auszudenken.

Ein lauter Knall zerriss die Luft, der Felix instinktiv zusammenzucken ließ. Er klammerte sich etwas fester an seinen Ast, als unweit von ihm entfernt, eine große Baumkrone den Kampf gegen den Wind verloren gab und zu Boden stürzte. Vielleicht sollte er doch in Anbetracht der Wetterlage das Risiko auf sich nehmen und in die Gaststätte zurückgehen. Obgleich er keine Ahnung hatte, wie weit diese von seinen momentanen Standpunkt überhaupt entfernt war. Vorsichtig löste er seine rechte Hand und ließ diese in seine Tasche gleiten, um seine Handy hervorzuholen. Es war bereits nach Mitternacht, was bedeuten musste, dass er gut und gerne dreieinhalb Stunden - von seinem kindisch unbedachten Zorn getrieben - durch den Riesenwald gelaufen war. Langsam klappte er sein Handy zu. Es hatte keinen Sinn zurückzugehen und sein Glück mit den Tieren des Waldes einmal mehr herauszufordern. Er würde warten müssen, auf dem Baum verharren, bis das Morgengrauen einsetzte.

---

Als er bei Anbruch des Tages durchgefroren und mit steifen, schmerzenden Muskeln schließlich seine Position verließ, hatte der Wind zwar vorerst nachgelassen, allerdings nicht, ohne vorher noch seine beeindruckende Visitenkarte zu hinterlassen. Der Weg, der vor ihm lag, war mit Tausenden kleineren und größeren Ästen gespickt, die ihm das Vorankommen deutlich erschweren würden. Felix zögerte kurz, ballte dann jedoch seine Hand zur Faust. Er würde sich nicht von einem dummen Wind abschrecken lassen, geschweige denn mit eingekniffenem Schwanz zurück zum Gasthaus rennen, um sich durchgefroren einmal mehr Esras hämischen Kommentaren auszusetzen. Entschlossenen Schrittes setzte er seinen Weg zum Haus der Dimensionshexe fort oder besser gesagt, er folgte dem Weg, der ihn - laut Heros Aussage - direkt zum Dimensionshexenhaus führen würde.

Während er Kilometer um Kilometer, Stunde um Stunde zurücklegte, begann der Wind einmal mehr aufzufrischen, und Regen setzte ein, der zum Mittag hin dichter und dichter wurde. Felix war kalt und er fror, während die Frage, ob es nicht doch besser sei, einfach umzukehren, seinem Gehirn immer häufiger einen Besuch abstattete. Aber er ging weiter, immer weiter, solange bis er unmittelbar vor sich etwas im dichten Regenschleier erblickte. Ein leichtes Lächeln stahl sich auf Felix‘ vom starken Regen und Wind gefärbtes Gesicht, als er direkt vor dem steinernen Wegpfeiler stehenblieb. Der Pfeil, der geradeaus deutete, würde ihn zur Steinhöhle führen, aber der Weg nach links würde ihn geradewegs zum Dimensionshexenhaus bringen.

Seine Schritte, die im Laufe des Tages immer schwerer ob des nassen Waldbodens und seiner Erschöpfung geworden waren, schwebten förmlich über den Erdboden, als er dem Hexenhaus entgegen strebte. Während der Anblick des Hauses bei seinem ersten Besuch noch Angst und Unsicherheit in ihm geweckt hatte, kam es ihm an diesem kalten, verregneten Tag wie der Himmel auf Erden vor. Er wurde immer schneller, rannte förmlich über die nasse Wiese, die das Haus umgab, doch dann hielt er abrupt inne. Die Tür des Hauses, die beim letzten Mal noch fest verschlossenen gewesen war, stand offen! Felix zögerte. Vielleicht war es nur der Wind gewesen, der die Steintür aufgedrückt hatte, nur der Wind oder aber…

Erst jetzt bemerkte Felix, dass er den Atem angehalten hatte. Langsam stieß er ihn aus. Die Dimensionshexe war zurück. Die Dimensionshexe war zurück! Der Gedanke tanzte förmlich durch jede Windung seines Gehirns. Seine Beine zitterten, als er Schritt um Schritt die Stufen der Veranda erklomm. Er wusste selbst nicht, warum er nicht weiter rannte. Warum er nicht direkt in ihr Haus stürmte, um seine Heimreise einzufordern. Aber seine Beine, sein gesamter Körper, schien den Freudentanz seines Gehirns nicht nachvollziehen zu können. Langsam überquerte er die Veranda und blieb schließlich im Türrahmen stehen.

Der Raum war vollgestopft mit den verschiedensten Gegenständen. Ein Spiegel stand in einer der Ecken, während in einer der andern Ecken ein Sofa und ein Flipchart seinen Platz gefunden hatten, auf dem Dinge wie „möglichst unauffällig verhalten“, „Automobile und Motorräder sind keine angreifenden Krieger“ und doppelt unterstrichen der Satz „Niemals Magie anwenden“ geschrieben standen. In den unzähligen, wild im Raum verteilten Regalen und Schränken, die bis an die Decke reichten, fanden sich Feuerzeuge, Kugelschreiber und noch verschiedene andere Sachen aus seiner Heimatwelt, die mit Preisschildern gekennzeichnet worden waren. Augenscheinlich hatte sich die Mimage des Raum-Zeit-Kontinuums neben dem Geschäft rund ums Dimensionsreisen noch ein zusätzliches Standbein geschaffen, indem sie Gegenstände aus seiner Heimatwelt für überteuerte Preise in der ihren verkaufte.

Direkt zwischen den Regalen, in einen Berg von Unterlagen vertieft, saß ein Mann im Schneidersitz vor einem kniehohen Tisch. Obwohl er ganz in seine Arbeit vertieft zu sein schien, sagte er plötzlich: „Du kannst ruhig reinkommen“, wobei er einladend lächelnd von seinen Unterlagen aufblickte.

Immer noch überwältig von der Gesamtsituation betrat Felix langsam den Raum und näherte sich dem Mann. Es war nicht derjenige, dem er seinerzeit bei seiner Ankunft begegnet war. Dieser hier war jünger, schlanker und hatte längeres schwarzes Haar, welches er sich zu einem Zopf zusammengebunden hatte, aber das war auch schon das einzige, was an ihm noch normal wirkte. Seine Augen waren geschminkt, seine Fingernägel lackiert, seine Ohren und Finger gleichermaßen mit Schmuck verziert, wobei seine Lieblingsfarbe violett zu sein schien, aber das mit Abstand Faszinierendste an ihm, waren seine Augen. Felix hatte gar nicht gewusst, dass ein Mensch fliederfarbene Augen haben konnte, aber die Irisfärbung seines Gegenübers war unverkennbar.

Noch während er den Mann musterte, erhob sich dieser unvermittelt mit einer fließenden Bewegung von seinem Platz, ging auf einen der Schränke zu, nur um sodann mit einem frisch gewaschen Handtuch und einer Decke zurückzukehren. Wortlos reichte er sie Felix, der die Sachen mit einem kurzen „Danke“ annahm, bevor er sich wieder auf seinen Platz sinken ließ. Er wartete höflich, bis Felix sich abgetrocknet und die warme, flauschige Decke um sich geschlungen ihm gegenüber Platz genommen hatte, ehe er fragte: „Nun denn, wie kann ich dir helfen?“

„Ich… ich …“ Felix räusperte sich, ehe er es erneut versuchte. „Arghah…“Felix erstarrte sekundenlang, ehe seine rechte Hand zu seiner Kehle schoss. Er probierte erneut zu sprechen, doch dieses Mal kamen gar keine Worte mehr aus seinem Mund. Sein Gesicht wurde kalkweiß. Was war mit ihm los, was stimmte nicht? Warum konnte er von einem Moment zum anderen nicht mehr sprechen? Wie war es möglich, dass seinem Gehirn plötzlich die Fähigkeit abhanden gekommen zu sein schien, die Laute in ihrer richtigen Reihenfolge anzuordnen. Sein Blick wanderte hilflos zu dem Mann, während er mit den Augen versuchte diesem sein Problem mitzuteilen.

Sein Gegenüber neigte den Kopf leicht zur Seite und musterte ihn einige Sekunden lang interessiert. „Ich glaube, ich weiß, wer du bist und auch, worin dein Problem besteht“, erklärte er plötzlich unerwarteterweise und rieb sich nachdenklich das Kinn. „Du bist der fremde Junge, von dem Gottfried erzählt hat, nicht wahr? Der Junge aus der anderen Dimension, der letzte Woche aus Versehen mit in diese Welt gezogen worden ist.“

Felix‘ Augen weiteten sich vor Überraschung, ehe er fast schon überstürzt nickte.

„Und du bist bei Briseis gewesen, oder? Die Herrin vom Eisernen Rücken selbst hat sich deiner und… nun ja, deines Gehirns angenommen.“

Felix wollte erneut nicken, erstarrte jedoch mitten in der Bewegung. Briseis! Sie war es gewesen. Sie hatte mit seinem Gehirn herumgespielt und dabei nicht nur dafür gesorgt, dass er ihre Sprache beherrschte und mit der Welt selbst zurechtkam, sondern währenddessen auch Vorkehrungen getroffen, dass er niemandem sagen konnte, wer er war. Unbändiger Ärger wallte mit einem Mal in ihm auf. Zitternd vor Wut stieß Felix den Atem aus. Warum tat sie so etwas? Musste sie, die sie Gedanken lesen konnte, nicht wissen, dass kein Mensch es gerne hatte, wenn man sein Gehirn veränderte?

„Warum, warum hat sie das gemacht?“ brach es empört aus ihm heraus. Blanke Fassungslosigkeit lag in seinem Ton.

„Weil sie nicht wollte, dass jemand unangenehme Nachfragen über den Verbleib der Dimensionshexe stellt“, erwiderte der Mann ruhig.

„Aber, wie kann sie das einfach so machen? Das ist… Es ist einfach nur…“ Felix suchte verzweifelt nach einem passenden Wort, aber ihm fiel keines ein, um seine Gefühle zu beschreiben.

„Beängstigend, erniedrigend, grausam. So, als wäre es ihr egal, dass sie in das tiefste, das intimste Innerste eines Menschen eindringt, um einem den freien Willen zu nehmen und den ihren dort zurückzulassen?“ Die Ohrringe des Mannes klimperten leise, als er sanft den Kopf schüttelte.

„Woher weißt du…“, begann Felix, als das traurig wissende Lächeln des anderen ihn innehalten ließ. „Sie hat dich auch…“ Er brauchte gar nichts mehr zu sagen, da der Blick des Mannes Antwort genug war. „Aber warum…?“

Sein Gegenüber zuckte mit den Schultern. „Ich habe bis vor sechs Jahren für sie gearbeitet. Geheimaufträge erledigt, Spionagearbeit geleistet, wichtige Transporte bewacht. Ich hatte eine ganze Zeit lang Glück, aber irgendwann hat mich das Glück dann verlassen. Die Tatsache alles zu wissen, in jeden Kopf blicken zu können, nährt förmlich die Angst, jemand anderes könnte zu viel von diesem kostbaren Gut, dem Wissen, weitergeben. Also blockierte man seine Erinnerung oder die Fähigkeit darüber zu sprechen.“

„Und was kann man dagegen tun?“

„Nichts.“

„Aber… aber das kann doch nicht alles sein?“ Trotz, Angst, Wut und Verständnislosigkeit kämpften sich gleichermaßen in Felix hoch.

Der Mann seufzte. „Man kann gehen, aber dann muss man auch bereit sein, die Konsequenzen zu tragen.“

„Bist du gegangen?“

Der Mann nickte leicht.

„War es schwer? Ich meine, sich von seiner Familie zu trennen und so.“ Der riesige Kloß, der sich bei der bloßen Erwähnung des Wortes ‚Familie‘ in seinem Hals gebildet hatte, nahm seiner Stimme jede Kraft.

„Es ist nie einfach, die zurückzulassen, die einem wichtig sind.“ Sein Gegenüber zögerte kurz. „Aber manchmal hat man eben keine andere Wahl, manchmal muss man seinem alten Leben den Rücken zuwenden und sich einen neuen Herrn suchen.“

„Und du bist zur Dimensionshexe gegangen“, schlussfolgerte Felix. Eine angenehme Ruhe breitete sich unvermittelt in ihm aus. Wenn die Dimensionshexe bereit war, einen ehemaligen Getreuen der mächtigen Briseis aufzunehmen und dadurch höchstwahrscheinlich den Zorn der Alten auf sich zu ziehen, musste sie einfach ein guter Mensch sein. Gut genug jedenfalls, um ihn ohne weiteres in seine Heimatwelt zurückzubringen. Felix schluckte schwer. „Ist sie da?“ Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern gewesen.

„Nein.“ Die Ohrringe klimperten einmal mehr, woraufhin Felix die Schultern sinken ließ. Die Enttäuschung mischte sich mit dem mangelnden Schlaf der letzten Nacht und ließ nur eine unendliche Müdigkeit in ihm zurück. „Aber wir erwarten ihre Rückkehr jede Minute.“ Langsam, wie ein kleines Tier, das Witterung aufgenommen hatte, hob Felix den Kopf. „Wenn du möchtest, kannst du hierbleiben und warten. Leg dich etwas hin und schlaf. Ich weck‘ dich auf, wenn sie wieder da ist.“

Felix‘ Augen brannten. Er konnte selbst nicht genau sagen, ob es lediglich die Abgeschlagenheit aufgrund der durchwachten Nacht oder aber schlichtweg Dankbarkeit darüber war, endlich jemanden gefunden zu haben, der einfach nur mal nett um der Nettigkeit willen war. „Ich werde dein Angebot annehmen, vielen Dank.“

„Nichts zu danken. Du kannst dich auf das Sofa legen, wenn du möchtest.“ Noch während er sprach, hatte sich der Mann einmal mehr erhoben und war an den Schrank getreten, aus dem er nun ein Kissen und eine weitere Decke hervorholte und diese auf die Couch legte.

Während Felix sich seiner Aufforderung nachkommend auf das Sofa sinken ließ und seine dreckigen Schuhe und seine Jacke auszog, beobachtete er, wie der Mann sich wieder seinen Unterlagen zuwandte. „Ich bin übrigens Felix“, sagte er unvermittelt, woraufhin der andere den Kopf hob. Ein leises Lächeln stahl sich auf sein Gesicht: „Ich freue mich sehr deine Bekanntschaft zu machen, Felix. Du kannst mich Sophos nennen.“

Felix lächelte zurück. „Ich freu mich auch dich kennenzulernen. Sophos.“

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Montag, 5. September 2011, 20:53

Kapitel 8: Im Hexenhaus Teil 2

Kapitel 8: Im Hexenhaus

Teil 2


Es war bereits später Nachmittag als Felix ausgeruht, wie schon lange nicht mehr, erwachte. Träge setzte er sich auf, rieb sich die Augen und streckte sich ausgiebig, wobei er seinen Blick durch den Raum gleiten ließ. Zu seiner Verwunderung saß Sophos nicht mehr vor seinem Berg voller Unterlagen, sondern stand stattdessen vor einem der Regale und betrachtete nachdenklich dessen Inhalt.

„Welche dieser seltenen Kostbarkeiten würdest du mir als Experte empfehlen, Felix?“ fragte Sophos auf einmal, ohne seinen Blick von dem vollgepackten Schrank abzuwenden.

Den Drang sich noch einmal zu strecken auf später vertröstend, schwang Felix die Beine über die Sofakante, tapste auf Socken über den kalten Steinboden und blieb schlussendlich direkt neben dem anderen stehen. Neugierig betrachtete er das Regal etwas genauer, ehe er auf eine der Tüten deutete. „Ich persönlich mag Gummibärchen lieber als Schokolade, wobei ich in Ermangelung einer Zahnbürste doch eher ein Kaugummi wählen würde, wegen Mundgeruch und so.“

„Also probieren wir zuerst die Kaugummis.“ Ehe sich Felix versah, war Sophos auch schon einen Schritt nach vorne getreten, packte die gewünschte Packung und warf sie ihm zu.

Perplex fing Felix es auf und blickte zu dem anderen hinüber, der ihm still vergnügt zuzwinkerte: „Na, mach schon auf.“

Mit einem letzten skeptischen Blick in seine Richtung öffnete Felix die Kaugummipäckchen und nahm einen Streifen raus, bevor er sie an Sophos zurückgab. Dieser folgte seinem Beispiel und beobachtete ihn sichtlich interessiert dabei, wie er sich den Zahnpflegekaugummi in den Mund schob, nur um es ihm dann gleichzutun.

Felix wusste nicht genau, wann er das letzte Mal etwas so faszinierend und gleichzeitig amüsant gefunden hatte, wie den bedächtig auf seinem ersten Kaugummi kauenden Sophos. Er konnte nicht wirklich sagen, was es war, sein Gesichtsausdruck oder aber die Tatsache, dass er dabei wirkte wie ein Weinexperte, der gerade den teuersten Wein der Welt kostete. Vermutlich war es die Kombination aus beiden.

Nach ungefähr einer Minute beendete Sophos seine Tätigkeit abrupt. „Ich denke, mein Mundgeruch ist jetzt weg.“

Felix‘ Augen wurden groß, während er an sich halten musste, um nicht laut zu lachen. „Okay?“

„Und was mach‘ ich jetzt mit dem Rest?“ Sophos‘ Gesicht wirkte nach wie vor hochkonzentriert.

„Du kannst es entweder ausspucken oder runterschlucken.“

Ohne lange zu überlegen, spuckte Sophos das Kaugummi mit einer unglaublichen Präzision in den sich halb hinter einem Regal versteckenden Mülleimer. „Und jetzt probieren wir die Gummibärchen.“

Bevor Felix auch nur die Gelegenheit bekam, etwas zu erwidern, hielt er auch schon die nächste Packung zwischen den Fingern. Er zögerte kurz. „Bekommst du keinen Ärger mit deiner Chefin, wenn du die Sachen hier einfach wegnimmst?“

„Meine Chefin ist relativ tolerant mir gegenüber“, winkte Sophos gelassen ab und beobachtete Felix einmal mehr dabei, wie er die Tüte öffnete und eines der Bärchen herausnahm.

„Eigentlich sollte man erst nach dem Süßigkeiten essen das Kaugummi kauen“, erklärte er, während er sich ein grünes Gummibärchen in den Mund schob.

„Dann heißt das, wir müssen die Kaugummistreifen später noch einmal essen.“

„Du magst die Dinger nicht wirklich, oder?“ hakte Felix vorsichtig nach und musterte Sophos unauffällig.

„Ihre Konsistenz ist…gewöhnungsbedürftig“, erwiderte Sophos diplomatisch „Diese Gummibärchen sind da eher nach meinem Geschmack.“

Felix lachte erleichtert auf, woraufhin sich das leichte Lächeln auf dem Gesicht seines Gegenüber vertiefte. Er wusste selbst nicht warum, aber plötzlich begann er über andere Sitten aus seiner Heimatwelt zu reden. Erst vorsichtig und bedacht, doch als Sophos sich wirklich interessiert und keineswegs genervt zeigte, erweiterte er diese Erzählungen um diverse Abenteuer, die er mit seinen Freunden erlebt hatte und schlussendlich erzählte er ihm sogar etwas über seine Familie. Vielleicht lag es daran, dass ihn die Sachen aus seiner Heimatwelt umgaben, dass ihn auf einmal das unbändige Verlangen überkam von daheim zu reden, vielleicht aber auch einfach an Sophos‘ Art ihm zuzuhören, während sie sich ihren Weg durch die Süßigkeitenvorräte der Dimensionshexe bahnten. Sie lachten gerade über Sophos‘ erste Konfrontation mit Zartbitterschokolade, als eine dunkle Männerstimme sie jäh unterbrach. „Im Stall bin ich jetzt fertig, wenn noch etwas anliegt, findest du mich im Keller.“

Felix‘ Blicke schossen in Richtung Tür, deren Öffnung von einem breitschultrigen Mann mit kurzen Stoppelhaaren und ebenso stoppeligem Dreitagebart ausgefüllt wurde. Er schien direkt aus dem Regen gekommen zu sein, da sein langer schmutziger Umhang durchnässt war und seine nackten dreckigen Füße in einer Wasserlache standen.

„Willst du auch ein Gummibärchen probieren, Hubertus?“ fragte Sophos gut gelaunt und hielt dem anderen anbietend die geöffnete Tüte hin, welche dieser jedoch lediglich mit einem verächtlichen Blick bedachte. „Die schmecken wie drei Wochen alte Eiswürmer und nicht jeder schätzt überlagerte Dinge so sehr wie du.“

Sophos lachte. „Wenn du willst, sage ich dir gerne Bescheid, sobald ich etwas Geröstetes finde. Das sollte wohl eher deinen Geschmacksknospen entsprechen.“

„Übertreibe es nicht, Sophos!“, erwiderte Hubertus, ehe er sich von ihnen abwandte, den Raum durchschritt und durch eine Tür in den hinteren Teil des Gebäudes verschwand.

Missbilligend den Kopf schüttelnd schaute Sophos ihm hinterher. „So ein alter Miesepeter, dabei ist es noch nicht allzu lange her, da wäre er über drei Wochen alte Eiswürmer dankbar gewesen.“

„Wer war das? Ich meine, war das ein…“, verzweifelt suchte Felix nach einem Wort ‚Bettler‘ in der fremden Sprache, aber es gab keines, ebensowenig, wie ein Wort für ‚Landstreicher‘ existierte. Felix überlegte fieberhaft. Doch er fand einfach keine passende Bezeichnung. „Ist er…ist Hubertus arm?“ Auf Sophos‘ verwundert erhobene Augenbraue hin ergänzte er hastig: „Ich meine, er hat doch keine Schuhe an, und seine Beine sind so dreckig.“

Felix hätte schwören können, dass Sophos‘ Mundwinkel einen Moment lang gezuckt hatten und Schalk in seinen Augen aufgeblitzt war, aber anscheinend hatte er sich das nur eingebildet, da dieser just in diesem Augenblick gelassen erklärte: „Nein, Felix. Hubertus ist kein armer Mann, das Gegenteil ist eher der Fall. Hubertus ist reich und obendrein auch sehr mächtig.“

„Aber warum kauft er sich denn keine Schuhe?“

„Er ist ein Erdmimage.“

Auf Felix‘ verständnislosen Blick hin holte Sophos nun doch etwas weiter aus. „Briseis hat dir bestimmt von den Mimage, den Elementmagiern, erzählt.“ Felix nickte bedächtig. „Und diese Magier müssen in direktem Kontakt mit ihrem Element sein, um ihre Macht verwenden zu können. Windmimage haben es da relativ einfach, weil immer irgendwie Luft um sie herum ist. Wenn die Erdmimage ihre Macht allerdings verwenden wollen, so müssen sie entweder ein mit Sand gefülltes Säckchen bei sich tragen, was allerdings im Kampf unpraktisch ist, oder aber sie tragen schlichtweg keine Schuhe, um immer direkt mit der Erde in Kontakt zu sein. Die Dimensionshexe zum Bespiel konnte dich nur deswegen in diese Welt bringen, weil sie zum Zeitpunkt des Dimensionssprunges mit Erde in Kontakt gewesen ist, viel Erde, da Dimensionsreisen eben besonders großer Macht bedürfen.“

„Also ist die Dimensionshexe eine Erdmimage“, stellte Felix zögernd fest.

„Eine Erdmimage der dritten Stufe“, verbesserte Sophos ihn freundlich. „Erste Stufe Erde, zweite Stufe Erdanziehungskraft, dritte Stufe Raum und Zeit, so einfach ist das.“

Für Felix klang das Ganze irgendwie alles andere als einfach, dennoch fragte er weiter: „Und was bist du?“

Sophos‘ linke, wohl gezupfte Augenbraue schoss überrascht in die Höhe, während er missbilligend mit der Zunge schnalzte. „So was fragt man doch nicht.“ Als Felix ihm einen erschrockenden Blick zuwarf, wurden seine Gesichtszüge jedoch wieder weicher. „Aber das kannst du natürlich nicht wissen. In dieser Welt gilt es allgemeinhin als sehr unhöflich, seinen Gegenüber nach seiner Macht zu fragen. Einige sagen, es bringt Unglück, andere wiederum vertreten sogar die Ansicht, dass es den Tod einladen würde. Aber die ehrlichste Antwort liegt eigentlich direkt auf der Hand. Jeder von uns, der schon einmal auf Mission war und in einen Kampf geraten ist, weiß, wie wichtig der Überraschungseffekt ist. Wenn uns jemand anderer aber nach unser Macht fragt und von uns erwartet ihm diese preiszugeben, erwacht in uns das Gefühl, dass uns jemand übervorteilen möchte.“

Das erklärte zumindest Mayas merkwürdige Reaktion, als er sie nach ihrer Hautfarbe gefragt hatte.

„Aber im Vertrauen gesagt“, Sophos beugte sich ein Stückchen vor, wenn er auch nun deutlich leiser sprach, „wenn du gut aufpasst, kannst du manchmal schon an dem Äußeren eines Menschen erahnen, welche Magie sie verwenden werden. Erdmimage tragen häufig keine Schuhe. Wenn jemand eine Glatze hat, dann ist er ein Windmimage der zweiten Stufe oder jemand der glaubt, er könnte die zweite Stufe in absehbarer Zeit erreichen, sofern er denn nicht schlichtweg ein Aufschneider ist oder über extrem schlechten Haarwuchs verfügt – schwarze Schafe gibt es halt überall. Bei den Neros sollte man hingegen ganz besonders auf die Kleidung achten. Gestaltenwandler tragen Kimonos, weil diese leicht und schnell abzulegen sind, manchmal auch mit bestimmten Klappen an diversen Körperstellen. Meine Großmutter zum Beispiel, kann sich ganz, aber auch nur partiell in eine Spinne verwandeln und hat daher eine Klappe am Hintern. Meine Mutter hat mir daher schon als kleiner Junge beigebracht, dass ich besser in Deckung gehen, wenn Oma die Klappe an ihrem Hintern fallen lässt.“ Sophos lachte vergnügt bei der Erinnerung an frühere Zeiten, wurde dann jedoch von einer Sekunde zur anderen unvermittelt still.

„Was ist los?“ wollte Felix wissen, als just in diesem Augenblick die Erde unter seinen Füßen heftig zu vibrieren begann. Es war nur ein kurzer Stoß gewesen, der sich schnell wieder legte, und doch spürte Felix, wie sich die Haare in seinem Nacken aufrichteten. Unsicher wandte er sich seinem Gegenüber zu. „Sophos?“

„Die Dimensionshexe ist zurück.“ Sophos stand auf und ging in Richtung Tür, in der stehend er sich zu Felix umwandte. „Wenn du willst, kannst du mir helfen, die Elche zu holen, damit ich sie am Fuß des Berges abpassen kann. Sie wird sicherlich müde sein ob der kraftraubenden Reise.“

Hastig rappelte sich Felix auf, zog seine Schuhe und Jacke an, um sodann Sophos auf die Veranda und schließlich in den Regen hinaus zu folgen. Der Wind drückte so heftig gegen ihn, dass er kaum einen Fuß vor den anderen setzten konnte, während der dichte Regen dafür sorgte, dass er noch nicht mal mehr die Bäume am Ende der Lichtung erkennen konnte. Als er es endlich geschafft hatte, Sophos um das Haus herum in den schützenden Windschatten des Gebäudes und den angrenzenden kleineren Stall zu folgen, hatte dieser bereits zwei große Elchkühe aus dem kleinen Häuschen geholt und begonnen diese aufzuzäumen. Vorsichtig trat Felix näher an die Tiere heran, von denen sich eines gerade beharrlich weigerte sich von Sophos das Zaumzeug anlegen zu lassen.

„Jetzt stell‘ dich nicht so an, Frieda“, sagte Sophos, schnalzte dann einmal kurz mit der Zunge, nur um, als Frieda den Kopf in die Richtung des Lautes bewegte, ihr das Zaumzeug überzustreifen. „Na geht doch.“ Er wollte sich gerade dem anderen Elch zuwenden, hielt jedoch mitten in der Bewegung inne.

Felix wusste nicht wie ihm geschah, als er unvermittelt ein Ziehen an seinem Arm spürte und sich keine Sekunde später hinter Sophos‘ Rücken wiederfand. Sämtliche ihm so eigene fröhliche Gelassenheit war aus dessen Körper gewichen und hatte einer Ruhe Platz gemacht, die einfach nur noch beängstigend war. „Sophos, was ist los?“ fragte Felix mit zittriger Stimme, als ein wütendes Knurren ihm bereits die Antwort auf seine Frage gab. Anscheinend gab es tatsächlich doch weit mehr als nur Riesenkaninchen in diesem Wald.

Vorsichtig versuchte Felix an dem anderen vorbeizuschauen, der lediglich mit dem Zaumzeug des zweiten Elches bewaffnet zwischen ihm und dem Angreifer stand. Allerdings konnte er durch den dichten Regenschleier nicht viel mehr erkennen als einen großen, dunklen Schatten. Er sah die Bewegung nicht kommen, als das Tier zum Sprung ansetzte, sondern spürte nur, dass er einmal mehr mitgerissen wurde, als Sophos dem Tier auswich, während er mit dem Zaumzeug nach diesem schlug. Felix beobachtete, wie der Schatten kurz strauchelte, dann allerdings zu einem erneuten Angriff ansetzte, und dieses Mal konnte er auch erkennen, um was für ein Wesen es sich handelte. Es war eine Katze. Eine riesige, schwarze Katze mit kurzen, weißen Söckchen, die ihr kaum über die Pfoten reichten und einem großen, weißen Punkt zwischen den Augen. „Heros“, flüsterte er ungläubig, doch der Sturm trug im gleichen Augenblick seine Worte davon, indem Sophos dem Tier erneut auswich. Nur mit dem Unterschied, dass er nun selbst zum Gegenangriff überging, indem er auf den Rücken des Tieres sprang, diesem das Zaumzeug um das Maul schlang und einen spitzen Gegenstand aus dem Ärmel zog.

„Nein“, schrie Felix, doch dieses Mal waren Sophos‘ Reflexe nicht schnell genug. Geschockt beobachtete Felix, wie sich die Spitze seiner Waffe in den Hals der Katze bohrte und diese daraufhin in sich zusammensackte. Die Pfoten zuckten noch leicht, als Sophos vom Tier sprang, die lange, spitze Nadel wieder in seinem Armschoner verschwinden ließ und auf Felix zuging.

„Was hast du getan? Das war Heros, mein…mein.“ Felix wusste selbst nicht, was Heros für ihn war, er wusste lediglich, dass er nicht wollte, dass dieser starb. Er versuchte sich an Sophos vorbeizudrängeln, als dieser ihn jäh an den Schultern packte und ihn eindringlich ansah. „Es ist alles in Ordnung, Felix. Ich habe ihn nur betäubt.“

Erleichterung floss dem Regen gleich seinen Rücken hinunter. Er atmete auf und warf einen raschen Blick auf Heros, der sich mittlerweile zurückverwandelt hatte und nun wie ein zusammengekrümmter Klumpen Mensch auf dem Boden lag. Sophos‘ Augen folgten seinem Blick. „Ich denke, wir bringen ihn besser rein“, sagte er dann und hob den anderen, so als würde dieser keine anderthalb Zentner wiegen, auf seine Arme.

Felix folgte ihm mit gesenktem Kopf und nachdenklich gerunzelter Stirn. Jetzt, wo die Angst und Aufregung langsam aus seinen Knochen wichen, türmten sich Fragen in ihm auf. Warum hatte Sophos ihn nur betäubt, wenn er doch davon ausgegangen sein musste, dass Heros ein Tier war, und warum hatte Heros sie überhaupt angegriffen? War er denn wirklich so wütend auf Felix gewesen, dass er versuchen würde ihn zu töten oder hatte er es auf Sophos abgesehen gehabt? Aber warum sollte er das? Sein Blick fixierte Sophos‘ Rücken, als dieser die Stufen zur Veranda emporstieg, diese überquerte und das Haus betrat. Er wartete gerade noch solange, bis dieser seine Last auf das Sofa gelegt hatte, doch dann brach die Frage einfach aus ihm heraus. „Warum hat Heros uns angegriffen? Warum… ich verstehe es nicht!“

„Er hat nicht dich angegriffen, sondern mich.“ Sophos blickte nicht einmal auf, während er den bloßen Körper des anderen in eine Decke hüllte.

„Aber wieso?“

„Hast du schon vergessen, dass ich von Briseis weggegangen bin?“ Endlich schaute er ihn an. „Ich bin ein Verräter, ein Vogelfreier, denn die Herrin vom Eisernen Rücken hasst nichts mehr, als verraten zu werden.“ Sichtlich angeschlagen und müde erhob er sich von seinem Platz und ging in Richtung Veranda. „Pass du auf ihn auf, Felix. Ich gehe derweil zur Erdmimage und kümmere mich um alles.“ Er wandte sich zum Gehen.

Felix folgte ihm noch bis auf die Veranda hinaus, beobachtete, wie er sich auf einen der Elche schwang und dann seine Hand zu einem letzten Gruß erhebend davonritt. Langsam ging Felix in das nun stille Dimensionshexenhaus zurück. Er schaute kurz nach Heros, der allerdings tief und fest schlief, ehe er begann ungeduldig im Raum auf- und abzuwandern. Sein Blick fiel auf das vollgepackte Süßigkeitenregal und er blieb unwillkürlich stehen. Er betrachtete alles, jeden einzelnen Artikel aus seiner Heimatwelt, bevor er auf das Regal zuging und begann, die auf dem Boden liegenden aufgerissenen Packungen zusammenzuräumen. Nicht mehr lange und er würde wieder zu Hause sein, umgeben von Menschen, die sich nicht in Tiere verwandeln konnten oder gewohnheitsmäßig Betäubungsmittel mit sich herumzutragen schienen, dafür aber wussten was Gummibärchen und Kaugummis waren.

Mein Abscheu wird durch Euch vermehrt.
O glücklich der, den Ihr belehrt!

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Sonntag, 18. September 2011, 18:04

Kapitel 9: Erde zu Erde

Kapitel 9: Erde zu Erde

Teil 1


Erik schmollte. Er schmollte, als sie Falo verließen. Er schmollte, während sie den acht großen Wasserfällen folgend in Richtung Eiserner Rücken reisten. Und er schmollte immer noch, als sie den Waldrufer hinter sich ließen, um den Riesenwald zu Fuß zu durchschreiten. Der Grund für diesen Trotz war ebenso banal wie einfach zu nennen, trug den Namen Marit und verwaltete die Angelegenheiten des Staates nahezu im Alleingang.

Es verhielt sich nicht so, dass Eriks Mutter ihrem eigenen Sohn das Leben unnötig schwer machen wollte. Sie bemühte sich lediglich um eine gerechte Verteilung der Missionen. Und genau hier begann das eigentliche Problem der beiden. Erik war es durch die schier unendliche Nachsicht seines Großvaters seit jeher gewöhnt, sich die Art und den Zeitpunkt seiner Aufträge selber aussuchen zu dürfen und pickte sich, wer mochte es ihm auch verdenken, grundsätzlich nur die angenehmsten Missionen heraus. Ein Verhalten, das wiederum Marit dazu veranlasste, mehr oder weniger sinnvolle Gegenmaßnahmen zu ergreifen, um die Vorzugsbehandlung ihres Sohnes zu relativeren und diesen - zumindest in ihren Augen - wieder in die Reihen der normalen Magier einzugliedern. Dieses Mal hatte es Eriks heißgeliebte Rennelche erwischt, die – gemäß Marits Verbot – daheim bleiben sollten, weil sie mit ihren großen goldenen Geweihen zu dekadent wirken würden. Ein Edikt, das ihr Sohn jedoch keineswegs bereit war einfach so hinzunehmen.

Das Ende vom Lied war daher, dass Odine, Beena und Erik in einer weniger aufschneiderischen Rentierkutsche reisen mussten, letzterer in Selbstmitleid versunken war und alles daran legte, ihre Mission zu sabotieren. Natürlich nur, um dann behaupten zu können, dass mit seinen Elchen alles besser gelaufen wäre. Sein momentaner Sabotageakt bestand unterdessen darin, sich mit einer Geschwindigkeit voranzubewegen, die selbst eine in Baldriansaft geschwenkte Schnecke vor Neid hätte erblassen lassen.

Odine hätte wirklich gerne über seine neueste Anti-Marit-Maßnahme geschmunzelt, allerdings hatten die momentan herrschenden Witterungsbedingungen selbst ihr das ewig währende Lachen vorübergehend aus dem Gesicht getrieben. Es stürmte. Es stürmte so stark, dass sich die Bäume über ihr bedrohlich hin und her warfen, so als kämpften sie einen verzweifelten Überlebenskampf, während der Regen sich seinen Weg Bindfäden gleich gen Boden bahnte.

Unwillkürlich zog Odine sich ihren Regenüberwurf etwas fester um die Schultern, während sie ihren Partner unverhohlen mit einem neidischen Blick bedachte.

„Ist was?“ Eriks Gesicht, das genauso düster wirkte wie die Wolken am Himmel, hatte sich ihr unvermittelt zugewandt.

Odine bedachte ihn mit einem aufmunternden Lächeln. „Du hast Glück. Das Wetter kommt dir und deiner Macht heute wirklich entgegen.“

„Glück würde ich anders definieren“, erwiderte ihr Partner mit einem leichten Grollen in der Stimme.

„Ach komm schon, Erik. Kuddel und Muddel gefällt es bestimmt besser daheim auf ihrer Weide. Sie können sich sonnen und nach Herzenslust grasen …“ Sie machte eine großen Schritt über einem zu Boden gestürzten Ast hinweg. „….und du musst vor allem keine Angst haben, dass sie von einer dieser Baumkronen erschlagen werden.“

„Kannst du nicht wenigstens einmal, nur ein einziges Mal, auch schlechte Laune haben?“

Der leise Vorwurf in seiner Stimme brachte sie nun doch zum Lachen. „Naja, Sonnenschein und Windstille wären mir natürlich lieber, aber unter diesen Umständen habe ich nun wenigstens mal die Gelegenheit, meine schicke, neue Regenjacke auszuprobieren. In Falo regnet es ja nie. Und wenn ich dann noch daran denke, was für tolle exotische Sachen uns im Haus der Dimensionshexe erwarten, kann ich gar nicht schlecht gelaunt sein. Uns steht ihre gesamte Auswahl zu Verfügung! Wir können Kleidung, Schmuck, Souvenirs, einfach alles kaufen.“ Odine konnte ein Zucken an Eriks linker Wange erkennen, ein untrügliches Zeichen dafür, dass er sich nach drei Tagen beharrlichen Schmollens nun doch für diese Mission zu erwärmen schien. „Und wer weiß, vielleicht hat sie ja auch Bestellkataloge, die wir durchblättern können.“

„Warum reisen wir eigentlich nicht gleich selbst in eine der anderen Dimensionen?“, schlug Erik vor, ehe er, auf Odines ungläubigen Blick hin, lässig ergänzte: „Opa hat mir ein kleines Taschengeld mitgegeben, als eine Art Wiedergutmachung.“

In Anbetracht der Tatsache, dass eine Dimensionsreise ungefähr dem Jahresgehalt eines durchschnittlichen Magiers entsprach, konnte man Olafs Obolus weder als klein, noch als Taschengeld bezeichnen. Odine räusperte sich. „Weiß Marit davon?“

Eriks blaue Augen zogen sich bei der Erwähnung des Namens seiner Mutter unheilvoll zusammen. „Natürlich, das war immerhin der Grund, warum sie dieses schwachsinnige Missionsverbot für Kuddel und Muddel ausgesprochen hat.“ Seine Gesichtszüge verdunkelten sich einmal mehr. Eine Zeit lang ging er still vor sich hin grübelnd weiter, bevor er plötzlich entschlossen verkündete: „Also ist es beschlossene Sache. Sobald wir sichergestellt haben, dass die Mimage des Raum-Zeit-Kontinuums wohlauf ist, bitten wir sie, uns in eine der anderen Welten zu bringen!“ Sein Blick wanderte träumerisch in die Ferne, nur um sodann durch das jähe Auftauchen eines steinernen Wegweisers in die Realität zurückgeholt zu werden. „Und wohin jetzt? Dimensionshexenhaus oder Raum-Zeit-Reise-Höhle?“

Odine setzte gerade zu einer Erwiderung an, als eine Frauenstimme ihr zuvorkam: „Wir müssen zur Höhle. Meine Schwester Meena ist dort. Wenn irgendetwas Wichtiges während meiner Abwesenheit vorgefallen ist, wird sie es uns berichten können.“

Erik schien, ebenso wie sie selbst, ganz vergessen zu haben, dass sie nicht alleine waren. Er warf Beena einen irritierten Blick zu, ehe er kurz über sich selbst den Kopf schüttelte, nur um letztendlich den ihm angeratenen Weg einzuschlagen.

Schweigend folgte Odine ihm. Es war nicht das erste Mal, dass sie die Anwesenheit der Frau einfach übersehen hatten. Vielmehr verhielt es sich so, dass sobald sie auch nur in die Nähe eines Waldes gekommen waren, die langen Korkenzieherlocken und die wettergegerbte, braune Haut ihrer schweigsamen Begleiterin nahtlos mit den Unterholz um sie herum zu verschmelzen schienen. Ebenso wie jetzt, wo sie dem schmalen Waldpfad weiter und weiter folgten.

Sie waren nur gut eine Viertelstunde unterwegs gewesen, als sich der Wald, der zuvor immer düsterer und dichter zu werden schien, von einem Moment auf den anderen lichtete, um sodann eine riesige Steinwand freizugeben, die sich bis weit in den Himmel hinein vor ihnen auftürmte. Augenscheinlich hatten sie die Silberberge und mit diesen den wohl schwierigsten Part ihrer Reise erreicht – den Aufstieg.

Die in die Felswand eingelassenen Treppenstufen und das lediglich einseitig an der Wand befestigte Geländer waren vom stetigen Regen durchnässt und glitschig, während der Sturm sein übriges tat, um ihnen den letzten Teil ihres Weges so unangenehm wie möglich zu gestalten. Odine wurde bei jedem Meter, den sie sich weiter vom sicheren Erdboden entfernten, mulmiger zumute. Sie hatte zwar keine direkte Höhenangst, was allerdings nicht bedeutete, dass sie nicht ebenso gut auf diesen Aufstieg hätte verzichten können. Ein nervöses Grinsen stahl sich auf ihre Lippen. Eine der wenigen ihr verbleibenden Möglichkeiten sich selbst davon abzuhalten, nervös auf ihrer Unterlippe herumzukauen. Als sie das Plateau mit der Raum-Zeit-Reise-Höhle letztendlich erreicht hatte, war ihr regelrecht schlecht vor Anspannung, allerdings war sie nicht mehr die einzige, der mulmig zumute war.

„Da stimmt etwas nicht!“ flüsterte Beena leise, während ihre Augen das Plateau absuchten. „Wartet hier!“

Während sich Beena in Richtung Höhlenöffnung davonschlich, versuchte Odine ihr eigenes Unwohlsein hinunterzuschlucken. Sie fingerte nach ihrem Dolch, den sie an ihrem Gürtel befestigt hatte, ehe sie die Kapuze ihres Regenüberwurfs zurückschlug. Sie brauchte gar nicht in Eriks Richtung zu schauen, um zu wissen, dass auch er bereits seinen Mantel ausgezogen hatte, um sich nicht nur mental auf einen Kampf vorzubereiten.

Der kalte Regen lief ihr über die Wangen und in den Ausschnitt ihrer Jacke hinein, während ihre Augen unablässig und in stiller Erwartung die Höhlenöffnung fokussierten, in der Beena soeben verschwunden war.

Sie wartete, den Dolch fest umklammernd, auf ein erneutes Auftauchen der Buschfrau, aber diese ließ sich alle Zeit der Welt. Stück um Stück kroch der Sekundenzeiger ihrer Uhr voran, aber Beena blieb verschwunden. Sie wollte gerade vorschlagen, sich ebenfalls in der Höhle umzusehen, als die Frau letztendlich doch noch in der Felsöffnung erschien und auf sie zueilte. Tiefe Sorgenfalten durchzogen ihr Gesicht, so tief, dass sich Odines Hand unwillkürlich verkrampfte. „Nichts.“ Beenas Stimme klang rau und angespannt. „Absolut nichts! Keine Kampfspuren, keine Kratzer an der Wand. Es scheint fast so, als ob meine Schwester einfach so vom Erdboden verschwunden sei.“

Odine und Erik warfen sich einen kurzen, verständigenden Blick zu. „Vielleicht ist sie, als der Sturm begonnen hat, zum Haus der Dimensionshexe geflohen?“

„Bei allem nötigen Respekt und so, Erik. Meena und ich leben und arbeiten hier seit über zwanzig Jahren. Wir verlassen unsere Stellung nicht einfach so, nur weil ein kleiner Frühjahrssturm über das Land weht. Einer von uns ist immer hier oben. Immer! Wenn Meena nicht hier ist, dann… dann…“ Hastig wandte sich Beena von ihnen ab und rieb sich die Augen, ehe sie mit heiserer Stimme fortfuhr. „Etwas muss hier oben passiert sein, etwas Furchtbares.“

Ein kalter Schauer lief dem Regen gleich Odines Rücken hinunter, während sie krampfhaft versuchte ruhig zu bleiben. Ihr Spion war verschwunden, na gut. Die viel wichtigere Frage war allerdings, wer für dieses Verschwinden verantwortlich war und ob er immer noch in der Gegend verweilte. Sie warf ihrem Partner einen kurzen Blick zu. Erik war mächtig, sehr mächtig sogar, selbst für einen Zweitstufler. Sollte wirklich einer der anderen Landesherren vom Unfall der Dimensionshexe erfahren haben und versuchen, die Verbreitung dieser Nachricht zu unterbinden, indem er die Spione in der Gegend beseitigen ließ, wären sie vermutlich in der Lage, diesen Auftragsmörder zurückzuschlagen.

Doch da gab es noch eine andere Möglichkeit. Eine Möglichkeit, die so undenkbar war, dass sie direkt aus der Welt der Schauergeschichten ihrer Kindheit zu entspringen schien. Was, wenn dieser Übergriff nicht nur ihren Kundschaftern, sondern der Mimage des Raum-Zeit-Kontinuums selbst gegolten hatte? Natürlich, sie war eine Drittstuflerin, eine der vier großen, der vier mächtigen Mimage, eine derjenigen, die anzugreifen purer Wahnsinn war. Das Problem war nur, dass sie zur Zeit verletzt war und es im Norden des Kontinentes jemanden gab, der noch eine Rechnung mit ihr offen hatte und wahnsinnig genug war, das Undenkbare zu tun. Dylana! Was, wenn sie von dem Unfall der Dimensionshexe Wind bekommen hatte und der sich bietenden Gelegenheit zur Rache einfach nicht hatte widerstehen können? Was, wenn sie zum Eisernen Rücken aufgebrochen war, um Mathilda selbst zu töten? Was, wenn sie noch hier war und unten am Berg auf sie wartete? Erneut wanderten ihre Augen zu ihrem Partner. Erik war mächtig, aber nicht annähernd mächtig genug, um es mit ihr aufzunehmen.

Odine atmete tief durch, um die aufsteigende Panik zu bekämpfen. Es war eine Schauergeschichte gewesen, reine Fiktion. Beängstigend, ja, aber genauso unwahrscheinlich. Langsam stieß Odine den Atem aus, ehe sie sich an Erik wandte. „Wir müssen zum Dimensionshexenhaus. Wir müssen uns davon überzeugen, ob und was dort passiert ist.“

„Du meinst, die Erdmimage…“

Odine zuckte hilflos mit den Schultern und schenkte ihm ein nervöses Grinsen. „Ich weiß es nicht, Erik. Ich weiß es wirklich nicht. Aber wenn deine Mutter recht hatte mit Dylana und allem… Wir sollten es auf jeden Fall überprüfen.“

Erik schloss für einen Augenblick die Augen, legte den Kopf in den Nacken und atmete tief durch, bevor er sie erneut ansah. „Gut. Beena, du bleibst hier und behältst die Höhle im Auge, während Odine und ich das Haus der Dimensionshexe unter die Lupe nehmen. Sollte ich mich bis zum morgigen Sonnenaufgang nicht bei dir gemeldet haben, gehst du sofort ohne Umwege zu meinem Großvater und erstattest ihm Bericht.“

Beenas Antwort bestand lediglich in einem leichten Schniefen, welches Erik jedoch als ‚ja‘ zu interpretieren schien, da er sich abrupt von ihr abwandte und mit dem Abstieg begann.

Schweigend folgte Odine ihm. Sie verstand selbst nicht, was da eben mit ihr los gewesen war, geschweige denn, woher diese plötzliche Panikattacke gekommen war. Sie war schließlich keine Anfängerin mehr. Seit mehr als sechs Jahren erledigte sie nun schon Aufträge, hatte unendlich vielen Großtransporten beigewohnt und an Hunderten diplomatischen Verhandlungen teilgenommen und…

„Da kommt jemand“, flüsterte Erik und hielt so unvermittelt an, dass Odine beinahe in ihn hineingelaufen wäre. Er zögerte kurz, fügte dann jedoch leise hinzu: „Eine Frau.“

„Meena?“ Odines Stimme hatte sich der Lautstärke des anderen ebenfalls angepasst.

„Keine Ahnung, schau doch einfach mal nach.“

„In Ordung, aber halt mich fest. Ja?“ Sie spürte, wie Erik sie an den Schultern packte, konzentrierte sich dann jedoch auf ihre Aufgabe und kniff ihr linkes Auge zusammen, um sodann ihr rechtes aus seiner Höhle springen zu lassen. Ihr Sehnerv dehnte sich immer weiter, während es über den Abhang schwebte, die Felswand senkrecht nach unten glitt und sich im trüben Regen umschaute. Sie hatte bereits gut fünfzehn Höhenmeter hinter sich gelassen, als sie einen Schatten erblickte, der sich vorsichtig seinen Weg nach oben bahnte. Ihren Augapfel dichter an die Felswand gepresst, verharrte sie, als sie unvermittelt ein Tippen auf ihrer Schulter spürte. „Was siehst du?“

„Ich warte noch“, flüsterte sie zurück.

„Verdammt noch mal, Odine, beeil dich etwas!“

Sie blendete seine ungeduldige Stimme einfach aus und fixierte sich stattdessen wieder auf das, was unter ihnen vor sich ging. Der Schatten kam näher und näher, bis sie eine junge Frau erkennen konnte, deren kurze, nasse Haare ihren Kopf wie einen Helm umgaben und deren Augen den Weg vor sich fixierten.

„Es ist ein Mädchen, höchstens 16, nicht älter. Sie trägt schwarz. Keine Glatze. Und hat Schuhe an.“

„Eine Nero?“ fragte Erik leise in ihr Ohr.

„Könnte sein, allerdings sehe ich keine direkten Waffen, keine charakteristische Kleidung. Warte“, Odine bewegte ihr Auge etwas zur Seite. „Sie hat einen Docht an ihrem linken Arm.“

„Also kein Nero.“

„Nein, eher eine Feuermimage, vermutlich eine Mischung mit einigen anderen Elementen, allerdings deutet nichts auf eine zweite Stufe hin.“ Odine runzelte nachdenklich die Stirn, ehe sie ihre letzte Einschätzung abgab. „Ich denke, sie ist keine Gefahr für uns.“

„Aber was macht sie denn hier bei diesem Wetter - und noch dazu allein?“

Mein Abscheu wird durch Euch vermehrt.
O glücklich der, den Ihr belehrt!

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Sonntag, 18. September 2011, 18:06

Kapitel 9: Erde zu ErdeTeil 2

Kapitel 9: Erde zu Erde

Teil 2


„Ich kann sie gerne fragen, wenn du willst“, schlug Odine vor und schickte ohne Eriks Antwort abzuwarten, ihr rechtes Ohr und den Mund los, um ihrem Auge Gesellschaft zu leisten. Sie wartete, bis sich das Mädchen auf einem der die Treppen verbindenden Plateaus befand, ehe sie leise „Hallo Mädchen“, sagte.

Anscheinend war ihre Vorsicht genau richtig gewesen, da dieses, kaum dass die begrüßenden Worte Odines Lippen verlassen hatten, jäh in sich zusammenzuckte, über ihre eigenen Füße stolperte und gehörig ins Wanken geriet. „Wer war das, verdammt noch mal?“

„Das war ich, Odine.“ Sie platzierte ihren Mund, ihr Auge und ihr Ohr gut sichtbar vor dem Mädchen. „Tut mir Leid, wenn ich dich erschreckt habe, aber ich würde gerne wissen, was du hier ganz alleine am Berg willst?“

Leider war das Mädchen weit weniger naiv, als es wünschenswert gewesen wäre und zudem weder brav, noch überrumpelt genug, um ihre Frage ehrlich zu beantworten. Stattdessen erwiderte sie: „Mir die im Sturm hin und her schwankenden Bäume vom Berg aus betrachten, und du?“

Odine lächelte leicht, was in Anbetracht ihres ausgefahren Mundes allerdings äußerst seltsam aussehen musste. „Dasselbe, und dabei dachte ich, dass mein Freund und ich hier die einzigen wären.“

„Dann seid ihr also allein?“ Der Unterton des Mädchens klang eigenartig. „Und ich habe euch bei dieser trauten Zweisamkeit gestört? Das tut mir wirklich unendlich Leid.“

Odine musterte ihre Gegenüber nachdenklich, bevor sie vorsichtig sagte. „Falls du deinen Partner suchen solltest… er war nicht da oben.“

„Ich suche nicht nach meinem Partner“, entgegnete das Mädchen entschieden und nunmehr auch sichtlich genervt. „Und ehrlich gesagt, rede ich nicht gerne mit Menschen, die ich nur stückchenweise sehen kann. Wenn du schon mit mir sprechen willst, dann zeig dich gefälligst richtig, damit ich wenigstens weiß, mit wem ich es zu tun habe!“

„In Ordnung. Bleib wo du bist.“ Ohne auf eine Antwort zu warten, zog Odine sich wieder zurück, fuhr die Felswand nach oben, ehe sie all ihre Körperteile wieder ihren rechtmäßigen Plätzen zuordnete und ihr zweites Auge öffnete, um Erik anzublicken, der fragend eine Augenbraue hochzog.

„Sie sucht anscheinend nach jemandem, ich weiß nur noch nicht, nach wem“, berichtete sie ihm ruhig. „Wir sollten wohl besser runtergehen und direkt mit ihr sprechen. Sie wartet auf uns.“

„Gut.“ Erik ließ ihre Schultern los und machte sich, Odine dicht auf den Fersen, an einen erneuten Abstieg.

„Die Fälle also“, begrüßte sie das Mädchen, kaum dass sie bis auf Sichtweite an dieses herangekommen waren. „Es hätte mich auch gewundert, wenn Olaf seine Nase nicht überall reinstecken würde.“

„Wenn ihr die Dimensionshexe besuchen dürft, warum sollten wir es dann nicht auch tun? Allerdings ist es schon etwas ungewöhnlich für einen Magier, ohne Partner unterwegs zu sein“, in Eriks Stimme klang eine leise, wenn auch eindeutige Frage mit.

„Ich komme bestens allein zurecht, danke“, entgegnete das Mädchen schnippisch und vollführte eine halbe Drehung um ihre Achse, nur um dann die Treppe hinunterzusteigen.

„Hey, warte mal!“, rief Erik ihr hinterher. „Wir wollten doch reden.“

„Du bist von den Fällen, ich vom Eisernen Rücken. Es gibt wohl kaum etwas, worüber wir sprechen könnten.“

„Ist das zu glauben?“, Erik wandte sich fassungslos zu Odine um, während das Mädchen langsam im Regen verschwand. „Das kleine Gör hat mich einfach abblitzen lassen.“

Wenn die Situation nicht so ernst gewesen wäre, hätte Odine vermutlich gelacht. Es kam nicht alle Tage vor, dass jemand – unabhängig ob nun Mann oder Frau - ihn einfach so stehen ließ. So jedoch sagte sie lediglich: „Wir sollten uns besser beeilen. Die Dämmerung wird bald einsetzen.“

Erik schien einen Augenblick lang ernsthaft darüber nachzudenken, ob das Verhalten des Mädchens nicht doch diskutierenswerter war als ihre Mission, doch am Ende siegte sein Pflichtgefühl.

Während sie Stufe um Stufe hinabstiegen, begann Odine einmal mehr über das merkwürdige Verhalten des Mädchens nachzudenken. Und je länger sie überlegte, umso sicherer war sie sich, dass das Gör nach jemandem gesucht haben musste und dass diesen jemand das gleiche Schicksal ereilt hatte wie Meena. Nachdenklich runzelte sie die Stirn. Zwei verschwundene Krieger, keine Kampfspuren, weder oben in der Höhle noch im Wald selbst. Und der Riesenwald war ruhig gewesen, zu ruhig in Anbetracht der Tatsache, dass laut Beena ein Schattenwandler von der Großen E…

Ein Beben erschütterte die Felswand und die Stufen zu ihren Füßen. Ein Beben, so stark, als würde jemand versuchen, den Berg entzwei zu reißen. Und mit dem Beben kamen die Steine. Brocken, so groß wie Rentierkutschen, sausten an ihr vorbei gen Erde, während der Staub einem die Sicht zusehends erschwerte. Instinktiv packte sie Erik am Arm und drängte ihn und sich selbst so dicht wie möglich gegen den Felsen. Sie spürte mehr, als dass sie es wirklich sah, dass Erik ein Wasserschild um die herum hochzog, um sie so gut wie möglich zu schützen. Dicht an die Wand gepresst warteten sie. Es kam Odine wie Stunden vor, wie Tage, obwohl in Wirklichkeit nur wenige Sekunden vergangen waren, bis der Geröllregen sich wieder legte.

Odines Herz hämmerte regelrecht in ihrer Brust. Sie brauchte noch ein, zwei Sekunden nachdem der Steinsturz vorüber war, ehe sie es wagte, sich von der Wand zu lösen.

„Alles in Ordnung?“ Ihre Stimme klang ungewohnt heiser, doch bevor Erik auch nur die Chance hatte etwas zu erwidern, hörte sie, wie jemand ihren Namen rief. Sie warf ihrem Partner einen kurzen Blick zu, bevor sie beide eiligst die glitschigen Stufen hinunter rannten, nur um kurze Zeit später neben einem über dem Abgrund baumelnden Mädchen zum Stehen zu kommen. Sie hatte Glück im Unglück gehabt, da sie sich gerade noch so mit ihren Händen an einem Riss in der Treppe hatte festhalten können. Hastig ging Odine neben ihr in die Hocke und packte sie an einem der Arme. Sie schaute auffordernd zu Erik hinüber, welcher sich allerdings seelenruhig gegen die Felswand lehnte und auf ihren Blick hin lediglich sagte: „Wir kommen von den Fällen und sie vom Eisernen Rücken. Es gibt keinen Grund, warum wir ihr helfen sollten.“

Odine wünschte sich wirklich, dass Eriks Verhalten sie überraschen würde, allerdings tat es das nicht wirklich. Sie unterdrückte ein Seufzen. Er schmollte mal wieder, nur dieses Mal zu einem wirklich denkbar schlechten Zeitpunkt. Einem Zeitpunkt, indem sie besser daran täten, die instabile, Felsen spuckende Wand so schnell wie möglich hinter sich zu lassen und nicht unnötige Diskussionen zu führen. Aber es hatte ja ohnehin keinen Sinn ihn darauf aufmerksam zu machen. Denn selbst wenn sie es tat, würde das Ganze nur in eine weitere Debatte ausarten, die darin münden würde, dass Erik erst recht darauf beharren würde, seinen Dickkopf durchzusetzten und sie im Endeffekt noch mehr Zeit verlieren würden. Odine verdrehte genervt die Augen und schwieg.

„Das ist doch wohl jetzt ein Scherz, nicht wahr?“ presste das Mädchen zwischen vor Anstrengung zitternden Lippen hervor.

„Mitnichten, denn es waren immerhin fast deine eigenen Worte.“ Erik stieß sich von der Wand ab und ging direkt vor ihr in die Knie, um ihr in die Augen zu schauen.

Das Mädchen würgte einen Laut heraus, der verdächtig nach ‚Bastard‘ klang.

„Ich mache dir einen Vorschlag. Ich helfe dir hoch, und du sagst mir im Gegenzug, was du hier zu suchen hast? Ein Hand wäscht die andere.“

Das Mädchen überlegte nicht lange. „Bleibt mir denn eine andere Wahl?“ Doch als Erik abwartend eine Augenbraue hochzog, zischte sie lediglich: „Natürlich.“

Erik lächelte leicht, ergriff dann allerdings ihren Oberarm und zerrte sie mit Odines Hilfe auf die Treppe zurück. Odine hatte regelrecht Mitleid mit der armen Kleinen, die zitternd und mit abgebrochenen Fingernägeln wie ein Häufchen Elend dasaß, während ihr eigener Partner sich triumphierend vor ihr aufbaute. „Zuerst einmal, wie ist dein Name?“

„Esra, und du brauchst dich gar nicht erst vorzustellen. Ich weiß, wer du bist. Du bist Erik, Olafs Enkel.“

Der Satz schien ihn nun doch etwas aus dem Konzept gebracht zu haben. „Du weißt, wer ich bin, und wagst es trotzdem, mich einfach so stehen zu lassen?“ Anscheinend hatte das Verhalten des Mädchens ihn doch härter getroffen, als Odine zu Anfang vermutet hatte.

„Ich habe zur Zeit nun einmal andere Sorgen.“

„Ja, aber…“

„Lass mich mal besser weiter machen, Erik“, unterbrach ihn Odine freundlich, um sein Ego vor wirklich tiefgreifendem Schaden und sich selbst vor einer noch länger andauernden Wartezeit an der bröckelnden Felswand zu bewahren. Dann wandte sie sich Esra zu. „Also, wen oder was hast du dort oben gesucht? Deinen Partner?“

„Einen Klienten“, erwiderte das Mädchen, wenn auch äußerst widerwillig. „Nur einen Klienten, den wir zur Mimage des Raum-Zeit-Kontinuums eskortieren sollten, bevor wir ihn im Sturm verloren haben.“

„Wir?“

„Mein Partner und ich. Wir haben uns getrennt. Er ist zum Dimensionshexenhaus und ich bin hierher gegangen.“

Odine warf Erik einen kurzen, bedeutungsschweren Blick zu. Augenscheinlich musste sie doch nicht zum Hexenhaus gehen, um herauszubekommen, was dort vor sich ging. Das Erdbeben war stark gewesen, kräftig genug zumindest, um einen Magier in Sorge um seinen Partner auf direktem Wege zur Steinhöhle eilen zu lassen. Ob er nun auftauchte oder nicht, sie würden so und so ihre Antwort bekommen. Blieb nur noch die Frage, was oder wer im Namen der Götter dieses Erdbeben verursacht hatte. Sie legte den Kopf in den Nacken und schaute an der Felswand empor, so als würde diese ihr die Antwort auf all ihre Fragen geben können.

Für einen Augenblick glaubte Odine, einen Schatten über sich gesehen zu haben, als Erik auch schon sagte: „Da kommt jemand, ein Mann.“

„Ihr habt doch gesagt, da oben wäre niemand“, empörte sich Esra.

„Da war auch keiner, als wir dort waren“, erwiderte Erik sichtlich genervt und setzte zielstrebig dazu an, sich in ein erneutes Streitgespräch mit Esra verwickeln zu lassen - und das in einem Moment, wo es um wesentlich mehr ging, als darum Recht zu haben.

Da ihm gut zureden, ohnehin nicht helfen würde, ergriff Odine die einzige Möglichkeit, die ihr noch in den Sinn kam, beim Schopfe. Sie wandte sich schlichtweg von den beiden ab und begann zielstrebig die Felstreppe hinunter zu steigen. Sie brauchte nicht lange zu warten, als sie auch schon Erik unmittelbar hinter sich hören konnte. „Was soll das?“

Odine machte sich noch nicht einmal die Mühe sich umzudrehen, sondern ging einfach weiter, während sie möglichst ruhig erwiderte: „Dir mag es ja egal sein, dass sich jeden Moment weitere Steine aus dem Felsen lösen könnten, mal ganz davon abgesehen, dass wir nicht einmal wissen, wer oder was von da oben auf uns zukommt. Aber ich hänge an meinem Leben.“

„Was soll das heißen, du hängst an deinem Leben? Der Steinschlag ist doch schon lange vorbei. Und was den Mann angeht, vermutlich hat die Dimensionshexe einen ihrer Leute hergeschickt, um zu erfahren, was hier vor sich geht.“

„Das ergibt keinen Sinn, Erik. Raum-Zeit-Reisen gehen einfach nicht mit einem Erdbeben einher. Erdbewegungen gehören zur ersten Stufe, und durch die erste Stufe veränderter Stein blockiert die dritte Stufe. Also kann sie das Erdbeben nur erzeugt haben, wenn sie selbst hier ist. Aber wie du selbst festgestellt hast, kommt keine Frau den Berg hinunter, sondern ein Mann!“

„Vielleicht ist sie nach ihrem letzten Unfall zu früh gereist, und der Dimensionssprung ist irgendwie schiefgelaufen. Vielleicht liegt sie verletzt in der Höhle, und der Mann ist losgegangen, um Hilfe zu holen. Und ich, der Heiler, der ihr helfen könnte, laufe einfach weg.“ Im Gegensatz zu ihr gab Erik sich weit weniger Mühe leise zu sein.

„Glaubst du das wirklich?“ Odine warf ihm nun doch einen kurzen, verunsicherten Blick über die Schulter zu und sah zu ihrer Überraschung, dass auch Esra ihnen folgte.

„Das ist das, was ich denke. Du könntest uns dieses ganze Theater übrigens auch ersparen, indem du dich einfach ein bisschen strecken und kurz hochgucken würdest. Dann wüssten wir nämlich, was Sache ist.“

„Wir befinden uns inmitten eines brüchigen, instabilen Steilhanges, in dem sich jeden Augenblick eine neue Steinlawine lösen kann und du erwartest ernsthaft von mir, hier stehen zu bleiben und mich vollkommen schutzlos zu machen?“

„Und was schlägst du stattdessen vor?“ Sie brauchte nicht einmal hinzusehen, um zu wissen, dass Erik die Augen verdrehte.

Odine war es langsam leid, die Stimme der Vernunft zu sein, dennoch erklärte sie mit einem mehr als freundlichen Lächeln: „Wir verlassen die Felswand und suchen uns ein Versteck in den Büschen. Wenn der Mann sich als Freund herausstellt, können wir uns ihm immer noch zu erkennen geben und ihm helfen. Wenn er jedoch wider Erwarten ein Feind sein sollte, befinden wir uns wenigstens in einer strategisch günstigeren Position, wo wir kämpfen können, ohne dass wir Angst haben müssen, den Boden unter den Füßen zu verlieren.“

„Du bist total paranoid, Odine.“

„Nein, ich bin lediglich vorsichtig. Mein Vater war es nicht, und du weißt, was dabei herausgekommen ist.“

Erik schwieg einen Augenblick lang betreten. „Na gut, wir machen es so, wie du es sagst.“

Odine hasste sich einen Augenblick lang selbst für ihren letzten Satz. Doch dann biss sie die Zähne zusammen und ging weiter. Als sie den Fuß des Berges erreichten, hatte der stetige Regen leicht nachgelassen, allerdings bei weitem nicht genug, um den Schatten an der Felswand genau erkennen zu können. Zielstrebig peilten sie daher eine Stelle des Unterholzes an, von der aus sie eine gute Sicht auf den vor ihnen liegenden Bergrücken zu ihrer rechten und den Waldpfad zu ihrer linken hatten. Obwohl Esra Erik bereits unmissverständlich klargemacht hatte, was sie von ihm hielt, war sie ihnen dennoch einmal mehr schweigend gefolgt. Sie hockte nun neben ihnen im Gebüsch, wobei ihr Blick weit häufiger in Richtung Waldpfad schweifte als zur Felswand. Anscheinend hatte sie, was ihren Partner anging, tatsächlich die Wahrheit gesagt.

„Da kommen Elche“, erklang in diesem Augenblick Eriks leise, aber nichts desto trotz aufgeregte Stimme neben ihr. „Zwei Weibchen, theodorischer Wildfang, fünf und sieben Jah …“

„Du kannst sagen, wie alt diese verdammten Elchkühe sind und woher sie stammen, aber weißt nichts über das Alter und die Herkunft des Mannes?“ In Esras Ton klang neben Fassungslosigkeit auch ein leichter Vorwurf mit.

Odine ersparte sich die Mühe zu erklären, dass sich Erik, sehr zum Ärger seiner Eltern, in puncto Heilen auf seine Elchzucht spezialisiert hatte. Stattdessen fragte sie, um einen weiteren Streit der beiden zu unterbinden, an Esra gewandt: „Ist das dein Partner, der da kommt?“

„Keine Ahnung, allerdings hatte er keinen Elch bei sich, als wir uns getrennt haben.“ Die Antwort des Mädchens war ebenso knapp wie uninformativ.

Nachdenklich runzelte Odine die Stirn, als Erik ihr unvermittelt auf die Schulter tippte und in einer triumphierenden Geste in Richtung Treppe deutete. Odines Augen folgten seinem Fingerzeig und erblickten einen Mann mittleren Alters, der hastig die letzten Stufen hinuntereilte. Seine Kleidung war zwar dreckig und klebte ob das Regens an seinem Körper, doch war die Farbe unverkennbar: Gelb! Die Landesfarbe des Mittlands, der Heimat der Dimensionshexe. Augenscheinlich hatte Erik mit seiner Vermutung rund um das Erdbeben doch recht gehabt. Blieb nur noch das Rätsel zu lösen, wer aus der anderen Richtung kam. Ein Abgesandter vom Dimensionshexenhaus oder doch Esras Partner oder vielleicht sogar beide? Sie setzte gerade dazu an, diese Frage laut auszusprechen, als der Berg über ihnen regelrecht zu explodieren schien und ein weit schlimmerer Geröllrege als zuvor einsetzte.

Mein Abscheu wird durch Euch vermehrt.
O glücklich der, den Ihr belehrt!

Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »Plumbum« (1. November 2011, 22:21)


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Sonntag, 18. September 2011, 18:07

Kapitel 9: Erde zu ErdeTeil 3

Kapitel 9: Erde zu Erde

Teil 3


Gebannt beobachtete sie, wie der Mittländer den niederprasselnden Steinen auswich und vom Berg weg in Richtung Waldpfad flüchtete. Sie mussten eine Entscheidung treffen. Sofort! Sollten sie sich ihm nun zu erkennen geben oder nicht? Sollten sie hier bleiben oder ihm folgen? Sie wandte sich an Erik, ihren Missionsführer, musste allerdings feststellen, dass dessen Augen nachdenklich auf Esras Hintern ruhten, welche sich leicht nach vorne gebeugte hatte, um den Waldpfad besser einsehen zu können. Odines Mundwinkel zuckten kurz, ehe sie ihm auf die Schulter tippte. Sie musste ihn noch ein zweites Mal anstupsen, ehe er überhaupt reagierte und sich in ihre Richtung wandte.

Sie machte eine auffordernde Geste mit den Händen, wobei ihr allerdings auffiel, dass irgendetwas mit ihm nicht zu stimmen schien. Es war die Art und Weise wie Erik sie anschaute. So, als würde er direkt durch sie hindurchsehen, während sein Geist den Regen auf der Suche nach irgendetwas durchforstete. Jeder einzelne seiner Gesichtsmuskeln wirkte angespannt und hochkonzentriert. Er blinzelte nicht einmal, sondern verharrte lediglich schweigsam, unbewegt, so als wäre von einem Moment auf den anderen jedes Leben aus seinem Körper gewichen. Instinktiv umfasste Odine sein Handgelenk und suchte nach seinem Puls, er raste.

„Erik“, flüsterte sie leise. „Erik!“

„Sei still“, Esras Stimme klang genauso angespannt, wie Odine sich fühlte. Das Mädchen rückte etwas näher an sie heran, um ihr dann leise ins Ohr zu wispern: „Schau zum Waldpfad. Siehst du den Mann? Das ist Sophos, einer von Dylanas Generälen!“

Odines Kopf schoss förmlich in die angegebene Richtung, wo sie einen violett gekleideten Mann erblickte, der gefolgt von zwei Elchen auf die Felswand zustrebte und dabei androgyner nicht hätte wirken können. Sie hatte schon davon gehört, dass Dylana eher feminin angehauchte junge Männer als Gefährten bevorzugen würde, dieses allerdings für eine hoffnungslose Übertreibung gehalten. Anscheinend hatte sie unrecht gehabt. „Bist du dir sicher, was seine Identität angeht?“

„Natürlich bin ich mir sicher. Er ist schließlich der mit Abstand bekannteste Verräter meines Landes. Alle anderen flüchten, wenn überhaupt, in die Silberberge. Er ging zu Dylana!“, fauchte Esra, wenngleich sie nicht minder besorgt zu sein schien. „Wir müssen ihn angreifen, sofort. Wenn er schon den Gehilfen der Dimensionshexe in seiner Gewalt hat, ist klar, wer sein eigentliches Ziel ist.“

Odine schalt sich selbst dafür, dass ausgerechnet ihr, der Spionin, erst jetzt auffiel, dass über dem Rücken einer der beiden Elchkühe eine gelb kleidete Person hing. Der Mittländer. Verärgert zupfte sie mit den Zähnen an ihrer Unterlippe und warf ihrem noch immer scheintoten Partner einen weiteren Blick zu. Wenn er ansprechbar wäre, würde sie einem Angriff sofort zustimmen. So jedoch waren sie lediglich eine Gummi-Frau und eine Erststufler-Mimage gegen einen von Dylanas Generälen, dessen Macht sie noch nicht einmal kannten.

„Weißt du, was er…?“, begann sie an Esra gewandt, doch diese schüttelte nur bedauernd den Kopf. „Er sollte ein Nero sein, aber ich bin mir nicht sicher.“

„Das wäre auch zu schön gewesen.“ Odines Gedanken rasten dahin wie eine Elchkutsche. Sie war es nicht gewöhnt, dass die letzte Entscheidung bei ihr lag. Erik war der Missionsführer, er war es immer gewesen, aber jetzt, wo es darauf ankam, war er nicht viel mehr als ein kleines Stückchen atmender, vom Regen bis auf die Haut durchnässter Mensch.

Ihre Augen suchten Sophos, der die baumfreie Zone zwischen Wald und Felswand bereits erreicht hatte und gerade so weit vor der Felswand anhielt, um nicht von den immer noch herabstürzenden Steinen getroffen zu werden. Unter ihrem wachsamen Blick wandte er sich seinem Gefangenn zu und zog diesen vom Rücken seines Elches. Der Mann regte sich und brabbelte irgendetwas vor sich hin, was seinen Entführer allerdings nicht weiter zu stören schien, da er ihn gelassen an sich presste, während er mit seiner linken Hand etwas aus seinem Unterarmschoner hervorzog. Es war eine zirka zwanzig Zentimeter lange Nadel, mit einer Spitze, so scharf, dass sie nahezu widerstandslos in den Hals seiner Geisel glitt.

Der Mann riss die Augen auf und schrie. Schrie so laut und so verzweifelt, dass dieser Schrei selbst das Beben des Berges wie ein leichtes Summen wirken ließ. Odine schluckte schwer, und ein Blick in Esras Gesicht verriet ihr, dass es ihr ähnlich ging. Sie hatte gar nicht gewusst, dass ein Mensch überhaupt so schreien konnte. Ihre Finger begannen unwillkürlich zu kribbeln, so als wollten sie sich aus eigenem Antrieb ausstrecken, um den Mann zu retten, als unvermittelt der Steinregen stoppte und eine grauhaarige, korpulente Frau wie aus dem Nichts kommend am Boden des Felsens auftauchte.

„Hallo, Mathilda“, begrüßte sie Sophos freundlich, während er die Nadel aus dem Hals des Mannes zog.

„Du musst Sophos sein. Hubertus hat mir schon von dir erzählt“, erwiderte die Frau, die nur die Dimensionshexe sein konnte, vollkommen gelassen.

„Ihr habt geredet?“

„Wir wollten nach unserem ersten kleinen Machttest warten, bis mein Sekretär den Berg verlassen hat. Nicht, dass ihm noch etwas zustößt, während wir kämpfen.“ In ihrem Unterton klang ein leichter Tadel mit.

„Das ist mal wieder typisch Hubertus“, schimpfte Sophos teils amüsiert, teils verärgert. „Und dabei habe ich ihm extra vorher noch erklärt, dass unsere Zeit begrenzt ist. Aber hört er auf mich? Natürlich nicht. Er und seine ewige Ehrenhaftigkeit.“

„Was weißt du schon von Ehre, Sophos? Sich in den Kampf anderer einzumischen und noch dazu eine Geisel zu nehmen ist nämlich keineswegs ehrenwert“, erklang auf einmal eine tiefe, kalte Stimme über ihnen.

Odines Blick schoss unwillkürlich nach oben und erblickte einen Mann, dessen bloße Füße auf einer Erdplatte standen, welche bislang gut vier Meter über dem Boden geschwebt hatte, doch nun zur Landung ansetzte.

„Ich musste mich einmischen, Hubertus. Denn gemäß meines Zeitplanes bist du, was das Kämpfen angeht, schon gut zehn Minuten überfällig. Und wir wollen schließlich nicht dem Käfig in die Arme laufen.“ Sophos‘ Stimme klang so geduldig, als würde er mit einem Kind reden. „Daher habe ich mir auch erlaubt, diesen Mann mit dem wirklich bemerkenswerten Stimmvolumen als Geisel zu nehmen. Also, wie sieht es aus, Mathilda? Ergibst du dich freiwillig oder muss ich deinem Gehilfen erst wirklich wehtun?“ Er tippte mit der Nadel in seiner Hand leicht gegen den Hals des Mittländers, woraufhin dieser erneut zu wimmern begann.

„Und wie willst du das anstellen, wo du doch jetzt mein Gefangener bist?“ Von einem Moment auf den anderen war Mathilda verschwunden und direkt hinter Sophos aufgetaucht, um diesem einen kleinen, spitzen Dolch an die Kehle zu halten. „Ich denke, das Spiel ist vorbei, Hubertus. Es war wirklich nett mit dir zu reden und zu kämpfen, aber wie du siehst, habe ich deinen Partner als Geisel, also ergib dich. Geh zurück zu Dylana und sag ihr, dass ich wieder da bin und dass sich das Mittland, solange es unter der Führung meines Bruders steht, ihr niemals ergeben wird.“

Hubertus‘ Gesicht blieb ebenso unbewegt wie sein Körper, während Sophos unvermittelt zu lachen begann: „Ich befürchte, ich bin eine denkbar schlechte Geisel. Du hättest dir lieber Frieda nehmen sollen.“ Er deutete mit seinen Kopf auf einen der Elche, wobei einer seiner Ohrringe gegen Mathildas Gesicht schlug. „Hubertus hängt mehr an ihr als an mir.“

Mathilda ignorierte ihre Geisel und musterte stattdessen Hubertus in einer Art schweigender Aufforderung, doch dieser blickte nur kühl zurück.

„Odine.“

Odine schloss für einen Augenblick lang in stiller Dankbarkeit die Augen. Erik war wieder da. Sie wandte sich ihm zu und wünschte im selben Moment, sie hätte es nicht getan. Denn auch wenn er geistig unter ihnen weilte, so waren seine Gesichtszüge dennoch nach wie vor wie versteinert. „Hubertus ist ein Drittstufler-Erdmimage.“

„Was?“ Ihre Stimme hatte ebenso lautlos geklungen wie seine.

„Ich habe den Kampf zwischen ihm und der Dimensionshexe an der Felswand verfolgt, wann immer sie in meiner Reichweite waren. Die Zeichen waren eindeutig. Er ist ein Herr über Raum und Zeit!“

Odine schloss für einen kurzen Moment die Augen, dann nickte sie.

„Wir müssen eingreifen und den Mittländer befreien, damit sich Mathilda nur auf den Drittstufler konzentrieren kann. Ich werde diesen Sophos beschäftigen, aber zuvor musst du ihm den Gefangenen entreißen.“

„Und ich?“

Erik schnaubte lediglich, bevor er Esra mehr als kalt abblitzen ließ: „Ich bin von den Fällen und du vom Eisernen Rücken, wage es ja nicht, mir beim Kampf in die Quere zu kommen.“

Esra hob trotzig ihr Kinn, erwiderte allerdings nichts.

„Du kannst mir helfen“, flüsterte Odine ihr zu. „Verändere die Erde zu unseren Füßen, wenn du das kannst, damit der Drittstufler nicht auf einmal neben uns auftaucht.“

„Meine Erdaffinität ist zwar nicht sehr stark, aber das sollte ich hinbekommen.“

Odine schenkte ihr ein kurzes, dankbares Lächeln, ehe sie sich ihrer eigentlichen Aufgabe zuwandte. Sie dehnte kurz ihre Nackenmuskulatur und konzentrierte sich dann auf ihre Finger, ihre Hände und schließlich ihre Arme. Sie musste schnell sein, sehr schnell, und sich den Überraschungseffekt dabei zunutze machen. Sie nickte Erik kurz zu und ließ dann ihre Arme blitzschnell nach vorne schießen. Ihre Muskeln und Sehen dehnten sich, weiter und weiter, bis sie den Mittländer erreicht hatte. Sie ergriff seine Schultern und wollte ihn von seinem Geiselnehmer weg zu sich heranziehen, als sich unvermittelt Finger um ihre Handgelenke schlossen und diese blitzschnell zu Boden drückten. Sie registrierte gerade noch, dass die Dimensionshexe hinter Sophos wie eine leblose Puppe in sich zusammensackte, ehe ein unvorstellbarer Schmerz ihren Körper durchzuckte, als sich eine lange Nadel in ihre Handrücken bohrte und diese auf dem Boden festpinnten. Odine schrie.

Sie hörte Rufe neben sich, aufgeregt, wütend. Doch sie konnte nicht verstehen, was diese sagten. Das einzige, was sie wahrnahm, war dieser unglaubliche Schmerz. Warum wurde sie nicht ohnmächtig? Wo blieb diese verdammte, schmerzstillende Dunkelheit, wenn man sie am meisten brauchte? Wenn einen die magischen Fähigkeiten verließen und die Muskeln ihre Dehnbarkeit verloren. Wenn der eigene Körper einen verriet und auf die Feinde zuzukriechen begann, weil er die Schmerzen ihrer überdehnten Muskeln und der aufgespießten Hände nicht mehr ertrug. Mehr in Trance denn in Realität, spürte sie plötzlich ein Gewicht auf ihrem Rücken –Esra.

„Geh von mir runter! Lass mich! So geh doch“, versuchte sie zu rufen, doch die Schmerzen verwandelten dies in unartikulierte und selbst in ihren eigenen Ohren unmenschlich anmutenden Schreie. Ihre Augen suchten hilflos ihre aufgespießten Hände, die sich immer noch einige unerreichbare Meter von ihr entfernt befanden. Sie registrierte weder den zu ihrer rechten Hand liegenden bewusstlosen Mittländer, noch die sich hinter diesem befindende ebenso besinnungslose Dimensionshexe. Sie interessierten nur ihre Hände, ihr Ziel, ihre Möglichkeit, sich von diesen unerträglichen Qualen zu befreien. Jemand musste ihr helfen, sie befreien.

Sie wandte ihren Kopf mühsam zur Seite und erblickte Erik, in dessen Blick blanker Hass lag. Sie wusste nicht genau, was diese letzte Bewegung mit ihrem Gehirn gemacht hatte, doch plötzlich fühlte sie sich eigenartig. Fast so, als hätte sie ihren sich immer noch vor Schmerzen windenden, unmenschlich schreienden Körper verlassen und würde die Geschehnisse nur noch von außen betrachten.

Mit getrübtem Blick beobachtete sie, wie ihr Partner mit vor Wut verzerrtem Gesicht das Wasser um sich herum aus dem Erdboden und den Bäumen zog und zu einer gigantischen Kugel über seinem Kopf formte. Die Bäume und alles andere um sie herum zerbarsten beim bloßen Kontakt mit der Sphäre, während das Holz als Tausende kleiner Splitter gen Boden regnete. Schwer atmend trat Erik einen Schritt nach vorne, dann noch einen. „Lasst Odine frei. Lasst sie frei, oder ich werde euch bekämpfen und töten!“ Seine hasserfüllte Stimme durchschnitt die Luft wie eine Klinge.

Sophos legte den Kopf leicht schief und musterte ihn interessiert, als unvermittelt Hubertus neben ihm auftauchte und mit einer gelassenen Bewegung die Nadel aus ihren Händen zog. Odine registrierte zwar, dass sich ihre Arme von einem Moment zum anderen wieder auf ihre normale Länge zurückgeformt und sich ihr Schreien zu einem Wimmern verringert hatte, aber es wirklich fühlen konnte sie dennoch nicht. Sie war nur noch ein Zuschauer, anwesend, aber ohne wirkliches Bewusstsein.

Ihren glasigen Augen fokussierten Hubertus, der mit einem leicht angeekelten Gesichtsausdruck die blutige Nadel seinem Partner reichte, ehe er sich Erik zuwandte: „Du bist stark, sehr stark sogar, und ich erkenne deine Stärke an. Aber du hast dich zu leicht aus dem Konzept bringen lassen. Erst durch deinen gescheiterten Versuch Sophos zu betäuben und dann durch die Schreie deiner Partnerin. Komm‘ in fünf Jahren wieder zu mir. Zu einem Zeitpunkt, wenn du gelernt hast, nicht nur stark zu sein, sondern auch richtig zu handeln. Dann werde ich mit Freuden gegen dich kämpfen.“

Hubertus nickte Odines Partner kurz zu, bevor sich von einem Moment auf den anderen der trockene Boden unter Eriks Füßen auftat und ihn in die Tiefe stürzen ließ. Seine Hand, die kurze Zeit zuvor noch die Wasserkugel gehalten hatte, griff unvermittelt ins Leere, während sich - noch bevor der Ball instabil wurde und in sich zusammenbrach - ein steinerner Deckel über Eriks Loch bildete und dieses wasserdicht verschloss.

Ohne Odine oder Esra überhaupt eines Blickes zu würdigen, wandte sich Hubertus an seinen Partner. „Der Käfig kommt.“

„Kannst du es mit ihnen aufnehmen?“

„Nicht ohne dabei den ein oder anderen zu töten“, erwiderte Hubertus ruhig. „Und Dylana wünscht keinen Krieg mit Briseis.“

„Dann habe ich wohl keine andere Wahl“, Sophos zuckte mit den Schultern, während er sich Ring um Ring von seinen Fingern zog und auf den Boden warf. „Und das alles nur wegen dieser alten, unerledigten Sache zwischen den beiden.“ Er griff sich den Begleiter der Erdmimage und warf ihn sich über die Schulter, um dann auf den Felsen zuzugehen.

Hubertus zog indes nur irritiert eine Augenbraue hoch, folgte dann aber dennoch Sophos‘ Beispiel. „Ich dachte, du hättest Angst ich könnte dich beim Raumsprung verlieren“, sagte er unvermittelt, während er mit der Erdm,image über der Schulter baumelnd auf seinen Partner zuging. Erst jetzt konnte Odine einen blutroten Striemen auf Mathildas Wange erkennen, der sich genau an der Stelle befand, wo sie kurze Zeit zuvor von Sophos‘ Ohrring getroffen worden war.

Sophos lachte. „Wir wissen doch beide, dass du bitterliche Tränen weinen würdest, wenn du mich nicht mehr an deiner Seite hättest. Also streng dich einfach ein bisschen an, dann schaffst du das schon.“

Hubertus warf ihm einen letzten, unterkühlten Blick zu, dann verschwand er - und mit ihm die Dimensionshexe, der Mittländer und zuletzt auch sein Partner.

Mein Abscheu wird durch Euch vermehrt.
O glücklich der, den Ihr belehrt!

Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »Plumbum« (1. November 2011, 22:22)


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39

Montag, 19. September 2011, 22:49

Hallo Plumbum,
deine Geschichte liest sich wie ein Fantasy-Roman von Marion Zimmer Bradley oder so - das ist ein Kompliment. Ich war so fasziniert von der Welt, die du vor meinem inneren Auge heraufbeschwörst, dass ich um mich herum gar nichts mehr richtig wahrgenommen habe. Noch verstehe ich nicht alle Regeln, denen dort die Welt gehorcht, und auch noch nicht alle Zusammenhänge, aber das macht nichts. Je länger man liest, desto mehr erschließt sich das. Du folgst den verschiedenen Handlungssträngen sehr geschickt und ich bin gespannt, wie du sie zusammenführen wirst - teilweise hast du es ja schon getan.
Die Figuren, die du erfindest, sind sehr originell. Trotzdem sind sie menschlich, haben Stärken und Schwächen und wirken dadurch nochmal realer.
Eine klasse Stelle fand ich: "Aber Katze ist kein Element... Oder?" :D
Ich stehe gerade noch völlig unter den verschiedenen Eindrücken der Geschichte und bringe gar keinen ordentlichen Text zusammen, weil ich immernoch geistig in deiner Welt bin - toll!
Weiter so!
Glinda
Meine neue Fanfiction (Achtung Off Topic!):
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40

Dienstag, 20. September 2011, 08:46

So ein ähnliches Gefühl hatte ich auch, die Geschichte hat mich einfach in ihren Bann gezogen - und das, obwohl ich eigentlich gar nicht so sehr auf Fantasy stehe...
Mir gefällt auch die Idee mit den unterschiedlichen POV-Charakteren, es freut mich, dass sich noch der ein oder andere Leser findet, hier in diesem Bereich ist ja nicht so viel los, aber man kann einige "Perlen" entdecken.
Wenn man so eine ziemlich komplexe Idee hat, sich dann wirklich hinzusetzen und anzufangen - schon das allein verdient Respekt.
Und wenn es sich dann auch noch so gut liest, --thumbs-up--
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Viel Spaß beim Lesen.